„Kafkas Probleme manifestieren sich in der Unsicherheit des Protagonisten K. Das Gericht steht für seinen Vater.“

„Seh ich auch so. Die Machtlosigkeit K’s gegenüber der gerichtlichen Willkür ist quasi nachzulesen in seiner Biografie.“

„Man kann aber auch mal andersrum denken.“

„Muss man aber nicht.“

„Jetzt halt doch mal die Klappe. Nein. Was ist denn, wenn der Prozess symbolisch für den Weg steht, den alle, also wir, den wir alle gezwungen zu gehen haben verpflichtet — sind…“

„Sehr kafkaesker Satzbau.“

„Muss man das denn interpretieren? Kann man das Werk nicht einfach genießen und so stehen lassen?“

„Ja. Am besten im Regal.“

„Im Regal der Buchhandlung.“

„Ich würde vielleicht argumentieren, dass die komplette Handlung ein Traum ist. Wenn man träumt, ist ja manchmal auch alles völlig durcheinander und ergibt keinen Sinn. Personen spielen eine Rolle, die im wahren Leben niemals aufeinander getroffen sind.“

„Finde ich gut. In dem Traum kommen alle Personen vor, die in Kafkas Leben eine wichtige Rolle gespielt haben: Der strenge, polternde und doch irgendwie wohlmeinende Onkel ist sein Vater, Fräulein Bürstner Felice Bauer, die ganzen anderen nymphomanischen Frauen irgendwelche Bekannte oder Kolleginnen, die er mal attraktiv fand, seine Vermieterin, Frau Gruber, vielleicht eine der Angestellten aus seiner Kindheit, die ihn großgezogen haben. Die Wächter personifizieren dabei irgendwelche Autoritäten, vor denen Kafka Angst hat. Lehrer, Vorgesetzte…“

„Und über allem thront das Gericht, der Prozess, dieses dumpfe Gefühl seines Lebens: Unsicherheit und Machtlosigkeit.“

„Vermutlich ist alles aber auch ganz anders. Unsere Lehrerin hat das Buch geschrieben und uns Fake-Reclams untergejubelt, weil sie so an uns hängt und will, dass wir alle durchs Abitur rasseln. Der Prozess ist eine Metapher für unseren Lernprozess: Irgendwie sind wir alle verhaftet, aber niemand weiß, wohin das führt. Wir wachen morgens auf, und statt unseres Frühstücks bekommen wir eine WhatsApp unserer Deutschlehrerin, in der steht, dass wir alle dem Untergang geweiht sind.“

„Und wer ist dann der Wächter, der unsere Wäsche in Verwahrung nehmen will? Das macht mir Angst.“

„Die Wäsche ist natürlich ein Symbol für all unsre nicht gemachten Hausaufgaben, die sie einsammeln will.“

„Also ist Frau Ä der Wächter.“

„Die Wächter.“

„Die Wächterin.“

„Nein. Die Wächter. Es sind zwei. Frau Ä ist die Wächter. Oder sind die Wächter?“

„Würde passen. Die zwei Seiten einer Lehrerin. Mal gut gelaunt, mal schlecht.“

„Nein, das ist mir zu platt. Frau Ä ist das Gericht. Aufseher, Wächter, Advokaten und so weiter sind ihre… Organe. Also die Gerichtsorgane. Augen, Ohren, Hirn…“

„Ich möchte aber wirklich mit niemandem. Wirklich, mit NIEMANDEM darüber diskutieren, was die Prüglerszene in dieser Interpretation zu bedeuten hat.“

„Ich weiß jetzt nicht, ob das richtig ist, aber Kafka hat doch diese Parabel über die Maus geschrieben. Vielleicht hat er sein eigenes Werk metaphorisch in dieser Parabel verarbeitet: Deutschunterricht ist eine Mausefalle. „Der Prozess“ ist Käse. Und vor der Falle, der wir entfliehen könnten, wartet das Leben mit all seinen Gefahren.“

„Dann hätten wir aber eine Antithese zwischen Leben und Kafka lesen. Supi, ich nehme das Leben. Ein Dilemma, das nicht wirklich eins ist.“

„Vielleicht handelt es sich nicht um keine Antithese, sondern eine Klimax der Grausamkeiten: Zwei Stunden Kafka, 5 Stunden Spanisch, den Rest des Tages Klavierunterricht und Hausaufgaben.“

„Wie gesagt: Vielleicht ist alles nur ein böser Traum.“

„Der Deutschunterricht?“

„Nein, du. Frau Ä, machen Sie sich nichts draus, der hat keine Ahnung.“

„Vorsicht, Madame, du bewegst dich auf ganz dünnem Eis.“

„Nur weil ich die Wahrheit sage?“

„So. Das reicht mir jetzt. Ich geh.“

„Ich auch.“

Alle gehen.

Frau Ä: Aber lasst eure Aggressionen nicht wieder hier rumliegen, sondern nehmt sie mit.

Alle sind weg, Frau Ä sitzt allein im Raum. Plötzlich merkt sie, dass ein Schüler noch da sitzt.

„Was ist?“

„Mein Leben hat nur zwei Ausgänge: Entweder ich bleibe hier und präsentiere mich damit als der Streber, für den mich alle halten, oder ich gehe hinaus in die Welt und zeige mich im nächsten Unterricht als der Streber, für den mich alle halten. Alles ist sinnlos. Was ich auch tue, das Leben gleicht einer Mausefalle, vor deren Ausgang eine Katze wartet.“

Schülerin von draußen: „XY, jetzt komm!“

Schüler XY: „Sehen Sie.“

Verschwindet.

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