Ich benote jetzt wie Amazon!

Am Freitag Morgen habe ich ein Malbuch bei Amazon bestellt. Amazon Prime. Garantierte Lieferung: Samstag, einen Tag später.

Natürlich kam Samstag nichts.

Kann ja mal passieren. Unser Postbote macht halt um 16.00 Schluss. Meine Handy-App sagte mir aber abends, besagtes Malbuch sei am Samstag um 18.00 an mich zugestellt worden. Hm. Dass ich an Gedächtnisverlust leide, wäre mir neu. Auch von einer gespaltenen Persönlichkeit, die in meiner Abwesenheit meine Post entgegennimmt, ist mir nichts bekannt, Mein Mann und meine Tochter schworen, es sich nicht unter den Nagel gerissen zu haben. Also schaute ich heute (Sonntag) nochmal in den Briefkasten. Man kann ja mal was übersehen.

Ich schaute ihm tief in den Schlund.

Ich kroch förmlich in meinen Briefkasten.

Nichts.

Also rief ich mal bei Amazon an.

Ja, das kann bei Paketpost schonmal sein, dass sie sich verspätet.

Das macht ja nichts, aber warum erzählt mir meine Amazon dann, es sei gestern um 18.00 Uhr zugestellt worden?

Naja, weil Amazon Prime das ja garantiert hat.

Ja. Schön. Aber es war doch nicht da?

Das tut uns auch sehr leid, aber Amazon hat es garantiert, deshalb sagt das System, es habe die Sendung zugestellt.

Das ist aber doch eine faustdicke Lüge?! (Ich mit meinem pädagogischen Gutmenschentum wieder)

Das ist das System.

Ach, Mensch. Das System. Das übernehm ich jetzt in der Schule auch. Ich werde innerhalb kürzester Zeit zur beliebtesten Lehrerin weit und breit, weil ich nur noch Einsen gebe. Und wenn mich jemand fragt, womit er denn 15 Punkte verdient habe, er habe doch alles falsch gemacht, antworte ich mit Amazon:

Ja. Aber du hättest es können müssen!

Respekt muss auch andersrum

Sie ist halt sehr schwierig im Moment. Ich weiß auch nicht, was ich tun soll und hoffe, es ist nur eine Phase. Aber man kann ja sagen, was man will, Mama ist eh peinlich und hat keine Ahnung. Aber so sind sie halt, die Kinder.

Erzählte neulich eine Mutter über ihre Tochter. Können viele von uns sicherlich nachvollziehen, wer hat nicht schonmal graue Haare wegen seines Nachwuchses bekommen und den Wunsch nach Urlaub vom Pubertier verspürt.

Wo das Problem liegt?

Das Mädchen, um das es ging, stand direkt daneben.

Ich weiß nicht, woher diese Unsitte kommt, dass manche Erwachsene meinen, ihre Kinder seien taub oder völlig unsensibel. Niemandem von uns würde es einfallen, sich bei Dritten über einen Menschen zu beschweren, wenn der gerade neben uns steht. Höchstens bei Gericht, und damit kommen wir zum Punkt.

Was stellen wir mit unsern Kindern an, wenn wir sie öffentlich bloßstellen, anklagen? Wenn wir anderen in ihrem Beisein erzählen, wie nervtötend, unordentlich, frech und undankbar sie gerade sind? Wir zerstören ihr Selbstbewusstsein. Wir verletzen sie. Und wenn wir hundertmal Recht haben mit unseren Vorwürfen: So etwas klärt man mit Kindern wie mit Erwachsenen: Diskret und unter vier Augen.

Denn noch etwas geschieht mit den Menschen, die wir am meisten lieben und die wir erziehen: Sie nehmen sich an uns ein Beispiel. Wenn wir ihnen vorleben, dass man auf die Persönlichkeitsrechte aderer Menschen keine Rücksicht nehmen braucht, dann tun sie es auch nicht. Oder haben Sie schonmal ausgesucht höfliche Eltern mit einem rotzfrechen Kind gesehen? Oder respektlose polternde Mütter und Väter mit höflichem Nachwuchs?

Was ist das für eine Ignoranz, die uns in solchen Momenten vergessen lässt, wie peinlich es unseren Kindern sein muss, dass wir uns gerade über sie beschweren?

  • ein Hilferuf nach dem Motto „Ich komme mit meinem Kind nicht mehr klar, kannst du ihm nicht mal die Meinung geigen“?
  • eine Bestrafung nach dem Prinzip „jetzt merkst du mal, wie weh du mir immer mit deinem Verhalten tust“?
  • der schrecklich dumme Irrtum, Kinder hörten und verständen nichts?

Ich habe mein Kind nicht oft zum zornigen Weinen gebracht: Wenn ich mit ihr schimpfe (was zum Glück selten vorkommt), weil ihr Zimmer wieder aussieht wie nach der Explosion aller Möbel, weil sie frech ist oder mit dem Rad über die Straße gefahren ist ohne zu gucIMG_8997ken, sieht sie das in der Regel ein. Manchmal reagiert sie muffig, aber seelisch verletzt ist sie nicht. Als ich aber vor einiger Zeit meinem Mann gedankenlos eine lustige Begebenheit erzählt habe, in der sie die Hauptrolle spielte, die ich witzig fand, sie selbst aber nicht, schimpfte sie unter Tränen (und völlig zurecht):

Mama, hör auf, ich will das nicht!

Ich auch nicht.

Seitdem reiße ich mich zusammen. Denn wichtiger als eine lustige Geschichte ist mir ein fröhliches, starkes Kind.

Eine Ode an Frau Tinte

Ich liebe Frau Tinte. Jeder sollte im Lehrerzimmer eine Frau Tinte sitzen haben. Frau Tinte ist immer fröhlich, aber nicht so fröhlich, dass es nervt. Sie hat alles dabei, was man selbst vergessen hat, in ihrer MaryPoppinstasche, aus der sie nach Bedarf Taschentücher, Stifte, Sofakissen oder Kopiervorlagen zaubern kann.

Ich sitze neben Frau Tinte, niemals in der Tinte. Und seit sie schwanger ist, hat sie auch immer Leckereien dabei. Nicht ein paar Bonbons, nein, eher die Kategorie Süßwarenabteilung im Edelkaufhaus: Merci, Gummibärchen (die guten), Toffifee, Amicelli, Botticelli…

Ich hab in einer einzigen Zeugniskonferenz drei Kilo zugenommen.

Seit der Schwangerschaft ist Frau Tinte noch entspannter als sonst. Manchmal etwas SEHR entspannt. Man soll das Leben gut finden, zweifellos, aber möchte ich, wenn ich im Schlamm der Lehrerdepression versinke, hören, dass ich mir eine neue Tasche kaufen soll?

Ja, okay, ich möchte das hören.

Aber es ist still geworden.

Frau Tinte sitzt, futtert und beschenkt nicht mehr neben mir, sie explodiert nicht mehr an meiner Seite ins Leben. Sie ist jetzt im Mutterschutz, weil da jemand anderer ins Leben explodieren möchte.

Jetzt sitze ich doch IN der Tinte.

 

Werte für die Tonne?

Weshalb erziehen wir unsere Kinder eigentlich nach Werten, die wir selbst nicht leben?

Man benimmt sich anderen gegenüber respektvoll

sagen wir unseren Kindern, während wir anderen den Stinkefinger zeigen, sie bei Diskussionen nicht ausreden lassen und über unsere Mitmenschen lästern.

Regeln sind (meist) sinnvoll und sollten eingehalten werden

sagen wir unseren Kindern, nehmen anderen die Vorfahrt, schauen beim Fahren aufs Handy und pfeifen gerne auf jede Regel, die uns nicht in den Kram passt. Das nennen wir dann selbstbewusst.

Man soll nicht lügen

bringen wir unseren Kindern bei, verteilen falsche Komplimente, hinterziehen Steuern und machen falsche Angaben bei der Krankenkasse.

Alkohol, Zigaretten und Drogen sind schädlich

sagen wir trinkend, rauchend und kiffend.

Weshalb versucht eine Generation nach der anderen, die Kinder mit Worten zu guten, vernünftigen, gerechten und ehrlichen Menschen zu erziehen, während sie bei den eigenen Handlungen alle Augen zudrückt?

Ist es der Wunsch nach nach Weltverbesserung a la „bei mir ist schon alles zu spät, du sollst es mal besser machen“?

Ist es das Wissen, wie es richtig geht, aber die Faulheit, es selbst durchzuziehen?

Vielleicht sollten wir alle mal wieder ein bisschen mehr wie die Kinder werden, die wir erziehen.

Werte sind wichtig für die Orientierung und ein gutes, gemeinsames Leben. Und sie sind zeitlos. Wer sagt, Hilfsbereitschaft, Rücksicht und Achtsamkeit seien nicht mehr zeitgemäß, trifft keine moderne Aussage, sondern eine traurige.

Der Tiger in mir

Ich werde die Traummutter bei jedem Elternsprechtagstermin.

Das habe ich lange behauptet.

Weil ich doch selbst Lehrerin bin und weiß, wie anstrengend dieser Beruf ist, wieviel Herzblut man hineinsteckt, wenn man engagiert ist, und wie selten man Dank erhält.

Wenn meine Tochter eines Tages in die Schule kommt, werde ich dankbar der Klassenlehrerin um den Hals fallen, ihr rückhaltlos in allem meine Unterstützung zusagen und ihr im Grunde mein volles Vertrauen aussprechen.

Dachte ich.

Meine Tochter ist jetzt Vorschulkind. Letztes Jahr Kindergarten. Und als mir die Mutter der besten Freundin meiner Tochter freudestrahlend und stolz wie Oskar erklärte, dass Magda (Name geändert) hervorragend bei dem Vorschultest abgeschnitten habe, waren unerklärlicherweise meine Reaktionen anders, als gedacht.

Erwartet hätte ich von mir reife, gelassene Gedanken wie

  • oh wie toll, ich freu mich für dich! Meine Kleine wird auch super gewesen sein, ich kenne sie ja, wenn nicht, ist auch nicht schlimm, Kinder entwickeln sich ja unterschiedlich
  • wieso weiß ich nichts von dem Test? Naja, wenn es Probleme gegeben hätte, hätte es mir jemand gesagt.

Stattdetiger-591359_1920ssen schien plötzlich ein großes
Raubtier in mir zu erwachen, zu
knurren, die Zähne zu blecken und sich geschmeidig, aber nicht weniger gefährlich aufzurichten. Die Gedanken, die ich tatsächlich hatte, lauteten eher

  • weshalb weiß ich nichts von dem Test? Was war da los? Hat was nicht geklappt? Wenn meine Tochter schlecht abgeschnitten hat, dann doch nur, weil sie vielleicht keine Lust hatte oder der Test doof war. Das wissen die im Kindergarten dann nicht und stufen sie als dumm ein, und dann? Hören die in der Grundschule, dass meine Tochter nicht schlau genug ist und sie wird ihr ganzes Leben mit diesem Makel…

Ich habe mich sehr über mich selbst erschreckt, habe ich doch bisher immer ein „Mütter dieser Welt, haltet zusammen“-Transparent in der Hand gehalten, bin gegen diesen ganzen Vergleichsmüll („mein Kind kann noch nicht so gut laufen / essen / malen / schwimmen wie deins“) und generell sehr entspannt, was die Entwicklung von Kindern angeht.

Was war da also los?

Ich weiß es nicht. Vielleicht war es das sprichwörtliche „Muttertier“, das sich da in mir geregt hat. Das kann ja spannend werden, wenn meine Tochter tatsächlich in die Schule geht. Werde ich da das Gefühl haben, mein Kind gegen alles und jeden verteidigen zu müssen, egal, ob das gerade notwendig ist oder nicht? Werde ich zu einer dieser schrecklichen Helikoptermütter, die wegen jeder Kleinigkeit in die Schule rennen um ihr armes Kind vor ignoranten Lehrern, ungerechten Noten und einem bösen Leben zu retten?

Ich hoffe doch nicht. Ich habe den Tiger jetzt im Griff und füttere ihn täglich mit gesundem Menschenverstand. Und ich verstehe jetzt alle Mütter und Väter besser, die manchmal so seltsam misstrauisch bei Elternsprechtagen vor mir sitzen. Außerdem mag ich die beste Freundin meiner Tochter sehr gern und ihre Eltern übrigens auch. Magda ist ein tolles Kind, und ich gönne ihr den Erfolg von Herzen. Und auch die tollen Erzieherinnen in unserem Kindergarten haben mein Vertrauen.

Letztendlich kam übrigens heraus, dass mein Nachwuchs ebenfalls prima abgeschnitten hat, nur so nebenbei-

damit der Tiger sich wieder hinlegt und weiterschlafen kann.

My Finnish has to be finished… damit ich meine Rente an einem See ohne Verbotsschilder genießen kann

Finnland.

Das süße Dorf irgendwo zwischen Lappland und Schweden, das keiner kennt, aber alle doll finden. Wenn ich irgendwo erwähne, aus welchem Land mein Mann stammt, höre ich zuverlässig den Satz

Ah. Finnland. Jaja. Das Finnische soll ja sehr mit dem Ungarischen verwandt sein.

Nein. Ist es nicht. Finnisch und Ungarisch besitzen drei gleiche Wörter. Irgendwas mit Fischen und Brot. Das war’s.

Finnland ist toll. Aber vermutlich nur für Einsiedler wie mich. Als Einzelkind bin ich es gewohnt, glücklich und kreativ allein zu sein. Mit 5 liebte ich es, stundenlang allein mit meinem Puppenhaus oder Lego zu spielen, ohne dass mir einer reinquatscht, mit 25 residierte ich allein in einer riesigen Wohnung (groß, aber günstig, da direkt an einer Hauptverkehrsstraße in einem nicht so schönen Viertel) und habe es genossen, tun und lassen zu können, was ich wollte und wann ich es wollte, und jetzt genieße ich jede freie Minute hoch oben allein unterm Dach an meinem Schreibtisch, wenn mich wieder eine Idee juckt und ich etwas schreiben muss.

In Finnland kann man dieses Alleinsein überall zelebrieren, wenn man keine Angst davor hat. Es gibt 1000 Seen und  Wälder und  – das ist das Besondere: Keine Schilder wie „Baden verboten!“, „Betreten verboten“ oder „Achtung! Privatgelände“. Wenn man einen schönen Platz an einem See findet, darf man dort baden, picknicken oder Löcher in die Luft starren.

Es gibt quasi auch keine Mietshäuser. Wenn man langfristig in Finnland wohnt, hat man ein Haus. Gut. Es handelt sich dabei oft um Häuser, die in Deutschland keiner Prüfung standhalten würden, aber der Finne ist da nicht so. Alles blüht, wackelt, sprießt vor sich hin, und die Menschen finden das schön. Und wenn mal was zusammenkracht, kommt der liebe Nachbar vorbei und hilft, es wieder aufzubauen. Nahe der Städte hat man viele Nachbarn, aber je weiter man in das wahre Finnland vordringt, desto weiter entfernt liegen die nächsten Häuser. Quasi jeder Haushalt verfügt über seinen persönlichen See. Und Wald. Und Elche und Rentiere. Wobei sich die scheuen Elche eher weniger sehen lassen. Die Rentiere spazieren schonmal gemütlich über die Autobahn, weshalb in Finnland klare Geschwindigkeitsbegrenzungen herrschen (und auch regelmäßig von der Polizei überprüft werden). Noch ein Pluspunkt, denn ich hasse Raser im Straßenverkehr.

Ein großer Pluspunkt für mich sind die finnischen Kinder. Finnen bekommen meist mehrere Kinder. Logisch, denn irgendwie muss der ganze Platz im Land  ja ausgenutzt werden, und die Winter sind lang und kalt. Während man auf deutschen Spielplätzen eher komisch, wenn nicht gar abwertend angeglotzt wird, wenn man mit fremden Kindern spielen will (also nicht ich, sondern Kinder allgemein), gilt in Finnland das Prinzip: Je mehr Kinder, desto mehr Piraten, desto mehr Spaß. Wenn Kinder aufeinander treffen, spielen sie miteinander. Sehr sympathisch.

Der Finne an sich ist sparsam. Das fängt beim Alphabet an, aus dem er weitgehend nur die Buchstaben a, e, f, h, i, k, l, m, n, o, p, r, s, t, u, v, ä,ö,und ü benutzt (und davon meist auch nur ä, ö, p, t und k), und endet bei den Lebenshaltungskosten. Die sind in Finnland hoch. Ungern erinnere ich mich an meine „Grillplatte“ für 15,80 Euro, die aus zwei kleinen Stücken Fleisch, einer Kartoffel und einer Hand voll Gemüse bestand. Der Finne spart aber auch an Worten. Kein Wunder, bei den wenigen Buchstaben. Er redet eigentlich nicht, sondern bevorzugt elchähnliche Geräusche, um sich mitzuteilen. Mein Mann ist da übrigens eine Ausnahme, er redet noch, wenn ich schon mit dem Zuhören fertig bin.

Alles in allem ist Finnland großartig, und wir planen, dahin auszuwandern, wenn

  • unsere Tochter studiert (in 15 Jahren)
  • mein Mann in Rente geht (in 15 Jahren)
  • ich finnisch kann (in 298 Jahren)

Kohta on joulu!

(Heißt ‚bald ist Weihnachten‘, passt hier vielleicht nicht, ist aber eine schöne Botschaft und der einzige Satz, den ich schreiben kann)

Disney ohne Grimm?! Wurzeln sind nicht immer schmerzhaft.

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Eine kleine Liebeserklärung an mein altes Märchenbuch

Ich liebe Disney-Filme. Das mal vorweg. Und ganz besonders die Märchenfilme. Schneewittchen, Cinderella, Dornröschen… Und doch gab es meinem Herzen einen kleinen Stich, als eine Schülerin aus meiner Oberstufe sagte:

„Märchen? Kenn ich nicht. Nur die Disneyfilme.“

Hm. Abgesehen davon, dass ich nicht verstehe, wie man eine schöne Kindheit verleben kann, ohne dass einem Märchen vorgelesen werden, frage ich mich, was mich an der Aussage so stört. Märchen sind Volksgut und durch die zunächst mündlichen Überlieferungen auch immer Veränderungen unterworfen. Frankreichs Cinderella unterscheidet sich von unserem Aschenputtel nicht weniger, als sich Disneys Aurora vom Grimmschen Dornröschen unterscheidet. Ist das schlimm? Schadet es jemandem?

Meistens versuchen die Verfilmungen (nicht nur die von Disney) sogar, inhaltliche Lücken oder logische Schwachstellen der alten Originale zu füllen. Wirkt die Stiefmutter aus „Rapunzel“ merkwürdig unbestimmt, schattenhaft im Original, wird in „Rapunzel-neu verwöhnt“ doch sehr schön dargestellt, aus welchen Motiven heraus diese Frau handelt. Erscheinen die Originalfiguren doch eher als Stereotypen, bekommen sie in den Verfilmungen einen Charakter. Manchmal geht das Ganze aber auch nach hinten los, und die eigentliche „Botschaft“ geht verloren:

Während in Grimms „Dornröschen“ der 100jährige Schlaf eine Strafe für den selbstherrlichen König darstellt, der eine der 13 Feen nicht zur Taufe seiner Tochter eingeladen hat, erscheint Malefiz in der Disney-Version einfach nur als böse, machtbesessene Fee. Während in Grimms „Aschenputtel“ die Ball-Kleider der Heldin vom Baum der Mutter herabfallen, eine wunderschöne Metapher dafür, dass die Seelen unserer Eltern auch nach ihrem Tod auf uns achten, erscheint in „Cinderella“ die gute Fee, die alles deichselt.

S516137066ei es, wie es will, jedem das Seine, aber ich bin der Meinung, dass jedes Original Respekt verdient. So, wie uns allen der Wunsch nach Wissen über unser Herkunft innewohnt, nach unseren Wurzeln, ist es bereichernd, wenn man die Wurzeln der Geschichten kennt, die man liest (oder ansieht). Und Märchen sind die Wurzeln der meisten Geschichten, die wir heute kennen. Das arme Mädchen, das unvermutet zur Prinzessin wird, generell das glückliche Ende, der Sieg des Guten über das Böse, Magie, Drachen, fantastische Wesen, moralische Werte und ganz viel Feenglanz – greifen wir doch mal wieder zu den guten alten Märchenbüchern. Sie haben es verdient.

Das Leben der Anderen

Kaum eine Beziehung ist so vielfältig und kompliziert wie die zwischen Schülern und Lehrern. Ist sie privat? Ist sie beruflich? Einerseits muss man als Lehrer hochprofessionell sein, was Benotung, Unterrichtsvorbereitung und Umgang mit den Eltern und ihren Schützlingen angeht, andererseits ist man doch oft viel mehr als Pädagoge – man ist Mutti, Trainer, Trostspender, Leitwolf, Psychologe, Lebensberater oder auch mal Punching-Ball. Seine Schüler sieht man häufiger als die eigenen Geschwister oder Eltern.

Und doch –

was weiß man eigentlich über die Menschen,

mit denen man fast jeden Tag viel Zeit verbringt?

Muss man da überhaupt was wissen?

Ich finde ja.

Wir alle leben von Anerkennung. Das ist es, was zählt. Selbst die abgebrühtesten Nullbock-Schüler bekommen dieses verdächtige Glitzern des Stolzes und der Freude in den Augen, wenn sie doch eine gute Note geschafft haben. Die glücklichen und erfolgreichen Lehrer schätzen an ihrem Beruf weniger die vielen Ferien (Klischee 1) und die horrenden Gagen (Klischee 2), sondern das, was man von zufriedenen Schülern und Eltern zurückbekommt: Anerkennung, Lob und Dank.

Und diese Anerkennung fällt uns leichter, je besser wir uns kennen. Wenn man (auch als Nichtfachlehrer) seine Schüler mal bei ihren Freizeitaktivitäten besucht, wenn sie mit ihrer Fußballmannschaft spielen, mit ihrer Band auftreten oder eine Rolle in einem Theaterstück tanzen. Wenn man einen Blick dafür bekommt, wie fleißig und engagieIMG_6517rt sie sein können, wenn ihnen etwas Spaß macht und das unglücklicherweise nicht das Fach ist, welches man selbst unterrichtet.

Umgekehrt wird natürlich auch ein Schuh draus. Ich trage gern mein Leben in die Schule. Bringe ab und zu mal meine Tochter mit, erzähle von meinem Buch oder lade Schüler zu mir nach Hause ein. Also manchmal. Die besonders Netten 😉

Auf diese Art und Weise verwandeln sich Schüler und Lehrer nämlich in eine Einheit von Menschen, die zufällig unterschiedlichen Alters sind, aber hervorragend miteinander arbeiten können – nicht weil sie müssen, sondern weil sie sich gegenseitig schätzen.

Klingt naiv und fürchterlich kitschig?

Ja.

Ist aber so.

Wenn früher alles besser war, weshalb machen wir’s dann nicht auch so?

Früher haben wir noch gerne draußen gespielt und mit unseren Freunden geredet, statt auf Smartphones zu starren. Früher waren wir noch dankbar für Klassenfahrten, dafür, dass Lehrer den Stress auf sich nahmen, mit unserer Horde in die Welt zu fahren, und haben das Zusammensein in den Jugendherbergen genossen, statt wie heute zu meckern, nur weil es sich nicht um ein 5-Sterne-Hotel handelt. Früher haben wir noch bitte und danke gesagt und hatten Respekt vor den Erwachsenen, nicht so wie heute, wenn man froh sein, kann, dass einem ein Kind wenigstens aus dem Weg geht, statt einen umzurennen.

Solche oder ähnliche Posts finden sich immer wieder in sozialen Netzwerken.

Ich frag mich dann immer: Wenn doch unsere Kindheit so anders und toll war – wieso sorgen wir dann nicht dafür, dass es für unsere Kinder auch so ist? WIR sind doch die Generation, die die nächste begleitet und erzieht.

  • aber wie sollen unsere Kinder auf Smartphones verzichten, wenn sie schon mit 6 welche geschenkt bekommen, feststellen, dass all ihre Freunde auch eins haben, und die Eltern keine Lust auf den Stress haben, den Umgang damit zu überwachen?
  • warum sollten sie draußen spielen, wenn sie sich nicht schmutzig machen dürfen und es überhaupt viel zu gefährlich ist?
  • wie sollen sie eine Klassenfahrt nach Pusemuckel zu schätzen wissen, wenn sie mit acht schon dutzendmal mit Mama und Papa in irgendwelchen Luxusresorts waren, in denen sie von morgens bis abends verhätschelt wurden?
  • wie sollen sie lernen bitte und danke zu sagen, wenn ihre Eltern ihnen das nicht vorleben? Ja, sich auch mal bei seinem Kind zu bedanken für die Kleinigkeiten, die es tut, damit es merkt, wie gut so ein Dank tut.
  • wie sollen sie Respekt vor anderen lernen, wenn sie sehen, wie wir Erwachsenen manchmal miteinander umgehen, uns anschreien, sofort rechthaberisch werden und uns beschimpfen, wenn wir unser Ego bedroht sehen?

Vielleicht versuchen wir mal, statt zu heulen, früher sei alles besser gewesen, das Heute so gut zu gestalten, wie wir es uns für unsere Kinder wünschen:

FullSizeRenderFullSizeRenderFullSizeRenderFullSizeRenderpersönlich, analog, dreckig, spannend, bescheiden, dankbar, freundlich, höflich, menschlich.

Der Trend geht zum Zweitbuch oder Kinder sind wie Schüler – sie hören nicht zu, aber gucken viel ab ;-)

Dass ich kein Freund der „schreib erstmal, wie du sprichst, später lernst du dann (nicht mehr), wie es richtig geht“- Maßnahme bin, wenn es um das Beibringen von Rechtschreibung geht (schließlich heißt es Rechtschreibung und nicht Hörschreibung), ist bekannt. Allerdings möchte ich kurz eine Lanze für das heimische Buchregal brechen, und zwar die Spezies, in der kein Nippes, diverse Troll- oder Elsa-Figuren aufgereiht sind, sondern in denen wirklich Bücher stehen. Denn unsere Kinder werden ja nicht nur von der Schule ausgebildet, sondern die Eltern haben auch noch ein Wörtchen mitzureden. Und vor allem ganz viele mitzulesen.

So, wie in der Erziehung gilt, dass Kinder anscheinend manchmal taub gegenüber unseren Anweisungen oder Ratschlägen sind, sich aber alles abschauen, was wir ihnen vofullsizerenderrleben, gilt auch für das Lesen: Kinder, die von Anfang an (also mit 6, nicht im Mutterleib) gerne und viel lesen, eignen sich schon unbewusst eine richtige Rechtschreibung an. Wörter, die man schon hundertmal gelesen hat, brennen sich ins Hirn. Wir erinnern uns doch alle, wie wir früher in Diktaten bei Unsicherheiten ein Wort in zwei Alternativen an den Rad gekritzelt haben, um uns dann für die Schreibweise zu entscheiden, die uns bekannter vorkam.

Also, lasst uns sein, wie Astrid Lindgren es uns gelehrt hat:

Sei frech und wild und wunderbar!

  • freche Leser toller, spannender, fröhlicher, unglaublicher Geschichten
  • wilde Bucheinkäufer
  • wunderbare Vorleser für unsere Kinder

Die Schulen bilden unsere Kinder aus und weiter, doch die Kraft zur Inspiration, die Macht des Vorbilds haben vor allem wir Eltern.