Heute hat mein 12-er-Grundkurs seine erste Klausur bei mir geschrieben. Alle waren wahnsinnig nervös und ich habe ihnen kleine Beruhigungsmitbringsel auf die Klausuren gelegt: Ein Stück Schokolade mit einem Vierzeiler, der zur jeweiligen Person passt und Mut macht. Sowas macht mir Spaß, ich tue es gern und es geht schnell. Mathe, Physik und67224853-7BFE-44F8-B670-0D99E5870535 Erdkunde sind meine schwarzen Löcher, aber mit Sprache jongliere ich gern herum.

Andächtig stand Pitt (Name geändert) vor mir. Pitt trägt normalerweise eher weniger zum Unterricht bei. Er fragte: „Haben Sie jedem von uns ein anderes Gedicht geschrieben? Haben Sie sich zu jedem Gedanken gemacht? Wow. Das motiviert mich jetzt irgendwie.“ Mission accomplished.

Ich weiß jetzt, wie sich ein Weihnachtsbaum fühlt, der von seligen Kinderaugen angestrahlt wird. Das sind die Momente, die den Lehrerberuf zu einem der schönsten machen. Versuchen, Menschen zu motivieren oder zu inspirieren und damit auch noch Erfolg haben (warten wir mal das Klausurergebnis ab ;-)).

Nur eins macht mich dabei ein bisschen traurig:

Ich habe einige KollegInnen mit einer vollen Stelle. Im Gegensatz zu mir, die ich mit meinen zwölf Stündchen (alle vormittags) alle zwei Monate mal zwei Korrekturen habe, unterrichten sie Vollzeit, sind oft von 08.00 bis 16.00 (oder länger) an der Schule und haben jedes Wochenende einen Haufen Korrekturen auf dem Schreibtisch liegen. Auch sie machen sich viele Gedanken um ihre Schüler, haben nur eben keine Zeit, 24 Gedichte zu schreiben, zu laminieren und an Schokolade zu kleben. Ich weiß, wovon ich rede. Viele Jahre hatte ich eine volle Stelle und kaum Privatleben. Wenn dann mal Freizeit blieb, hab ich lieber geschlafen oder gelesen, statt noch was für die Schule zu tun.

Das ist die Tragik in unserem Beruf: Die meisten LehrerInnen machen sich viele Gedanken und würden sich gern Zeit nehmen für ihre SchülerInnen, haben sie aber nicht. Dass ich diese Zeit habe, um Dinge zu tun, die ich für wichtig halte, ist ein großer Segen, und es wäre schön, wenn die Organe, die den Lehrberuf organisieren, das bedenken würden: Wieviel Gutes sie den Kindern tun würden, wenn Lehrer wieder mehr Zeit hätten: Nicht für Listen, Protokolle, ausführliche Stellungnahmen, Kopier-Sessions, Korrekturen von 36-Personen-Klassen, sondern für Gespräche, für Basteleien, für Ideen. Und sei es, um den Kindern zeigen zu können: „Hey, ich denke an euch, und zwar nicht nur an eure Noten, sondern euch als Menschen, als Persönlichkeiten“.

Der Lehrberuf ist einer der schönsten. Der Feind der Lehrer sind oft nicht die Schüler, nicht die Eltern, nicht die Kollegen und auch nicht die Arbeit, sondern die fehlende Zeit.

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