Toleranz und Nächstenliebe, ein im Moment vieldiskutiertes Thema. Mir geht es heute allerdings nicht um verschiedene Religionen oder Nationalitäten, sondern um den sogenannten Generationenkonflikt. Was ist das, wozu ist es gut, und wer zum Donnerdrummel hat es erfunden?

Der Begriff „Generation“ ist schon schwierig, weil er Menschen scheinbar voneinander trennt bzw. in verschiedene Schubladen ordnet, die eigentlich sehr viel miteinander gemeinsam haben. Schade eigentlich, wenn „meine Generation“ davon ausgeht, dass die „Jugend von heute“

  • keinen Respekt mehr vor dem Alter hat
  • nichts kann, aber alles besser weiß
  • Zeit mit Unwichtigkeiten vertrödelt, statt sich aufs Wesentliche zu konzentrieren
  • immer oberflächlicher wird und keine Werte mehr hat.

Oder wenn „meine Generation“ der Jugend unterstellt, dass sie über das „Alter“ (was auch immer das ist) denkt:

  • stur und rechthaberisch
  • mit denen kann man nicht reden
  • kein Verständnis für die Jugend
  • hören nie zu, aber wissen alles besser

Ich arbeite selbst in einem Beruf, in dem ich mit mehreren Altersklassen zu tun habe. Und auch ich rege mich manchmal darüber auf, wenn ich Kollegen über die „schreckliche Jugend von heute“ reden höre und mich frage, ob sie sich an ihre eigene Jugend denn so gar nicht erinnern können? Mit 16 lagen nunmal die Prioritäten nicht in der Schule, sondern in existenziellen Fragen. Mann wurde erwachsen, musste sich selbst finden, sich gegen andere behaupten und seine Zukunft planen. Die ewig mobbende Mädelsqlique zu überleben war weit wichtiger, als in Mathe eine 2 zu schreiben. Und auch die Jugendlichen wirken auf mich manchmal durchaus sehr kalt in ihrer Schwarzweißmalerei, und unbarmherzig, wenn es für sie nur richtig und falsch und anscheinend keine Zwischentöne gibt.

Doch sollten wir uns nicht mehr auf das Verständnis des Menschen an sich konzentrieren – ohne auf das Alter zu schauen. Denn die Lehrer waren früher auch mal Schüler. In der Regel wissen sie (noch), wie sich Jungsein anfühlt, mit welchen Problemen man sich herumschlägt. Die Waffen haben sich geändert, doch die Probleme sind seit Anbeginn der Zeit dieselben geblieben. Und die Jugendlichen sind die Zahnärzte, Bankangestellten oder Lehrer von morgen – die in zehn, zwanzig Jahren vielleicht unsere Zahnschmerzen heilen, Kredite verteilen oder unsere Enkel unterrichten. Und das genau so gut oder schlecht, wie „unsere Generation“ es ihnen beibringt. Wenn man die Menschen schon in Generationen unterteilen muss, dann darf man aber auch die guten Seiten nicht außer Acht lassen, oder?

Junge Menschen sind (Ausnahmen bestätigen die Regel)

  • offen für alles, interessiert an Diskussionen
  • sind geradeheraus und haben noch nicht gelernt, sich zu verstellen
  • hören auf ihr Herz und ihr Bauchgefühl

ältere Menschen sind (Ausnahmen bestätigen die Regel)

  • erfahrungsreicher und haben schon viele Abgründe gesehen
  • wissen vieles und kennen einige Problemlösungsstrategien
  • haben schon einiges in ihrem Leben geleistet

Allein dafür gehört all diesen Menschen Respekt. Doch sie sind so viel mehr als das.

Zum Schluss noch eine kleine Anekdote: Ein Alters- oder Pflegeheim hatte die Idee, nicht nur die Portraits ihrer Patienten bzw. Bewohner aufzuhängen, sondern zu jeder dieser Persönlichkeiten eine Collage mit Fotos von ihrer Kindheit bis ins hohe Alter. So sahen die Pfleger nicht nur die Alten, sondern die Menschen an sich, die genau wie die Pfleger früher einmal Pläne und Hoffnungen hatten, gekämpft haben, wichtige Aufgaben in ihren Berufen und Familien erfüllt haben. Vielleicht sitzt Frau Müller jetzt sabbernd in ihrem Rollstuhl und erkennt nichtmal mehr ihre Tochter, doch sie ist deshalb nicht weniger wert. Frau Müller hat mit 17 viele Sportpreise im Schwimmen gewonnen, drei Kinder zur Welt gebracht und großgezogen und 40 Jahre lang einen Kindergarten geleitet. Lutz, der Pfleger, arbeitet viel und verdient wenig. Seinen Schulabschluss hat er mit Ach und Krach geschafft. Doch er wird in seinem Leben nach einer Zusatzausbildung seine eigene Physiotherapiepraxis eröffnen und vielen Menschen helfen. Er wird einen Sohn zeugen, der später Arbeitgeber von 300 Angestellten sein wird, und er wird ein liebevoller Vater, Ehemann und Großvater sein.

Frau Müller und Lutz gehören nicht zur älteren oder jüngeren Generation. Sie gehören in keine Schublade. Sie sind großartige Menschen. Frohen ersten Advent!

 

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