IMG_5715Paul wünscht sich einen Blogeintrag von seiner Deutschlehrerin, damit er sonntags beim Kaffee was zu lesen hat.

Ich könnte ihm in Anbetracht seines nahenden Abiturs diverse Lektüren ans Herz legen, aber ich kann auch einfach mal die Klappe halten und mich geschmeichelt fühlen.

Das fällt um so leichter, als auch prompt ein Themenvorschlag folgte:

Eigentlich ist ja Dramen interpretieren wie Menschen interpretieren, oder? Man denkt sich seinen Teil, versucht eine Begründung zu finden und auf Grund dessen urteilt man.

JAAAA!

Endlich hat mal jemand den Sinn von Deutschunterricht verstanden. Dass es ausgerechnet Paul ist – (der Drummer, ihr wisst schon) – nun, er hat viel im Kopf, vor allem Unsinn, aber viele der Moleküle sind noch nicht vom Alkohol zersetzt und dementsprechend arbeitsfähig.

Spaß beiseite.

Wir alle hatten Deutschunterricht. Die, die dieses Fach lieben (und das sind nicht wenige), hinterfragen den Stoff meist nicht. Die anderen möchten schon gern wissen, weshalb man eigentlich „den ganzen Mist immer lesen“ muss (O-Ton eines meiner EF-Schüler).

Das Tödliche am Deutschunterricht ist, dass man etwas völlig Subjektives (Mögen und Verstehen von Texten) objektiv behandeln muss, weil man eben 25 Schüler hat und keinen Einzelunterricht. Im Moment stehen in der Oberstufe der „Prozess“ von Kafka, „Faust“ von Goethe und die „Physiker“ von Dürrenmatt auf dem Programm. In der Regel kann man die Physiker ganz gut verkaufen, der Faust ist vor allem bei den Mädels beliebt, und Kafka ablehnen ist sowieso schick außer bei den ganz Intellektuellen. Aber im Prinzip hat jedes Werk seine Anhänger und Gegner. Doch was ist, wenn ich eine Unterrichtsreihe über ein Werk überleben muss, das mich null anspricht? Ist das (abgesehen von der oft beschworenen historischen Allgemeinbildung) nicht verlorene Zeit?

Ich weiß, wovon ich rede, ich musste damals als Jugendliche die ganze „alte Säcke“-Literatur über mich ergehen lassen – Manns „Zauberberg„, Frischs „Homo faber“ oder Hesses „Steppenwolf“. Alles mehr oder weniger alte Männer, die komische Anwandlungen haben. Was soll man als junges Mädchen damit anfangen?

Weshalb aber stehen diese Werke dann immer auf den Leselisten, in den Lehrplänen?

Ganz einfach: Weil man sich nunmal auf eine Kanon einigen muss, und man eh nichts findet, was allen gefällt. Muss man aber auch nicht. Und jetzt kommen wir zum pädagogischen Teil (danke, Paul):

Wir lesen in der Schule nicht zum Vergnügen, sondern um etwas fürs Leben zu lernen.

Das können aber ziemlich praktische Dinge sein:

  • von Faust lernen wir, dass zum Begreifen des Lebens eben nicht nur Bücher gehören, sondern auch das Leben selbst
  • Woyzeck lehrt uns, wohin Mobbing führen kann, die Hoffnungslosigkeit und Beengtheit des Individuums in einer Gesellschaft, die ihm keine Chance lässt und ihn dafür mit Spott verfolgt
  • von Franz K. lernen wir, wie wichtig es ist, einen guten Therapeuten zu finden, um sich als Erwachsener endlich mal von der Übermacht eines distanzierten Vaters zu befreien, um ein glückliches Leben führen zu können
  • …und zeigt Möbius uns nicht, dass letztendlich nur zählt, was wir wollen, wer wir sind, welche Entscheidungen wir treffen, da das Leben ein mieser Verräter sein kann und letztlich niemand da ist, der uns für gute Taten belohnt?

In jeder Stunde, in der wir interpretieren, weshalb Gretchen, Marie, Franz oder Johann Wilhelmlein dies oder das gesagt oder getan haben, lernen wir uns selbst kennen. Wir sprechen darüber, wozu Menschen fähig sind, und was davon wir übernehmen wollen und was nicht.

Wer von welchem Text wieviel für sein eigenes Leben mitnimmt, bleibt jedem selbst überlassen.

Ich denke heute noch gern an meine Schuldramen „Der zerbrochne Krug“ oder „Maria Stuart“ zurück: Über sie bin ich zum Theater gekommen, habe über mich gelernt, dass ich sprachliches Talent habe und andere für ein Thema begeistern kann. Ich bin zwar kein Hollywoodstar geworden, aber eine Lehrerin, die anscheinend keine so schlechte Show abzieht, wenn Schüler sich schon Blogeinträge wünschen… 😉

2 Comments on Bloggen nach Wunsch: Das Drama mit dem Drama

  1. Versuchen Sie doch mal einen Blogeintrag über sich selber, aus der Sicht ihrer Schüler zu schreiben…
    Lehrer stehen doch auf Selbsteinschätzung !

    Mit (nicht) freundlichen Grüßen, Paul.

    • Hallo Paul
      und danke für deine Idee 😉 Da solch ein Artikel nur witzig wäre für Menschen, die unsern Kurs kennen, verwende ich deine Idee nicht auf meinem Blog. Habe sie aber Montag im Unterricht aufgegriffen, rate mal, wer da leider „krank“ war…;-)

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