Im Moment kursiert gerade das Bild der „Instagram-Boyfriends“ durch die sozialen Netzwerke: An einem malerischen Sandstrand räkeln sich Mädels  im glitzerblauen Wasser, während jeweils der „boyfriend“ Fotos für Instagram schießt. Einer der Kommentare dazu lautete in etwa, dass die Menschen heute nur noch Filme machten statt Erfahrungen. Statt den Moment zu genießen, den Ort, das Gefühl des Urlaubs, der Freiheit, denkt man nur darüber nach, aus welchem Winkel die weibliche Silhouette am vorteilhaftesten rüber kommt.

Wer dieses Beispiel nun für übertrieben und fern vom Alltag hält, mag sich folgendes aus meinem Leben anhören:

Egal, ob ich mir eine Theatervorstellung meiner Tochter oder die Tanzveranstaltung ihrer Freundin anschaue: Wenn nicht gerade ausdrückliches Handyverbot herrscht, sitzt man als Zuschauer heutzutage in einem Lichtermeer aus hochgehaltenen Handys. Dabei ist man gezwungen, das Lichtermeer der Bildschirme zu genießen, weil man wegen der vielen Arme nicht mehr sieht, was auf der Bühne passiert. Jede Mama, jeder Papa will keine Sekunde verpassen.

Und verpasst dabei doch alles-

So auch bei der Abschiedstheatervorstellung meiner Tochter aus der Kita. Ich saß relativ weit vorne und konnte mich dennoch kaum auf die kleinen Elfen und Maulwürfe auf der Bühne konzentrieren, weil vor und neben mir fast alle Mütter ihre Handys hochhielten, um ihren Schatz aufzunehmen. Wohlgemerkt: Die komplette Vorstellung wurde von einer freundlichen Mama ohnehin kostenlos für alle Beteiligten mit einer Videokamera aus der ersten Reihe gefilmt und jedem zugänglich gemacht, es bestand also keine Notwendigkeit für „Eigenproduktionen“.

Was ist es, das uns der Kamera soviel Mitspracherecht in unserem Leben einräumen lässt? Die Angst, etwas zu verpassen? Den süßen Knicks unseres Engels nicht zu sehen, weil das dicke Mädchen davor ihn verdeckt?  Oder ist es der der Drang nach Selbstdarstellung, weil man später ja jedem das Video vom hochbegabten Sprössling schicken wird?

Was geht mich das an? Wieso regt mich das auf? Was will ich eigentlich?

Ganz einfach:

  • ich kenne das Problem von mir selbst. Ich liebe Fotoapps, und es gab mal eine Zeit, da hab ich mehr fotografiert als gegessen (schwer vorstellbar, ich weiß)
  • Das Problem ist nicht nur, dass wir unsre Mitmenschen nerven durch das Licht, unsere Arme und das ständige „Entschuldigung, ich muss mal eben kurz“-
  •  wir selbst verpassen das Leben. Die Intensität und das Besondere des Augenblicks

Glücklich machen uns die Erinnerungen, die wir im Herzen tragen, nicht die, die wir auf unserem kleinen Handybildschirm sehen. Wie oft schauen wir uns die Videos noch an, die wir gemacht haben?

Zum Schluss EE3EF4F3-A1E4-491B-A152-4827E03F1B7Czwei kurze Beispiele:

Ich kuschele mit meiner Tochter. Intensiv und mit allen Sinnen. Sehe ihr hübsches Gesicht (niedlich darf ich nicht mehr sagen, sie ist jetzt sechs), rieche ihr Haar, höre ihr Herz schlagen und spüre ihren warmen kleinen Körper. Wenn ich die Augen schließe, kann ich diesen Glücksmoment tief in mir spüren. Natürlich könnte ich dabei auch zum Handy greifen, ein Selfie von uns machen und jedem zeigen, wie verbunden wir beide sind. Welch tolles Mutter-Tochter-Gespann. So innig. So selfish. Der Zauber, die Echtheit wären verloren. Es wäre ein öffentlicher Moment, keiner zwischen Madame und mir.

Ich liebe das Meer und bin einmal im Jahr in Holland. Es existieren Dutzende von kleinen Filmchen, mit denen ich versucht habe, das Meer einzufangen, das Gefühl von Urlaub, Freiheit und Weite. Zuhause muss ich immer wiede0C6495D3-9B70-4B72-B6DF-471079F8F030r feststellen, dass nichts davon übrig bleibt, wenn ich mir die Videos anschaue. Es ist alles noch da, das Wasser, die Sonne, aber das Erleben kann mir der Bildschirm nicht zurückbringen. Deshalb genieße ich mittlerweile lieber jeden echten Moment am Strand ohne Kamera in der Hand. Stattdessen mit allen Sinnen. Ich spüre den Wind im Gesicht, die Wellen an den Füßen, rieche das Meer, sehe die Sonne am blauen Himmel und höre die Möwen und das Rauschen der Wellen.

Diese beiden Momente habe ich fest in meinem Herzen verschlossen, von wo aus ich sie jederzeit abrufen kann. In Full HD und Panorama.

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