Erziehung hat mich immer schon interessiert. Mit 5 Jahren war ich mir sicher, es „später mit meinen Kindern viel besser“ zu machen, wenn ich mich von Mama oder Papa ungerecht behandelt gefühlt habe, mit 15 glaubt man sowieso, die Weisheit gepachtet zu haben, und mit 25 war ich davon überzeugt, dass meine Schwägerin keine Ahnung von Erziehung hatte. Sie erzog meinen Neffen nach dem Prinzip „Der ist so süß, erstmal wird er verwöhnt, erziehen kann ich ihn später auch noch.“ Sie ließ sich ständig von ihm um den Finger wickeln und diskutierte alles mit ihm aus, statt irgendwann mal einen Punkt zu machen.

Um zwei Dinge klar zu stellen:

  1. Aus meinem Neffen ist mittlerweile ein toller junger Mann geworden. Grundanständig, gut drauf, verantwortungsbewusst, offen und herzlich. Viel kann meine Schwägerin also nicht falsch gemacht haben.
  2. Dennoch macht es mich heute noch rasend, wenn ich Eltern sehe, die ihren Kindern den Chefsessel überlassen und sich ihnen bei ihren gefühlt stundenlangen Diskussionen unterordnen.

Die kleine Marie ist vier, super süß und ganz entzückend. Solange sie ihren Willen bekommt und alles zu ihrer Zufriedenheit läuft. Ansonsten beginnt sie zu knatschen. Durchdringend. Ein Nein ignoriert sie grundsätzlich. Wenn ihre Eltern mich dann hilflos entschuldigend anschauen mit den Worten „so sind die Kinder eben heute“, möchte ich diese Erwachsenen am liebsten wachrütteln und lautstark vermuten, dass Kinder immer schon so waren, wie ihre Eltern sie erzogen haben. Maries Mama sagt nein. Es gibt keinen dritten Schokoriegel. Töchterlein mault. Mama bleibt zunächst bei ihrem Nein mit dem Hinweis, dass Marie doch sonst Bauchweh bekäme. Töchterlein schimpft. Mama versucht es noch ein paarmal mit nein, dann gibt sie nach mit der Ermahnung „du wirst schon sehen, was du davon hast.“

Was das Kind davon hat? Es hat gelernt, dass es immer seinen Willen bekommt, wenn es nur lange genug jammert. Egal, ob es letztendlich gut für sein eigenes Wohlbefinden ist.

Und warum mich das so annervt? Vermutlich, weil wir Lehrer (und vorher die Mitarbeiter der Kindergärten) es später auszubaden haben, wenn unter den 30 durchaus zauberhaften und liebenswerten Kindern vor uns auch einige sitzen, die kein Nein und keine klare Anweisung akzeptieren können, immer ihren Willen durchsetzen wollen, notfalls auch mittels Tobsuchtsanfall.

„Ach, im Kindergarten und in der Schule werden die schon erzogen“ ist ein Satz, den ich schon des öfteren gehört habe. Meist von liebevollen Eltern, die es nicht übers Herz bringen, ihrem Sonnenschein einen Wunsch abzuschlagen.

Danke auch. Lehrer und Erzieher sind aber nicht dazu da, die Erziehung der Eltern zu ersetzen. Erziehung ist und bleibt Elternsache. Mutter und Vater sind die ersten und engsten Bezugspersonen der Kinder, ihre Vorbilder. Wenn Eltern ihren Kindern vorleben „wenn du quengelst, bekommst du deinen Willen“, dann nehmen sie diese Verhaltensweise mit in die Welt, auch wenn Erzieher oder Lehrer ihnen zehnmal sagen, dass es so nicht läuft. Pädagogen sollen und können die Erziehung der Eltern fortführen und unterstützen, aber sicher nicht ersetzen.

Und Erziehung ist weniger  anstrengend, wenn man eben nicht erst mit zwei oder sechs Jahren damit anfängt, sondern wenn Kinder quasi schon mit der Muttermilch die Information aufsaugen, dass Nein Nein heißt, und dass Schreien, Quengeln, Wutausbrüche nichts bringen. Dann nämlich versuchen die Kleinen es irgendwann auch nicht mehr. Oder zumindest nur dann, wenn ihnen etwas wirklich wichtig ist. Berechtigt wütend sein und wütend sein aus Prinzip oder zur Manipulation sind völlig verschiedene Dinge. Die Trotzphasen sind gut und wichtig für die Kleinen, um groß zu werden, sich abzunabeln und die Grenzen auszuloten. Das heißt aber, dass es Grenzen geben muss. Wo diese liegen, bleibt allen Eltern selbst überlassen. Die einen sind strenger bei Tischmanieren, dafür lockerer im Umgang mit aufräumen. Den anderen ist eine gewisse Grundordnung wichtig, dafür lassen sie die Zügel lockerer bei anderen Dingen.

Grenzen konsequent durchzusetzen hat doch nichts mit Willen brechen zu tun oder mit einer Missachtung der kindlichen Persönlichkeitsrechte. Natürlich darf meine kleine Madame ihre Wünsche äußern, und sie kann sich sicher sein, dass diese auch ernst genommen werden. Aber wenn sie bei 5 Grad ohne Strumpfhose im Sommerkleidchen in die Kita losziehen möchte, bleibe ich natürlich bei meinem Nein. Ich erkläre ihr warum, und gut ist. Natürlich darf sie mich davon überzeugen, dass es sinnvoller ist, drei Stunden bei ihrer Freundin zu bleiben als die geplanten zwei, aber wenn wir uns im Straßenverkehr befinden und ich „Stopp!“ rufe, hat sie stehenzubleiben. Ohne Diskussion. Wenn sie sich nicht daran hält, kommt das Fahrrad beim nächsten Einkauf eben nicht mit. Wenn man das einmal konsequent durchzieht und die Kinder begreifen, dass bei „drei“ wirklich etwas passiert, hören sie beim nächsten Mal zu.

Und wenn sie sich an die wenigen Regeln, die Mama und Papa zu ihrem Wohl aufgestellt haben, nicht halten, müssen sie mit den (sinnvollen) Konsequenzen leben.

Wenn wir unsere Kinder zu kleinen Tyrannen werden lassen (und seien sie noch so süß und liebenswert), tun wir ihnen den geringsten Gefallen. Wie sollen sie mit Niederlagen oder Absagen später im Leben zurecht kommen, wenn sie von uns lernen „Rede lange genug auf mich ein, dann kriegst du deinen Willen.“ Heutzutage rasten Kinder in der Schule aus, weil der Lehrer ihnen sagt, er habe JETZT keine Zeit, sie mögen SPÄTER mit ihrem Anliegen kommen. Auch unter meinen Schülern sind viele, die meinen, andere müssten ihnen jederzeit, sofort und auf der Stelle zur Verfügung stehen. Draußen in der Welt müssen wir uns doch auch an höfliche Umgangsregeln, Fristen und Gesetze halten, Punkt. Selbstverständlich sollen unsere Kinder lernen, starre Regeln zu hinterfragen. Sinnvolles von Unnützem zu unterscheiden. Sie sollen auch lernen zu diskutieren, ihren Standpunkt durchzusetzen. Aber genau so müssen sie lernen, Rücksicht auf andere zu nehmen, zuhören und abwarten zu können und den Rat (oder auch manchmal die Anweisung) von anderen anzunehmen.

Wie seht ihr das?

Mit diesen und ähnlichen Themen schlagen sich auch die Eltern und Lehrer in meinem Roman „Von ganzem Herzen mangelhaft“ herum ;-), zum Beispiel auf epubli.de oder auch bei amazon.de

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