Ich weiß, Lehrer sollen keine Lieblingsschüler haben. Hab ich auch nicht. Ich hab eine Lieblingsstufe, und  zwar die  Q2 unseres diesjährigen Jahrgangs. Warum? Ich hab manchem schon vor zwei Jahren die ein oder andere 5 oder die ein oder anIMG_0839dere Ermahnung reinwürgen müssen, und sie grüßen mich immer noch freundlich, auch wenn sie mich gar nicht mehr im Unterricht haben. Okay, vielleicht auch genau deswegen. Sie freuen sich wie die kleinen Kinder, wenn ich vorschlage, sie könnten ja mal bei mir im Garten zelten (also irgendwann mal). „Sie sind die einzige Lehrerin, die sowas gut fände!“ naja, warum auch nicht – ich hab Würmer, Spinnen und Käfer im Garten, weshalb nicht auch Schüler.

Um mal zu verdeutlichen, weshalb das meine Lieblingsstufe ist (in diesem Fall unproblematisch, da es ja keine Parallelstufe gibt, die sich beleidigt fühlen könnte), und weil ich finde, dass die Welt diesen Kurs kennenlernen sollte, werde ich in Zukunft immer mal wieder Geschichten über die „wilde 13“ erzählen, meinen Deutsch-LK. LK bedeutet offiziell Leistungskurs oder Lektürenkarate, in meinem Fall aber Lieblingskurs. Sie haben sich schon oft gewünscht, ich solle über sie schreiben, hier habt ihr den Salat (Namen der Zutaten wurden natürlich geändert):

Lady Marian: Groß, blond und intelligent. Eine kühle Schönheit, die ebenso ein charmantes Lächeln aufsetzen wie auch genervt mit den Augen rollen kann, wenn sie ihr Handy wegpacken soll.

Tom und Bibi: Mittlerweile unzertrennlich. Ich wünsche mir, dass Tom und Bibi wie im Peter Foxx-Lied „Haus am See“ noch in 60 Jahren zusammen sind, 20 Kinder und 40 Enkel haben und mich zum Tee einladen. Okay, dann bin ich 100, aber Tee kann auch im hohen Alter nicht schaden. Tom könnte einem Beduinen Sand als Deko oder einem Bänkler 10-Euroscheine für 15 Euro das Stück verkaufen, Bibi würde zwar missbilligend gucken, aber dennoch die Kundschaft loyal mit Kaffee und Kuchen versorgen.

Paul ist Trommler. Und erwürgt mich im Geiste, wenn er dies liest, weil der Ausdruck „trommeln“ unter der Würde eines höchst begabten Drummers ist, wie ich gelernt habe. Paul hat auf alles eine Antwort, auch auf die Fragen, die nie gestellt wurden. Er sucht den Spaß, den Sinn des Lebens, manchmal auch das Weite. Doch er findet meist nur: Schule doof. Aber er gibt sich Mühe.

Niklas ist ein wahrer Traumschüler: Immer freundlich und gut drauf, intelligent, bestens vorbereitet und trotzdem kein Streber. Keine Ahnung, wie er das macht. Genau wie Tom ist er eine offene, interessierte Persönlichkeit ohne störende Rechtschreibtenzenden, was vielleicht daran liegt, dass beide eine Montessori-Schule besucht haben.

Lili wird immer meine Frau Nimptsch bleiben (die alte niedliche Ziehmama aus „Irrungen, Wirrungen“): Die blonden Haare meist wirr zu einem Dutt hochgesteckt, Brille schief auf der Nase und lächelnd in ein Buch vertieft oder dabei, das Wochenende zu planen. Mit einem Nachnamen, der an Sommer und Schmetterlinge erinnert.

Maria ist eine insIMG_0919 Leben explodierende südländische Schönheit, ebenso stur wie herzlich. Wenn Maria lacht, geht die Sonne auf, wenn sie gerade beschließt, dass das Leben ein mieser Verräter ist und sich alle besser von ihr fernhalten sollten, sucht man am besten das Weite. Man könnte sich in einem Zelt in meinem Garten verstecken.

Lisa hat die schönsten Augen, die ich je gesehen habe. Seltsamerweise sind es immer die Menschen mit den größten Problemen, die am zuverlässigsten sind.  Lisa hat in den gesamten letzten zweieinhalb Jahren höchstens dreimal in meinem Unterricht gefehlt, obwohl sie mit so ziemlich allen Knochen Schwierigkeiten hat, die es gibt. Da könnte sich manche Sportflüchtige a la „Herr Meiners-Schulze, ich kann heute nicht rennen, ich hab meine Tage“ eine Scheibe von abschneiden.

Marie ist sehr still und wirkt im Unterricht oft, als wolle sie möglichst niemanden stören, schreibt dann aber gute Klausuren. Ihre Schrift ist so schön wie ihre Haare und ihr Nachname, und ich hoffe, dass sie ihre Stimme in der Welt noch finden wird.

Kathi ist unverzichtbar, wenn es darum geht, meine Tippfehler an der Tafel zu entdecken. Kathi hat die Ruhe weg, sitzt ergeben zwischen den anderen und zählt die Tage bis zum Abitur. Das hält sie aber nicht davon ab, produktiv am Unterricht teilzunehmen und für viele eine gute Freundin zu sein. Nach der ganzen Schulplackerei wird sie sicher etwas Sinnvolles mit ihrem Leben anstellen.

Max geht kellnern. Natürlich nicht im Unterricht. Obwohl er das bestimmt gerne täte. Vermutlich denkt er während Herders Abhandlung über die Sprache an sein letztes Trinkgeld, aber es sei ihm gegönnt. Man muss mit allem rechnen – Euros, Cents, aber halt leider auch immer mit der nächsten Deutschstunde.

Simone ruht in sich. Ich habe Simone (wie im übrigen auch Niklas, Lili und Lisa) noch nie schlecht gelaunt erlebt. Simone schreibt bessere Arbeiten, als ich es je getan habe und ich hab schon überlegt, wenigstens die Hälfte der Klausuren einfach von ihr korrigieren zu lassen.

Lucia ist die Zuverlässigkeit in Person. Sie ist da und wird immer besser. Schriftlich hat sie sich in den letzten Jahren von einer 4 auf eine 2 hochgearbeitet, und mündlich wurde aus der einen (von mir) heiß ersehnten Wortmeldung pro Monat eine regelmäßige Mitarbeit in jeder Stunde. Dabei grinst sie manchmal leicht ironisch, als wollte sie sagen „Ja, genau, ich bin’s.“

Wenn wir einen schwierigen Text besprechen (immerhin sind wir ja ein LK, also Lektürekarateklub) sieht das so aus:

  • Niklas, Lady Marian und Simone schmeißen die Stunde. Eigentlich könnte ich die anderen nach Hause schicken und mich nur mit den dreien unterhalten.
  • Paul macht oft mit, doch manchmal verzettelt er sich auf der Suche nach der richtigen Antwort und sucht eher nach einem Grund, dem Unterricht zu entfliehen. Dann muss er ganz dringend mal eben die Abifeier planen, das Schul-Drumset kritisieren oder einfach nur herummeckern.
  • Lili wirft ab und zu einen schlauen Beitrag ein, und blickt den Rest der Zeit sehr intelligent drein.
  • Befindet sich Maria auf der Gefühlsskala eher auf der Sonnenseite, diskutiert sie heftig und macht keine Gefangenen. Also meist, wenn es um Promis oder Labels geht (im Deutsch-LK eher selten). Ist das Leben wieder böse, buddelt sie sich hinter ihren Zettelstapeln ein und seufzt.
  • Tom und Bibi schreiben fleißig mit, und wollen sich just in dem Moment melden, als
  • Kathi auffällt, dass ich – natürlich aus Versehen – statt „Humboldt“ „Hudnviglrn“ geschrieben habe.
  • Max schreibt ebenfalls brav mit und lächelt so sympathisch, dass ich es nicht übers Herz bringe, ihn dranzunehmen.
  • Lisa, Marie und Lucia sagen nichts, aber wenn man sie um einen Beitrag bittet, bekommt man eine intelligentere Antwort als von Niklas, wenn er sie schreiben müsste.

Neulich hat Paul den Kaffee gekocht. Naja, ehrlich gesagt hat er Wasser gekocht. Der Kaffee war noch in der Packung, aber das ist schließlich besser fürs Herz.

Ja, das ist meine wilde 13. Manche sind mehr 13 als wild, andere sind wild wie 13Jährige, aber alle geben ihr Bestes.

Und sei es nur ein Lächeln, weil sie wissen, wen ich mit „HudnvigIrn“ meine.

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