Mutter und Sohn

4 Standpunkte eines Sohnes:

1) Mama, ich mach das noch. Ich weiß, du willst, dass ich JETZT aufräume, JETZT meine Hausaufgaben mache, die Wäsche IN den Korb werfe und nicht daneben. Aber ich habe meinen eigenen Zeitplan. Ich will mir nicht ständig reinreden lassen, was ich wann machen soll. Deinen Kunden sagst du das ja auch nicht. Also behandele mich wie einen Erwachsenen und vertraue mir ein bisschen.

2) Mama, hör auf, dir ständig Sorgen zu machen. Ich bin schon groß, du musst mich loslassen. Du und Papa wart mir gute Vorbilder, und ich bin vernünftiger, als du denkst. Auch wenn ich das aus Protest zuhause nie zeige.

3) Mama, ich weiß, dass ich manchmal beleidigend und unverschämt bin, dass ich dich zur Raserei bringe und respektlos erscheine. Das ist aber notwendig und genetisch festgelegt: Der Sinn der Pubertät ist, dass sich Kinder in Monster verwandeln, weil die Eltern sie sonst nie gehen lassen würden. Wenn wir immer so niedlich und lieb blieben wie mit sechs, würdet ihr uns mit 40 immer noch zuhause festhalten.

4) Mama, ich liebe dich bis zum Platzen. Manchmal bis zum Platzen meines Kragens. Wenn dich jemand beleidigt (was natürlich keiner tut), verteidige ich dich bis aufs Blut. Falls ich jemals eigene Kinder haben sollte, wünsche ich mir eine Mutter für sie wie dich: Stark, mutig, lebensfroh und mit einer Engelsgeduld. Ich weiß, dass du alles für mich tun würdest. Das meiste davon hast du schon getan.

4 Standpunkte einer Mutter:

1) Sohn, ich weiß, dass ich dich mit meinen vielen Bitten nerve, aber lustigerweise scheinst du zu denken, ich sei deine Putzfrau und deine Therapeutin. Denn wenn ich dich nicht nerve, tust du nichts von allein. Und wenn du Ärger in der Schule hast, muss ich mir dein Gejammere anhören. Du willst wie ein Erwachsenenr behandelt werden? Dann benimm dich wie einer und lass mich nicht dauernd hängen.

2) Sohn, ich weiß, dass ich mir immer viel zu viele Sorgen mache. Dafür kann ich aber nichts, das liegt in der Natur. Für mich wirst du immer der kleine Junge bleiben, der in die Windel kackt und Angst vor dem Staubsauger hat. Die Vorstellung, dass dem wichtigsten Menschen in meinem Leben etwas passieren könnte, ist vielleicht so schrecklich wie deine Befürchtung, das Smartphone könnte kaputt gehen oder der Kühlschrank sei leer.

3) Sohn, manchmal sind deine Worte in der Tat verletzend. Aber manchmal bin ich auch furchtbar stolz, dass du gelernt hast, dich durchzusetzen, andere in Grund und Boden zu diskutieren und dich auszudrücken. In Gedanken entschuldige ich mich dann immer bei meiner eigenen Mutter, weil ich sie damals genau so angezickt habe, wie du mich jetzt. Ja, Sohn, jetzt ist es raus. Auch ich habe es gehasst aufzuräumen, mir reinreden zu lassen und mir ständig Predigten anhören zu müssen. Wenn wir nicht Mutter und Sohn, sondern gleichaltrig wären, würden wir uns fantastisch verstehen. Aber leider haben wir zwei völlig verschiedene Baustellen: Du die Jugend und ich die Verantwortung. Was ich damit sagen will: Wenn du älter bist, werden wir uns fantastisch verstehen.

4) Sohn, ich liebe dich bis zum Mond und wieder zurück. Egal, was du sagst, tust oder meinst – Mütter sind immer da. Immer. Wir sind quasi eine lebende Inflation. Deshalb werden wir meist erst dann richtig geschätzt, wenn wir nicht mehr immer da sind – so mit 50, 60, wenn wir nach Sylt auswandern. Du bist das Beste, was mir je passiert ist. Das Schwierigste auch, okay, aber der Mensch wächst mit seinen Aufgaben –

und dich gebe ich niemals auf.

 

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig beabsichtigt.

Kafkas „Prozess“ – ein Fake? Eine (un)mögliche Unterrichtsstunde in der Q1…

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„Kafkas Probleme manifestieren sich in der Unsicherheit des Protagonisten K. Das Gericht steht für seinen Vater.“

„Seh ich auch so. Die Machtlosigkeit K’s gegenüber der gerichtlichen Willkür ist quasi nachzulesen in seiner Biografie.“

„Man kann aber auch mal andersrum denken.“

„Muss man aber nicht.“

„Jetzt halt doch mal die Klappe. Nein. Was ist denn, wenn der Prozess symbolisch für den Weg steht, den alle, also wir, den wir alle gezwungen zu gehen haben verpflichtet — sind…“

„Sehr kafkaesker Satzbau.“

„Muss man das denn interpretieren? Kann man das Werk nicht einfach genießen und so stehen lassen?“

„Ja. Am besten im Regal.“

„Im Regal der Buchhandlung.“

„Ich würde vielleicht argumentieren, dass die komplette Handlung ein Traum ist. Wenn man träumt, ist ja manchmal auch alles völlig durcheinander und ergibt keinen Sinn. Personen spielen eine Rolle, die im wahren Leben niemals aufeinander getroffen sind.“

„Finde ich gut. In dem Traum kommen alle Personen vor, die in Kafkas Leben eine wichtige Rolle gespielt haben: Der strenge, polternde und doch irgendwie wohlmeinende Onkel ist sein Vater, Fräulein Bürstner Felice Bauer, die ganzen anderen nymphomanischen Frauen irgendwelche Bekannte oder Kolleginnen, die er mal attraktiv fand, seine Vermieterin, Frau Gruber, vielleicht eine der Angestellten aus seiner Kindheit, die ihn großgezogen haben. Die Wächter personifizieren dabei irgendwelche Autoritäten, vor denen Kafka Angst hat. Lehrer, Vorgesetzte…“

„Und über allem thront das Gericht, der Prozess, dieses dumpfe Gefühl seines Lebens: Unsicherheit und Machtlosigkeit.“

„Vermutlich ist alles aber auch ganz anders. Unsere Lehrerin hat das Buch geschrieben und uns Fake-Reclams untergejubelt, weil sie so an uns hängt und will, dass wir alle durchs Abitur rasseln. Der Prozess ist eine Metapher für unseren Lernprozess: Irgendwie sind wir alle verhaftet, aber niemand weiß, wohin das führt. Wir wachen morgens auf, und statt unseres Frühstücks bekommen wir eine WhatsApp unserer Deutschlehrerin, in der steht, dass wir alle dem Untergang geweiht sind.“

„Und wer ist dann der Wächter, der unsere Wäsche in Verwahrung nehmen will? Das macht mir Angst.“

„Die Wäsche ist natürlich ein Symbol für all unsre nicht gemachten Hausaufgaben, die sie einsammeln will.“

„Also ist Frau Ä der Wächter.“

„Die Wächter.“

„Die Wächterin.“

„Nein. Die Wächter. Es sind zwei. Frau Ä ist die Wächter. Oder sind die Wächter?“

„Würde passen. Die zwei Seiten einer Lehrerin. Mal gut gelaunt, mal schlecht.“

„Nein, das ist mir zu platt. Frau Ä ist das Gericht. Aufseher, Wächter, Advokaten und so weiter sind ihre… Organe. Also die Gerichtsorgane. Augen, Ohren, Hirn…“

„Ich möchte aber wirklich mit niemandem. Wirklich, mit NIEMANDEM darüber diskutieren, was die Prüglerszene in dieser Interpretation zu bedeuten hat.“

„Ich weiß jetzt nicht, ob das richtig ist, aber Kafka hat doch diese Parabel über die Maus geschrieben. Vielleicht hat er sein eigenes Werk metaphorisch in dieser Parabel verarbeitet: Deutschunterricht ist eine Mausefalle. „Der Prozess“ ist Käse. Und vor der Falle, der wir entfliehen könnten, wartet das Leben mit all seinen Gefahren.“

„Dann hätten wir aber eine Antithese zwischen Leben und Kafka lesen. Supi, ich nehme das Leben. Ein Dilemma, das nicht wirklich eins ist.“

„Vielleicht handelt es sich nicht um keine Antithese, sondern eine Klimax der Grausamkeiten: Zwei Stunden Kafka, 5 Stunden Spanisch, den Rest des Tages Klavierunterricht und Hausaufgaben.“

„Wie gesagt: Vielleicht ist alles nur ein böser Traum.“

„Der Deutschunterricht?“

„Nein, du. Frau Ä, machen Sie sich nichts draus, der hat keine Ahnung.“

„Vorsicht, Madame, du bewegst dich auf ganz dünnem Eis.“

„Nur weil ich die Wahrheit sage?“

„So. Das reicht mir jetzt. Ich geh.“

„Ich auch.“

Alle gehen.

Frau Ä: Aber lasst eure Aggressionen nicht wieder hier rumliegen, sondern nehmt sie mit.

Alle sind weg, Frau Ä sitzt allein im Raum. Plötzlich merkt sie, dass ein Schüler noch da sitzt.

„Was ist?“

„Mein Leben hat nur zwei Ausgänge: Entweder ich bleibe hier und präsentiere mich damit als der Streber, für den mich alle halten, oder ich gehe hinaus in die Welt und zeige mich im nächsten Unterricht als der Streber, für den mich alle halten. Alles ist sinnlos. Was ich auch tue, das Leben gleicht einer Mausefalle, vor deren Ausgang eine Katze wartet.“

Schülerin von draußen: „XY, jetzt komm!“

Schüler XY: „Sehen Sie.“

Verschwindet.

„Herr Kunzmann mag mich nicht.“

Herr Kunzmann mag mich nicht. Der gibt mir schlechtere Noten als Sie früher.

Wenn man als Lehrerin diese Worte über einen sehr geschätzten Kollegen hört, kann das vielerlei bedeuten:

  • ich mag Sie und vertraue Ihnen meinen Kummer an.
  • ich will Sie als Lehrerin zurückhaben!
  • Herr Kunzmann ist doof.

Punkt eins und zwei schmeicheln mir natürlich, aber Punkt drei bringt mich in einen Interessenkonflikt: Ich mag Herrn Kunzmann sehr und halte ihn auch für einen prima Lehrer. Aber auch die Schülerin mag ich und kenne sie als fleißige, zuverlässige Mitgestalterin des Unterrichts. Hm. Ich will weder nach der üblichen „Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus“-Methode einfach die Worte meiner Schülerin abtun, noch möchte ich meinen Kollegen in Verruf bringen lassen. Mein erster Impuls ist, diesen zu verteidigen.

Kann ich mir nicht vorstellen. Hast du ihn mal darauf angesprochen?

Nein. Natürlich nicht, dann werden die Noten ja noch schlechter.

Ja, Lehrerwechsel sind schwierig. Pädagogen sind unterschiedlich streng, unterschiedlich anspruchsvoll, unterschiedliche Persönlichkeiten. Während die Chemie mit dem einen aufs Geratewohl stimmt, muss sich der andere das Vertrauen seiner Klasse hart erarbeiten, beim Dritten klappt es vielleicht gar nicht.

Dennoch habe ich selbst als Lehrerin (und Schülerin, Studentin, Referendarin) folgende Erfahrungen gemacht:

  • im Detail kann man sich streiten, aber im Großen und Ganzen geben Lehrer einer Arbeit sehr ähnliche Noten
  • eine Lehrer-Schülerbeziehung funktioniert nur, wenn beide Seiten offen sind. Ein „der mag mich eh nicht“ ist natürlich ein Totschlagargument, das jede mögliche Verbesserung der Situation im Keim erstickt
  • nur sprechenden Menschen kann geholfen werden. Die Angst, die eigene Note könnte sich verschlechtern, wenn man einen Lehrer auf seine eigene Unzufriedenheit anspricht, ist verständlich, aber im Regelfall unbegründet: Lehrer sind grundsätzlich den Menschen zugewandte Persönlichkeiten (fragwürdige Ausnahmen gibt es immer) und freuen sich über jeden Schüler, der freundlich (!) mit ihnen spricht. Klar – wenn ich als frigide Alte bezeichnet werde, die keine Ahnung hat, widerstrebt mir ein positiv gestimmtes Überdenken meiner Beurteilung natürlich. Aber wenn mir ein Schüler höflich erklärt, dass er sich doch anstrenge und mich fragt, woran seine „schlechte“ Beurteilung liege, fühle ich mich nicht kritisiert oder beleidigt, sondern um meinen Rat gefragt. Zuzuhören und zu fördern ist schließlich mein Job.

Natürlich mache ich nicht sofort aus meiner 3 eine 2, nur weil XY so nett fragt, aber zumindest kann ich im Folgenden etwas genauer auf den Betreffenden achten – und ihm beim nächsten Gespräch entweder eine bessere Note geben oder eine noch begründetere Auskunft darüber, weshalb ich an meiner Beurteilung festhalte.

Ja, Lehrer ist manchmal ein verdammt harter Job.

Ja, die Jugend von heute ist schlimm.

Aber nicht schlimmer als wir früher. Und so, wie wir früher als Schüler unsere Ängste hatten und das Gefühl, der Lehrerwillkür „da oben“ ausgeliefert zu sein, ist das heute auch oft. Deshalb ist Kommunikation so wichtig. Was meinen Schülern, glaub ich, ganz gut hilft, ist, dass ich ihnen immer am Anfang, wenn ich einen Kurs neu übernehme, genau sage, was ich erwarte. Worauf ich achte. Nach ein paar Wochen mache ich – je nach Kursatmosphäre und Alter der Kinder – eine anonyme oder persönliche Evaluation zu meinem Unterricht um zu schauen, ob / wie alle klarkommen. Auch ich verteile durchaus Fünfen, aber bisher gab es noch keine Einsprüche. Ich hoffe, weil meine Schüler immer wissen, woran es liegt, und nicht, weil sie Angst vor mir haben 😉

Der häufigste Grund, warum Gespräche misslingen, ist, dass wir zu wissen meinen, was unser Gegenüber uns sagen will und ihm eine bestimmte Absicht unterstellen.“ (Nayoma de Haen)

Ein „mangelhaft“ unter einer Arbeit heißt nicht „du bist doof, und Doofe mag ich nicht“, sondern – laut offiziellen Vorgaben: „Die Leistungen entsprechen den Anforderungen nicht, lassen jedoch erkennen, dass die notwenigen Grundkenntnisse vorhanden sind und die Mängel in absehbarer Zeit behoben werden können.“

Also:

  • falsche Einstellung: Der Lehrer mag mich eh nicht, da kann ich machen was ich will.
  • richtige Einstellung: Dann ändere ich ab sofort meine Lernstrategie und hole mir Hilfe.

Auf gute Gespräche und ein zufriedenstellendes Zeugnis am Ende dieses Schuljahres 🙂

Omi hat jetzt WhatsApp, Teil 2

Ich hab an dieser Stelle ja schon einmal über meine großartige Mutter geschrieben, die sich mit 72 Jahren ohne Angst und Wenn und Aber auf das Abenteuer Smartphone einlässt.

Mittlerweile kann sie schon unglaublich viel, versendet Fotos wie verrückt, und hat auch die Angst davor verloren, mittels Videos ein Loch in die Handykasse zu schmelzen. Nein, nein, ich meine nicht das stundenlange Surfen auf YouTube. YouTube haben wir deinstalliert. Nein, sie hatte lange Zeit Angst, dass es sie auch Unsummen kosten würde, sich die Enkel- oder Häschenvideos anzusehen, die ihr ihre Freundinnen über Whatsapp schicken.

Neuerdings hat sie die emojis für sich entdeckt. Sie liebt emojis und bestückt ihre whatsapps reichlich damit. Das Problem ist nur, dass diese emojis nichts, und ich betone noch einmal, ÜBERHAUPT UND GAR NICHTS mit dem Inhalt ihrer Nachrichten zu tun haben. Ein kleines Beispiel (die emojis sind fettgedruckt):

Hallo Maus, wie geht es dir? KUH / TULPE / GESPENST

Zuerst habe ich gedacht, ihre Augen werden ja auch nicht besser, sie habe die Maus mit einer Kuh verwechselt, die Tulpe sollte ein lieber Gruß sein, und das Gespenst ein Symbol für winken. Doch dann bekam ich das:

Wie schön, dass meine Enkelin jetzt ein Hochbett hat! Küken / Ratte / Schuh

Da kam ich dann doch an meine Grenzen. Gut, die Enkelin ist ein süßes Küken, aber die Ratte? Und bei uns wird nicht mit Schuhen ins Bett gegangen! Noch mysteriöser war

Oh, habe deine letzte Nachricht noch gar nicht gelesen. Ich werde alt. Kleid / Doktorhut / Männerhemd / Krone / Krone

Wä? Jetzt hatte sie mich.

Ich rätselte herum. Vielleicht erkannte sie die Bilder nicht und verwechselte sie mit etwas anderem. Den Doktorhut mit einem Arzt-… naja, Hüte haben die eher nicht auf. Die Krone als Metapher für die alten Zahnkronen? Oder sie wollte gar keine emojis schicken, sondern kommt immer nur aus Versehen auf die Taste. Aber warum dann immer nur am Ende der Nachricht?

Ich traute mich einfach, mal nachzufragen. Und es kam folgendes „Gespräch“ zustande:

Ich verstehe das Konzept deiner emojis nicht ganz. Nimmst du immer das, was dir gerade gut gefällt?“

„…“

Hallo? Diese kleinen Bilder nennt man Emojis.

Ich weiß, wie die Dinger heißen, mein Kind, ich probiere sie nur mal aus! Schnitzel / Sonne / Pfeil nach unten

Ist meine Mama nicht großartig? Wie sagte schon wer auch immer:

Wer sich an Regeln hält, kann nicht behaupten, echt gelebt zu haben Handtasche / Kaffeetasse / Diamantring

„Jetzt leg doch mal das Handy weg!“

Diesen Satz sage ich oft zu meinen Schülern? Oh ja.

Aber auch meine Tochter sagt ihn oft zu mir. Dabei bin ich gar kein Selbstdarstellungstyp, der alle möglichen Situationen und Erlebnisse sofort öffentlich posten muss. Trotzdem bin ich ständig „mal kurz“ online und hab schon wieder eine Stunde mit – ja was eigentlich? – verbaselt:

  • Mal eben schauen, was die Freunde auf Facebook so treiben

  • Diverse Whatsappnachrichten beantworten

  • Die Besucherzahlen auf meiner Website checken

  • Instagram einen Besuch abstatten und – wenn ich schonmal dabei bin –

  • bei Amazon vorbeischauen, es könnte ja ein tolles Angebot geben

Deshalb habe ich heute bewusst das Handy zuhause gelassen. Mit Mann und Maus auf dem Weg bei königsblauem Himmel in unser Lieblingscafé. Ich werde weder die tolle Aussicht, noch die leckeren Waffeln, noch mein strahlendes Kind fotografieren. Keine Onlinezeitung lesen, nicht facebooken und auch nicht instagrammen.

Nein. Heute mache ich ganz was Neues – ich habe mein Notizbuch mitgenommen (also das ganz analoge, kein iPad oder so, richtig mit Blättern und Stift) und lasse meine Gedanken schweifen. Kritzele herum, schreibe Stichworte für meinen nächsten Websiteartikel auf, mache ein bisschen Unterrichtsplanung und grinse meine Tochter an, die gerade versucht, Kakao zu trinken ohne 90 Prozent dieses herrlichen Gesöffs an die Zone zwischen Nase und Oberlippe zu verlieren.

Ein Bild für die Götter.

Aber heute mal nicht für die Öffentlichkeit.

Ich inhaliere den Anblick und verschließe ihn ganz fest in meinem Herzen, wo sich auch die anderen Erinnerungen einkuscheln, die um so wertvoller sind, als es keine Fotos von ihnen gibt.

Mein Handy vermisse ich kaum. Im Gegenteil. Ich fühle mich frisch, ausgeruht und voller Tatendrang. Schreibe, male und skizziere und habe am Ende das Gefühl, diese eine Stunde im Café wirklich gelebt zu haben. Ich kann es nicht beweisen durch Fotos, auf denen ich ansprechend Notizbuch, Stift und Kaffeetasse drapiere, muss ich aber auch nicht.

Deshalb gibt es auch kein Foto zu diesem Artikel 🙂

Und für den allergrößten Notfall –

hat mein Mann ja sein Handy dabei 🙂

Schönen handyfreien Sonntag euch allen!

Warum ticken Lehrer so unterschiedlich?

Unsere Lehrerin ist super. Sie ist immer entspannt und freundlich, für uns da. Unsere Arbeiten korrigiert sie manchmal schneller, als uns lieb ist, und ihr Unterricht ist immer gut vorbereitet. Auch wenn wir zwischendurch mal mit ihr sprechen wollen, hat sie ein offenes Ohr für uns. Sie hat Humor, und wir lachen viel zwischendurch. Warum können nicht alle Lehrer so sein?

 

Unsere Lehrerin ist ein Grauen auf zwei Beinen. Dauernd gereizt, braucht ewig für die Arbeitskorrekturen. Letztes Mal mussten wir drei Wochen warten. Wenn wir mal kurz mit ihr sprechen wollen, hat sie meist keine Zeit und verweist uns genervt auf ihre Sprechstunde. Jede Stunde läuft nach Schema F – entweder lesen wir nur irgendwelche Aufgaben im Buch, die wir dann machen müssen, oder wir bekommen ein Arbeitsblatt. Ich glaube, sie hasst ihren Beruf.

Weshalb ticken Lehrer so unterschiedlich? Weshalb hat man als Schüler oder Eltern (und auch Kollege) den Eindruck, für manche sei Lehrersein eine Berufung, in der sie völlig aufgehen, während andere nur frustriert auf ihre Rente warten? In einem meiner früheren Artikel hatte ich darüber geschrieben, dass viele Dinge beeinflussen, ob der Job top oder Flop ist:

  • die eigene Einstellung
  • die Lerngruppen
  • die allgemeine Atmosphäre
  • die Beziehung zu Kollegen und Schulleitung
  • und, und, und.

Doch einen wichtigen Punkt habe ich besonders krass am eigenen Leib erfahren: Die Zitate oben sind frei erfunden, aber die Lehrpersonen, die dahinter stecken, kenne ich gut.

Beides bin ich.

Oben mit einer halben Stelle von 12 Stunden und nur drei verschiedenen Kursen in der Oberstufe, von denen einer keine Klausuren schreibt. Das heißt, mit ca. 35 verschiedenen SchülerInnen (manche habe ich in beiden Fächern) und nur 20 Korrekturen pro Quartal. Ohne Klassenleitung, ohne weiteren bürokratischen Aufwand. Mit viel Zeit für tolle Unterrichtsvorbereitung, die mir großen Spaß macht. Mit nahezu erwachsenen Schülern, die sich auf das Abitur vorbereiten und den Unterricht weitgehend ernst nehmen. Mit einer nahezu leeren Elternsprechtagsliste.

Unten mit einer vollen Stelle von 26 Stunden und acht verschiedenen Klassen / Kursen, von denen vier Klassenarbeiten schreiben. Das heißt, mit ca. 204 verschiedenen Schülern und gut 100-200 Klassenarbeiten pro Quartal (die unteren Klassen schreiben mehrere Arbeiten). Und mit einer Klassenleitung, zudem mit Lerngruppen, die zum Teil mitten in der Pubertät sind, und nach deren Unterrichtsstunde ich mich fühle, als wäre ich vom Laster überrollt worden. Das bedeutet im Klartext: Jede Woche / jedes Wochenende liegt ein Stapel Korrekturen auf meinem Schreibtisch. Ein Arbeitsstrom, der gefühlt nie endet. Mit einer täglichen To-Do-Liste von Elternanrufen, Antworten auf Beschwerde-Mails, auszufüllenden Listen, Terminen und Besprechungen. Und mit der Erwartungshaltung vieler Eltern und Schüler, ich müsse jedem möglichst sofort zur Verfügung stehen. Was ich natürlich gerne würde. Aber irgendwann nicht mehr kann.

Zeit ist ein wichtiger Faktor,

der oft in meinem Job

über Top

oder Flop

entscheidet.

Wer nähmlich mit h schreibt, ist in guter Gesellschaft

„Wer nämlich mit h schreibt, ist dämlich“

hieß es zu meiner eigenen Schulzeit noch. Heute finden sich nicht nur solche harmlosen (und verständlichen) Schreibfehler selbst in Oberstufenklausuren, auch in der Öffentlichkeit zeigen sich immer häufiger Unkenntnisse der deutschen „Ottogravieh“. Anscheinend weiß niemand mehr, dass es das Apostroph im Genitiv (Müllers Katze) nur im EnglischIMG_5415en gibt, oder vielleicht ist es auch allen egal. „Rückgrat“ heißt heute manchmal sogar in seriösen Zeitungen „Rückrad“, Nomen werden exzessiv mit Bindestrichen aneinandergereiht, und generell scheint man es mit dem geschriebenen Wort nicht mehr ganz so genau zu nehmen.

Gleichzeitig ist aber immer wieder der Aufschrei groß, wenn es darum geht, unser Schulsystem zu kritisieren, da ja anscheinend niemand mehr den Kindern die richtige Rechtschreibung beibringt.

Wo liegt das Problem?

An der mangelnden Ernsthaftigkeit und Konsequenz, wie wir damit umgehen?

Ich habe viele Schüler, die sich im Alltag, im Unterrichtsgespräch durchaus gut auszudrücken wissen, die über hervorragendes Allgemeinwissen und einen großen Wortschatz verfügen. Und schreiben wie Analphabeten. Manchen ist es unangenehm, vielen aber auch egal, da sie wissen: „Meine Eltern lachen drüber“ oder „Sie können ja eh höchstens eine Note schlechter geben.“ Das stimmt. Wenn eine Klausur inhaltlich 1+ ist, kann ich die Note höchstens auf eine 2+ herunterstufen, auch wenn die Rechtschreibung hanebüchen ist und ich das Gefühl habe, sie sei von einem des Deutschen nicht mächtigen Waldkauz mit Blähungen geschrieben worden.

„Wer ist schuld?“, wird gerne gefragt, aber darauf kann es keine vernünftige, konstruktive Antwort geben, denn ich kenne keine Eltern und auch keine Lehrer, denen es nicht wichtig wäre, dass die Sprösslinge vernünftig schreiben können. Dafür gibt es auch einen guten Grund, den ich meinen Schülern  immer wieder versuche nahezubringen:

Ob ihr Gedichte analysieren oder eine wunderschöne Kurzgeschichte über Silberfeen im Auenland schreiben könnt, interessiert eure Chefs später nicht die Bohne. Aber wenn ihr nicht einmal einen Notizzettel korrekt schreiben könnt, geschweige denn einen Geschäftsbrief, eine Übersicht oder Ähnliches, macht das einen schlechten Eindruck. Eure zukünftigen Arbeitgeber können euch für ungebildet und überfordert halten, und es ist ihnen dabei egal, ob ihr noch so charmante, intelligente Menschen seid. Eure Ausdrucksweise sowie eure Rechtschreibung sind eure Visitenkarte. Damit stellt ihr euch der Welt vor – vor dem Job in Bewerbungsschreiben, im Job zum Beispiel durch die schriftliche Kommunikation mit anderen Firmen, Arztberichte oder was auch immer.

Deshalb würde ich mir wünschen, dass

  • die Schule Rechtschreibung wieder als selbstständiges Thema in den Lehrplan aufnimmt und wir auch noch in Klasse 9, 10, 11 und 12 Diktate schreiben. Arbeiten, in denen es eben nur auf die Rechtschreibung ankommt, in denen Rechtschreibung nicht als kleines Kavaliersdelikt verkommt
  • Eltern die Wichtigkeit korrekter Orthographie nicht nur predigen, sondern auch vorleben. Dass Bücher und Zeitungen zuhause wieder zum Inventar gehören. Dass gern geschrieben und gelesen wird. Wie oft erzählen mir Schüler stolz, wenn wir eine Lektüre in der Schule durchnehmen, dass das das erste Buch sei, das sie je ganz gelesen hätten…
  • die Gesellschaft als Ganzes einen sorgfältigeren Umgang mit der Rechtschreibung pflegt. Ich erwarte nicht vom netten Imbissbesitzer um die Ecke, dass er weiß, wie man „Kordong Blö“ schreibt (ist ja eh kein deutsches Wort ;-)), aber von Menschen, die beruflich mit Sprache zu tun haben, Plakate aufhängen oder Flyer verteilen, Lesungen anpreisen oder Stellen ausschreiben, dass sie sich ihre Schlagzeilen oder Texte mal durchlesen, bevor sie sie veröffentlichen.

Unsere Kinder und Schüler sind nämlich nicht dämlich, sie brauchen Vorbilder.

…weil Kinder gut nachahmen und schlecht zuhören.

„Danke, liebe Mama.“

Diese höchste Wohlerzogenheit suggerierende Aussage bekomme ich des öfteren zu hören. Und auch für Kleinigkeiten – das mitgebrachte Ü-Ei aus dem Supermarkt, einen geschnittenen Apfel oder einfach, weil ich ihr einen Teller aus dem Schrank gebe. Und das, obwohl weder mein Mann, noch ich ihr das beigebracht haben. Klar sagen wir ihr, dass „bitte“ und „danke“ sagen wichtig ist, aber auf so eine höfliche Weise?

Da gibt es ganz andere Sachen, die sie sehr viel öfter zu hören bekommt. Ganz oben auf der Liste:

  1. man räumt alle Sachen auf, die man nicht mehr braucht
  2. man zeigt Geduld im Alltag und unterbricht andere nicht
  3. vor Spinnen braucht man keine Angst zu haben, im Gegenteil, das sind hübsche und nützliche Tiere

Weshalb kann sie sich das nicht merken? Ihr Zimmer sieht meist aus wie nach einem Bombenangriff. Wenn sie etwas wissen möchte, muss man sofort antworten und zwar sofort und hier und jetzt. Spinnen lösen immer den leicht hysterischen Schrei „Mamaaaa…“ aus. Wir reden uns den Mund fusselig. Weshalb ist das so?

Neulich bin ich dem Geheimnis auf die Spur gekommen. Unsere Tochter machte sich ständig Sorgen, ob wir denn zur Musikschule / zum Kindergarten / zum Sport zu spät kämen. Als ich meinen Mann fragte „Woher hat sie das bloß?“, antwortete er nur schulterzuckend „von dir.“ Und er hat Recht.Von meinen Eltern streng zur Pünktlichkeit erzogen, werde ich immer gleich hibbelig, wenn es mal ein paar Minuten später werden könnte.

Kinder sind nämlich wesentlich besser im Nachahmen, als im Zuhören (das gilt nicht für Erwachsenengespräche, Schimpfwörter oder Unterhaltungen über Geburtstagsgeschenke, da haben sie Ohren wie ein Luchs). Und so, wie sie sich bei uns abschaut, dass auch wir Erwachsenen uns für alles Mögliche freundlich bedanken, schaut sie sich bei mir ab, dass Mama sehr oft SacheFullSizeRender 2n herumliegen lässt, manchmal hektisch anderen ins Wort fällt oder zusammenzuckt, wenn sie eine Spinne sieht. Ich kann ihr hundertmal erzählen, dass das harmlose, sogar höchst wertvolle Mitglieder unserer Gesellschaft sind – sie sieht, dass ich ängstlich reagiere, also übernimmt sie diese Angst auch.

Wenn wir wollen, dass sich unsere Kinder anderen Menschen gegenüber respektvoll benehmen, müssen auch wir das tun. Wenn wir wollen, dass sie selbstbewusst und ohne Angst zur Schule oder zum Zahnarzt gehen, müssen wir in Wort und Tat, in unserer Einstellung und unserem ganzen Verhalten ein gutes Beispiel abgeben.

Wir sind schließlich VorBILDER. Keine Vortragenden. Reden können wir am Pult, auf der Bühne, am Mikro oder ins Megaphon: Zuhause müssen wir SEIN.

Wenn mir die Dokumentation der Dokumentation um die Ohren fliegt

In einer Lehrerkonferenz hat man viel Zeit, die Menschen um sich herum zu beobachten, über ihre Aussagen nachzudenken und sich in Tagträumen zu verlieren…

Also kurz. Ansonsten ist man natürlich hochkonzentriert.

Der folgende Artikel erzählt ausnahmsweise nicht aus meinem Leben, sondern ist einer lieben Kollegin gewidmet, an deren positiver Ausstrahlung sich mancher ein Beispiel nehmen könnte:

Aus dem Tagebuch einer Klassenlehrerin…

In meiner 10a hausen,IMG_9391 lernen, schlafen 28 Schülerinnen und Schüler. Davon ungefähr acht Vernünftige, zehn, die keinen Bock haben und zehn Weitere, die intellektuell immer etwas länger brauchen… Mit meinem Unterricht bin ich dennoch bisher sehr gut klar gekommen. Das Geheimnis ist: Tough, schnell und konsequent sein, damit die Bande gar keine Zeit hat darüber nachzudenken, was sie alles anstellen könnte. Wenn ich den Raum betrete, haue ich ihnen ein fröhliches „Guten Morgen“ um die Ohren, und dann geht es los mit dem Unterricht. Hart, aber herzlich. Streng, aber guter Laune.

Zumindest bisher war das so. Doch neuerdings habe ich ein neues Hobby: Dokumentieren. Naja, ehrlich gesagt ist es das neue Hobby des Schulwesens, das mir gut zu finden empfohlen wurde. Ich dokumentiere alles. Wann wer zu spät kommt, warum wer keine Hausaufgabe hat, wie es jedem warum geht, und das in dreifacher Ausführung:

  1. Im digitalen Klassenbuch (im Prinzip eine geniale Erfindung),
  2. in meinem Lehrerkalender (den das digitale Klassenbuch eigentlich ersetzen sollte, aber man weiß ja nie, ob das Ding mal ausfällt)
  3. und im jeweiligen Planer meiner Schüler, sofern sie etwas vergessen oder nicht oder falsch gemacht haben. (Also bei ca. 75% der Klasse, siehe meine Aufzählung oben…)

Ach ja, und als Klassenlehrerin kontrolliere ich natürlich auch die Dokumentationen meiner Kollegen – ob auch ja niemand etwas vergessen hat einzutragen.

Ich fühle mich wie im Krieg. Aufrüstung.

Ich dokumentiere möglichst alles, um – ja, warum eigentlich? Um nur ja den Eltern keinen Grund für Beschwerden zu geben? Damit ich lückenlos nachweisen kann, dass ich niemals zu Unrecht ein unschuldiges Kindlein des Hausaufgabenvergessens oder sonstigen Vergehens beschuldigt habe? Zum Beweis, dass meine 3- hieb- und stichfest belegbar ist und nicht Ergebnis einer vergrämten Lehrerkrämerseele? Was ist denn mit dem herkömmlichen Vertrauen meine pädagogischen Fähigkeiten? Aus der Mode gekommen? Ausgewandert? Liquidiert? 

Nun, ich bin eine verantwortungsbewusste, loyale Arbeitnehmerhin und dokumentiere. Gefühlt bleiben dann pro Stunde noch 5 Minuten Zeit zum Unterrichten, in Echtzeit vielleicht 20, nachdem ich die Meute wieder im Griff habe, die während meiner Dokumentation begonnen hat, außer Rand und Band zu sein. Nachdem ich auch das dokumentiert habe, können wir ein bisschen lernen. Aber wirklich nur ein bisschen, was ja sein muss, damit ich meine exzellent durchdokumentierten Noten geben kann.

Plötzlich kommt mir ein genialer Gedanke:

NICHT unterrichten könnte ich doch auch prima auch von zuhause aus… Home-office sozusagen.

Ich muss es nur dokumentieren.

Stündlich.

5 kleine Missverständnisse zum Thema Erziehung

Die folgende Hitliste entbehrt jeder wissenschaftlichen Absicherung und basiert lediglich auf Lebenserfahrung. Rein persönlicher, subjektiv durchtränkter Lebenserfahrung als Tochter, Frau, Mutter, Lehrerin, Freundin, Nachbarin und Humanistin

Eltern und ihre Kinder müssen Freunde sein

Wenn Kinder unsere Freunde wären, hießen sie Freunde und nicht Söhne oder TöchFullSizeRenderter. Eltern sind die ersten und wichtigsten Vorbilder ihrer Kinder, die völlig unwissend auf eine Welt kommen, auf die sie niemand vorbereitet hat: Sie kennen weder unsere gesellschaftlichen Konventionen, noch wissen sie, was Ironie ist. Sie wissen nichts von den 10 Geboten, dem Grundgesetz oder der Hausordnung von Frau Meyer aus dem dritten Stock. Das müssen wir ihnen zeigen und beibringen. Am besten durch Vorleben. Und damit sie im Leben nicht gehörig auf die Schnauze fallen, weil sie den Chef aus Frust laut „Hurensohn“ nennen, als Mann ein Damenklo benutzen oder bei Rot über die Ampel fahren, müssen wir ihnen durch vernünftige Konsequenzen zeigen, was passiert, wenn sie sich nicht an Regeln halten. Wenn mein Kind bei Rot über die Ampel läuft, ist das keine kreative Auslegung der Verkehrsregeln, oder besonders selbstbewusstes Verhalten, sondern lebensgefährlich.

Wenn alles gut läuft, werden unsere Kinder genug Freunde im Leben finden. Dazu brauchen sie uns nicht auch noch. Aber Eltern haben sie nur zwei, also sollten wir uns bemühen, die Rolle auch gescheit auszufüllen.

Die Erziehung übernehmen Kindergärten und Schulen

Nö.

Kindergärten und Schulen haben zwei Aufgaben: Bilden und Betreuen. Dabei sollen sie natürlich die Erziehung der Eltern fortführen und unterstützen, aber ganz sicher nicht ersetzen. Wie soll das überhaupt gehen? Eine Mutter hat im Durchschnitt vielleicht zwei Kinder, eine Lehrerin 30. Wenn die Mutter es nicht schafft, ihrem Kind gutes Benehmen beizubringen, wie soll es dann die Schule…?

Verbote oder Strafen brechen den Willen des Kindes und überfahren seine Persönlichkeit

Verbote und Strafen müssen natürlich sinnvoll sein. Ein Verbot trägt dazu bei, das Kind vor Schaden zu bewahren (wie z.B. „man spielt nicht mit Feuer“ oder „vor einer roten Ampel bleibt man stehen“), die Strafe sollte dazu dienen, dem Kind die Konsequenzen vor Augen zu führen. Wenn man nur diskutiert und sich immer Wieder um den Finger wickeln lässt, lernt das Kind „eigentlich darf ich alles, wenn ich nur lange genug diskutiere“. Aber wenn es lernt, dass auf Fehlverhalten unliebsame Konsequenzen folgen, überlegt es sich das eines Tages anders.

Mein Kind weiß am besten, was gut für es ist.

Also, mein Kind weiß nicht von sich aus, dass zuviel Zucker dick macht und den Zähnen schadet. Mein Kind weiß nicht, dass ein Sommerkleid im Winter zwar obercool und sehr chic ist, es davon aber leicht eine Nierenbeckenentzündung oder Schlimmeres bekommt. Mein Kind weiß auch nicht, dass viele Vollidioten im Straßenverkehr unterwegs sind und man deshalb immer lieber einmal zuviel guckt, und nicht planlos über die Straße läuft, auch wenn es eine „Spielstraße“ ist. Nein, mein Kind weiß nicht, was gut für es ist. Aber ich kann ihm geduldig und liebevoll beibringen, es zu lernen.

Unsere Aufgabe als Eltern ist es, unser Kinder vor allem Unbill zu schützen.

Dieser Satz hört sich zunächst richtig und löblich an. Birgt aber Gefahren. Denn eigentlich ist das eine unmögliche Aufgabe. Ich kann mein Kind nicht vor allen Schwierigkeiten schützen, weil ich nicht der liebe Gott bin. Es wird unweigerlich in seinem LebeFullSizeRendern auf bösartige Menschen, gefährliche Situationen, schlechte Noten, Wut, Trauer und Ärger treffen. Wenn ich ihm dann nicht beigebracht habe, wie man damit umgeht, wird es untergehen. Ich sollte ihm vielmehr ein gesundes Selbstwertgefühl und Kritikfähigkeit beibringen, damit es später bei (1) blöden Sprüchen von Anderen, (2) einer 3- in Mathe oder (3) Verlaufen im Kaufhaus nicht in Tränen ausbricht oder (4) einen Wutanfall bekommt, wenn mal etwas nicht nach seinen Vorstellungen läuft. Sondern damit es lernt, sich im Falle des Falles (1) zu wehren, (2) Rückschläge als Ansporn zu begreifen, (3) Hilfe zu holen oder (4) nach anderen Lösungen zu suchen.

Also seien wir

statt Freunde Vorbilder und liebevolle Eltern

statt Ernährer Erzieher

hart, aber herzlich, offen, aber konsequent

statt Bewunderer Vor- und Ausbilder

statt Beschützer Trainer