In den sozialen Netzwerken brüsten wir LehrerInnen uns gern mit der breiten Palette unserer beruflichen Anforderungen. Wir sind nicht “nur” Lehrer, sondern auch

  • Therapeuten
  • Krankenschwestern
  • Dompteure
  • Alleinunterhalter
  • Reiseveranstalter
  • Trainer

und manchmal auch Putzfrauen, nachdem unsere Horde Wildpferde (der neueste Lieblingsbegriff meiner siebenjährigen Tochter) den Klassenraum verlassen hat und wir Krümel, Papierschnipsel, Brotdosen, zwei Orks und das Bernsteinzimmer auf dem Boden liegen sehen, es aber zu spät ist, die Horde zurückzupfeifen.

Dabei sollten wir uns immer vor Augen führen, dass auch unsere SchülerInnen nicht nur eine große Rolle in unserem Leben spielen, sondern viele. Sie sind nicht nur “die Brave”, “der Stille hinten links”, “die mit der Sauklaue” oder “der Klassenclown”. 

Sie sind Söhne und Töchter, Geschwister, Babysitter, Sportler, Musiker, zukünftige Ärzte, Verkäufer, Handwerker, kurz, Menschen mit Persönlichkeit, mit Wünschen und Zielen, die manchmal gar nichts mit Schule zu tun haben, mit Problemen, von denen wir Pädagogen aus oft gutbürgerlichen Verhältnissen nur alpträumen können, und mit Fähigkeiten, die in der Schule gar nicht zum Tragen kommen.

Als ein Abiturient, nennen wir ihn mal Tom, zu mir zum Elternsprechtag kam, um über seine eher traurige Mitarbeit in meinem Unterricht zu sprechen, hatte er seine kleine Schwester dabei. Und mir ging das Herz auf, als ich sah, wie umsichtig und liebevoll dieser “Stille von hinten links”, der nur wenig Interesse an meinem geschätzten Faust hat, mit der kleinen Madame umging. 

Ein Mädchen, das intellektuell eher hoffnungsvoller Nuancierung und oft den mitleidig lächelnden Gesichtern ihrer MitschülerInnen ausgesetzt ist, zeigte mehr Mut als all die “Normalen” um sie herum, als sie aus Versehen ein Auto stark beschädigt, sich aber nicht aus dem Staub gemacht, sondern es sofort gemeldet hat.

Noten sind zwar nicht rein subjektiv, wie viele gerne behaupten, aber sie sind nur eine Einschätzung einer bestimmten Person zu einem bestimmten Zeitpunkt zu einer bestimmten Leistung und sagen nichts über die Qualität eines Menschen aus. Abgesehen davon, dass (wenn überhaupt) nur das Abiturzeugnis zählt, mit dem man sich bewerben oder einen Platz an einer Uni bekommen kann, sagen die Noten nichts über den Fleiß, den Mut oder den Anstand eines Menschen aus.

Ein 1,0-Zeugnis kann hart erarbeitet, aber auch von besonders begabten Menschen relativ leicht erworben worden sein. Ein 3,9-Zeugnis ebenfalls.

Und die ganzen Zeugnisse dazwischen, um die immer ein grosses Gewese gemacht wird, dienen dem Überblick zwischendurch, damit Eltern und Schüler wissen, wo sie stehen, was gut klappt, und wo noch nachgearbeitet werden muss.

Sobald nicht mehr der Dompteur, der Trainer oder der Professor im Vordergrund (der Tafel) steht, sondern auch der Mensch, der Partner und der selbst Lernende, haben in der Schule auch der Clown, die Babysitterin und die Flietzpiepe eine Chance.

Leistung ist gut und wichtig, natürlich wollen wir uns durch einen guten Abschluss die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen, aber nicht umsonst erzählen uns die lebenserfahrenen Menschen jenseits der 80 oft, dass man sich am Ende nicht fragt, ob man auch genug Leistung erbracht hat, sondern wie man seine Mitmenschen behandelt hat, ob man es geschafft hat, eine glückliche Familie und / oder einen glücklichen Freundeskreis zu haben.

Und am allerschönsten ist es, glaube ich, wenn man sich sagen kann, dass man selbst ein paar Menschen inspirieren konnte. Schön, wenn Lehrer das schaffen. Doch das klappt in den seltensten Fällen durch gute Noten. Wir beeindrucken vielleicht durch Leistung. Doch wir inspirieren durch Menschlichkeit.

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