…oder wie Lehrer die Sommerferien erleben

Woche 1

Man mag es noch nicht richtig glauben. Fast anderthalb Monate Ferien! Und zwar Ferien! Keine Korrekturen, keine Unterrichtsvorbereitung, jedenfalls noch nicht. Aber die richtige Entspannung lässt noch auf sich warten, zu nah sind noch die Zeugniskonferenzen, letzte Gespräche mit verzweifelten Schülern (komm ich in den E-Kurs?) und das Aufräumen des Schreibtischs. Und tief drin mahnt einen eine wohlbekannte Stimme, die ein oder andre Mail könnte noch eintreffen – weil man am Ende der Ferien noch eine Nachprüfung hat, weil es eine Beschwerde gibt oder weil doch endlich jemand herausgefunden hat, dass man jahrelang nur so getan hat, als sei man Lehrerin.

Woche 2

Erste Hoffnung macht sich breit, dass das alles doch kein Traum ist. Ja, wirklich Ferien! Die Euphorie nervt ein bisschen im Freundeskreis, weil man sich plötzlich mit allen verabreden will (während der Schulzeit hat man ja für Privatleben keine Zeit) und vergisst, dass nicht jeder Sommerferien hat.

Woche 3

Das Leben ist schön! Und endlich begreift man wieder, dass es ein Leben neben der Schule gibt. Ein Leben voller Möglichkeiten! Man könnte ein Sabbatjahr nehmen, nach Australien reisen, sich in Afrika zum König krönen lassen oder die längst fällige Biographie über die südostasiatische Krebsmuschel schreiben. Man könnte die Welt verändern!

Woche 4

Tiefenentspannt und immer noch fast die Hälfte der Ferien vor sich! Man geniesst die Freiheit, atmet Kreativität und fragt sich, weshalb noch keine Band auf die Idee gekommen ist, sich „die hotten Totten “ zu nennen. Man fühlt sich leicht und weiß, dass man im neuen Schuljahr grandiose Ideen haben wird, die den Unterricht revolutionieren werden. Doch bis dahin geht man erstmal Sommerkleider shoppen, die die zusätzlichen Pfunde kaschieren, die man sich durch wenig Bewegung und exzessives Eisesen erarbeitet hat.

Woche 5

Langsam schleicht sich die Gewissheit ins Bewusstsein, dass da irgendwas ist, was auf einen lauert… Der Job! Man räumt den Schreibtisch komplett aus und um, kritzelt sich irgendwelche Listen zusammen und überfliegt den ein oder anderen Lehrplan.

Woche 6

Wo ist die Zeit geblieben? Wie können fast anderthalb Monate so schnell verfliegen? Was hat man getan? Geschafft? Erreicht? Was hat man verändert? Trübsinnig schaut man auf den neuen Lehrerplaner, der dieses Jahr statt türkis hellgelb ist und redet sich ein, dass man sich freut. Dann geht man in ein Schreibwarengeschäft und klaubt bunte Postits, Stifte, neue Ordner und eine schicke Kaffeetasse zusammen. Das alles nimmt man dann in die ersten Konferenzen mit, die eine Woche vor Schulbeginn anfangen.

Während der Konferenz liest man die Nachricht von der Freundin, die einen auf einen Kaffee einladen will, weil sie auch endlich Urlaub hat. „Du hast ja noch ein paar Tage!“

Neeee….

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