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Eine kleine Liebeserklärung an mein altes Märchenbuch

Ich liebe Disney-Filme. Das mal vorweg. Und ganz besonders die Märchenfilme. Schneewittchen, Cinderella, Dornröschen… Und doch gab es meinem Herzen einen kleinen Stich, als eine Schülerin aus meiner Oberstufe sagte:

„Märchen? Kenn ich nicht. Nur die Disneyfilme.“

Hm. Abgesehen davon, dass ich nicht verstehe, wie man eine schöne Kindheit verleben kann, ohne dass einem Märchen vorgelesen werden, frage ich mich, was mich an der Aussage so stört. Märchen sind Volksgut und durch die zunächst mündlichen Überlieferungen auch immer Veränderungen unterworfen. Frankreichs Cinderella unterscheidet sich von unserem Aschenputtel nicht weniger, als sich Disneys Aurora vom Grimmschen Dornröschen unterscheidet. Ist das schlimm? Schadet es jemandem?

Meistens versuchen die Verfilmungen (nicht nur die von Disney) sogar, inhaltliche Lücken oder logische Schwachstellen der alten Originale zu füllen. Wirkt die Stiefmutter aus „Rapunzel“ merkwürdig unbestimmt, schattenhaft im Original, wird in „Rapunzel-neu verwöhnt“ doch sehr schön dargestellt, aus welchen Motiven heraus diese Frau handelt. Erscheinen die Originalfiguren doch eher als Stereotypen, bekommen sie in den Verfilmungen einen Charakter. Manchmal geht das Ganze aber auch nach hinten los, und die eigentliche „Botschaft“ geht verloren:

Während in Grimms „Dornröschen“ der 100jährige Schlaf eine Strafe für den selbstherrlichen König darstellt, der eine der 13 Feen nicht zur Taufe seiner Tochter eingeladen hat, erscheint Malefiz in der Disney-Version einfach nur als böse, machtbesessene Fee. Während in Grimms „Aschenputtel“ die Ball-Kleider der Heldin vom Baum der Mutter herabfallen, eine wunderschöne Metapher dafür, dass die Seelen unserer Eltern auch nach ihrem Tod auf uns achten, erscheint in „Cinderella“ die gute Fee, die alles deichselt.

S516137066ei es, wie es will, jedem das Seine, aber ich bin der Meinung, dass jedes Original Respekt verdient. So, wie uns allen der Wunsch nach Wissen über unser Herkunft innewohnt, nach unseren Wurzeln, ist es bereichernd, wenn man die Wurzeln der Geschichten kennt, die man liest (oder ansieht). Und Märchen sind die Wurzeln der meisten Geschichten, die wir heute kennen. Das arme Mädchen, das unvermutet zur Prinzessin wird, generell das glückliche Ende, der Sieg des Guten über das Böse, Magie, Drachen, fantastische Wesen, moralische Werte und ganz viel Feenglanz – greifen wir doch mal wieder zu den guten alten Märchenbüchern. Sie haben es verdient.

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