Sagt ein Hesse zum dürren Matt…

Der junge, etwas schlaksige Matt und sein Freund Günther, ein Hesse, gingen auf den Weihnachtsmarkt. Sie wollten ein bisschen Glühwein bechern, Gras schnupfen und den schönen Weihnachtsliedern lauschen. Sie waren in rührseliger Stimmung, denn Matt hatte nach langer Arbeitslosigkeit endlich eine Stelle als Bühnenarbeiter in einem Kellertheater bekommen, und Gunther hatte doch tatsächlich im Lotto gewonnen. nicht viel, aber genug, um sich und seinem Kumpel einen netten Abend zu gönnen. „Alles singt, ist das nicht schön“, rief Matt, und Gunther fiel weniger schön, aber dafür laut mit ein in den Kinderchor, der „Friede den Menschen“ sang. „Jetzt haben wir das Go. Et het noch immer jot jegange!“, seufzte Matt glücklich. „Noch ein Bier, Mann?“ Das war nach dem Glühwein vielleicht nicht die beste Wahl, doch dem dürren Matt war das egal. „Oder willste erst nen Bratfisch haben? Nein wird nicht akzeptiert.“ Doch Günther zog seinen Kumpel mit auf den großen Marktplatz, wo in einer Stunde ein Feuerwerk stattfinden sollte. „Ich liebe das Geböll„, sagte er, „und wegen der ganzen Kindheitserinnerungen werden meine Augen feucht. Wange, rote Wange von den ganzen Tränen. Ich liebe  Weihnachten“, schmolz der Mann dahin. „Brecht mir hier nicht in Tränen aus!“, grölte eine tiefe Stimme. „Hein!“, erkannte Matt ihn sofort, „was machst du denn hier?!“ Hein war sein Nachbar. „Ich lauf rüber in die Büchnerei, besorg ein paar Romane für meine Frau, und für meine Mutter noch ne CD von Bach, Mann. Dann fahr ich rüber ins Eichendorf, frische Tannenzweige holen. Sie dekoriert doch jetzt. Bei uns zuhause ist mehr Weihnachten, als in jedem Bastelladen.“ Matt und Günther lachten. Hein fuhr fort: „Überall Kerzen und Kugeln, es blinkt und schillert wie in einem Spiegelsaal. Matt, wie gehts deinem Kleinen?“ Matt war vor wenigen Tagen Vater geworden und die Ärzte hatten sich ein wenig Sorgen um die Beschaffenheit des Kopfes gemacht. Nicht seines Kopfes, sondern dem des Babys. „Schreit er immer noch soviel? Sind die Fontanellen inzwischen zusammengewachsen?“ Doch alles war wieder in Ordnung. „Na denn“, rief Hein, „ich muss dann mal wieder. Kommt ihr heute Abend vorbei? Ich brauch Hilfe. Olga will nicht nur, dass ich die Kugeln aufhänge, ich muss sie vorher auch alle noch blitzblank putzen. ‚Willst du viel, dann spül mit Pril‘, kennt ihr den Spruch? Sauarbeit, kann ich euch sagen. Und was wir an Tüchern verbrauchen! Tuch für Tuch, Olsky, wie ich meine Olga gerne nenne, reine Verschwendung.“

Und damit verschwand Hein, weniger gut gelaunt als seine Kumpel, dafür aber mit einer ordentlichen Portion Grimm im Bauch, in der Menge.

Jetzt weiß ich, wie sich ein Weihnachtsbaum fühlt, aber… oder: Was Michael Endes „Momo“ schon wusste

Heute hat mein 12-er-Grundkurs seine erste Klausur bei mir geschrieben. Alle waren wahnsinnig nervös und ich habe ihnen kleine Beruhigungsmitbringsel auf die Klausuren gelegt: Ein Stück Schokolade mit einem Vierzeiler, der zur jeweiligen Person passt und Mut macht. Sowas macht mir Spaß, ich tue es gern und es geht schnell. Mathe, Physik und67224853-7BFE-44F8-B670-0D99E5870535 Erdkunde sind meine schwarzen Löcher, aber mit Sprache jongliere ich gern herum.

Andächtig stand Pitt (Name geändert) vor mir. Pitt trägt normalerweise eher weniger zum Unterricht bei. Er fragte: „Haben Sie jedem von uns ein anderes Gedicht geschrieben? Haben Sie sich zu jedem Gedanken gemacht? Wow. Das motiviert mich jetzt irgendwie.“ Mission accomplished.

Ich weiß jetzt, wie sich ein Weihnachtsbaum fühlt, der von seligen Kinderaugen angestrahlt wird. Das sind die Momente, die den Lehrerberuf zu einem der schönsten machen. Versuchen, Menschen zu motivieren oder zu inspirieren und damit auch noch Erfolg haben (warten wir mal das Klausurergebnis ab ;-)).

Nur eins macht mich dabei ein bisschen traurig:

Ich habe einige KollegInnen mit einer vollen Stelle. Im Gegensatz zu mir, die ich mit meinen zwölf Stündchen (alle vormittags) alle zwei Monate mal zwei Korrekturen habe, unterrichten sie Vollzeit, sind oft von 08.00 bis 16.00 (oder länger) an der Schule und haben jedes Wochenende einen Haufen Korrekturen auf dem Schreibtisch liegen. Auch sie machen sich viele Gedanken um ihre Schüler, haben nur eben keine Zeit, 24 Gedichte zu schreiben, zu laminieren und an Schokolade zu kleben. Ich weiß, wovon ich rede. Viele Jahre hatte ich eine volle Stelle und kaum Privatleben. Wenn dann mal Freizeit blieb, hab ich lieber geschlafen oder gelesen, statt noch was für die Schule zu tun.

Das ist die Tragik in unserem Beruf: Die meisten LehrerInnen machen sich viele Gedanken und würden sich gern Zeit nehmen für ihre SchülerInnen, haben sie aber nicht. Dass ich diese Zeit habe, um Dinge zu tun, die ich für wichtig halte, ist ein großer Segen, und es wäre schön, wenn die Organe, die den Lehrberuf organisieren, das bedenken würden: Wieviel Gutes sie den Kindern tun würden, wenn Lehrer wieder mehr Zeit hätten: Nicht für Listen, Protokolle, ausführliche Stellungnahmen, Kopier-Sessions, Korrekturen von 36-Personen-Klassen, sondern für Gespräche, für Basteleien, für Ideen. Und sei es, um den Kindern zeigen zu können: „Hey, ich denke an euch, und zwar nicht nur an eure Noten, sondern euch als Menschen, als Persönlichkeiten“.

Der Lehrberuf ist einer der schönsten. Der Feind der Lehrer sind oft nicht die Schüler, nicht die Eltern, nicht die Kollegen und auch nicht die Arbeit, sondern die fehlende Zeit.

Mit falschen Wimpern gliche ich einer Fledermaus

…und immer, wenn sich der Lehrer zu uns herabbeugte, fiel ihm sein langes, glattes Haar über die Schultern. Das hat mich dazu inspiriert, Lehrerin zu werden.

Diese Erzählung einer früheren Bildungsministerin gab eine meiner Lieblingskolleginnen, Tamara, vor Jahren zum Besten. Sie fand diese Geschichte eher spooky und beunruhigend, aber jedem seine Inspirationsquelle.

Ich bin (unter anderem) Pädagogin geworden, weil meine Grundschullehrerin ein wunderschönes hellgraues Kleid mit roten Streifen hatte. Sowas wollte ich auch tragen, mit dem Zeigestock auf die Tafel weisen und schöne „a“s malen.

Ich will hier niemanden verstören oder ihm seine Illusionen nehmen, aber das Aussehen von Lehrern spielt doch eine große Rolle.

Wir Erwachsenen wissen von Fortbildungen, Satiresendungen oder ähnlichen Veranstaltungen doch sehr gut, dass wir uns lieber etwas von gepflegten, guraussehenden Menschen erzählen lassen als von grauen Mäusen im Strickpullover von Mutti. SchülerInnen sind nicht anders.

Oberflächlich und zutiefst verwerflich?

Nö.

Menschheitsentwicklung und die Entwicklung des Individuums zeigen in vielerlei Hinsicht Parallelen: So, wie wir noch im Mittelalter nach der Weisheit „Kleider machen Leute“ die Menschen danach beurteilt haben, was sie trugen, während wir heute wissen, wie sehr Uniformen, Talare, oder einfach nur ehrfurchtgebietende Kleidung täuschen kann, so beurteilen auch Kinder und Jugendliche Menschen danach, wie sie sich kleiden, während wir Erwachsenen wissen, dass eigentlich die inneren Werte zählen (auch wenn wir uns leider nicht immer daran halten). Junge Menschen (und wir alle) sind nämlich nicht einfach nur oberflächlich. Aber wenn man jung ist, sich seinen Platz im Leben noch suchen muss, noch keine besonderen Leistungen vorzuweisen hat, bleibt einem oft nichts anderes übrig, als sich über Aussehen zu definieren. Das ist normal und nur dann gefährlich, wenn Jugendliche keine gesunde Basis von zuhause mitbehommen, die Gewissheit, dass man auch viel wert ist, wenn man nicht aussieht wie ein youtube-Star.

Sicher sollen Lehrer keine Models sein. Nicht einmal Sixpack oder Make-up sind Pflicht. Ich zum Beispiel sähe mit angeklebten Wimpern (Neu-sprech „Fake-Lashes“) vermutlich aus wie eine Fledermaus auf Speed. Aber ein angenehmes Äußeres erleichtert den Zugang zum a8C86B755-4800-490E-8110-93B675910755ngenehmen Inneren. Wir wollen junge Menschen bilden, erziehen, inspirieren. Natürlich muss der Inhalt jedes Geschenks stimmen, aber die Verpackung erhöht Neugier, Interesse und Spaß- wichtige Voraussetzungen für konstruktiven Unterricht. Und Keine Lehrperson kann mir erzählen, dass er / sie nicht auch lieber gepflegte, ordentlich angezogene Menschen unterrichtet als andere.

Ich weiß aus Erfahrung- wenn einen die Schüler denn mal in ihr Herz geschlossen haben, dann darf man auch mal mit ungewaschenen Haaren, der alten Cordhose oder vergessener Wimperntusche vor ihnen aufkreuzen.
Meiner Grundschullehrerin, die ich von Herzen liebte, habe ich auch ihren 84‘er Dauerwellenbubikopf verziehen.

Es war grausam.

Sehr grausam.

Komm mit mir auf die dunkle Seite…

Ich bin nun also auch auf der dunklen Seite.

C786FC5E-7C32-48C7-B8D7-5FACC2C4A51EAuch ich gehöre nun zu der Spezies, die Lehrern das Leben schwer macht, ums Kind herumhelikoptert und dabei nach gesundem Frühstück schreit.

Ich bin Mutter eines Schulkindes.

Und obwohl ich durchaus immer schon ein Herz für Eltern hatte und zum Beispiel Elternsprechtage mochte, wächst mein Verständnis für diese Spezies gerade exponentiell. Diese Ängste, die einem den Hals zuschnüren:

Ob mein Kind neben seiner besten Freundin sitzen darf?

Ob die Klassenlehrerin merkt, wie toll mein Kind ist? Was, wenn nicht? Wenn sie seine Begabungen nicht erkennt, es sich langweilt, dann stört und sich sämtliche Sympathien verscherzt? Ist dann sein Ruf als Lehrerschreck für alle Zeiten gefestigt?

Klappt auch alles? Macht mein Kind seine Hausaufgaben? Benimmt es sich ordentlich?

Beschützen die Lehrer mein Kind genügend vor den bösen Jungs aus den oberen Klassen? Einer hat sie letzte Woche an der Kapuze gezogen!

Ja, all diese Befürchtungen teile ich jetzt auch. Und letzte Woche hatten wir Elternabend. Die erste Gelegenheit, die neue Klassenlehrerin aus der Nähe zu betrachten. Meine Tochter und ihre Freundin sind sehr begeistert von ihr. Ja, sie ist jung und hübsch, aber ist sie auch kompetent?

Und plötzlich hatte ich einen Fl84C699D0-AE10-4079-8465-EB5EDF8CF5B2ashback und sah mich selbst, wie ich vor 12 Jahren das erste Mal als Klassenlehrerin vor einer Horde Eltern saß. Zum Glück waren diese damals ausgesprochen nett und hilfsbereit, besonders der schnell gewählte Pflegschaftsvorsitzende, der schon einige Kinder an der Schule hatte und sich mit dem ganzen Bestimmungskram bestens auskannte: „Frau XY,  leider müssen wir das nochmal anonym abstimmen.“

Ich war auch jung und hübsch, kompetent, aber ohne Erfahrung. Doch in den vier Jahren vertrauensvoller Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrern sind meine 24 SchülerInnen zu einer engen Klassengemeinschaft zusammengewachsen.

Wie ich unsere neue Klassenlehrerin einschätze, wird es bei uns ähnlich sein.

Deshalb befinde ich mich momentan auf einem sehr schmalen Grat: Die helle Seite in mir wünscht Frau Klassenlehrerin alles erdenklich Gute, die dunkle Seite hofft, dass sie in den nächsten vier Jahren nicht schwanger wird ;-)))

„Herr Meier, mein Tablett geht nicht!“ oder Fortbildung für Nochnichtsoganzweitfortgeschrittene

In jeder Klasse gibt es diese Typen… Ein neues Thema wird vorgestellt, das bei den einen Begeisterung, und bei den anderen Angst hervorruft. Sagen wir mal, die Klasse soll den Umgang mit Tablets lernen. Nein, nicht mit Tabletten oder Tabletts. Es geht in diesem Artikel nicht um angehende Pharmazeuten oder Hoteliers. Ich spreche hier über die wundersame Welt der IT (interessante Typen), des Internets, der Tablets, Smartphones und PCs…

Da gibt es…

  • die Nerds. Sie wissen eigentlich schon alles, langweilen sich furchtbar und stellen mit ihren Geräten Dinge an, von denen der Lehrer vorne nur träumen kann.
  • die Unbeschwerten. Sie wollen direkt loslegen, herumprobieren, alles auskundschaften, Netflix lahmlegen, lustige Fotos machen und sind nur schwer von einem Wutanfall abzubringen, wenn der Lehrer alle bittet, die Tablets erstmal mit dem Bildschirm nach unten auf den Tisch zu legen, um ein Mindestmaß an Kontrolle zurückzubekommen.
  • die Furchtsamen. Alles ist schwierig, unverständlich und angsteinflößend. der Lieblingssatz dieser Spezies lautet „Ich kann das nicht!“ Sie haben immer Angst, die einzigen zu sein, die den Arbeitsauftrag nicht verstanden haben. Dabei sind sie in guter Gesellschaft und nur die einzigen, die sich trauen, nachzufragen.
  • die Rampensäue. Sie können schon viel (wenn auch lange nicht soviel wie die Nerds) und wollen mit ihrem Wissen glänzen. Bei Gruppenarbeiten tun sie sich hervor und sonnen sich in der Dankbarkeit der anderen, die froh sind, nichts tun zu müssen.

Natürlich gibt es noch viele weitere Typen. Das ist nichts Neues? Gibt es in jeder Klasse?

Mag sein.

Nur, dass ich hier nicht von einer Klasse rede, sondern von einer Lehrerfortbildung. Die uns zwei großartige Dinge nahegebracht hat: Viele schöne Tipps und Tricks für den Umgang mit dem Tablet im Unterricht und Verständnis für unsere Schüler. Da ich mich bezüglich meines Tablet-Kenntnisstands irgendwo zwischen Rampensau und Unbeschwerter befinde, hatte ich Zeit, uns zu beobachten, und bin an Folgendes erinnert worden:

  • wie sich Schüler fühlen, wenn sie Dinge erklärt bekommen, die sie schon wissen, die die anderen aber noch nicht können
  • wie sich Schüler fühlen, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben.
  • dass Schüler, wenn sie trotz Verbots am Anfang der Stunde mit ihren Geräten herumspielen, Fotos machen, surfen, das nicht aus Bosheit oder Respektlosigkeit tun, sondern weil sie nur dem zutiefst menschlichen Spieltrieb folgen, der auch Menschen über 40 nicht fremd ist…
  • wie wichtig es bei Gruppenarbeiten ist, mit wem man zusammenarbeitet.
    Natürlich müssen wir unseren SchülerInnen beibringen, mit jedem arbeiten zu können, das muss später im Beruf ja auch funktionieren. Aber genau so muss man darauf achten, dass ab und zu Neigungsgruppen möglich sind, die dem Arbeitseifer zuträglich sind.
  • dass man den Satz „Ich kann das nicht“ zum Anlass nehmen sollte, das Selbstwertgefühl seines Schützlings aufzubauen, statt „du musst dir nur mehr Mühe geben“ zu sagen

IMG_0165Wir hatten eine großartige Fortbildung, bei der wir alle etwas gelernt haben, und sei es „nur“, dass eine Klasse so gut sein kann, wie der Lehrer (egal, ob Nerd oder Rampensau) es zulässt.

Roadtrip

 Werbung, da Namensnennung.

Als Lehrer ist man ein Reisender.

IMG_1101Gut.

Nicht unbedingt ein Urlaubsreisender.

Aber man lernt ständig andere (Länder und) Menschen kennen, macht neue Erfahrungen mit den unterschiedlichsten Charakteren, Temperamenten und Kulturen. Jedes Jahr gegen Ende August beginnt ein neuer Zyklus von 12 Monaten, innerhalb dessen man über die Zukunft von SchülerInnen mitentscheidet. Und so, wie es auf einer Reise auf die richtige Ausrüstung ankommt, kann auch im Lehrerberuf das richtige Material zur Motivation des Lehrers beitragen und dafür sorgen, dass man im Juli ankommt, wo man im August zuvor hinwollte

Wer kennt nicht die kleinen roten Zensurenbüchlein, deren purer Anblick schon „Prüfung!“, „Test!“ oder „durchgefallen!“ schreit… Ja, sie sind immer noch im Umlauf und werden rege genutzt.

Für mich (und auch viele meiner KollegInnen) ist sowas ja nichts. Nicht nur, weil ich mit Hanni und Nanni und Dolly aufgewachsen bin, die ihre Schulzeit in wunderschönen Burg-Internaten verbracht haben, bin ich ein großer Fan von einer schönen Lehr- und Lernumgebung. Ich würde viel lieber in einem Schloss mit hohen FensteIMG_2003rn unterrichten, als in unseren… modernen… Bunkern heutzutage. Das gilt auch für meine Materialien. Wer meine Artikel verfolgt, weiß, dass ich ein Schreibkramopfer bin. Will man mich für längere Zeit loswerden, braucht man mich nur in einem Schreibwaren- oder Bastelladen auszusetzen. Selbst das Korrigieren von Klausuren macht mit der Lieblingskaffeetasse, einem schön schreibenden Füller und einer bunten Notenliste mehr Spaß als ohne.

Deshalb bin ich nach langer Suche auf die „Happy Teaching Agendahttps://www.lehreragenda.de/ gestoßen. Abgesehen davon, dass sie ein guter Eisbrecher ist für Gespräche mit Schülern („Sie haben aber einen schönen Kalender“ „Happy teaching, oh, wie süß!“), sehen die Ordner eher nach einem bunten Katalog spritziger Ideen aus, als ein Unterrichtsplaner für den B3E081704-7415-4CC2-B029-F1215BC2049Beamten von (DinA4-) Format. Wenn man vor den leeren Seiten sitzt und die Aufkleber (die man neben vielen anderen schönen Sachen dazubestellen kann) daneben liegen hat, wünscht man sich nichts anderes, als sofort losplanen zu dürfen, Wohlfühlnoten einzutragen und sich den „THERE IS ALWAYS TIME FOR COFFEE“- Sticker überall hinzukleben.

Klingt dem ein oder anderen zu fröhlich oder oberflächlich?

Mag sein.

Schöne Materialien haben aber Vorteile:

  • Sie motivieren Lehrer auch in den vielen ernsten Stunden ihres Berufes.
  • Sie zeigen den Schülern: „Hey, ich hab Lust auf das Ganze hier.“
  •  Man kann sich ein bisschen Urlaubsreisenfeeling mit in den Unterricht nehmen…

Und wir alle wissen, dass man dann besonders gut in seinem Beruf ist, wenn man Freude daran hat 🙂

Ich wünsche allen Lehrerinnen und Lehrern, Eltern und SchülerInnen einen guten Schulanfang. Und ganz besonders meiner kleinen Madame, für die in diesem August ebenfalls der Ernst des Lebens beginnt. Der hoffentlich „happy“ Ernst.

 

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(„TEATTERI“ heißt „Theater“ auf finnisch, und bedeutet, dass sie die Theatervorstellung „Aschenputtel“ toll fand. Es hat nichts damit zu tun, dass wir in den nächsten zehn bis dreizehn Jahren Theater in der Schule haben werden… Denke ich… ;-))

Ich bin für Aufnahmestopp (nein, es geht nicht um Flüchtlinge)

Im Moment kursiert gerade das Bild der „Instagram-Boyfriends“ durch die sozialen Netzwerke: An einem malerischen Sandstrand räkeln sich Mädels  im glitzerblauen Wasser, während jeweils der „boyfriend“ Fotos für Instagram schießt. Einer der Kommentare dazu lautete in etwa, dass die Menschen heute nur noch Filme machten statt Erfahrungen. Statt den Moment zu genießen, den Ort, das Gefühl des Urlaubs, der Freiheit, denkt man nur darüber nach, aus welchem Winkel die weibliche Silhouette am vorteilhaftesten rüber kommt.

Wer dieses Beispiel nun für übertrieben und fern vom Alltag hält, mag sich folgendes aus meinem Leben anhören:

Egal, ob ich mir eine Theatervorstellung meiner Tochter oder die Tanzveranstaltung ihrer Freundin anschaue: Wenn nicht gerade ausdrückliches Handyverbot herrscht, sitzt man als Zuschauer heutzutage in einem Lichtermeer aus hochgehaltenen Handys. Dabei ist man gezwungen, das Lichtermeer der Bildschirme zu genießen, weil man wegen der vielen Arme nicht mehr sieht, was auf der Bühne passiert. Jede Mama, jeder Papa will keine Sekunde verpassen.

Und verpasst dabei doch alles-

So auch bei der Abschiedstheatervorstellung meiner Tochter aus der Kita. Ich saß relativ weit vorne und konnte mich dennoch kaum auf die kleinen Elfen und Maulwürfe auf der Bühne konzentrieren, weil vor und neben mir fast alle Mütter ihre Handys hochhielten, um ihren Schatz aufzunehmen. Wohlgemerkt: Die komplette Vorstellung wurde von einer freundlichen Mama ohnehin kostenlos für alle Beteiligten mit einer Videokamera aus der ersten Reihe gefilmt und jedem zugänglich gemacht, es bestand also keine Notwendigkeit für „Eigenproduktionen“.

Was ist es, das uns der Kamera soviel Mitspracherecht in unserem Leben einräumen lässt? Die Angst, etwas zu verpassen? Den süßen Knicks unseres Engels nicht zu sehen, weil das dicke Mädchen davor ihn verdeckt?  Oder ist es der der Drang nach Selbstdarstellung, weil man später ja jedem das Video vom hochbegabten Sprössling schicken wird?

Was geht mich das an? Wieso regt mich das auf? Was will ich eigentlich?

Ganz einfach:

  • ich kenne das Problem von mir selbst. Ich liebe Fotoapps, und es gab mal eine Zeit, da hab ich mehr fotografiert als gegessen (schwer vorstellbar, ich weiß)
  • Das Problem ist nicht nur, dass wir unsre Mitmenschen nerven durch das Licht, unsere Arme und das ständige „Entschuldigung, ich muss mal eben kurz“-
  •  wir selbst verpassen das Leben. Die Intensität und das Besondere des Augenblicks

Glücklich machen uns die Erinnerungen, die wir im Herzen tragen, nicht die, die wir auf unserem kleinen Handybildschirm sehen. Wie oft schauen wir uns die Videos noch an, die wir gemacht haben?

Zum Schluss EE3EF4F3-A1E4-491B-A152-4827E03F1B7Czwei kurze Beispiele:

Ich kuschele mit meiner Tochter. Intensiv und mit allen Sinnen. Sehe ihr hübsches Gesicht (niedlich darf ich nicht mehr sagen, sie ist jetzt sechs), rieche ihr Haar, höre ihr Herz schlagen und spüre ihren warmen kleinen Körper. Wenn ich die Augen schließe, kann ich diesen Glücksmoment tief in mir spüren. Natürlich könnte ich dabei auch zum Handy greifen, ein Selfie von uns machen und jedem zeigen, wie verbunden wir beide sind. Welch tolles Mutter-Tochter-Gespann. So innig. So selfish. Der Zauber, die Echtheit wären verloren. Es wäre ein öffentlicher Moment, keiner zwischen Madame und mir.

Ich liebe das Meer und bin einmal im Jahr in Holland. Es existieren Dutzende von kleinen Filmchen, mit denen ich versucht habe, das Meer einzufangen, das Gefühl von Urlaub, Freiheit und Weite. Zuhause muss ich immer wiede0C6495D3-9B70-4B72-B6DF-471079F8F030r feststellen, dass nichts davon übrig bleibt, wenn ich mir die Videos anschaue. Es ist alles noch da, das Wasser, die Sonne, aber das Erleben kann mir der Bildschirm nicht zurückbringen. Deshalb genieße ich mittlerweile lieber jeden echten Moment am Strand ohne Kamera in der Hand. Stattdessen mit allen Sinnen. Ich spüre den Wind im Gesicht, die Wellen an den Füßen, rieche das Meer, sehe die Sonne am blauen Himmel und höre die Möwen und das Rauschen der Wellen.

Diese beiden Momente habe ich fest in meinem Herzen verschlossen, von wo aus ich sie jederzeit abrufen kann. In Full HD und Panorama.

Ab die Post!

Ich habe das Spiel „Ab die Post“ mit ungefähr zehn Jahren gewonnen, als ich auf einem Volksfest (vermutlich Werbeaktion der Post) im Zelt von Michael Schanze Klavier gespielt habe. Also wir waren jetzt nicht allein oder so, im PubliE12BEBB9-82D9-48EC-B437-C4A2249D20C5kum saßen 100 Leute, unter anderem auch meine Eltern mit stolzgeschwellter Brust. Oder stolzgeschwellten Brüsten? Hm. Klingt jetzt komisch. Egal.

Ich hab irgendeine niedliche Mozart-Sonate gespielt und bekam als Dankeschön das abgebildete „Ab die Post!“, das sich im Laufe der Zeit zu einem Kult-Spiel zwischen mir und meinem Neffen mauserte, niemand weiß, warum. Die Regeln sind simpel: Man bekommt fünf Karten in Briefform und muss sie mittels seines Figürchens an die richtigen Adressen austragen. Wer alle Adressen abgeklappert hat und als Erste(r) wohlbehalten wieder im Postamt landet, hat gewonnen. Auf den Feldern mit Ausrufezeichen muss man eine blaue Ereigniskarte ziehen, auf der dann so lustige Texte stehen wie „du hast heute früher Schluss, nochmal würfeln“ oder „gib eine deiner Karten an deinen rechten Mitspieler ab“.

Also so ähnlich wie Mensch ärgere dich nicht. Man bewegt die Figur vom Häuschen weg zurück ins Häuschen und ist dabei ganz oft aus dem Häuschen, weil man woanders hingeschickt wird, als man will.

Warum mein Neffe und ich das auch mit 42 bzw. 23 noch so gern spielen?

Vielleicht, weil es so herrlich „vintage“ ist. Ohne mails, apps, Siri oder Navi. Man bekommt „echte“ Briefe in die Hand und erobert sich die Gegend zu Fuß(!). „Postwil“ ist dabei herrlich übersichtlich, teilt sich in Altstadt, Industriegebiet und dörfliche Landschaft am Rand des Waldes. Man sieht hübsche Häuschen, viel Grün und hört quasi die Vöglein zwitschern und die Menschen freundlich „guten Morgen“ sagen, während sich der Duft aus der Bäckerei angenehm mit dem Gestank der ortsansässigen Fabrik mischt. Niemand ist gestresst, alle sind fröhlich. So wie in Lummerland bei Jim Kopf, wo auch nur König Alfons der Viertelvorzwölfte, Frau Waas, Herr Ärmel und Lukas, der Lokomotivführer, wohnen.

Nein, früher war nicht alles besser. Aber vieles war schöner.

Rise and Fall from the Sommerferien

…oder wie Lehrer die Sommerferien erleben

Woche 1

Man mag es noch nicht richtig glauben. Fast anderthalb Monate Ferien! Und zwar Ferien! Keine Korrekturen, keine Unterrichtsvorbereitung, jedenfalls noch nicht. Aber die richtige Entspannung lässt noch auf sich warten, zu nah sind noch die Zeugniskonferenzen, letzte Gespräche mit verzweifelten Schülern (komm ich in den E-Kurs?) und das Aufräumen des Schreibtischs. Und tief drin mahnt einen eine wohlbekannte Stimme, die ein oder andre Mail könnte noch eintreffen – weil man am Ende der Ferien noch eine Nachprüfung hat, weil es eine Beschwerde gibt oder weil doch endlich jemand herausgefunden hat, dass man jahrelang nur so getan hat, als sei man Lehrerin.

Woche 2

Erste Hoffnung macht sich breit, dass das alles doch kein Traum ist. Ja, wirklich Ferien! Die Euphorie nervt ein bisschen im Freundeskreis, weil man sich plötzlich mit allen verabreden will (während der Schulzeit hat man ja für Privatleben keine Zeit) und vergisst, dass nicht jeder Sommerferien hat.

Woche 3

Das Leben ist schön! Und endlich begreift man wieder, dass es ein Leben neben der Schule gibt. Ein Leben voller Möglichkeiten! Man könnte ein Sabbatjahr nehmen, nach Australien reisen, sich in Afrika zum König krönen lassen oder die längst fällige Biographie über die südostasiatische Krebsmuschel schreiben. Man könnte die Welt verändern!

Woche 4

Tiefenentspannt und immer noch fast die Hälfte der Ferien vor sich! Man geniesst die Freiheit, atmet Kreativität und fragt sich, weshalb noch keine Band auf die Idee gekommen ist, sich „die hotten Totten “ zu nennen. Man fühlt sich leicht und weiß, dass man im neuen Schuljahr grandiose Ideen haben wird, die den Unterricht revolutionieren werden. Doch bis dahin geht man erstmal Sommerkleider shoppen, die die zusätzlichen Pfunde kaschieren, die man sich durch wenig Bewegung und exzessives Eisesen erarbeitet hat.

Woche 5

Langsam schleicht sich die Gewissheit ins Bewusstsein, dass da irgendwas ist, was auf einen lauert… Der Job! Man räumt den Schreibtisch komplett aus und um, kritzelt sich irgendwelche Listen zusammen und überfliegt den ein oder anderen Lehrplan.

Woche 6

Wo ist die Zeit geblieben? Wie können fast anderthalb Monate so schnell verfliegen? Was hat man getan? Geschafft? Erreicht? Was hat man verändert? Trübsinnig schaut man auf den neuen Lehrerplaner, der dieses Jahr statt türkis hellgelb ist und redet sich ein, dass man sich freut. Dann geht man in ein Schreibwarengeschäft und klaubt bunte Postits, Stifte, neue Ordner und eine schicke Kaffeetasse zusammen. Das alles nimmt man dann in die ersten Konferenzen mit, die eine Woche vor Schulbeginn anfangen.

Während der Konferenz liest man die Nachricht von der Freundin, die einen auf einen Kaffee einladen will, weil sie auch endlich Urlaub hat. „Du hast ja noch ein paar Tage!“

Neeee….

Was ist eigentlich Korrekturstress?

Als Kind spielt man gerne Lehrer. Vor allem das rigorose Anstreichen von Fehlern mit blutroter Farbe macht Spaß.

Als Erwachsener ist das nicht mehr ganz so prickelnd.

Die Vorteile von Korrekturarbeit:

  • Sie ist zeitlich und örtlich flexibel. Solange man die Arbeiten in einer vertretbaren Zeitspanne zurückgibt und sie so korrigiert, dass sie nicht schmutzig werden, kann man sie auch am Strand, im Café oder im Fussballstadion korrigieren.

Die Nachteile von Korrekturarbeit:

  • Sie ist fürchterlich langweilig. Wenn man den Job schon ein paar Jahre macht, berichtigt man immer wieder die gleichen Fehler oder Unzulänglichkeiten: Kein Präsens in der Inhaltsangabe, das/dass falsch geschrieben, Nomen klein…
  • Entgegen einiger Gerüchte macht es Lehrern KEINEN Spaß, schlechte Noten zu verteilen. Es ist deprimierend.
  • Man muss sich immer wieder der Frage stellen, was einen eigentlich dazu befähigt (ausser der Bezirksregierung), die Leistung anderer Menschen wirklich gerecht und fair zu bewerten. Mit Hilfe von ein paar Ziffern, Minussen und Kreuzen.

Jetzt mag man glauben, die Nachteile überwiegen.

Deshalb hält sich bei vielen hartnäckig das Vorurteil, Lehrer mit vielen Korrekturen hätten ein schwierigeres Leben als diejenigen ohne.

Das stimmt aber nur zum Teil.

Natürlich habe ich mit meiner halben Stelle und nur einem Korrekturfach eher ein Wochenende ohne Korrekturstapel im Gegensatz zu meinem Kollegen XY, der mit Deutsch, Englisch, einer vollen Stelle und viel Oberstufe jedes Wochenende mehrere Stapel auf dem Tisch liegen hat. Und das ist schön. Also für mich.

Aber ich nehme auch gern mehr Korrekturen in kauf, wenn ich dafür nette Klassen unterrichten darf.

Der wirkliche Nervkiller sind nämlich nicht die Arbeiten (und es gibt ja zum Glück auch immer viele gute), sondern die Klassen, aus denen man nach 45 oder 90 Minuten heraus kommt und sich fühlt, als habe man einen ganzen Tag bei 30 Grad im Schatten Felsbrocken geschleppt. Die Treppe hoch.

Deshalb auch hier nochmal ein Hoch auf meine Klassen dieses Schuljahr, die ich alle abgeben muss:

Meine Abiturienten waren sowieso die besten (ich berichtete)

Meine Elfer (nicht zu verwechseln mit Elfen) waren auch super lieb. Ich weiss, dass die nullte Stunde euch traumatisiert hat, aber ihr habt es geschafft! Ich hoffe sehr, dass ich einige von euch nächstes Jahr im LK oder GK wiedersehe!

Meine Siebener sind mir besonders ans Herz gewachsen. Unser Start war nämlich alles andere als reibungslos. Aber aus euch ist so eine tolle Klassengemeinschaft geworden, dass es mir auch hier leid tut, dass ihr nächstes Jahr in E- und G-Kurse aufgeteilt werdet.

Ja, eure Klausuren / Arbeiten zu korrigieren war manchmal nervig, ihr wart es selten.

Schöne Ferien!