Wurzeln und Flügel.

Das ist die Antwort, die unsere Kindergartenleiterin ins Gruppenfotobuch schrieb auf die Frage, was sie „ihren Kindern“ für die Zukunft wünsche. Starke Wurzeln, um kräftige Flügel wachsen zu lassen.

Wir alle wollen unsre Kinder behüten, schützen, sie vor allem Unheil bewahren. Das ist unser natürlichster Elterninstinkt. Manchmal, auf dem Spielplatz, würde ich andere Kinder gern mit Sand bewerfen, weil sie nicht mit meiner Tochter spielen wollen (tu ich natürlich nicht 😉 Wenn sie Streit im Kindergarten hat und lieber zuhause bleiben will, würde ich sie natürlich am liebsten im Arm halten und sanft durch den Tag wiegen. Tu ich natürlich auch nicht. Nein, sie muss da allein durch. Mit tröstenden Worten meinerseits und liebevollem Kuscheln, aber letztendlich muss sie ihr kleines tägliches Päckchen selber schnüren. Denn natürlich will ich sie auch bereit machen für die Zukunft, damit sie sich eines Tages, wenn Spinat und Bananenpfannkuchen sie groß und stark gemacht haben, allein zurecht findet in der Welt. Und dafür muss sie auch scheitern lernen, den Umgang mit dem Frust.

Vor ein paar Tagen hatten wir Elternkaffee in der Kita, eine schöne, gemütliche Tradition einmal im Monat. Die Eltern, die Lust und Zeit haben, treffen sich mit der Kitaleitung auf einen zwanglosen Schwatz bei Kaffee und Keksen. Man kann sich austauschen, lustige Erzählungen der Kinder zitieren oder um Rat fragen. Unsere „Chefin“, mit einem Herz aus Gold und einer Stimme aus Feuer berichtete uns von den großen und kleinen Erfolgen unserer Mäuse. Dass sie sie in allen Bereichen lobe und unterstütze, aber eben auch durchausmal kritisiere, wenn es angebracht ist. Eine Mutter meinte, man müsse seine Kinder doch eigentlich immer loben, und natürlich liegt der Gedanke nahe, dass sich aus vielgestreichelten Seelen selbstbewusste Charaktere entwickeln, doch als Lehrerin muss ich auch gestehen, dass mir immer häufiger Kinder begegnen, die so gar nicht mit (berechtigter) Kritik umgehen können. Sie weinen über eine 3+, rasten aus, wenn sie etwas nicht sofort können oder verzweifeln in Grund und Boden, weil das Zeugnis nicht so aussehen wird, wie sie es sich erhofft hatten.

In dem wunderschönen Buch „Ronja Räubertochter“ wird eine Mutter-Tochter-Beziehung geschildert, wie ich sie mir immer zum Vorbild genommen habe: Eine Mutter, die im Prinzip immer da ist, ansprechbar, tröstet, zuhört, erklärt, aber die ihrem Kind alle Freiräume lässt, die (durchaus nicht immer ungefährliche) Welt selbst zu entdecken. Wie eine Seiltänzerin mit Sicherheitsnetz. Die Mutter ist das Netz, aber über das Seil schaffen muss es das Kind allein. Wenn es fällt, fängt die Mutter es auf und lässt ihr Kind einen neuen Versuch wagen. Wenn ich etwas nicht kann, oder mir Gegenwind den Atem raubt, habe ich zwei Optionen: Aufgeben, weil es mir nicht wichtig ist, oder erst recht Gas geben und versuchen, besser zu werden. Niemand von uns kann alles. Niemand von uns gefällt jedem. Nicht im Alltag, und in der Schule erst recht nicht. Oft habe ich den Eindruck, Schüler und Eltern halten nur Einsen und Zweien für akzeptable Noten. Und Kritik des Lehrers an der Leistung sei Kritik an der Persönlichkeit des Kindes. Warum ist es nicht völlig okay, in seinen Glanzfächern Einsen und Zweien, und  im Rest Dreien zu haben? Warum darf man sich nicht auch mal eine Vier in einem Fach leisten, das einem nunmal gar nicht liegt? Ist es im Kitaalter nicht völlig okay, zu bauen wie ein junger Gott, aber zu malen wie ein Hamster?

Natürlich möchte ich, dass mein Kind später beruflich alle Chancen hat, dazu gehört auch ein guter Notenschnitt. Doch ich möchte auch, dass es lernt, sich von der ein oder anderen Niederlage nicht abschrecken zu lassen auf dem Weg zu seinem wie auch immer gearteten Ziel. Dass es auf sich selbst vertraut und verlässt. Und nicht eines Tages eine vielversprechende Zukunft hinschmeißt, weil sein Chef es einmal zur Schnecke gemacht hat.

Deshalb wünsche ich meinem Kind auch starke Wurzeln und Flügel: Wurzeln, indem ich ihm mitgebe, dass ich es uneingeschränkt liebe und unterstütze, dass es alle Fähigkeiten hat, seinen Weg zu gehen. Indem ich ihm Wege aufzeige, mit Misserfolgen klarzukommen, damit es kräftige Flügel entwickelt, um sowohl hinaus in die Welt, als auch ab und zu wieder zu Mama und Papa nach Hause zu fliegen – sei es, weil der eigene Kühlschrank leer ist, weil man einen Babysitter für die Enkel braucht oder einfach nur, weil man gern zu seinen Wurzeln zurückkehrt.

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