Ein Freitag im Mai. Einer dieser letzten wunderschönen Frühsommertage, bevor wieder zwei Wochen Regen angesagt sind. Die 9a hat normalerweise freitags vier Stunden Unterricht, von 08.05 bis 11.40 Uhr. Diese Woche hätte sie sogar nur zwei, da die dritte und vierte Stunde ausfallen – der Sportlehrer ist krank.
Doch anstatt die Schüler 100 Minuten früher ins Wochenende zu entlassen, bekommen sie zwei Stunden Vertretung aufgedrückt. Nicht, dass sich besorgte Eltern beschweren, dass ständig Unterricht ausfiele.
Moment. Beschweren sich Eltern nicht auch oft, dass die Schule immer anstrengender würde und die armen Kinder kaum noch Freizeit hätten?

Was denn nun.

Verstehen Sie mich nicht falsch – Vertretungsunterricht ist sicherlich sinnvoll, besonders, wenn ein Lehrer zum Beispiel wegen Krankenhausaufenthalt längerfristig ausfällt. Bei den kleineren Kindern hätten viele arbeitende Eltern ein Abholproblem, wenn ihre Sprösslinge plötzlich zwei Stunden früher Unterrichtsschluss haben.
Doch in diesem Fall handelte es sich um 15-Jährige an einem Freitag mit wunderbarem Wetter, bei denen zwei Stunden Sport ausfielen. Weder kannte ich (genau, mich traf die Vertretung) die Klasse, noch hatte der Fachlehrer Arbeitsmaterial hinterlegt (in Sport etwas schwierig), noch habe ich auch nur die allerkleinste sportliche Begabung.
Wäre es in einem solchen Fall nicht menschlicher und vernünftiger, die Jugendlichen gehen zu lassen?
Vertretungsunterricht ist dann sinnvoll, wenn er bei einem Fachlehrer stattfindet, der überdies am besten die Klasse kennt. Wir alle wissen, dass Schüler einen Vertretungslehrer in den seltensten Fällen ernstnehmen. Da kommen dann Sätze wie „hab mein Buch vergessen“, „die Aufgaben haben wir schon gemacht“, die vom Fachlehrer mit Bedacht auseinander gesetzten Strategen sitzen wieder nebeneinander, weil die Vertretung ja von nichts weiß, und alles endet irgendwie im Chaos und für beide Seiten unbefriedigend. Wie soll ich jemanden zur Ordnung rufen, wenn ich nichtmal seinen Namen kenne? In den 45 Minuten einer Vertretungsstunde schafft es der Lehrer gerade, sich einen Sitzplan malen zu lassen und genau zu notieren, wer arbeitet und wer nicht.

Nur, um das klarzustellen: Es geht mir nicht um mein eigenes Wochenende. Ich habe freitags sowieso bis halb zwei Schule, Vertretung hin oder her.

Aber ich denke, es handelt sich hier um ein schwieriges Thema, das einer gehörigen Portion gesunden Menschenverstandes bedarf.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.