Rise and Fall from the Sommerferien

…oder wie Lehrer die Sommerferien erleben

Woche 1

Man mag es noch nicht richtig glauben. Fast anderthalb Monate Ferien! Und zwar Ferien! Keine Korrekturen, keine Unterrichtsvorbereitung, jedenfalls noch nicht. Aber die richtige Entspannung lässt noch auf sich warten, zu nah sind noch die Zeugniskonferenzen, letzte Gespräche mit verzweifelten Schülern (komm ich in den E-Kurs?) und das Aufräumen des Schreibtischs. Und tief drin mahnt einen eine wohlbekannte Stimme, die ein oder andre Mail könnte noch eintreffen – weil man am Ende der Ferien noch eine Nachprüfung hat, weil es eine Beschwerde gibt oder weil doch endlich jemand herausgefunden hat, dass man jahrelang nur so getan hat, als sei man Lehrerin.

Woche 2

Erste Hoffnung macht sich breit, dass das alles doch kein Traum ist. Ja, wirklich Ferien! Die Euphorie nervt ein bisschen im Freundeskreis, weil man sich plötzlich mit allen verabreden will (während der Schulzeit hat man ja für Privatleben keine Zeit) und vergisst, dass nicht jeder Sommerferien hat.

Woche 3

Das Leben ist schön! Und endlich begreift man wieder, dass es ein Leben neben der Schule gibt. Ein Leben voller Möglichkeiten! Man könnte ein Sabbatjahr nehmen, nach Australien reisen, sich in Afrika zum König krönen lassen oder die längst fällige Biographie über die südostasiatische Krebsmuschel schreiben. Man könnte die Welt verändern!

Woche 4

Tiefenentspannt und immer noch fast die Hälfte der Ferien vor sich! Man geniesst die Freiheit, atmet Kreativität und fragt sich, weshalb noch keine Band auf die Idee gekommen ist, sich „die hotten Totten “ zu nennen. Man fühlt sich leicht und weiß, dass man im neuen Schuljahr grandiose Ideen haben wird, die den Unterricht revolutionieren werden. Doch bis dahin geht man erstmal Sommerkleider shoppen, die die zusätzlichen Pfunde kaschieren, die man sich durch wenig Bewegung und exzessives Eisesen erarbeitet hat.

Woche 5

Langsam schleicht sich die Gewissheit ins Bewusstsein, dass da irgendwas ist, was auf einen lauert… Der Job! Man räumt den Schreibtisch komplett aus und um, kritzelt sich irgendwelche Listen zusammen und überfliegt den ein oder anderen Lehrplan.

Woche 6

Wo ist die Zeit geblieben? Wie können fast anderthalb Monate so schnell verfliegen? Was hat man getan? Geschafft? Erreicht? Was hat man verändert? Trübsinnig schaut man auf den neuen Lehrerplaner, der dieses Jahr statt türkis hellgelb ist und redet sich ein, dass man sich freut. Dann geht man in ein Schreibwarengeschäft und klaubt bunte Postits, Stifte, neue Ordner und eine schicke Kaffeetasse zusammen. Das alles nimmt man dann in die ersten Konferenzen mit, die eine Woche vor Schulbeginn anfangen.

Während der Konferenz liest man die Nachricht von der Freundin, die einen auf einen Kaffee einladen will, weil sie auch endlich Urlaub hat. „Du hast ja noch ein paar Tage!“

Neeee….

Was ist eigentlich Korrekturstress?

Als Kind spielt man gerne Lehrer. Vor allem das rigorose Anstreichen von Fehlern mit blutroter Farbe macht Spaß.

Als Erwachsener ist das nicht mehr ganz so prickelnd.

Die Vorteile von Korrekturarbeit:

  • Sie ist zeitlich und örtlich flexibel. Solange man die Arbeiten in einer vertretbaren Zeitspanne zurückgibt und sie so korrigiert, dass sie nicht schmutzig werden, kann man sie auch am Strand, im Café oder im Fussballstadion korrigieren.

Die Nachteile von Korrekturarbeit:

  • Sie ist fürchterlich langweilig. Wenn man den Job schon ein paar Jahre macht, berichtigt man immer wieder die gleichen Fehler oder Unzulänglichkeiten: Kein Präsens in der Inhaltsangabe, das/dass falsch geschrieben, Nomen klein…
  • Entgegen einiger Gerüchte macht es Lehrern KEINEN Spaß, schlechte Noten zu verteilen. Es ist deprimierend.
  • Man muss sich immer wieder der Frage stellen, was einen eigentlich dazu befähigt (ausser der Bezirksregierung), die Leistung anderer Menschen wirklich gerecht und fair zu bewerten. Mit Hilfe von ein paar Ziffern, Minussen und Kreuzen.

Jetzt mag man glauben, die Nachteile überwiegen.

Deshalb hält sich bei vielen hartnäckig das Vorurteil, Lehrer mit vielen Korrekturen hätten ein schwierigeres Leben als diejenigen ohne.

Das stimmt aber nur zum Teil.

Natürlich habe ich mit meiner halben Stelle und nur einem Korrekturfach eher ein Wochenende ohne Korrekturstapel im Gegensatz zu meinem Kollegen XY, der mit Deutsch, Englisch, einer vollen Stelle und viel Oberstufe jedes Wochenende mehrere Stapel auf dem Tisch liegen hat. Und das ist schön. Also für mich.

Aber ich nehme auch gern mehr Korrekturen in kauf, wenn ich dafür nette Klassen unterrichten darf.

Der wirkliche Nervkiller sind nämlich nicht die Arbeiten (und es gibt ja zum Glück auch immer viele gute), sondern die Klassen, aus denen man nach 45 oder 90 Minuten heraus kommt und sich fühlt, als habe man einen ganzen Tag bei 30 Grad im Schatten Felsbrocken geschleppt. Die Treppe hoch.

Deshalb auch hier nochmal ein Hoch auf meine Klassen dieses Schuljahr, die ich alle abgeben muss:

Meine Abiturienten waren sowieso die besten (ich berichtete)

Meine Elfer (nicht zu verwechseln mit Elfen) waren auch super lieb. Ich weiss, dass die nullte Stunde euch traumatisiert hat, aber ihr habt es geschafft! Ich hoffe sehr, dass ich einige von euch nächstes Jahr im LK oder GK wiedersehe!

Meine Siebener sind mir besonders ans Herz gewachsen. Unser Start war nämlich alles andere als reibungslos. Aber aus euch ist so eine tolle Klassengemeinschaft geworden, dass es mir auch hier leid tut, dass ihr nächstes Jahr in E- und G-Kurse aufgeteilt werdet.

Ja, eure Klausuren / Arbeiten zu korrigieren war manchmal nervig, ihr wart es selten.

Schöne Ferien!

Drei Polizisten ohne Kontrabass

Unser Hund hat sich mittlerweile zum Liebling des Ortes gemausert. Alle finden ihn süß und knuffig, alle wollen ihn streicheln und die alte Socke genießt das. Neulich waren wir in der Welpenschule mit ihm. Alle um die zwölf Wochen alt, so wie er, aber nur halb so groß und unser Wolf dazwischen.

Heute waren wir in Hagen, Omi besuchen. Als wir Gassi gingen (also mit dem Hund, nicht mit Omi), standen da drei junge, Respekt gebietende Polizisten neben ihrem Auto. Wir wollten uns dezent vorbei schleichen, da hörte ich einen von ihnen sagen: „Was ist das denn?“

Da konnte ich mir eine Antwort natürlich nicht verkneifen und sprach: „DAS ist ein Bär in einem Hundekörper.“

Die drei Jungs lachten, einer kniete sich hin und rief „Nein, ist der süß!“, dann wurde mein Bär in Hundegestalt geknuddelt und gekuschelt. „Welche Rasse?“ „Mann, ist der weich“ und ähnliche Satzfetzen hielten meinen Leonberger, der eines Tages mehr auf die Waage bringen wird als ich (also DANN), nicht davon ab, sich wie der König von Hagen zu fühlen.

Abgesehen davon, dass ich eh ein großer Fan der Hagener Polizei bin (meine Mutter wohnt quasi über ihnen und sie passen gut auf sie auf), kann ich euch allen da draussen nur raten:

Falls ihr einen Überfall plant oder sonst was Illegales: Vergesst Pistolen, Giftgas, überhaupt alle Formen von Gewalt.

Lasst einen Leonberger-Welpen Schmiere stehen.

Kein Polizist kommt daran vorbei…

Sie haben’s geschafft!

Endlich, nach langer Zeit des Lernens, Zitterns oder auch Zitterns, weil man nicht gelernt hat, ist es endlich raus: Meine wilde 13 hat das Abitur.

Naja, nicht ganz. Eigentlich sind es nur zwölf, aber Nummer 13 geht es, glaube ich, auch ganz gut.

Lady Marian hats direkt gepackt, sogar Tom und Bibi mussten nicht frühzeitig aus dem Urlaub zurückfliegen. Diversen Fotos zufolge hat Tom vermutlich wirklich Beduinen Sand als Deko verkauft (siehe Artikel „Die wilde 13“) .

Paul hat Abitur. Der faule Sack hat zwar weit unter seinem Niveau gepokert, aber Hauptsache, er kann jetzt trommeln, trommeln, trommeln. Mama zündet vermutlich eine Kerze nach der anderen an und dankt dem Universum auf Knien, dass DAS THEMA jetzt durch ist.

Niklas musste tatsächlich in die Nachprüfung. Er hat zwar eines der besten Abis überhaupt, aber was will man machen, wenn die Aufgaben und die Prüfungen und das Leben und überhaupt.

Lili war tiefenentspannt wie immer. Sie war ja immer ne Gute, die Gute, aber die Abikausur hat nicht ganz Lilis Anforderungsprofil entsprochen. Und so ist sie auch durch die Nachprüfung sehr entspannt spaziert und hat sogar noch zwei Minuten vor Bekanntgabe der Noten „Das Paket“ von Sebastian Fitzek gelesen. An Lisa: Es geht um eine Psychiaterin, die seit einer Vergewaltigung durch den Psychopathen „der Friseur“ ihr Zuhause nicht mehr verlässt und eines Tages ein Paket annimmt für einen mysteriösen Nachbarn, den sie noch nie gesehen hat… Ich bin ein riesen Fan von Sebastian Fitzek und daher auch von Lili. Aber das war ich eigentlich vorher schon.

Maria ist ebenfalls durch, vermutlich hat sich keiner der Prüfer was anderes getraut. Wenn Marias portugiesisches Temperament einmal ausbricht, helfen keine Anwälte, keine Tabletten und auch kein Trainingslager. Wer stärker ist – Maria oder das Leben- werden wir beim Abitreffen in 50 Jahren sehen. Also ihr werdet das sehen. Wenn ich dann noch den Durchblick habe, so mit 92… huiiiii…

Lisa hat es ebenfalls geschafft. Mit einer 2 in Mathe. Eine Leistung, die ich niemals zustande gebracht hätte. Lisa ist die Beste! Maries Erleichterung nach bestandener Prüfung war so groß wie ihre hübschen Kulleraugen…

Kathi ist der Wahnsinn. Soviel Power muss man erstmal haben. Sie hatte locker genug Abipunkte beisammen, aber die Prüfungen waren dann nicht ihrs, und das Gezittere ging los. Drei Prüfungen auf der Liste, sie knickt nicht ein, sie gibt nicht auf, obwohl ihr Gesicht nur PANIK schreit. Du wirst es weit bringen im Leben, meine Liebe. Weiter als mancher Schnösel, der das Abi im Vorbeischlendern mitgenommen hat…

Max kommt uns auf der Abifeier besuchen, und Lucia ist auch mit Abi dabei, wenn wir nächste Woche den Abschied zelebrieren. Simone, eine der Besten der Stufe,musste tatsächlich in die Abweichprüfung, aber was kann man schon für Mathe…

So.

Und jetzt kommt das Leben.

Das Meiste ist wichtiger als Schule. Aber leider auch ernster und unbarmherziger. Lehrer lassen oft mit sich diskutieren, drücken zwei Augen zu oder geben noch die vierte Chance, wenn man ordentlich genug weint.

Professoren oder Chefs leider nicht.

Aber bei vielen von euch habe ich das Gefühl, dass ihr mit Power und Anstand Karrieren machen und Familien gründen, Projekte durchziehen und einfach glücklich werdet. Und das sind nicht immer die mit den besten Noten.

Wie war das? „Jahrgang 99 – nach uns kommen nur noch Nullen“?

Ich werde hoffentlich noch viele nette Jahrgangsstufen unterrichten dürfen, aber ihr bleibt immer die Ersten.

Ihr seid meine Babies.

Nach euch kommen nur noch Nullen.

Gesichtsakrobatik verboten oder: Freundlich durch die mündliche Prüfung

Während des mündlichen Abiturs ist es den Prüfern eigentlich verboten, eine Miene zu verziehen. Die Prüflinge könnte ja jedes Lächeln, jedes Zucken, jede hochgezogene Augenbraue als Hinweis interpretieren und verunsichert sein.

 

IMG_0058Wie man am Beispiel sieht, verfügt mein Mienenspiel über ein reichhaltiges Angebot der unterschiedlichsten Nuancierungen menschlichen Ausdrucks. Als nervöser junger Mensch könnte man also während einer Prüfung folgendes interpretieren:

 

Beispiel A (oben links):

Hey! Sie strahlt glücklich, ich befinde mich also gerade im Einser- bis Zweierbereich. Supi! Läuft.

Es könnte genau das bedeuten. Es könnte aber auch bedeuten, dass ich einfach nur lächle, um dem Prüfling Mut zu machen, ihm ein bisschen die Angst zu nehmen und zu signalisieren, dass ich vielleicht nicht unbedingt fachlich, aber menschlich auf seiner Seite bin. Und dass er hoffentlich gleich noch irgendwas Vernünftiges sagt.

Beispiel B (oben rechts):

Ach du Scheiße. Wenn sie so kritisch guckt, erzähle ich vermutlich nur Blödsinn. Mist! Sie weiß, dass ich nicht gelernt habe. Hilfäääää!

Ja. Genau das bedeutet dieser Gesichtsausdruck.

Hilft dem Schüler gar nicht und ist deshalb während Prüfungen strengstens verboten.

Beispiel C (unten links):

Was? War das falsch? Was mach ich denn jetzt?! Themenwechsel? Englisch reden? Meinen Namen tanzen? Aus dem Fester springen?

Natürlich zeigt der dritte Gesichtsausdruck eine gewisse Skepsis. Dabei kann es sich allerdings auch um Skepsis gegenüber einer Theorie oder einem Text aus der Prüfung handeln. Oder ich denke gerade intensiv nach. Das ist nicht immer etwas Schlechtes.

Beispiel D (unten rechts):

Autsch! Jetzt bin ich auf dem falschen Dampfer. Ich muss irgendetwas verwechselt haben. Wie hieß das Mistding denn nochmal? Konjunktiv? Konjunktion? Konjak? Kajak? Anorak? Ich bin verloren.

Der letzte Gesichtsausdruck in unserer kleinen unwissenschaftlichen Reihe bringt durchaus eine gewisse BesorgIMG_0060nis zum Ausdruck. Gegenstand dieser Besorgnis KANN der Prüfling sein. Muss er aber nicht. Vielleicht sehe ich gerade an der gegenüberliegenden Wand eine Spinne entlangkrabbeln. Oder ich hab vergessen, Kaffee zu kaufen. Oder der Prüfling hat sich gerade seine 1+ versemmelt.

Im Ernst: Was ich meinen Schülern immer sage, wenn sie eine mündliche Prüfung vor sich haben:

Bereitet euch gut vor und macht das Beste draus. Entweder es ist eine 1, 2, 3, 4, 5 oder 6. Prüfer drücken lieber ein Auge zu als dass sie extra draufhauen. Und sie erarbeiten sich die Noten konzentriert und begründen sie im Protokoll sehr ausführlich. Manchmal sitzen sie den ganzen Tag im Prüfungsraum und bekommen Krämpfe. Das hat nichts mit euch zu tun. Konzentriert euch nicht auf uns, sondern auf euch selber. Sonst sitzen irgendwann in den Prüfungen keine Menschen mehr vor euch, sondern Roboter, die aussehen, wie ihr eigenes Passbild: Ohne Lächeln, ohne Regung.

IMG_0014Und das will wirklich niemand.

(Wer findet noch, dass ich auf dem Bild mega schiele?!)

Abiturklausuren korrigieren ist wie Fußball schauen…

IMG_3992…man hofft, dass die Lieblingsmannschaft gewinnt, doch ab und zu kann man nicht hinsehen…

 

Wenn man sein Kind auf dem Weg durchs Leben unterstützen will, drückt man die Daumen, faltet die Hände oder umarmt das Kind.

Wenn man für seine Freunde nur das Beste will, ist man da, hört zu, packt mit an.

Was macht man aber, wenn der hauseigene Lieblingsdeutsch-LK seine Abiklausuren geschrieben hat und man selbst derjenige ist, der über Leben und Tod entscheidet?

  1. schummeln geht nicht. Abgesehen von meinem eigenen Ehrenkodex, der mich möglichst gerecht benoten lassen möchte, gibt es ja auch noch den Zweitkorrektor.
  2. wäre ich an einem schlechten Ergebnis überhaupt schuld? Schließlich haben die Schüler die Klausur geschrieben, nicht ich.

Ich schleiche also um den Stapel herum. Haben sie sich aus den drei möglichen Aufgaben wirklich diejenige ausgesucht, die ihnen am meisten liegt? Oder doch wieder – wie so viele Generationen vor ihnen – blind nach der gegriffen, die am leichtesten zu sein scheint? Haben sie die Texte verstanden? Waren sie nicht zu nervös?

Vor meinem fantasiegeplagten inneren Auge sehe ich mich eine Fünf nach der anderen verteilen und eine zombiehafte Masse an Eltern, Schülern und Vertretern der Bezirksregierung auf mich zuwanken und mit dem Finger auf mich zeigen:

Sie haben schlechten Unterricht gemacht!

Sie haben uns falsch vorbereitet!

Sie sind gar keine Lehrerin!

Dann fasse ich mir ein Herz und korrigiere los. Feuere meine Mannschaft innerlich an. Schließe die Augen, wenn ich ein Eigentor lese. Jubele über einen Volltreffer.

Denke an den Satz von Barbara Blockberg aus dem Hörspiel „Bibis neue Freundin“, das meine Tochter gerade rauf und runter hört:

Hauptsache, du bist gesund!

Das sind sie nämlich, meine zwölf Schlümpfe. Gesund. Also zumindest geistig. Es sind vernünftige, freundliche Menschen mit genug gesundem Menschenverstand, um sich in der 1. Liga zu halten.

Also, Augen auf und durch!

Nur Pfeifen sind zu cool, um glücklich zu sein

A2A917E9-F7EF-41E8-B5E1-651F577CC184Einer der großen Vorteile des Lehrerseins ist die Arbeit mit Jugendlichen. Mit Menschen, die noch unverbraucht sind, die noch Träume und Werte haben, die gern über alles und jeden diskutieren und noch für das Leben brennen. Viele Erwachsene haben irgendwann etwas „Fertiges“ – sie scheinen mit dem Leben abgeschlossen zu haben, tun nur noch das Nötigste, haben festgefahrene Meinungen und wirken starr.

Dieses Lebendige, Unverfrorene hält uns am Leben, neugierig auf die Zukunft. Doch was ist, wenn man auf einen jungen Menschen trifft, der scheinbar auf das Leben gar keine Lust hat? Und ich rede jetzt nicht von wirklich ernsten Fällen, in denen ein 18-Jähriger keinen Abschluss, keine Ausbildung und keine Zukunftsperspektive hat. Nein, ich rede von hochtalentierten Menschen, die vor Begabungen nur so strotzen, redegewandt, humorvoll, intelligent und gewinnende Persönlichkeiten sind, aber keinen Bock haben, etwas aus sich zu machen, weil das so anstrengend ist. Die sich immer mit dem Einfachsten zufrieden geben, weil es am leichtesten zu bekommen ist.

Warum beschäftigen mich diese Leute (ich nenne sie im Text Pfeifen) so?

  • Es gibt viele hirnlose, inkompetente und uninspirierte Menschen, die ihren Angestellten / Kollegen / Mitmenschen das Leben zur Hölle machen. Die Welt braucht das Gegenteil sehr viel dringender.
  • Es gibt Menschen, die nicht sonderlich begabt sind und sich trotzdem jahrelang abstrampeln, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Auf deren Kosten machen sich Pfeifen ein schönes Leben.
  • Überhaupt leben Pfeifen in ihrer ganzen Herrlichkeit auf Kosten ihrer  Umwelt. Statt der Welt etwas von ihrer Stärke zu geben, von der alle (besonders sie selbst) profitieren können, saugen sie Energie durch ihre Arroganz, die Unlust, die negative Einstellung. Ja, Pfeifen können es sich leisten, aber trotzdem ist der Preis zu hoch. Heute pfeifen sie auf die Welt, aber eines Tages, wenn sie feststellen, dass das Leben plötzlich hinter ihnen liegt, und sie doch so viel daraus hätten machen können mit ein bisschen Anstrengung, müssen sie feststellen, dass mittlerweile andere diese Chancen ergriffen haben und die Welt inzwischen auf die Pfeifen pfeift.
  • Pfeifen verpfeifen die, die an sie glauben. Die, über die sie sich heute noch lustig machen. Die, die ihnen schon mehrfach den Hintern gerettet haben, sich für sie einsetzten, als andere sie schon aufgegeben haben.

DAS macht mich wütend. Weil Pfeifen die Schätze in sich einfach nicht sehen wollen oder können.

Denn das Glück, der Stolz, die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben stellen sich nicht ein, wenn man nur lange genug gefeiert und mit möglichst wenig möglichst viel Kohle gemacht hat. Dann gäbe es unter den Superreichen nur ausgeglichene, fröhliche, in sich ruhende  Menschen. Sondern, wenn man stolz auf sich sein kann, wenn man etwas geschafft hat, seinen eigenen kleinen persönlichen Traum verwirklicht hat, wenn man merkt, dass man von anderen gebraucht wird.

Bevor die Pfeifen also selbst zu den Pfeifen werden, über die sie sich so gerne aufregen, bevor die Welt auf die Pfeifen pfeift, sollten sie doch lieber die Friedenspfeife mit ihrem inneren Schweinehund rauchen.

Für Ostern braucht man Eier

IMG_3244Heute habe ich einen Artikel gelesen, der mich sehr angesprochen hat, weil ich mir die darin behandelten Fragen selbst schon oft gesellt habe. Es geht um unsere christlichen Feiertage und welchen Wert sie überhaupt noch für uns besitzen:

„Feiertage sind mehr als freie Tage!“, sagt Unionsfraktionsvize Gitta Connemann (53, CDU). Und weiter: (…)„Karfreitag liegt hinter uns. Für gläubige Christen ist es der Tag der Kreuzigung des Herrn, für die Mehrzahl der Bürger nur noch Erholung. (…) Ausschlafen statt Andacht, Onlineshopping statt Stille… Mit dem Sinn von Karfreitag als Tag der Trauer hat das nichts mehr zu tun. Aber für das Gros ist dieser Tag nicht mehr als ein Urlaubstag – mit religiösem Alibi. (…) Wir verlangen von Migranten, sich an unseren christlichen Werten zu orientieren, diese zu respektieren. Aber dafür müssen wir selbst mit gutem Beispiel vorangehen…unsere Wurzeln müssen wir gemeinsam erhalten und pflegen. Dazu gehört, diese überhaupt zu kennen. Und zu wissen: Christi Himmelfahrt ist mehr als Vatertag, der Reformationstag mehr als Halloween.“

Respektieren wir unsere christlichen Feiertage noch? Und wenn nicht – kann es den Leuten nicht einfach egal sein? Soll doch jeder nach seiner Fasson selig werden.

Wenn ich in meinem Umkreis schaue, sehe ich viele Menschen, die Ostern, Weihnachten, Hochzeiten begehen. Alles christlich motivierte Feste. Doch wer davon weiß eigentlich, was er da feiert?

In allen drei Fällen scheint es mehr um gesellschaftliche Konventionen, Konsum und Deko zu gehen. In den Gottesdienst geht man „wegen der Kinder“, weil das alles so hübsch feierlich und nett ist. Man heiratet kirchlich, weil das eben dazu gehört, weil man schließlich ein rauschendes Fest feiern möchte, da gehört Kirche und bauschiges weißes Kleid eben dazu. Man feiert Ostern, um den Kindern eine Freude zu machen, versteckt Schokohasen, schmückt die Vorgärten mit bunten Eiern und macht große Geschenke. Weihnachten wetteifert man mit dem Nachbarn, wer die meisten Lichter im Garten hat und lädt die ganze Familie ein, weil man das ja wenigstens an Weihnachten ja mal muss.

Doch was hat das mit den eigentlichen Festen zu tun? Und was macht diese gedankenlose Dekoexplosion mit uns?

Mir stellen sich diesbezüglich immer zwei Fragen:

Wenn die Leute Christentum ablehnen, gestrig finden, Glauben an Gott für bescheuert halten – weshalb feiern sie dann trotzdem unsere Feste mit?

  • klar – weil sie auch frei haben wollen, Geschenke mögen und „man das eben so macht“. Aber muss man dafür eine Religion missbrauchen?  Ich finde, es ist eine Sache, Religion abzulehnen, das muss jeder für sich selbst entscheiden, aber eine ganz andere Sache, trotz Ablehnung von den angenehmen Seiten profitieren zu wollen.

Ich habe noch nie verstanden, warum so viele Menschen das Christentum (oder auch die Religion an sich) ablehnen, weil ich die Argumente so unlogisch finde:

  • „Im Namen der Religion wird so viel getötet“: Das ist natürlich richtig, aber auch ohne Religion wird viel getötet. Außerdem ist das sicher nicht Gottes Idee, denn in unseren 10 Geboten steht: „Du sollst nicht töten“. Bumms. So einfach ist das. Fakt ist, es gibt gute Menschen und schlechte Menschen auf der Welt (und ganz viele dazwischen ;-)), und die Bösen finden immer einen Grund, zu töten: Ob der nun religiös, politisch, gesellschaftlich oder sonstwie motiviert ist, ist denen dabei meistens völlig egal, solange sie ihr Ziel (Macht, Geld) erreichen. Religion ist halt immer ein gutes „Totschlagsargument“, denn was will man den Worten „Gott hat mir gesagt, ich soll euch umbringen“ schon entgegensetzen…
  • „Glaube an Gott ist was für Spinner und nicht mehr zeitgemäß“: Wer sich mit Wissenschaft beschäftigt, wird immer wieder feststellen, dass sich Wissenschaftsglaube und Glaube an Gott überhaupt nicht gegenseitig ausschließen. Warum soll Gott nicht auch all die physikalischen oder chemischen Gesetze geschaffen haben, nach denen unsere Welt funktioniert? Natürlich sind die Geschichten in der Bibel oft verkürzt und bildlich dargestellt, weil sie eben auch die einfachen Menschen verstehen sollten. Aber ob die Welt nun in sieben Tagen oder sieben Jahrmilliarden entstanden ist, ist doch unerheblich, oder? Jedenfalls habe ich persönlich Schwierigkeiten, mir vorzustellen, dass unsere schöne Welt mit der tollen Natur, der Musik, den vielen lachenden Kindern und verliebten Paaren nur ein großer Pups des Universums sein soll – ohne Sinn, nur zufällig, eine Laune. Das Meiste, was in unserer Welt schiefläuft, haben Menschen zu verantworten, und kein Gott oder „höheres Wesen“. Das Wort „zeitgemäß“ ist darüber hinaus eins der missverstandensten Wörter, die ich kenne. Wenn christliche Werte wie Anstand, Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit oder Hilfsbereitschaft nicht mehr wichtig sind, ist das nicht „nicht mehr zeitgemäß„, sondern schlicht und ergreifend traurig.

Was mir auch immer wieder auffällt, ist, dass die Menschen, die Weihnachten und Ostern ohne die religiöse Substanz dahinter feiern, nicht wirklich glücklicher dabei wirken: Man hört Klagen über diese schrecklichen Familientreffen, die ja eigentlich keiner will, wo man sich zusammenreißen muss und sowieso nur die falschen Geschenke gekauft hat. Weihnachten soll doch das Fest der Liebe sein – man findet Gelegenheit zusammen zu kommen und die Familie als Wert zu feiern- niemand hat gesagt, dass man da nicht auch mal streiten darf. Niemand hat gesagt, dass das Essen an diesem Tag perfekt sein muss. Das mit dem „nach eigener Fasson selig werden“ (s.o.) ist ohne Glaube, Liebe, Hoffnung natürlich schwierig.

IMG_3223Ich glaube, heute braucht man Eier in der Hose, um zuzugeben, dass man Ostern feiert, um die Auferstehung Jesu zu feiern. Natürlich auch mit Schokohasen (ich könnte mit unseren ein ganzes Dorf ernähren), bunten Ostereiern und Geschenken für die Kinder. Aber eben auch mit ganz viel Frieden und Dankbarkeit im Herzen. Alles kann, nichts muss, jeder darf. Lieben, lachen, Leben teilen.

Frohe Ostern!

Aus dem Stundenbuch einer Tatümama

IMG_0293Tatümama?
Was ist das jetzt schon wieder?

Ich.

Im Gegensatz zu dem heute sehr inflationär verwendeten Begriff der Helikoptermutter bezeichne ich mich eher als Tatümama: Madame darf ihr Leben durchaus selbst in die Hand und auf den Arm nehmen, sich dreckig machen, Abenteuer erleben und selbstständig werden, aber wenn sie Schmerzen hat – psychisch, weil ihr der doofe Hellmut aus der Kita (mehr Mut als hell) böse Wörter nachruft oder physisch, weil sie krank ist – dann wird aus der würdevollen, souveränen und absolut in sich ruhenden Tina Flynn eine Tatümama: Hektisch, hysterisch, hyperaktiv.

Beispiel folgt:

Karfreitag, 11.20:

Madame malt fröhlich Ostereier an. Sie hustet ein bisschen, ist aber sonst fit.

Karfreitag, 12.00:

Madame schlingt von hinten ihre Ärmchen um mich. Ich denke noch ‚hey, heute ist sie kuschelig warm‘, da höre ich sie schluchzen. Dann bricht es aus ihr hervor: „Mama, ich hab so Kopfschmerzen.“ Madame glüht, ich hole das Fieberthemometer.

Karfreitag, 12.20:

38.3, das ist – vor allem bei Kindern – nicht die Welt. Was mich allerdings alarmiert, ist, dass die sonst auch bei Erkältungen und ähnlichen Erkrankungen eher toughe Maus sich auf der Couch hin- und herwindet, bitterlich weint und schreit, ihr Kopf tue so weh. Sowas hat sie noch nie gemacht. Sie bekommt ein Zäpfchen gegen die Schmerzen. Mama ist nervös.

Karfreitag, 12.30:

Madame schreit und weint immer noch. Während Papa sie sanft beruhigt und ihre Stirn kühlt, überschlagen sich meine Gedanken. In letzter Zeit blinzelt sie ungewöhnlich viel. Hab für sie schon einen Termin beim Augenarzt geholt, doch der früheste war erst im Juni dieses Jahres zu haben. Meine Gedanken bleiben bei drei Schreckensszenerien stehen:

  1. Sie hat einen Hirntumor, der aufs Auge drückt
  2. Ihr ist ein Aneurysma im Kopf geplatzt
  3. Sie wird blind

Wie auch immer, wir packen die Sachen und fahren zum Notarzt (ist ja Karfreitag).

Karfreitag, 12.45:

Das Zäpfchen scheint zu wirken. Madame sitzt neben mir im Auto und fragt, wieviele Arten von Kopfschmerzen es denn auf der Welt gebe. Okay, das Aneurysma ist damit vermutlich raus.

Karfreitag, 12.55:

Wir sind an der Notarztpraxis angekommen. Madame verkündet freudestrahlend, dass sie keine Kopfschmerzen mehr habe und fragt mich, ob es denn dabei bleibe, dass wir am nächsten Tag bowlen gehen. ich hoffe inständig, dass der Arzt uns gleich nicht als völlig bescheuerte Helikoptereltern einstuft, weil wir mit einem lebensfrohen Kind dort auftauchen, das Fieber und Kopfschmerzen hat…te. Ihre Stirn fühlt sich angenehm kühl an.

Karfreitag, 13.00:

Der Arzt ist sehr nett. Er stellt freudestrahlend fest, dass Madame am selben Tag Geburtstag hat wie seine eigene Tochter, die allerdings doppelt so alt sei. Jetzt haben wir zwei Strahler im Raum, das Licht blendet mich. Immerhin stellt er fest, dass ihr Rachen stark gerötet… ja, okay, nur gerötet sei, und die Grippe halt grade umginge. Und dass Zäpfchen ja Wunder wirken… Ich liebe ihn.

Karfreitag, 14.40:

Sie schläft tief und fest. Der Arzt strahlt bestimmt immer noch über die gepfefferte Rechnung, die er mir schicken darf, weil er sich so nett mit unsIMG_0532 unterhalten konnte. Aber noch mehr strahlt die Helikopter– Tatümama, weil Maus keine Schmerzen mehr hat und sich jetzt hoffentlich gesundschläft. Schließlich will sie bowlen