Gesichtsakrobatik verboten oder: Freundlich durch die mündliche Prüfung

Während des mündlichen Abiturs ist es den Prüfern eigentlich verboten, eine Miene zu verziehen. Die Prüflinge könnte ja jedes Lächeln, jedes Zucken, jede hochgezogene Augenbraue als Hinweis interpretieren und verunsichert sein.

 

IMG_0058Wie man am Beispiel sieht, verfügt mein Mienenspiel über ein reichhaltiges Angebot der unterschiedlichsten Nuancierungen menschlichen Ausdrucks. Als nervöser junger Mensch könnte man also während einer Prüfung folgendes interpretieren:

 

Beispiel A (oben links):

Hey! Sie strahlt glücklich, ich befinde mich also gerade im Einser- bis Zweierbereich. Supi! Läuft.

Es könnte genau das bedeuten. Es könnte aber auch bedeuten, dass ich einfach nur lächle, um dem Prüfling Mut zu machen, ihm ein bisschen die Angst zu nehmen und zu signalisieren, dass ich vielleicht nicht unbedingt fachlich, aber menschlich auf seiner Seite bin. Und dass er hoffentlich gleich noch irgendwas Vernünftiges sagt.

Beispiel B (oben rechts):

Ach du Scheiße. Wenn sie so kritisch guckt, erzähle ich vermutlich nur Blödsinn. Mist! Sie weiß, dass ich nicht gelernt habe. Hilfäääää!

Ja. Genau das bedeutet dieser Gesichtsausdruck.

Hilft dem Schüler gar nicht und ist deshalb während Prüfungen strengstens verboten.

Beispiel C (unten links):

Was? War das falsch? Was mach ich denn jetzt?! Themenwechsel? Englisch reden? Meinen Namen tanzen? Aus dem Fester springen?

Natürlich zeigt der dritte Gesichtsausdruck eine gewisse Skepsis. Dabei kann es sich allerdings auch um Skepsis gegenüber einer Theorie oder einem Text aus der Prüfung handeln. Oder ich denke gerade intensiv nach. Das ist nicht immer etwas Schlechtes.

Beispiel D (unten rechts):

Autsch! Jetzt bin ich auf dem falschen Dampfer. Ich muss irgendetwas verwechselt haben. Wie hieß das Mistding denn nochmal? Konjunktiv? Konjunktion? Konjak? Kajak? Anorak? Ich bin verloren.

Der letzte Gesichtsausdruck in unserer kleinen unwissenschaftlichen Reihe bringt durchaus eine gewisse BesorgIMG_0060nis zum Ausdruck. Gegenstand dieser Besorgnis KANN der Prüfling sein. Muss er aber nicht. Vielleicht sehe ich gerade an der gegenüberliegenden Wand eine Spinne entlangkrabbeln. Oder ich hab vergessen, Kaffee zu kaufen. Oder der Prüfling hat sich gerade seine 1+ versemmelt.

Im Ernst: Was ich meinen Schülern immer sage, wenn sie eine mündliche Prüfung vor sich haben:

Bereitet euch gut vor und macht das Beste draus. Entweder es ist eine 1, 2, 3, 4, 5 oder 6. Prüfer drücken lieber ein Auge zu als dass sie extra draufhauen. Und sie erarbeiten sich die Noten konzentriert und begründen sie im Protokoll sehr ausführlich. Manchmal sitzen sie den ganzen Tag im Prüfungsraum und bekommen Krämpfe. Das hat nichts mit euch zu tun. Konzentriert euch nicht auf uns, sondern auf euch selber. Sonst sitzen irgendwann in den Prüfungen keine Menschen mehr vor euch, sondern Roboter, die aussehen, wie ihr eigenes Passbild: Ohne Lächeln, ohne Regung.

IMG_0014Und das will wirklich niemand.

(Wer findet noch, dass ich auf dem Bild mega schiele?!)

Abiturklausuren korrigieren ist wie Fußball schauen…

IMG_3992…man hofft, dass die Lieblingsmannschaft gewinnt, doch ab und zu kann man nicht hinsehen…

 

Wenn man sein Kind auf dem Weg durchs Leben unterstützen will, drückt man die Daumen, faltet die Hände oder umarmt das Kind.

Wenn man für seine Freunde nur das Beste will, ist man da, hört zu, packt mit an.

Was macht man aber, wenn der hauseigene Lieblingsdeutsch-LK seine Abiklausuren geschrieben hat und man selbst derjenige ist, der über Leben und Tod entscheidet?

  1. schummeln geht nicht. Abgesehen von meinem eigenen Ehrenkodex, der mich möglichst gerecht benoten lassen möchte, gibt es ja auch noch den Zweitkorrektor.
  2. wäre ich an einem schlechten Ergebnis überhaupt schuld? Schließlich haben die Schüler die Klausur geschrieben, nicht ich.

Ich schleiche also um den Stapel herum. Haben sie sich aus den drei möglichen Aufgaben wirklich diejenige ausgesucht, die ihnen am meisten liegt? Oder doch wieder – wie so viele Generationen vor ihnen – blind nach der gegriffen, die am leichtesten zu sein scheint? Haben sie die Texte verstanden? Waren sie nicht zu nervös?

Vor meinem fantasiegeplagten inneren Auge sehe ich mich eine Fünf nach der anderen verteilen und eine zombiehafte Masse an Eltern, Schülern und Vertretern der Bezirksregierung auf mich zuwanken und mit dem Finger auf mich zeigen:

Sie haben schlechten Unterricht gemacht!

Sie haben uns falsch vorbereitet!

Sie sind gar keine Lehrerin!

Dann fasse ich mir ein Herz und korrigiere los. Feuere meine Mannschaft innerlich an. Schließe die Augen, wenn ich ein Eigentor lese. Jubele über einen Volltreffer.

Denke an den Satz von Barbara Blockberg aus dem Hörspiel „Bibis neue Freundin“, das meine Tochter gerade rauf und runter hört:

Hauptsache, du bist gesund!

Das sind sie nämlich, meine zwölf Schlümpfe. Gesund. Also zumindest geistig. Es sind vernünftige, freundliche Menschen mit genug gesundem Menschenverstand, um sich in der 1. Liga zu halten.

Also, Augen auf und durch!

Nur Pfeifen sind zu cool, um glücklich zu sein

A2A917E9-F7EF-41E8-B5E1-651F577CC184Einer der großen Vorteile des Lehrerseins ist die Arbeit mit Jugendlichen. Mit Menschen, die noch unverbraucht sind, die noch Träume und Werte haben, die gern über alles und jeden diskutieren und noch für das Leben brennen. Viele Erwachsene haben irgendwann etwas „Fertiges“ – sie scheinen mit dem Leben abgeschlossen zu haben, tun nur noch das Nötigste, haben festgefahrene Meinungen und wirken starr.

Dieses Lebendige, Unverfrorene hält uns am Leben, neugierig auf die Zukunft. Doch was ist, wenn man auf einen jungen Menschen trifft, der scheinbar auf das Leben gar keine Lust hat? Und ich rede jetzt nicht von wirklich ernsten Fällen, in denen ein 18-Jähriger keinen Abschluss, keine Ausbildung und keine Zukunftsperspektive hat. Nein, ich rede von hochtalentierten Menschen, die vor Begabungen nur so strotzen, redegewandt, humorvoll, intelligent und gewinnende Persönlichkeiten sind, aber keinen Bock haben, etwas aus sich zu machen, weil das so anstrengend ist. Die sich immer mit dem Einfachsten zufrieden geben, weil es am leichtesten zu bekommen ist.

Warum beschäftigen mich diese Leute (ich nenne sie im Text Pfeifen) so?

  • Es gibt viele hirnlose, inkompetente und uninspirierte Menschen, die ihren Angestellten / Kollegen / Mitmenschen das Leben zur Hölle machen. Die Welt braucht das Gegenteil sehr viel dringender.
  • Es gibt Menschen, die nicht sonderlich begabt sind und sich trotzdem jahrelang abstrampeln, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Auf deren Kosten machen sich Pfeifen ein schönes Leben.
  • Überhaupt leben Pfeifen in ihrer ganzen Herrlichkeit auf Kosten ihrer  Umwelt. Statt der Welt etwas von ihrer Stärke zu geben, von der alle (besonders sie selbst) profitieren können, saugen sie Energie durch ihre Arroganz, die Unlust, die negative Einstellung. Ja, Pfeifen können es sich leisten, aber trotzdem ist der Preis zu hoch. Heute pfeifen sie auf die Welt, aber eines Tages, wenn sie feststellen, dass das Leben plötzlich hinter ihnen liegt, und sie doch so viel daraus hätten machen können mit ein bisschen Anstrengung, müssen sie feststellen, dass mittlerweile andere diese Chancen ergriffen haben und die Welt inzwischen auf die Pfeifen pfeift.
  • Pfeifen verpfeifen die, die an sie glauben. Die, über die sie sich heute noch lustig machen. Die, die ihnen schon mehrfach den Hintern gerettet haben, sich für sie einsetzten, als andere sie schon aufgegeben haben.

DAS macht mich wütend. Weil Pfeifen die Schätze in sich einfach nicht sehen wollen oder können.

Denn das Glück, der Stolz, die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben stellen sich nicht ein, wenn man nur lange genug gefeiert und mit möglichst wenig möglichst viel Kohle gemacht hat. Dann gäbe es unter den Superreichen nur ausgeglichene, fröhliche, in sich ruhende  Menschen. Sondern, wenn man stolz auf sich sein kann, wenn man etwas geschafft hat, seinen eigenen kleinen persönlichen Traum verwirklicht hat, wenn man merkt, dass man von anderen gebraucht wird.

Bevor die Pfeifen also selbst zu den Pfeifen werden, über die sie sich so gerne aufregen, bevor die Welt auf die Pfeifen pfeift, sollten sie doch lieber die Friedenspfeife mit ihrem inneren Schweinehund rauchen.

Für Ostern braucht man Eier

IMG_3244Heute habe ich einen Artikel gelesen, der mich sehr angesprochen hat, weil ich mir die darin behandelten Fragen selbst schon oft gesellt habe. Es geht um unsere christlichen Feiertage und welchen Wert sie überhaupt noch für uns besitzen:

„Feiertage sind mehr als freie Tage!“, sagt Unionsfraktionsvize Gitta Connemann (53, CDU). Und weiter: (…)„Karfreitag liegt hinter uns. Für gläubige Christen ist es der Tag der Kreuzigung des Herrn, für die Mehrzahl der Bürger nur noch Erholung. (…) Ausschlafen statt Andacht, Onlineshopping statt Stille… Mit dem Sinn von Karfreitag als Tag der Trauer hat das nichts mehr zu tun. Aber für das Gros ist dieser Tag nicht mehr als ein Urlaubstag – mit religiösem Alibi. (…) Wir verlangen von Migranten, sich an unseren christlichen Werten zu orientieren, diese zu respektieren. Aber dafür müssen wir selbst mit gutem Beispiel vorangehen…unsere Wurzeln müssen wir gemeinsam erhalten und pflegen. Dazu gehört, diese überhaupt zu kennen. Und zu wissen: Christi Himmelfahrt ist mehr als Vatertag, der Reformationstag mehr als Halloween.“

Respektieren wir unsere christlichen Feiertage noch? Und wenn nicht – kann es den Leuten nicht einfach egal sein? Soll doch jeder nach seiner Fasson selig werden.

Wenn ich in meinem Umkreis schaue, sehe ich viele Menschen, die Ostern, Weihnachten, Hochzeiten begehen. Alles christlich motivierte Feste. Doch wer davon weiß eigentlich, was er da feiert?

In allen drei Fällen scheint es mehr um gesellschaftliche Konventionen, Konsum und Deko zu gehen. In den Gottesdienst geht man „wegen der Kinder“, weil das alles so hübsch feierlich und nett ist. Man heiratet kirchlich, weil das eben dazu gehört, weil man schließlich ein rauschendes Fest feiern möchte, da gehört Kirche und bauschiges weißes Kleid eben dazu. Man feiert Ostern, um den Kindern eine Freude zu machen, versteckt Schokohasen, schmückt die Vorgärten mit bunten Eiern und macht große Geschenke. Weihnachten wetteifert man mit dem Nachbarn, wer die meisten Lichter im Garten hat und lädt die ganze Familie ein, weil man das ja wenigstens an Weihnachten ja mal muss.

Doch was hat das mit den eigentlichen Festen zu tun? Und was macht diese gedankenlose Dekoexplosion mit uns?

Mir stellen sich diesbezüglich immer zwei Fragen:

Wenn die Leute Christentum ablehnen, gestrig finden, Glauben an Gott für bescheuert halten – weshalb feiern sie dann trotzdem unsere Feste mit?

  • klar – weil sie auch frei haben wollen, Geschenke mögen und „man das eben so macht“. Aber muss man dafür eine Religion missbrauchen?  Ich finde, es ist eine Sache, Religion abzulehnen, das muss jeder für sich selbst entscheiden, aber eine ganz andere Sache, trotz Ablehnung von den angenehmen Seiten profitieren zu wollen.

Ich habe noch nie verstanden, warum so viele Menschen das Christentum (oder auch die Religion an sich) ablehnen, weil ich die Argumente so unlogisch finde:

  • „Im Namen der Religion wird so viel getötet“: Das ist natürlich richtig, aber auch ohne Religion wird viel getötet. Außerdem ist das sicher nicht Gottes Idee, denn in unseren 10 Geboten steht: „Du sollst nicht töten“. Bumms. So einfach ist das. Fakt ist, es gibt gute Menschen und schlechte Menschen auf der Welt (und ganz viele dazwischen ;-)), und die Bösen finden immer einen Grund, zu töten: Ob der nun religiös, politisch, gesellschaftlich oder sonstwie motiviert ist, ist denen dabei meistens völlig egal, solange sie ihr Ziel (Macht, Geld) erreichen. Religion ist halt immer ein gutes „Totschlagsargument“, denn was will man den Worten „Gott hat mir gesagt, ich soll euch umbringen“ schon entgegensetzen…
  • „Glaube an Gott ist was für Spinner und nicht mehr zeitgemäß“: Wer sich mit Wissenschaft beschäftigt, wird immer wieder feststellen, dass sich Wissenschaftsglaube und Glaube an Gott überhaupt nicht gegenseitig ausschließen. Warum soll Gott nicht auch all die physikalischen oder chemischen Gesetze geschaffen haben, nach denen unsere Welt funktioniert? Natürlich sind die Geschichten in der Bibel oft verkürzt und bildlich dargestellt, weil sie eben auch die einfachen Menschen verstehen sollten. Aber ob die Welt nun in sieben Tagen oder sieben Jahrmilliarden entstanden ist, ist doch unerheblich, oder? Jedenfalls habe ich persönlich Schwierigkeiten, mir vorzustellen, dass unsere schöne Welt mit der tollen Natur, der Musik, den vielen lachenden Kindern und verliebten Paaren nur ein großer Pups des Universums sein soll – ohne Sinn, nur zufällig, eine Laune. Das Meiste, was in unserer Welt schiefläuft, haben Menschen zu verantworten, und kein Gott oder „höheres Wesen“. Das Wort „zeitgemäß“ ist darüber hinaus eins der missverstandensten Wörter, die ich kenne. Wenn christliche Werte wie Anstand, Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit oder Hilfsbereitschaft nicht mehr wichtig sind, ist das nicht „nicht mehr zeitgemäß„, sondern schlicht und ergreifend traurig.

Was mir auch immer wieder auffällt, ist, dass die Menschen, die Weihnachten und Ostern ohne die religiöse Substanz dahinter feiern, nicht wirklich glücklicher dabei wirken: Man hört Klagen über diese schrecklichen Familientreffen, die ja eigentlich keiner will, wo man sich zusammenreißen muss und sowieso nur die falschen Geschenke gekauft hat. Weihnachten soll doch das Fest der Liebe sein – man findet Gelegenheit zusammen zu kommen und die Familie als Wert zu feiern- niemand hat gesagt, dass man da nicht auch mal streiten darf. Niemand hat gesagt, dass das Essen an diesem Tag perfekt sein muss. Das mit dem „nach eigener Fasson selig werden“ (s.o.) ist ohne Glaube, Liebe, Hoffnung natürlich schwierig.

IMG_3223Ich glaube, heute braucht man Eier in der Hose, um zuzugeben, dass man Ostern feiert, um die Auferstehung Jesu zu feiern. Natürlich auch mit Schokohasen (ich könnte mit unseren ein ganzes Dorf ernähren), bunten Ostereiern und Geschenken für die Kinder. Aber eben auch mit ganz viel Frieden und Dankbarkeit im Herzen. Alles kann, nichts muss, jeder darf. Lieben, lachen, Leben teilen.

Frohe Ostern!

Aus dem Stundenbuch einer Tatümama

IMG_0293Tatümama?
Was ist das jetzt schon wieder?

Ich.

Im Gegensatz zu dem heute sehr inflationär verwendeten Begriff der Helikoptermutter bezeichne ich mich eher als Tatümama: Madame darf ihr Leben durchaus selbst in die Hand und auf den Arm nehmen, sich dreckig machen, Abenteuer erleben und selbstständig werden, aber wenn sie Schmerzen hat – psychisch, weil ihr der doofe Hellmut aus der Kita (mehr Mut als hell) böse Wörter nachruft oder physisch, weil sie krank ist – dann wird aus der würdevollen, souveränen und absolut in sich ruhenden Tina Flynn eine Tatümama: Hektisch, hysterisch, hyperaktiv.

Beispiel folgt:

Karfreitag, 11.20:

Madame malt fröhlich Ostereier an. Sie hustet ein bisschen, ist aber sonst fit.

Karfreitag, 12.00:

Madame schlingt von hinten ihre Ärmchen um mich. Ich denke noch ‚hey, heute ist sie kuschelig warm‘, da höre ich sie schluchzen. Dann bricht es aus ihr hervor: „Mama, ich hab so Kopfschmerzen.“ Madame glüht, ich hole das Fieberthemometer.

Karfreitag, 12.20:

38.3, das ist – vor allem bei Kindern – nicht die Welt. Was mich allerdings alarmiert, ist, dass die sonst auch bei Erkältungen und ähnlichen Erkrankungen eher toughe Maus sich auf der Couch hin- und herwindet, bitterlich weint und schreit, ihr Kopf tue so weh. Sowas hat sie noch nie gemacht. Sie bekommt ein Zäpfchen gegen die Schmerzen. Mama ist nervös.

Karfreitag, 12.30:

Madame schreit und weint immer noch. Während Papa sie sanft beruhigt und ihre Stirn kühlt, überschlagen sich meine Gedanken. In letzter Zeit blinzelt sie ungewöhnlich viel. Hab für sie schon einen Termin beim Augenarzt geholt, doch der früheste war erst im Juni dieses Jahres zu haben. Meine Gedanken bleiben bei drei Schreckensszenerien stehen:

  1. Sie hat einen Hirntumor, der aufs Auge drückt
  2. Ihr ist ein Aneurysma im Kopf geplatzt
  3. Sie wird blind

Wie auch immer, wir packen die Sachen und fahren zum Notarzt (ist ja Karfreitag).

Karfreitag, 12.45:

Das Zäpfchen scheint zu wirken. Madame sitzt neben mir im Auto und fragt, wieviele Arten von Kopfschmerzen es denn auf der Welt gebe. Okay, das Aneurysma ist damit vermutlich raus.

Karfreitag, 12.55:

Wir sind an der Notarztpraxis angekommen. Madame verkündet freudestrahlend, dass sie keine Kopfschmerzen mehr habe und fragt mich, ob es denn dabei bleibe, dass wir am nächsten Tag bowlen gehen. ich hoffe inständig, dass der Arzt uns gleich nicht als völlig bescheuerte Helikoptereltern einstuft, weil wir mit einem lebensfrohen Kind dort auftauchen, das Fieber und Kopfschmerzen hat…te. Ihre Stirn fühlt sich angenehm kühl an.

Karfreitag, 13.00:

Der Arzt ist sehr nett. Er stellt freudestrahlend fest, dass Madame am selben Tag Geburtstag hat wie seine eigene Tochter, die allerdings doppelt so alt sei. Jetzt haben wir zwei Strahler im Raum, das Licht blendet mich. Immerhin stellt er fest, dass ihr Rachen stark gerötet… ja, okay, nur gerötet sei, und die Grippe halt grade umginge. Und dass Zäpfchen ja Wunder wirken… Ich liebe ihn.

Karfreitag, 14.40:

Sie schläft tief und fest. Der Arzt strahlt bestimmt immer noch über die gepfefferte Rechnung, die er mir schicken darf, weil er sich so nett mit unsIMG_0532 unterhalten konnte. Aber noch mehr strahlt die Helikopter– Tatümama, weil Maus keine Schmerzen mehr hat und sich jetzt hoffentlich gesundschläft. Schließlich will sie bowlen

Alles muss raus!!!!! Der Ausverkauf des Ausrufezeichens

Wenn mein Lieblingskindergarten Aushänge macht, bekomme ich immer sofort ein schlechtes Gewissen, weil ich denke, ich hätte was Wichtiges vergessen:

Bitte Essensgeld bezahlen!!!!!

oder

Für das Schlittschuhlaufen Fahrradhelme nicht vergessen!!!!!!

Dabei sind diese Ansagen immer sehr freundlich gemeint, doch die vielen Ausrufezeichen vermitteln den Eindruck, es handle sich eher um Befehle und nicht um Bitten oder Infos.

Das Ausrufezeichen an sich ist dazu da, um zu verdeutlichen, dass eine Aussage “gerufen” wird, laut gemeint ist bzw besonders wichtig. Da genügt ein Zeichen völlig. Man verwendet ja auch nicht unzählige Doppelpunkte oder Kommata, um Sätze zu trennen::::: Das sähe ganz schön doof aus,,,,,,,,, und es würde keinen Sinn machen.

Das ist meiner Freundin Nina (Name geändert) aber völlig egal. Sie ist Russin, lacht laut, redet laut und schimpft laut. Zumindest schriftlich:

Danke, uns geht es gut! Wir fahren heute zur Oma! Schönen Tag dir!!!

Ich will dann immer „Jawohl!“ schreien und die Hacken zusammenschlagen. So, wie bei meinem Kollegen, der neulich eine email an uns schrieb und zusätzlich zu seinen Ausrufezeichen auch noch dazu überging, alles groß zu schreiben, man fühlt sich wie ein beschimpftes, angeschrienes Kind:

Ich brauche die Unterlagen bis MORGEN!!! Ich weiß, ihr habt alle viel zu tun, aber die Fristen MÜSSEN EINGEHALTEN WERDEN!!!!!

Er ist übrigens ein sehr netter und umgänglicher Kollege, mündlich eher ein semikolonisierter Gedankenstrich als ein Ausrufezeichen.

Lustig wird es immer mit meiner Mutter, wenn sie Whatsapps schreibt und auf der Großschreibtaste hängengeblieben ist:

Hallo, meine Kleine, wie geht es DIR? ICH BIN HEUTE NICHT DA, ALSO RUF NICHT AN!!! MACHS GUT!!!!

Ja,,,,,,,, entschuldigung………… NATÜRLICH!!!!!

Alles falsch!

Wenn ich groß bin, werd ich Lehrerin!

Diesen Berufswuns2B75FDF0-3474-4616-90C7-8486D68930AEch hatte ich im Grundschulalter. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie gern ich meiner Mutter Rechtschreibübungen diktiert habe und ihr befahl, möglichst viele Fehler einzubauen, damit mein Rotstift ordentlich
zum Einsatz käme. Ich habe es geliebt, die Fehler anzustreichen, eine schlechte Note drunter zu schreiben und laut seufzend meine Unterschrift hinzukritzeln. Ja! Das wollte ich beruflich machen!

Im Moment korrigiere ich Vorabiklausuren. Und gestern ist mir mal wieder in den Sinn gekommen, wie sehr ich korrigieren hasse. Ich mag das Kreative und Soziale an meinem Beruf, mit Schülern diskutieren, Vorträge halten, coachen, Unterricht vorbereiten, Arbeitsblätter malen… aber korrigieren?

Ih bäh.

Was ist passiert seit damals, als mir nichts erstrebenswerter schein, als eine mächtige, allwissende mit Rotstift bewaffnete Lehrerin zu werden?

Ich glaube, es sind folgende Punkte:

  • Angst vor schlechten Noten. Was tue ich, wenn einer seine Arbeit versemmelt hat? Flippt er dann aus? Bringt sich um? Bekommt Ärger zuhause? Bekomme ich Ärger von Eltern, die ihren hochbegabten Sprössling für völlig falsch eingeschätzt und mich für inkompetent halten? Bin ich inkompetent? War mein Unterricht schlecht?
  • Langeweile. Wenn man 20mal dieselben Gedanken zum selben Thema gelesen hat, 15mal „vieleicht“, „Apell“ oder „interresieren“ unterstrichen hat, hat man einfach keine Lust mehr auf „kreative Orthografie“
  • Frust, weil man jahrelang immer wieder dieselben Fehler bei denselben Leuten feststellt und sich fragt, warum man so einfache Dinge nicht lernen kann.
  • Der Gedanke, dass man sich die ganzen Arbeiten und Klausuren auch sparen könnte. Meist weiß ich eh vorher, wer welche Note schreibt. Die Guten, Fleißigen eine 1, die Guten oder Fleißigen eine 2, der Durchschnitt eine 3, die Faulen mit ein bisschen Hirn und die Doofen mit ein bisschen Fleiß eine 4, und die Doofen und Faulen eine 5. Ich rede hier natürlich nicht von denjenigen mit privaten und schulischen Problemen, deren schlechte Leistungen eher psychische Gründe haben.

Nur manchmal, da gibt es dann doch ein Highlight. Wenn plötzlich ein eher schlechter Schüler eine gute Note schreibt. Einfach, weil das gerade total sein Thema ist, weil seine Eltern sich endlich wieder vertragen, oder weil die neue Nachhilfe super ist.

Neulich bei Malte-Kevin-Benjamin (Name geändert): Eher muffigen Geblüts und im Vollbesitz seiner pubertären Antihaltung bisher ein 4er-Kandidat. Plötzlich kommen viele Dinge zusammen: Er bekommt einen neuen Lehrer (ja, mich, ich geb’s zu), hat Spaß am aktuellen Thema und vermutlich haben plötzlich Neuronen in seinem Hirn zueinander gefunden, die vorher hilflos umher geirrt sind. Jedenfalls hat er eine wohlverdiente 1 geschrieben, die definitiv nichts mit Abschreiben zu tun hatte. Über solche Erfolge freue ich mich ja kringelig. Und werde gemein. Hab ihm gesagt, seine Arbeit (1) sei knapp an einer 2 vorbeigeschrappt. Er meinte noch „ist doch super!“, aber als er dann sein „sehr gut“ sah, hüpfte er vom Stuhl, brüllte dreimal laut „JA!“ und hatte vor Stolz rote Ohren. Soviel zur pubertären Gleichgültigkeit.

Für solche Momente lohnt sich das Korrigieren und ich werde wieder zum Kind, auch wenn ich heute lieber sehr gut als mangelhaft schreibe…

Literaturquiz-wer kann’s noch?

LiteratuIMG_5715rquiz- wer kann’s noch? Mehrfachnennungen sind manchmal möglich.

 

 

 

Vormärz war

  • A) vor der Märzrevolution
  • B) im Februar

 

Poetischer Realismus bedeutet

  • A) das Glas ist halbvoll
  • B) das Glas ist nahezu fast voll
  • C) wer hat von meinem Wein getrunken???!!!

 

Faust war ein

  • A) Loser
  • B) Fauler
  • C) Streber

 

Woyzeck hatte ein

  • A) Rad ab
  • B) Jäckchen an
  • C) Messer dabei

 

Woyzeck war am Schluss des Dramas

  • A) tabulos
  • B) schuldlos
  • C) Marie los

 

Inhaltsangaben schreibt man im

  • A) Bus
  • B) Präsens
  • C) Vollrausch

 

Dem Artzt schreibt man

  • A) Briefe
  • B) den Artzt
  • C) der Arzt

 

Ein Euphemismus ist

  • A) eine Beschönigung
  • B) ein anderes Wort für Lehrer
  • C) eine Muskelzerrung

 

Beispiele für Stilmittel sind

  • A) Besen und Wischmop
  • B) Klimax und Alliteration
  • C) Fläschchen und Brust

 

Der Schüler würde Hausaufgaben machen, wenn man ihn ließe ist

  • A) eine Aussage im Konjunktiv
  • B) eine hyperbolisch-metaphorische Anapher
  • C) eine völlig unglaubwürdige Aussage

 

Nur mit den Buchstaben von kann man aus Konjunkti

  • A) sowohl ein Bindewort als auch eine Verbform basteln
  • B) Sangria ohne Strohhalm schlürfen

 

Ich hab keine schlechte Laune

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Haben Sie heute gute oder schlechte Laune?

werde ich gern von meinen Fastabernochnichtsoganzabiturienten gefragt. Vorzugsweise von denen, die vorhaben, sich zumindest dezent danebenzubenehmen und mal antesten wollen, ob die Luft rein ist.

Ich habe tatsächlich meistens gute Laune. Es sei denn,

  • ich hab Hunger
  • es ist vor 09.00 Uhr
  • mein Kind ist krank

Da mein Lieblingskurs, ach, was sag ich, meine Lieblingsstufe so schnucklig ist, bekomme ich meistens trotzdem spätestens dann gute Laune, wenn ich sie unterrichte. Weil es einfach nett ist, Spaß macht, und sie zuhören oder zumindest täuschend echt Zuhören andeuten können.

Manche – mag es Klischee sein oder nicht, meistens die Jungs – verstehen aber nicht, dass der Ursache-Wirkung-Kreis in beide Richtungen funktioniert, beziehungsweise, dass das Verhalten von Schülern natürlich auch auf den Lehrer wirkt. Wenn ich eine tolle Stunde vorbereitet habe (kommt vor), oder mal mit einem schwierigen Thema um die Ecke komme, bei dem man halt mal den Kopf anstrengen muss, und dann folgendes passiert:

  • die Lebensfreude Einzelner äußert sich durch ständige Zwischenrufe
  • es wird „heimlich“ aufs Handy geguckt, obwohl das verboten ist
  • jeder Kommentar wird genutzt, um weiter vom Unterrichtsthema abzulenken
  • statt die Sache ernst zu nehmen und sich zumindest versuchsweise drauf einzulassen, wird gequatscht und statt möglichst guter Antworten gibt man sich mit „witzigen“ Ratespielchen zufrieden

Dann werde ich deutlich, auch im Sinne der SchülerInnen (und davon gibt es einige), die durchaus Lust haben, was dazuzulernen. Wenn mir das dann als schlechte Laune ausgelegt wird, passiert folgendes:

Ihr übernehmt keine Verantwortung für euer Verhalten und sucht die Ursache für die Wirkung bei der Wirkung

C56D0CAA-146F-4312-B7CC-F4CFE30F0AC5Es ist nicht fair, wenn man den Bogen überspannt und dann die Saite, die einem ins Gesicht springt, für seine Schmerzen verantwortlich macht.

Märchen für Erwachsene (der Apfel fällt nicht weit vom Stamm)

Du glaubst, alles über Märchen zu wissen?

Ha.

Drei Dinge dürften dir neu sein:

  1. Die meisten der bekannten Märchenfiguren gab es wirklich. So in echt. Ohne den ganzen magischen Firlefanz.
  2. Die Gebrüder Grimm haben uns ordentlich an der Nase herumgeführt, allerdings aus den besten Absichten heraus.
  3. Die Schlussfloskel „…und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende“ überdeckt unzählige erschütternde Geschichten, die so niemals hätten überliefert werden sollen.

Nicht nur deshalb, sondern auch auf Grund der jahrhundertealten mündlichen Überlieferung werfen sie mehr Fragen auf, als dass sie Antworten geben:

  • Weshalb hat Aschenputtels Vater das Mädchen nicht vor seiner Stiefmutter in Schutz genommen?
  • Was kann Dornröschen für den Hochmut ihres Vaters, und inwiefern ist der 100jährige Schlaf überhaupt eine Strafe, wenn ihn doch eh alle mitschlafen?
  • Woher kommen diese merkwürdigen Prinzen, die immer gerade dann rechtzeitig erscheinen, wenn es ein Mädchen zu retten gilt?

Der Roman „Rapunzels Töchter“ deckt die wahren Schicksale hinter den so harmlos anmutenden Geschichten auf: Den Plan einer zornigen 13. Fee, die schrecklichen Konsequenzen des 100jährigen Schlafes, Rapunzels Angst um ihre Kinder und Dornröschens Wut auf ihre Mutter.

Apfel_finalEs gibt Märchen für Kinder und Fantasy (vorzugsweise mit erotisch unterversorgten Vampiren oder supermächtigen Dämonen) für Erwachsene, aber was ist mit Märchen für Erwachsene?

Im Zeitalter der vieldiskutierten sogenannten „Helikoptereltern“ ist die Balance zwischen Beschützen und Loslassen ein wichtiges Thema. Sowohl die Ängste besorgter Mütter als auch die Depressionen einer überbehüteten Tochter spielen in dieser wahren Märchenerzählung, die eigentlich keine ist, eine Rolle. Und der mysteriöse Prinz natürlich. Dichtende Zwerge, eine intrigante Zofe und – er ist mit der Wichtigste –

der Apfel.