Was wäre, wenn die Mutter zur Lehrerin sagen würde:

Gib ein wenig auf mein Kind Acht. Ich weiß, du bist eine Idealistin, aber du hast auch noch 29 andere Kinder vor dir sitzen. Dennoch. Es ist mein Kind und damit für mich etwas Besonderes, Einzigartiges, ungemein Wertvolles. Ich weiß, was es alles kann, wie man es am besten motiviert, und wie man es zum Lächeln bringt. Meine Sorge ist, dass du viele seiner Begabungen und guten Eigenschaften nicht erkennst, weil sie im Alltag des Schulbetriebes untergehen oder erst gar nicht gefragt sind. Vielleicht wertest du seine unstillbare Neugier, sein ständiges Interesse als vorlaut oder störend. Wenn es müde ist oder deprimiert von Streitereien mit Mitschülern oder von der schlechten Arbeit, die es in der Stunde zuvor zurückbekommen hat, erscheint es dir vielleicht einfach nur desinteressiert oder launisch. Und dann hast du keine Zeit, drauf zuzugehen und es wieder aufzubauen. Vielleicht schaust du es sogar böse an, damit mein Kind wieder funktioniert. Woher sollst du wissen, wie sozial mein Kind ist und wie toll es mit Jüngeren umgeht, wenn es sich in seiner eigenen Klasse unwohl fühlt und von anderen abgelehnt wird? Wenn es deshalb ständig mies gelaunt ist, sich zurückzieht oder sogar aggressiv wird und andere angreift oder beleidigt, weil es sich anders nicht zu helfen weiß. Woher sollst du wissen, dass es sämtliche griechische Göttersagen kennt, dichtet, seit es fünf ist oder sich im Urlaub fließend auf englisch unterhalten kann, wenn es zu schüchtern ist, so etwas zu erzählen, oder wenn dieses Wissen in deinem Matheunterricht völlig unbrauchbar ist? Versteh mich nicht falsch, ich möchte keine Sonderbehandlung für mein Kind, ich wünsche mir nur, dass ein bisschen von dem Zauber, den ich in ihm sehe, auch von dir gesehen wird. Dass du immer ein offenes Ohr für seine Sorgen haben wirst und auch mir vorurteilsfrei zuhören kannst, sollten wir uns mal begegnen.

Was wäre, wenn die Lehrerin zur Mutter sagen würde:

Gib ein wenig auf dein Kind Acht. Ich weiß, du bist eine umsichtige Mutter, aber manchmal entwickelt man als Eltern eine Art Tunnelblick (das kenne ich selbst) und möchte Probleme nicht wahrhaben. Auch wenn unser Kind zuhause fröhlich, zufrieden und umgänglich ist, kann sich dieses Verhalten in der Schule umkehren. Wir waren alle mal jung und wollten gegenüber unseren Klassenkameraden besonders cool wirken. Deshalb stört ein Kind manchmal absichtlich den Unterricht oder versucht den Lehrer zu provozieren. In solchen Momenten wünsche ich mir, deine Rückendeckung zu haben. Eben weil du dein Kind viel besser kennst als ich. Aber ich sehe auch seine vielen guten Seiten. Ich bemerke, ob es im allgemeinen leicht mit dem Lernstoff klarkommt, mit seinen Mitschülern und Lehrern. Wir Kollegen reden über eure Kinder und ich weiß, dass dein Kind zwar in meinem Fach nicht das Beste ist, dafür aber ein großes Sprachtalent besitzt. Trotzdem ist ein Grundinteresse auch an ungeliebten Fächern Voraussetzung dafür, dass es gute Noten bekommt. Lehrer freuen sich nicht, wenn der Rotstift es mal so richtig krachen lassen kann, uns wäre es am liebsten, wenn wir nur Einsen und Zweien verteilen könnten. Aber wir wissen auch, dass Noten nicht alles bedeuten. Deshalb mach deinem Kind keinen Druck, wenn es die erste Fünf seines Lebens schreibt. Es ist selbst schon enttäuscht genug. Eine Drei im Hauptfach ist auch okay. Und wenn ich ein Problem deines Kindes nicht mitbekomme, weil es zum Beispiel in den Pausen von anderen gemobbt wird, dann sprich mit mir darüber. Nur dann kann ich helfen, denn wenn ich deinem Kind mal eine Vier geben muss, heißt das nicht, dass ich es nicht mag, sondern dass seine Leistung in diesem Fach eben nur ausreichend war. Manchmal geht mir die ganze Notengeberei selbst gegen den Strich, weil ich weiß, dass ein paar Zahlen auf einem Blatt Papier wenig über dein Kind als Mensch aussagen. Damit wir beide deinem Kind helfen können durch den Schuldschungel wünsche ich mir, dass du auch mir vorurteilsfrei zuhören wirst, sollten wir uns mal begegnen.

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