Herr Kunzmann mag mich nicht. Der gibt mir schlechtere Noten als Sie früher.

Wenn man als Lehrerin diese Worte über einen sehr geschätzten Kollegen hört, kann das vielerlei bedeuten:

  • ich mag Sie und vertraue Ihnen meinen Kummer an.
  • ich will Sie als Lehrerin zurückhaben!
  • Herr Kunzmann ist doof.

Punkt eins und zwei schmeicheln mir natürlich, aber Punkt drei bringt mich in einen Interessenkonflikt: Ich mag Herrn Kunzmann sehr und halte ihn auch für einen prima Lehrer. Aber auch die Schülerin mag ich und kenne sie als fleißige, zuverlässige Mitgestalterin des Unterrichts. Hm. Ich will weder nach der üblichen „Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus“-Methode einfach die Worte meiner Schülerin abtun, noch möchte ich meinen Kollegen in Verruf bringen lassen. Mein erster Impuls ist, diesen zu verteidigen.

Kann ich mir nicht vorstellen. Hast du ihn mal darauf angesprochen?

Nein. Natürlich nicht, dann werden die Noten ja noch schlechter.

Ja, Lehrerwechsel sind schwierig. Pädagogen sind unterschiedlich streng, unterschiedlich anspruchsvoll, unterschiedliche Persönlichkeiten. Während die Chemie mit dem einen aufs Geratewohl stimmt, muss sich der andere das Vertrauen seiner Klasse hart erarbeiten, beim Dritten klappt es vielleicht gar nicht.

Dennoch habe ich selbst als Lehrerin (und Schülerin, Studentin, Referendarin) folgende Erfahrungen gemacht:

  • im Detail kann man sich streiten, aber im Großen und Ganzen geben Lehrer einer Arbeit sehr ähnliche Noten
  • eine Lehrer-Schülerbeziehung funktioniert nur, wenn beide Seiten offen sind. Ein „der mag mich eh nicht“ ist natürlich ein Totschlagargument, das jede mögliche Verbesserung der Situation im Keim erstickt
  • nur sprechenden Menschen kann geholfen werden. Die Angst, die eigene Note könnte sich verschlechtern, wenn man einen Lehrer auf seine eigene Unzufriedenheit anspricht, ist verständlich, aber im Regelfall unbegründet: Lehrer sind grundsätzlich den Menschen zugewandte Persönlichkeiten (fragwürdige Ausnahmen gibt es immer) und freuen sich über jeden Schüler, der freundlich (!) mit ihnen spricht. Klar – wenn ich als frigide Alte bezeichnet werde, die keine Ahnung hat, widerstrebt mir ein positiv gestimmtes Überdenken meiner Beurteilung natürlich. Aber wenn mir ein Schüler höflich erklärt, dass er sich doch anstrenge und mich fragt, woran seine „schlechte“ Beurteilung liege, fühle ich mich nicht kritisiert oder beleidigt, sondern um meinen Rat gefragt. Zuzuhören und zu fördern ist schließlich mein Job.

Natürlich mache ich nicht sofort aus meiner 3 eine 2, nur weil XY so nett fragt, aber zumindest kann ich im Folgenden etwas genauer auf den Betreffenden achten – und ihm beim nächsten Gespräch entweder eine bessere Note geben oder eine noch begründetere Auskunft darüber, weshalb ich an meiner Beurteilung festhalte.

Ja, Lehrer ist manchmal ein verdammt harter Job.

Ja, die Jugend von heute ist schlimm.

Aber nicht schlimmer als wir früher. Und so, wie wir früher als Schüler unsere Ängste hatten und das Gefühl, der Lehrerwillkür „da oben“ ausgeliefert zu sein, ist das heute auch oft. Deshalb ist Kommunikation so wichtig. Was meinen Schülern, glaub ich, ganz gut hilft, ist, dass ich ihnen immer am Anfang, wenn ich einen Kurs neu übernehme, genau sage, was ich erwarte. Worauf ich achte. Nach ein paar Wochen mache ich – je nach Kursatmosphäre und Alter der Kinder – eine anonyme oder persönliche Evaluation zu meinem Unterricht um zu schauen, ob / wie alle klarkommen. Auch ich verteile durchaus Fünfen, aber bisher gab es noch keine Einsprüche. Ich hoffe, weil meine Schüler immer wissen, woran es liegt, und nicht, weil sie Angst vor mir haben 😉

Der häufigste Grund, warum Gespräche misslingen, ist, dass wir zu wissen meinen, was unser Gegenüber uns sagen will und ihm eine bestimmte Absicht unterstellen.“ (Nayoma de Haen)

Ein „mangelhaft“ unter einer Arbeit heißt nicht „du bist doof, und Doofe mag ich nicht“, sondern – laut offiziellen Vorgaben: „Die Leistungen entsprechen den Anforderungen nicht, lassen jedoch erkennen, dass die notwenigen Grundkenntnisse vorhanden sind und die Mängel in absehbarer Zeit behoben werden können.“

Also:

  • falsche Einstellung: Der Lehrer mag mich eh nicht, da kann ich machen was ich will.
  • richtige Einstellung: Dann ändere ich ab sofort meine Lernstrategie und hole mir Hilfe.

Auf gute Gespräche und ein zufriedenstellendes Zeugnis am Ende dieses Schuljahres 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.