Es ist erfrischend und verstörend zugleich, Schülern dabei zuzuhören, wie sie über ihre Lehrer reden. Ich meine jetzt nicht Respektlosigkeit oder so, nein, sondern eher die Themen und die Sichtweise, die die junge Generation auf uns Alte anscheinend entwickelt hat. Neulich in meiner Küche (wir hatten gerade gewichtelt, Goethe-Gedichte aufgesagt und eine Beethoven-Sinfonie konzertiert) schnappte ich das ein oder andere auf und es ist mir ein inneres Bedürfnis, mal ein paar Dinge zurechtzurücken:

Wir sind euch näher, als ihr glaubt

Klar, Lehrer sind in der Regel 10-50 Jahre älter als ihr. Aber was bedeutet das schon? Das mit dem Älterwerden ist so eine Sache – man ist ja nicht zuerst jung, offen, voller Träume und plötzlich, so mit 25, ein gesetzter Erwachsener mit strengem Blick und Bausparkonto.

Nein. Dieser Prozess beginnt schleichend. Und manche Menschen werden nie erwachsen, manche kommen schon alt auf die Welt. Im Prinzip unterscheiden einen 20Jährigen und einen 50Jährigen nur die Lebenserfahrung. (Selbst die Fitness ist da raus – manch Jugendlicher bekommt Schnappatmung, während der Greis schon drei Treppen geschafft hat). Auch wir Lehrer sind gerne sorglos, bauen Mist, haben Träume und wollen lieber ausschlafen, als zur Schule zu gehen, aber im Unterschied zu euch sitzen uns folgende Jurymitglieder im Nacken:

  • die Erfahrung (wenn ich nichts tue, bekomme ich mehr Ärger, als sich das Nichtstun lohnen würde),
  • die Bezirksregierung (kein Benehmen, kein Gehalt),
  • die Familie (kein Gehalt, kein Essen) und
  • die Verantwortung (keine Arbeit, kein sinnvoller Beitrag für die Gesellschaft)

Wenn wir einen freien Nacken hätten, wären wir gefährlicher und unkontrollierbarer, als ihr, weil wir über jahrzehntelange Erfahrung im Mistbauen verfügen und über die sozialen Netzwerke (ich meine nicht Facebook oder Snapchat, sondern Anwälte), sie auch umzusetzen.

Wir sind weiter von euch entfernt, als ihr glaubt

Ein besonders lustiges Kapitel in meiner Küche war Kursfahrten gewidmet, in denen anscheinend Kollegen und Kolleginnen gemeinsam in einem Zimmer verschwunden sind und in denen ihnen nun leidenschaftliche Beziehungen angedichtet wurden.

Kinder.

Mit 16 mag es so sein, dass sich bei zwei Jugendlichen, während einer Kursfahrt  allein in einem Raum, automatisch unkontrollierbare sexuelle Neigungen offenbaren, die zu einem ungehemmten Ausbruch erotischer Zügellosigkeit führen.

Mit 36 ist das nicht mehr so.

Wenn mit 36 Frau und Mann während einer Kursfahrt in einem Raum verschwinden, kann das viele Gründe haben.

  • sie wollen in Ruhe über Schüler lästern
  • sie wollen in Ruhe eine rauchen und nicht, dass die kleinen Kröten dabei zugucken
  • sie tauschen Unterrichtsmaterial aus
  • sie starren aus dem Fenster und wünschen sich, nochmal jung zu sein

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass in Soaps das Bild vermittelt wird, dass wir Menschen Beziehungstiere seien, die – egal ob gebunden oder nicht – jede Gelegenheit ergreifen, sich neue Optionen zu sichern, egal, ob es der Nachbar, Zahnarzt, Postbote oder Cousin dritten Grades aus Uruguay ist.

Im wahren Leben lieben wir Ü-30er (ja, ich weiß, ich bin Ü40, aber das ist ja schließlich auch Ü30) unsere Ruhe, Füße hoch, Klamotten AN (sonst wird’s kalt, außerdem sieht man hässliche Besenreiser oder so), und Soaps gucken.

Natürlich wäre das Schülerleben vermutlich spannender, wenn im Lehrerkollegium jeder mit jedem wie in Sodom und Gomorrha (jetzt wisst ihr mal, wie man das schreibt) zusammen wäre, wenn wir in den Pausen – am besten mit den Schülern – über unsere Beziehungen sprechen würden, oder die weinende Kollegin trösten müssten, die ihren Liebsten mit der Referendarin im Kopierraum erwischt hat, aber so ist das nicht.

Zum Glück.

Denn wie kämen wir dann dazu, eure Klausuren zu korrigieren, nach denen ihr nach zwei Tagen schon kräht, über euch zu sprechen (sag mal, fehlt der bei dir auch so oft?) oder an unserer Karriere zu feilen (Chef, ich hab da mal eine Präsentation vorbereitet…)?

Wenn ihr wissen wollt, wie wir Lehrer wirklich sind, nehmt folgende mathematische Gleichung:

eure Eltern

minus Sätze wie

„und, wie läuft es in der Schule?“ (wissen wir selber)

„ich glaub, ich muss mal mit deiner Lehrerin reden“ (i wo)

plus Sätze wie

„sei bitte leise, ich muss korrigieren“

„ich kann mich nicht um alles kümmern“

„ich kann Samstag nicht, ich muss korrigieren.“

So sind wir. Ihr wollt euch nicht vorstellen, wie eure Eltern miteinander…? Dann macht das mit uns besser auch nicht.

Aus Respekt.

Und Selbsterhaltungstrieb.

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