Disney ohne Grimm?! Wurzeln sind nicht immer schmerzhaft.

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Eine kleine Liebeserklärung an mein altes Märchenbuch

Ich liebe Disney-Filme. Das mal vorweg. Und ganz besonders die Märchenfilme. Schneewittchen, Cinderella, Dornröschen… Und doch gab es meinem Herzen einen kleinen Stich, als eine Schülerin aus meiner Oberstufe sagte:

„Märchen? Kenn ich nicht. Nur die Disneyfilme.“

Hm. Abgesehen davon, dass ich nicht verstehe, wie man eine schöne Kindheit verleben kann, ohne dass einem Märchen vorgelesen werden, frage ich mich, was mich an der Aussage so stört. Märchen sind Volksgut und durch die zunächst mündlichen Überlieferungen auch immer Veränderungen unterworfen. Frankreichs Cinderella unterscheidet sich von unserem Aschenputtel nicht weniger, als sich Disneys Aurora vom Grimmschen Dornröschen unterscheidet. Ist das schlimm? Schadet es jemandem?

Meistens versuchen die Verfilmungen (nicht nur die von Disney) sogar, inhaltliche Lücken oder logische Schwachstellen der alten Originale zu füllen. Wirkt die Stiefmutter aus „Rapunzel“ merkwürdig unbestimmt, schattenhaft im Original, wird in „Rapunzel-neu verwöhnt“ doch sehr schön dargestellt, aus welchen Motiven heraus diese Frau handelt. Erscheinen die Originalfiguren doch eher als Stereotypen, bekommen sie in den Verfilmungen einen Charakter. Manchmal geht das Ganze aber auch nach hinten los, und die eigentliche „Botschaft“ geht verloren:

Während in Grimms „Dornröschen“ der 100jährige Schlaf eine Strafe für den selbstherrlichen König darstellt, der eine der 13 Feen nicht zur Taufe seiner Tochter eingeladen hat, erscheint Malefiz in der Disney-Version einfach nur als böse, machtbesessene Fee. Während in Grimms „Aschenputtel“ die Ball-Kleider der Heldin vom Baum der Mutter herabfallen, eine wunderschöne Metapher dafür, dass die Seelen unserer Eltern auch nach ihrem Tod auf uns achten, erscheint in „Cinderella“ die gute Fee, die alles deichselt.

S516137066ei es, wie es will, jedem das Seine, aber ich bin der Meinung, dass jedes Original Respekt verdient. So, wie uns allen der Wunsch nach Wissen über unser Herkunft innewohnt, nach unseren Wurzeln, ist es bereichernd, wenn man die Wurzeln der Geschichten kennt, die man liest (oder ansieht). Und Märchen sind die Wurzeln der meisten Geschichten, die wir heute kennen. Das arme Mädchen, das unvermutet zur Prinzessin wird, generell das glückliche Ende, der Sieg des Guten über das Böse, Magie, Drachen, fantastische Wesen, moralische Werte und ganz viel Feenglanz – greifen wir doch mal wieder zu den guten alten Märchenbüchern. Sie haben es verdient.

Das Leben der Anderen

Kaum eine Beziehung ist so vielfältig und kompliziert wie die zwischen Schülern und Lehrern. Ist sie privat? Ist sie beruflich? Einerseits muss man als Lehrer hochprofessionell sein, was Benotung, Unterrichtsvorbereitung und Umgang mit den Eltern und ihren Schützlingen angeht, andererseits ist man doch oft viel mehr als Pädagoge – man ist Mutti, Trainer, Trostspender, Leitwolf, Psychologe, Lebensberater oder auch mal Punching-Ball. Seine Schüler sieht man häufiger als die eigenen Geschwister oder Eltern.

Und doch –

was weiß man eigentlich über die Menschen,

mit denen man fast jeden Tag viel Zeit verbringt?

Muss man da überhaupt was wissen?

Ich finde ja.

Wir alle leben von Anerkennung. Das ist es, was zählt. Selbst die abgebrühtesten Nullbock-Schüler bekommen dieses verdächtige Glitzern des Stolzes und der Freude in den Augen, wenn sie doch eine gute Note geschafft haben. Die glücklichen und erfolgreichen Lehrer schätzen an ihrem Beruf weniger die vielen Ferien (Klischee 1) und die horrenden Gagen (Klischee 2), sondern das, was man von zufriedenen Schülern und Eltern zurückbekommt: Anerkennung, Lob und Dank.

Und diese Anerkennung fällt uns leichter, je besser wir uns kennen. Wenn man (auch als Nichtfachlehrer) seine Schüler mal bei ihren Freizeitaktivitäten besucht, wenn sie mit ihrer Fußballmannschaft spielen, mit ihrer Band auftreten oder eine Rolle in einem Theaterstück tanzen. Wenn man einen Blick dafür bekommt, wie fleißig und engagieIMG_6517rt sie sein können, wenn ihnen etwas Spaß macht und das unglücklicherweise nicht das Fach ist, welches man selbst unterrichtet.

Umgekehrt wird natürlich auch ein Schuh draus. Ich trage gern mein Leben in die Schule. Bringe ab und zu mal meine Tochter mit, erzähle von meinem Buch oder lade Schüler zu mir nach Hause ein. Also manchmal. Die besonders Netten 😉

Auf diese Art und Weise verwandeln sich Schüler und Lehrer nämlich in eine Einheit von Menschen, die zufällig unterschiedlichen Alters sind, aber hervorragend miteinander arbeiten können – nicht weil sie müssen, sondern weil sie sich gegenseitig schätzen.

Klingt naiv und fürchterlich kitschig?

Ja.

Ist aber so.

Wenn früher alles besser war, weshalb machen wir’s dann nicht auch so?

Früher haben wir noch gerne draußen gespielt und mit unseren Freunden geredet, statt auf Smartphones zu starren. Früher waren wir noch dankbar für Klassenfahrten, dafür, dass Lehrer den Stress auf sich nahmen, mit unserer Horde in die Welt zu fahren, und haben das Zusammensein in den Jugendherbergen genossen, statt wie heute zu meckern, nur weil es sich nicht um ein 5-Sterne-Hotel handelt. Früher haben wir noch bitte und danke gesagt und hatten Respekt vor den Erwachsenen, nicht so wie heute, wenn man froh sein, kann, dass einem ein Kind wenigstens aus dem Weg geht, statt einen umzurennen.

Solche oder ähnliche Posts finden sich immer wieder in sozialen Netzwerken.

Ich frag mich dann immer: Wenn doch unsere Kindheit so anders und toll war – wieso sorgen wir dann nicht dafür, dass es für unsere Kinder auch so ist? WIR sind doch die Generation, die die nächste begleitet und erzieht.

  • aber wie sollen unsere Kinder auf Smartphones verzichten, wenn sie schon mit 6 welche geschenkt bekommen, feststellen, dass all ihre Freunde auch eins haben, und die Eltern keine Lust auf den Stress haben, den Umgang damit zu überwachen?
  • warum sollten sie draußen spielen, wenn sie sich nicht schmutzig machen dürfen und es überhaupt viel zu gefährlich ist?
  • wie sollen sie eine Klassenfahrt nach Pusemuckel zu schätzen wissen, wenn sie mit acht schon dutzendmal mit Mama und Papa in irgendwelchen Luxusresorts waren, in denen sie von morgens bis abends verhätschelt wurden?
  • wie sollen sie lernen bitte und danke zu sagen, wenn ihre Eltern ihnen das nicht vorleben? Ja, sich auch mal bei seinem Kind zu bedanken für die Kleinigkeiten, die es tut, damit es merkt, wie gut so ein Dank tut.
  • wie sollen sie Respekt vor anderen lernen, wenn sie sehen, wie wir Erwachsenen manchmal miteinander umgehen, uns anschreien, sofort rechthaberisch werden und uns beschimpfen, wenn wir unser Ego bedroht sehen?

Vielleicht versuchen wir mal, statt zu heulen, früher sei alles besser gewesen, das Heute so gut zu gestalten, wie wir es uns für unsere Kinder wünschen:

FullSizeRenderFullSizeRenderFullSizeRenderFullSizeRenderpersönlich, analog, dreckig, spannend, bescheiden, dankbar, freundlich, höflich, menschlich.

Der Trend geht zum Zweitbuch oder Kinder sind wie Schüler – sie hören nicht zu, aber gucken viel ab ;-)

Dass ich kein Freund der „schreib erstmal, wie du sprichst, später lernst du dann (nicht mehr), wie es richtig geht“- Maßnahme bin, wenn es um das Beibringen von Rechtschreibung geht (schließlich heißt es Rechtschreibung und nicht Hörschreibung), ist bekannt. Allerdings möchte ich kurz eine Lanze für das heimische Buchregal brechen, und zwar die Spezies, in der kein Nippes, diverse Troll- oder Elsa-Figuren aufgereiht sind, sondern in denen wirklich Bücher stehen. Denn unsere Kinder werden ja nicht nur von der Schule ausgebildet, sondern die Eltern haben auch noch ein Wörtchen mitzureden. Und vor allem ganz viele mitzulesen.

So, wie in der Erziehung gilt, dass Kinder anscheinend manchmal taub gegenüber unseren Anweisungen oder Ratschlägen sind, sich aber alles abschauen, was wir ihnen vofullsizerenderrleben, gilt auch für das Lesen: Kinder, die von Anfang an (also mit 6, nicht im Mutterleib) gerne und viel lesen, eignen sich schon unbewusst eine richtige Rechtschreibung an. Wörter, die man schon hundertmal gelesen hat, brennen sich ins Hirn. Wir erinnern uns doch alle, wie wir früher in Diktaten bei Unsicherheiten ein Wort in zwei Alternativen an den Rad gekritzelt haben, um uns dann für die Schreibweise zu entscheiden, die uns bekannter vorkam.

Also, lasst uns sein, wie Astrid Lindgren es uns gelehrt hat:

Sei frech und wild und wunderbar!

  • freche Leser toller, spannender, fröhlicher, unglaublicher Geschichten
  • wilde Bucheinkäufer
  • wunderbare Vorleser für unsere Kinder

Die Schulen bilden unsere Kinder aus und weiter, doch die Kraft zur Inspiration, die Macht des Vorbilds haben vor allem wir Eltern.

Mutter und Sohn

4 Standpunkte eines Sohnes:

1) Mama, ich mach das noch. Ich weiß, du willst, dass ich JETZT aufräume, JETZT meine Hausaufgaben mache, die Wäsche IN den Korb werfe und nicht daneben. Aber ich habe meinen eigenen Zeitplan. Ich will mir nicht ständig reinreden lassen, was ich wann machen soll. Deinen Kunden sagst du das ja auch nicht. Also behandele mich wie einen Erwachsenen und vertraue mir ein bisschen.

2) Mama, hör auf, dir ständig Sorgen zu machen. Ich bin schon groß, du musst mich loslassen. Du und Papa wart mir gute Vorbilder, und ich bin vernünftiger, als du denkst. Auch wenn ich das aus Protest zuhause nie zeige.

3) Mama, ich weiß, dass ich manchmal beleidigend und unverschämt bin, dass ich dich zur Raserei bringe und respektlos erscheine. Das ist aber notwendig und genetisch festgelegt: Der Sinn der Pubertät ist, dass sich Kinder in Monster verwandeln, weil die Eltern sie sonst nie gehen lassen würden. Wenn wir immer so niedlich und lieb blieben wie mit sechs, würdet ihr uns mit 40 immer noch zuhause festhalten.

4) Mama, ich liebe dich bis zum Platzen. Manchmal bis zum Platzen meines Kragens. Wenn dich jemand beleidigt (was natürlich keiner tut), verteidige ich dich bis aufs Blut. Falls ich jemals eigene Kinder haben sollte, wünsche ich mir eine Mutter für sie wie dich: Stark, mutig, lebensfroh und mit einer Engelsgeduld. Ich weiß, dass du alles für mich tun würdest. Das meiste davon hast du schon getan.

4 Standpunkte einer Mutter:

1) Sohn, ich weiß, dass ich dich mit meinen vielen Bitten nerve, aber lustigerweise scheinst du zu denken, ich sei deine Putzfrau und deine Therapeutin. Denn wenn ich dich nicht nerve, tust du nichts von allein. Und wenn du Ärger in der Schule hast, muss ich mir dein Gejammere anhören. Du willst wie ein Erwachsenenr behandelt werden? Dann benimm dich wie einer und lass mich nicht dauernd hängen.

2) Sohn, ich weiß, dass ich mir immer viel zu viele Sorgen mache. Dafür kann ich aber nichts, das liegt in der Natur. Für mich wirst du immer der kleine Junge bleiben, der in die Windel kackt und Angst vor dem Staubsauger hat. Die Vorstellung, dass dem wichtigsten Menschen in meinem Leben etwas passieren könnte, ist vielleicht so schrecklich wie deine Befürchtung, das Smartphone könnte kaputt gehen oder der Kühlschrank sei leer.

3) Sohn, manchmal sind deine Worte in der Tat verletzend. Aber manchmal bin ich auch furchtbar stolz, dass du gelernt hast, dich durchzusetzen, andere in Grund und Boden zu diskutieren und dich auszudrücken. In Gedanken entschuldige ich mich dann immer bei meiner eigenen Mutter, weil ich sie damals genau so angezickt habe, wie du mich jetzt. Ja, Sohn, jetzt ist es raus. Auch ich habe es gehasst aufzuräumen, mir reinreden zu lassen und mir ständig Predigten anhören zu müssen. Wenn wir nicht Mutter und Sohn, sondern gleichaltrig wären, würden wir uns fantastisch verstehen. Aber leider haben wir zwei völlig verschiedene Baustellen: Du die Jugend und ich die Verantwortung. Was ich damit sagen will: Wenn du älter bist, werden wir uns fantastisch verstehen.

4) Sohn, ich liebe dich bis zum Mond und wieder zurück. Egal, was du sagst, tust oder meinst – Mütter sind immer da. Immer. Wir sind quasi eine lebende Inflation. Deshalb werden wir meist erst dann richtig geschätzt, wenn wir nicht mehr immer da sind – so mit 50, 60, wenn wir nach Sylt auswandern. Du bist das Beste, was mir je passiert ist. Das Schwierigste auch, okay, aber der Mensch wächst mit seinen Aufgaben –

und dich gebe ich niemals auf.

 

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig beabsichtigt.

Kafkas „Prozess“ – ein Fake? Eine (un)mögliche Unterrichtsstunde in der Q1…

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„Kafkas Probleme manifestieren sich in der Unsicherheit des Protagonisten K. Das Gericht steht für seinen Vater.“

„Seh ich auch so. Die Machtlosigkeit K’s gegenüber der gerichtlichen Willkür ist quasi nachzulesen in seiner Biografie.“

„Man kann aber auch mal andersrum denken.“

„Muss man aber nicht.“

„Jetzt halt doch mal die Klappe. Nein. Was ist denn, wenn der Prozess symbolisch für den Weg steht, den alle, also wir, den wir alle gezwungen zu gehen haben verpflichtet — sind…“

„Sehr kafkaesker Satzbau.“

„Muss man das denn interpretieren? Kann man das Werk nicht einfach genießen und so stehen lassen?“

„Ja. Am besten im Regal.“

„Im Regal der Buchhandlung.“

„Ich würde vielleicht argumentieren, dass die komplette Handlung ein Traum ist. Wenn man träumt, ist ja manchmal auch alles völlig durcheinander und ergibt keinen Sinn. Personen spielen eine Rolle, die im wahren Leben niemals aufeinander getroffen sind.“

„Finde ich gut. In dem Traum kommen alle Personen vor, die in Kafkas Leben eine wichtige Rolle gespielt haben: Der strenge, polternde und doch irgendwie wohlmeinende Onkel ist sein Vater, Fräulein Bürstner Felice Bauer, die ganzen anderen nymphomanischen Frauen irgendwelche Bekannte oder Kolleginnen, die er mal attraktiv fand, seine Vermieterin, Frau Gruber, vielleicht eine der Angestellten aus seiner Kindheit, die ihn großgezogen haben. Die Wächter personifizieren dabei irgendwelche Autoritäten, vor denen Kafka Angst hat. Lehrer, Vorgesetzte…“

„Und über allem thront das Gericht, der Prozess, dieses dumpfe Gefühl seines Lebens: Unsicherheit und Machtlosigkeit.“

„Vermutlich ist alles aber auch ganz anders. Unsere Lehrerin hat das Buch geschrieben und uns Fake-Reclams untergejubelt, weil sie so an uns hängt und will, dass wir alle durchs Abitur rasseln. Der Prozess ist eine Metapher für unseren Lernprozess: Irgendwie sind wir alle verhaftet, aber niemand weiß, wohin das führt. Wir wachen morgens auf, und statt unseres Frühstücks bekommen wir eine WhatsApp unserer Deutschlehrerin, in der steht, dass wir alle dem Untergang geweiht sind.“

„Und wer ist dann der Wächter, der unsere Wäsche in Verwahrung nehmen will? Das macht mir Angst.“

„Die Wäsche ist natürlich ein Symbol für all unsre nicht gemachten Hausaufgaben, die sie einsammeln will.“

„Also ist Frau Ä der Wächter.“

„Die Wächter.“

„Die Wächterin.“

„Nein. Die Wächter. Es sind zwei. Frau Ä ist die Wächter. Oder sind die Wächter?“

„Würde passen. Die zwei Seiten einer Lehrerin. Mal gut gelaunt, mal schlecht.“

„Nein, das ist mir zu platt. Frau Ä ist das Gericht. Aufseher, Wächter, Advokaten und so weiter sind ihre… Organe. Also die Gerichtsorgane. Augen, Ohren, Hirn…“

„Ich möchte aber wirklich mit niemandem. Wirklich, mit NIEMANDEM darüber diskutieren, was die Prüglerszene in dieser Interpretation zu bedeuten hat.“

„Ich weiß jetzt nicht, ob das richtig ist, aber Kafka hat doch diese Parabel über die Maus geschrieben. Vielleicht hat er sein eigenes Werk metaphorisch in dieser Parabel verarbeitet: Deutschunterricht ist eine Mausefalle. „Der Prozess“ ist Käse. Und vor der Falle, der wir entfliehen könnten, wartet das Leben mit all seinen Gefahren.“

„Dann hätten wir aber eine Antithese zwischen Leben und Kafka lesen. Supi, ich nehme das Leben. Ein Dilemma, das nicht wirklich eins ist.“

„Vielleicht handelt es sich nicht um keine Antithese, sondern eine Klimax der Grausamkeiten: Zwei Stunden Kafka, 5 Stunden Spanisch, den Rest des Tages Klavierunterricht und Hausaufgaben.“

„Wie gesagt: Vielleicht ist alles nur ein böser Traum.“

„Der Deutschunterricht?“

„Nein, du. Frau Ä, machen Sie sich nichts draus, der hat keine Ahnung.“

„Vorsicht, Madame, du bewegst dich auf ganz dünnem Eis.“

„Nur weil ich die Wahrheit sage?“

„So. Das reicht mir jetzt. Ich geh.“

„Ich auch.“

Alle gehen.

Frau Ä: Aber lasst eure Aggressionen nicht wieder hier rumliegen, sondern nehmt sie mit.

Alle sind weg, Frau Ä sitzt allein im Raum. Plötzlich merkt sie, dass ein Schüler noch da sitzt.

„Was ist?“

„Mein Leben hat nur zwei Ausgänge: Entweder ich bleibe hier und präsentiere mich damit als der Streber, für den mich alle halten, oder ich gehe hinaus in die Welt und zeige mich im nächsten Unterricht als der Streber, für den mich alle halten. Alles ist sinnlos. Was ich auch tue, das Leben gleicht einer Mausefalle, vor deren Ausgang eine Katze wartet.“

Schülerin von draußen: „XY, jetzt komm!“

Schüler XY: „Sehen Sie.“

Verschwindet.

„Herr Kunzmann mag mich nicht.“

Herr Kunzmann mag mich nicht. Der gibt mir schlechtere Noten als Sie früher.

Wenn man als Lehrerin diese Worte über einen sehr geschätzten Kollegen hört, kann das vielerlei bedeuten:

  • ich mag Sie und vertraue Ihnen meinen Kummer an.
  • ich will Sie als Lehrerin zurückhaben!
  • Herr Kunzmann ist doof.

Punkt eins und zwei schmeicheln mir natürlich, aber Punkt drei bringt mich in einen Interessenkonflikt: Ich mag Herrn Kunzmann sehr und halte ihn auch für einen prima Lehrer. Aber auch die Schülerin mag ich und kenne sie als fleißige, zuverlässige Mitgestalterin des Unterrichts. Hm. Ich will weder nach der üblichen „Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus“-Methode einfach die Worte meiner Schülerin abtun, noch möchte ich meinen Kollegen in Verruf bringen lassen. Mein erster Impuls ist, diesen zu verteidigen.

Kann ich mir nicht vorstellen. Hast du ihn mal darauf angesprochen?

Nein. Natürlich nicht, dann werden die Noten ja noch schlechter.

Ja, Lehrerwechsel sind schwierig. Pädagogen sind unterschiedlich streng, unterschiedlich anspruchsvoll, unterschiedliche Persönlichkeiten. Während die Chemie mit dem einen aufs Geratewohl stimmt, muss sich der andere das Vertrauen seiner Klasse hart erarbeiten, beim Dritten klappt es vielleicht gar nicht.

Dennoch habe ich selbst als Lehrerin (und Schülerin, Studentin, Referendarin) folgende Erfahrungen gemacht:

  • im Detail kann man sich streiten, aber im Großen und Ganzen geben Lehrer einer Arbeit sehr ähnliche Noten
  • eine Lehrer-Schülerbeziehung funktioniert nur, wenn beide Seiten offen sind. Ein „der mag mich eh nicht“ ist natürlich ein Totschlagargument, das jede mögliche Verbesserung der Situation im Keim erstickt
  • nur sprechenden Menschen kann geholfen werden. Die Angst, die eigene Note könnte sich verschlechtern, wenn man einen Lehrer auf seine eigene Unzufriedenheit anspricht, ist verständlich, aber im Regelfall unbegründet: Lehrer sind grundsätzlich den Menschen zugewandte Persönlichkeiten (fragwürdige Ausnahmen gibt es immer) und freuen sich über jeden Schüler, der freundlich (!) mit ihnen spricht. Klar – wenn ich als frigide Alte bezeichnet werde, die keine Ahnung hat, widerstrebt mir ein positiv gestimmtes Überdenken meiner Beurteilung natürlich. Aber wenn mir ein Schüler höflich erklärt, dass er sich doch anstrenge und mich fragt, woran seine „schlechte“ Beurteilung liege, fühle ich mich nicht kritisiert oder beleidigt, sondern um meinen Rat gefragt. Zuzuhören und zu fördern ist schließlich mein Job.

Natürlich mache ich nicht sofort aus meiner 3 eine 2, nur weil XY so nett fragt, aber zumindest kann ich im Folgenden etwas genauer auf den Betreffenden achten – und ihm beim nächsten Gespräch entweder eine bessere Note geben oder eine noch begründetere Auskunft darüber, weshalb ich an meiner Beurteilung festhalte.

Ja, Lehrer ist manchmal ein verdammt harter Job.

Ja, die Jugend von heute ist schlimm.

Aber nicht schlimmer als wir früher. Und so, wie wir früher als Schüler unsere Ängste hatten und das Gefühl, der Lehrerwillkür „da oben“ ausgeliefert zu sein, ist das heute auch oft. Deshalb ist Kommunikation so wichtig. Was meinen Schülern, glaub ich, ganz gut hilft, ist, dass ich ihnen immer am Anfang, wenn ich einen Kurs neu übernehme, genau sage, was ich erwarte. Worauf ich achte. Nach ein paar Wochen mache ich – je nach Kursatmosphäre und Alter der Kinder – eine anonyme oder persönliche Evaluation zu meinem Unterricht um zu schauen, ob / wie alle klarkommen. Auch ich verteile durchaus Fünfen, aber bisher gab es noch keine Einsprüche. Ich hoffe, weil meine Schüler immer wissen, woran es liegt, und nicht, weil sie Angst vor mir haben 😉

Der häufigste Grund, warum Gespräche misslingen, ist, dass wir zu wissen meinen, was unser Gegenüber uns sagen will und ihm eine bestimmte Absicht unterstellen.“ (Nayoma de Haen)

Ein „mangelhaft“ unter einer Arbeit heißt nicht „du bist doof, und Doofe mag ich nicht“, sondern – laut offiziellen Vorgaben: „Die Leistungen entsprechen den Anforderungen nicht, lassen jedoch erkennen, dass die notwenigen Grundkenntnisse vorhanden sind und die Mängel in absehbarer Zeit behoben werden können.“

Also:

  • falsche Einstellung: Der Lehrer mag mich eh nicht, da kann ich machen was ich will.
  • richtige Einstellung: Dann ändere ich ab sofort meine Lernstrategie und hole mir Hilfe.

Auf gute Gespräche und ein zufriedenstellendes Zeugnis am Ende dieses Schuljahres 🙂

Omi hat jetzt WhatsApp, Teil 2

Ich hab an dieser Stelle ja schon einmal über meine großartige Mutter geschrieben, die sich mit 72 Jahren ohne Angst und Wenn und Aber auf das Abenteuer Smartphone einlässt.

Mittlerweile kann sie schon unglaublich viel, versendet Fotos wie verrückt, und hat auch die Angst davor verloren, mittels Videos ein Loch in die Handykasse zu schmelzen. Nein, nein, ich meine nicht das stundenlange Surfen auf YouTube. YouTube haben wir deinstalliert. Nein, sie hatte lange Zeit Angst, dass es sie auch Unsummen kosten würde, sich die Enkel- oder Häschenvideos anzusehen, die ihr ihre Freundinnen über Whatsapp schicken.

Neuerdings hat sie die emojis für sich entdeckt. Sie liebt emojis und bestückt ihre whatsapps reichlich damit. Das Problem ist nur, dass diese emojis nichts, und ich betone noch einmal, ÜBERHAUPT UND GAR NICHTS mit dem Inhalt ihrer Nachrichten zu tun haben. Ein kleines Beispiel (die emojis sind fettgedruckt):

Hallo Maus, wie geht es dir? KUH / TULPE / GESPENST

Zuerst habe ich gedacht, ihre Augen werden ja auch nicht besser, sie habe die Maus mit einer Kuh verwechselt, die Tulpe sollte ein lieber Gruß sein, und das Gespenst ein Symbol für winken. Doch dann bekam ich das:

Wie schön, dass meine Enkelin jetzt ein Hochbett hat! Küken / Ratte / Schuh

Da kam ich dann doch an meine Grenzen. Gut, die Enkelin ist ein süßes Küken, aber die Ratte? Und bei uns wird nicht mit Schuhen ins Bett gegangen! Noch mysteriöser war

Oh, habe deine letzte Nachricht noch gar nicht gelesen. Ich werde alt. Kleid / Doktorhut / Männerhemd / Krone / Krone

Wä? Jetzt hatte sie mich.

Ich rätselte herum. Vielleicht erkannte sie die Bilder nicht und verwechselte sie mit etwas anderem. Den Doktorhut mit einem Arzt-… naja, Hüte haben die eher nicht auf. Die Krone als Metapher für die alten Zahnkronen? Oder sie wollte gar keine emojis schicken, sondern kommt immer nur aus Versehen auf die Taste. Aber warum dann immer nur am Ende der Nachricht?

Ich traute mich einfach, mal nachzufragen. Und es kam folgendes „Gespräch“ zustande:

Ich verstehe das Konzept deiner emojis nicht ganz. Nimmst du immer das, was dir gerade gut gefällt?“

„…“

Hallo? Diese kleinen Bilder nennt man Emojis.

Ich weiß, wie die Dinger heißen, mein Kind, ich probiere sie nur mal aus! Schnitzel / Sonne / Pfeil nach unten

Ist meine Mama nicht großartig? Wie sagte schon wer auch immer:

Wer sich an Regeln hält, kann nicht behaupten, echt gelebt zu haben Handtasche / Kaffeetasse / Diamantring

„Jetzt leg doch mal das Handy weg!“

Diesen Satz sage ich oft zu meinen Schülern? Oh ja.

Aber auch meine Tochter sagt ihn oft zu mir. Dabei bin ich gar kein Selbstdarstellungstyp, der alle möglichen Situationen und Erlebnisse sofort öffentlich posten muss. Trotzdem bin ich ständig „mal kurz“ online und hab schon wieder eine Stunde mit – ja was eigentlich? – verbaselt:

  • Mal eben schauen, was die Freunde auf Facebook so treiben

  • Diverse Whatsappnachrichten beantworten

  • Die Besucherzahlen auf meiner Website checken

  • Instagram einen Besuch abstatten und – wenn ich schonmal dabei bin –

  • bei Amazon vorbeischauen, es könnte ja ein tolles Angebot geben

Deshalb habe ich heute bewusst das Handy zuhause gelassen. Mit Mann und Maus auf dem Weg bei königsblauem Himmel in unser Lieblingscafé. Ich werde weder die tolle Aussicht, noch die leckeren Waffeln, noch mein strahlendes Kind fotografieren. Keine Onlinezeitung lesen, nicht facebooken und auch nicht instagrammen.

Nein. Heute mache ich ganz was Neues – ich habe mein Notizbuch mitgenommen (also das ganz analoge, kein iPad oder so, richtig mit Blättern und Stift) und lasse meine Gedanken schweifen. Kritzele herum, schreibe Stichworte für meinen nächsten Websiteartikel auf, mache ein bisschen Unterrichtsplanung und grinse meine Tochter an, die gerade versucht, Kakao zu trinken ohne 90 Prozent dieses herrlichen Gesöffs an die Zone zwischen Nase und Oberlippe zu verlieren.

Ein Bild für die Götter.

Aber heute mal nicht für die Öffentlichkeit.

Ich inhaliere den Anblick und verschließe ihn ganz fest in meinem Herzen, wo sich auch die anderen Erinnerungen einkuscheln, die um so wertvoller sind, als es keine Fotos von ihnen gibt.

Mein Handy vermisse ich kaum. Im Gegenteil. Ich fühle mich frisch, ausgeruht und voller Tatendrang. Schreibe, male und skizziere und habe am Ende das Gefühl, diese eine Stunde im Café wirklich gelebt zu haben. Ich kann es nicht beweisen durch Fotos, auf denen ich ansprechend Notizbuch, Stift und Kaffeetasse drapiere, muss ich aber auch nicht.

Deshalb gibt es auch kein Foto zu diesem Artikel 🙂

Und für den allergrößten Notfall –

hat mein Mann ja sein Handy dabei 🙂

Schönen handyfreien Sonntag euch allen!

Warum ticken Lehrer so unterschiedlich?

Unsere Lehrerin ist super. Sie ist immer entspannt und freundlich, für uns da. Unsere Arbeiten korrigiert sie manchmal schneller, als uns lieb ist, und ihr Unterricht ist immer gut vorbereitet. Auch wenn wir zwischendurch mal mit ihr sprechen wollen, hat sie ein offenes Ohr für uns. Sie hat Humor, und wir lachen viel zwischendurch. Warum können nicht alle Lehrer so sein?

 

Unsere Lehrerin ist ein Grauen auf zwei Beinen. Dauernd gereizt, braucht ewig für die Arbeitskorrekturen. Letztes Mal mussten wir drei Wochen warten. Wenn wir mal kurz mit ihr sprechen wollen, hat sie meist keine Zeit und verweist uns genervt auf ihre Sprechstunde. Jede Stunde läuft nach Schema F – entweder lesen wir nur irgendwelche Aufgaben im Buch, die wir dann machen müssen, oder wir bekommen ein Arbeitsblatt. Ich glaube, sie hasst ihren Beruf.

Weshalb ticken Lehrer so unterschiedlich? Weshalb hat man als Schüler oder Eltern (und auch Kollege) den Eindruck, für manche sei Lehrersein eine Berufung, in der sie völlig aufgehen, während andere nur frustriert auf ihre Rente warten? In einem meiner früheren Artikel hatte ich darüber geschrieben, dass viele Dinge beeinflussen, ob der Job top oder Flop ist:

  • die eigene Einstellung
  • die Lerngruppen
  • die allgemeine Atmosphäre
  • die Beziehung zu Kollegen und Schulleitung
  • und, und, und.

Doch einen wichtigen Punkt habe ich besonders krass am eigenen Leib erfahren: Die Zitate oben sind frei erfunden, aber die Lehrpersonen, die dahinter stecken, kenne ich gut.

Beides bin ich.

Oben mit einer halben Stelle von 12 Stunden und nur drei verschiedenen Kursen in der Oberstufe, von denen einer keine Klausuren schreibt. Das heißt, mit ca. 35 verschiedenen SchülerInnen (manche habe ich in beiden Fächern) und nur 20 Korrekturen pro Quartal. Ohne Klassenleitung, ohne weiteren bürokratischen Aufwand. Mit viel Zeit für tolle Unterrichtsvorbereitung, die mir großen Spaß macht. Mit nahezu erwachsenen Schülern, die sich auf das Abitur vorbereiten und den Unterricht weitgehend ernst nehmen. Mit einer nahezu leeren Elternsprechtagsliste.

Unten mit einer vollen Stelle von 26 Stunden und acht verschiedenen Klassen / Kursen, von denen vier Klassenarbeiten schreiben. Das heißt, mit ca. 204 verschiedenen Schülern und gut 100-200 Klassenarbeiten pro Quartal (die unteren Klassen schreiben mehrere Arbeiten). Und mit einer Klassenleitung, zudem mit Lerngruppen, die zum Teil mitten in der Pubertät sind, und nach deren Unterrichtsstunde ich mich fühle, als wäre ich vom Laster überrollt worden. Das bedeutet im Klartext: Jede Woche / jedes Wochenende liegt ein Stapel Korrekturen auf meinem Schreibtisch. Ein Arbeitsstrom, der gefühlt nie endet. Mit einer täglichen To-Do-Liste von Elternanrufen, Antworten auf Beschwerde-Mails, auszufüllenden Listen, Terminen und Besprechungen. Und mit der Erwartungshaltung vieler Eltern und Schüler, ich müsse jedem möglichst sofort zur Verfügung stehen. Was ich natürlich gerne würde. Aber irgendwann nicht mehr kann.

Zeit ist ein wichtiger Faktor,

der oft in meinem Job

über Top

oder Flop

entscheidet.