Wenn ich groß bin, werd ich Lehrerin!

Diesen Berufswuns2B75FDF0-3474-4616-90C7-8486D68930AEch hatte ich im Grundschulalter. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie gern ich meiner Mutter Rechtschreibübungen diktiert habe und ihr befahl, möglichst viele Fehler einzubauen, damit mein Rotstift ordentlich
zum Einsatz käme. Ich habe es geliebt, die Fehler anzustreichen, eine schlechte Note drunter zu schreiben und laut seufzend meine Unterschrift hinzukritzeln. Ja! Das wollte ich beruflich machen!

Im Moment korrigiere ich Vorabiklausuren. Und gestern ist mir mal wieder in den Sinn gekommen, wie sehr ich korrigieren hasse. Ich mag das Kreative und Soziale an meinem Beruf, mit Schülern diskutieren, Vorträge halten, coachen, Unterricht vorbereiten, Arbeitsblätter malen… aber korrigieren?

Ih bäh.

Was ist passiert seit damals, als mir nichts erstrebenswerter schein, als eine mächtige, allwissende mit Rotstift bewaffnete Lehrerin zu werden?

Ich glaube, es sind folgende Punkte:

  • Angst vor schlechten Noten. Was tue ich, wenn einer seine Arbeit versemmelt hat? Flippt er dann aus? Bringt sich um? Bekommt Ärger zuhause? Bekomme ich Ärger von Eltern, die ihren hochbegabten Sprössling für völlig falsch eingeschätzt und mich für inkompetent halten? Bin ich inkompetent? War mein Unterricht schlecht?
  • Langeweile. Wenn man 20mal dieselben Gedanken zum selben Thema gelesen hat, 15mal „vieleicht“, „Apell“ oder „interresieren“ unterstrichen hat, hat man einfach keine Lust mehr auf „kreative Orthografie“
  • Frust, weil man jahrelang immer wieder dieselben Fehler bei denselben Leuten feststellt und sich fragt, warum man so einfache Dinge nicht lernen kann.
  • Der Gedanke, dass man sich die ganzen Arbeiten und Klausuren auch sparen könnte. Meist weiß ich eh vorher, wer welche Note schreibt. Die Guten, Fleißigen eine 1, die Guten oder Fleißigen eine 2, der Durchschnitt eine 3, die Faulen mit ein bisschen Hirn und die Doofen mit ein bisschen Fleiß eine 4, und die Doofen und Faulen eine 5. Ich rede hier natürlich nicht von denjenigen mit privaten und schulischen Problemen, deren schlechte Leistungen eher psychische Gründe haben.

Nur manchmal, da gibt es dann doch ein Highlight. Wenn plötzlich ein eher schlechter Schüler eine gute Note schreibt. Einfach, weil das gerade total sein Thema ist, weil seine Eltern sich endlich wieder vertragen, oder weil die neue Nachhilfe super ist.

Neulich bei Malte-Kevin-Benjamin (Name geändert): Eher muffigen Geblüts und im Vollbesitz seiner pubertären Antihaltung bisher ein 4er-Kandidat. Plötzlich kommen viele Dinge zusammen: Er bekommt einen neuen Lehrer (ja, mich, ich geb’s zu), hat Spaß am aktuellen Thema und vermutlich haben plötzlich Neuronen in seinem Hirn zueinander gefunden, die vorher hilflos umher geirrt sind. Jedenfalls hat er eine wohlverdiente 1 geschrieben, die definitiv nichts mit Abschreiben zu tun hatte. Über solche Erfolge freue ich mich ja kringelig. Und werde gemein. Hab ihm gesagt, seine Arbeit (1) sei knapp an einer 2 vorbeigeschrappt. Er meinte noch „ist doch super!“, aber als er dann sein „sehr gut“ sah, hüpfte er vom Stuhl, brüllte dreimal laut „JA!“ und hatte vor Stolz rote Ohren. Soviel zur pubertären Gleichgültigkeit.

Für solche Momente lohnt sich das Korrigieren und ich werde wieder zum Kind, auch wenn ich heute lieber sehr gut als mangelhaft schreibe…

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