Ich werde die Traummutter bei jedem Elternsprechtagstermin.

Das habe ich lange behauptet.

Weil ich doch selbst Lehrerin bin und weiß, wie anstrengend dieser Beruf ist, wieviel Herzblut man hineinsteckt, wenn man engagiert ist, und wie selten man Dank erhält.

Wenn meine Tochter eines Tages in die Schule kommt, werde ich dankbar der Klassenlehrerin um den Hals fallen, ihr rückhaltlos in allem meine Unterstützung zusagen und ihr im Grunde mein volles Vertrauen aussprechen.

Dachte ich.

Meine Tochter ist jetzt Vorschulkind. Letztes Jahr Kindergarten. Und als mir die Mutter der besten Freundin meiner Tochter freudestrahlend und stolz wie Oskar erklärte, dass Magda (Name geändert) hervorragend bei dem Vorschultest abgeschnitten habe, waren unerklärlicherweise meine Reaktionen anders, als gedacht.

Erwartet hätte ich von mir reife, gelassene Gedanken wie

  • oh wie toll, ich freu mich für dich! Meine Kleine wird auch super gewesen sein, ich kenne sie ja, wenn nicht, ist auch nicht schlimm, Kinder entwickeln sich ja unterschiedlich
  • wieso weiß ich nichts von dem Test? Naja, wenn es Probleme gegeben hätte, hätte es mir jemand gesagt.

Stattdetiger-591359_1920ssen schien plötzlich ein großes
Raubtier in mir zu erwachen, zu
knurren, die Zähne zu blecken und sich geschmeidig, aber nicht weniger gefährlich aufzurichten. Die Gedanken, die ich tatsächlich hatte, lauteten eher

  • weshalb weiß ich nichts von dem Test? Was war da los? Hat was nicht geklappt? Wenn meine Tochter schlecht abgeschnitten hat, dann doch nur, weil sie vielleicht keine Lust hatte oder der Test doof war. Das wissen die im Kindergarten dann nicht und stufen sie als dumm ein, und dann? Hören die in der Grundschule, dass meine Tochter nicht schlau genug ist und sie wird ihr ganzes Leben mit diesem Makel…

Ich habe mich sehr über mich selbst erschreckt, habe ich doch bisher immer ein „Mütter dieser Welt, haltet zusammen“-Transparent in der Hand gehalten, bin gegen diesen ganzen Vergleichsmüll („mein Kind kann noch nicht so gut laufen / essen / malen / schwimmen wie deins“) und generell sehr entspannt, was die Entwicklung von Kindern angeht.

Was war da also los?

Ich weiß es nicht. Vielleicht war es das sprichwörtliche „Muttertier“, das sich da in mir geregt hat. Das kann ja spannend werden, wenn meine Tochter tatsächlich in die Schule geht. Werde ich da das Gefühl haben, mein Kind gegen alles und jeden verteidigen zu müssen, egal, ob das gerade notwendig ist oder nicht? Werde ich zu einer dieser schrecklichen Helikoptermütter, die wegen jeder Kleinigkeit in die Schule rennen um ihr armes Kind vor ignoranten Lehrern, ungerechten Noten und einem bösen Leben zu retten?

Ich hoffe doch nicht. Ich habe den Tiger jetzt im Griff und füttere ihn täglich mit gesundem Menschenverstand. Und ich verstehe jetzt alle Mütter und Väter besser, die manchmal so seltsam misstrauisch bei Elternsprechtagen vor mir sitzen. Außerdem mag ich die beste Freundin meiner Tochter sehr gern und ihre Eltern übrigens auch. Magda ist ein tolles Kind, und ich gönne ihr den Erfolg von Herzen. Und auch die tollen Erzieherinnen in unserem Kindergarten haben mein Vertrauen.

Letztendlich kam übrigens heraus, dass mein Nachwuchs ebenfalls prima abgeschnitten hat, nur so nebenbei-

damit der Tiger sich wieder hinlegt und weiterschlafen kann.

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