Kategorie: Allgemein

Bloggen nach Wunsch: Das Drama mit dem Drama

IMG_5715Paul wünscht sich einen Blogeintrag von seiner Deutschlehrerin, damit er sonntags beim Kaffee was zu lesen hat.

Ich könnte ihm in Anbetracht seines nahenden Abiturs diverse Lektüren ans Herz legen, aber ich kann auch einfach mal die Klappe halten und mich geschmeichelt fühlen.

Das fällt um so leichter, als auch prompt ein Themenvorschlag folgte:

Eigentlich ist ja Dramen interpretieren wie Menschen interpretieren, oder? Man denkt sich seinen Teil, versucht eine Begründung zu finden und auf Grund dessen urteilt man.

JAAAA!

Endlich hat mal jemand den Sinn von Deutschunterricht verstanden. Dass es ausgerechnet Paul ist – (der Drummer, ihr wisst schon) – nun, er hat viel im Kopf, vor allem Unsinn, aber viele der Moleküle sind noch nicht vom Alkohol zersetzt und dementsprechend arbeitsfähig.

Spaß beiseite.

Wir alle hatten Deutschunterricht. Die, die dieses Fach lieben (und das sind nicht wenige), hinterfragen den Stoff meist nicht. Die anderen möchten schon gern wissen, weshalb man eigentlich „den ganzen Mist immer lesen“ muss (O-Ton eines meiner EF-Schüler).

Das Tödliche am Deutschunterricht ist, dass man etwas völlig Subjektives (Mögen und Verstehen von Texten) objektiv behandeln muss, weil man eben 25 Schüler hat und keinen Einzelunterricht. Im Moment stehen in der Oberstufe der „Prozess“ von Kafka, „Faust“ von Goethe und die „Physiker“ von Dürrenmatt auf dem Programm. In der Regel kann man die Physiker ganz gut verkaufen, der Faust ist vor allem bei den Mädels beliebt, und Kafka ablehnen ist sowieso schick außer bei den ganz Intellektuellen. Aber im Prinzip hat jedes Werk seine Anhänger und Gegner. Doch was ist, wenn ich eine Unterrichtsreihe über ein Werk überleben muss, das mich null anspricht? Ist das (abgesehen von der oft beschworenen historischen Allgemeinbildung) nicht verlorene Zeit?

Ich weiß, wovon ich rede, ich musste damals als Jugendliche die ganze „alte Säcke“-Literatur über mich ergehen lassen – Manns „Zauberberg„, Frischs „Homo faber“ oder Hesses „Steppenwolf“. Alles mehr oder weniger alte Männer, die komische Anwandlungen haben. Was soll man als junges Mädchen damit anfangen?

Weshalb aber stehen diese Werke dann immer auf den Leselisten, in den Lehrplänen?

Ganz einfach: Weil man sich nunmal auf eine Kanon einigen muss, und man eh nichts findet, was allen gefällt. Muss man aber auch nicht. Und jetzt kommen wir zum pädagogischen Teil (danke, Paul):

Wir lesen in der Schule nicht zum Vergnügen, sondern um etwas fürs Leben zu lernen.

Das können aber ziemlich praktische Dinge sein:

  • von Faust lernen wir, dass zum Begreifen des Lebens eben nicht nur Bücher gehören, sondern auch das Leben selbst
  • Woyzeck lehrt uns, wohin Mobbing führen kann, die Hoffnungslosigkeit und Beengtheit des Individuums in einer Gesellschaft, die ihm keine Chance lässt und ihn dafür mit Spott verfolgt
  • von Franz K. lernen wir, wie wichtig es ist, einen guten Therapeuten zu finden, um sich als Erwachsener endlich mal von der Übermacht eines distanzierten Vaters zu befreien, um ein glückliches Leben führen zu können
  • …und zeigt Möbius uns nicht, dass letztendlich nur zählt, was wir wollen, wer wir sind, welche Entscheidungen wir treffen, da das Leben ein mieser Verräter sein kann und letztlich niemand da ist, der uns für gute Taten belohnt?

In jeder Stunde, in der wir interpretieren, weshalb Gretchen, Marie, Franz oder Johann Wilhelmlein dies oder das gesagt oder getan haben, lernen wir uns selbst kennen. Wir sprechen darüber, wozu Menschen fähig sind, und was davon wir übernehmen wollen und was nicht.

Wer von welchem Text wieviel für sein eigenes Leben mitnimmt, bleibt jedem selbst überlassen.

Ich denke heute noch gern an meine Schuldramen „Der zerbrochne Krug“ oder „Maria Stuart“ zurück: Über sie bin ich zum Theater gekommen, habe über mich gelernt, dass ich sprachliches Talent habe und andere für ein Thema begeistern kann. Ich bin zwar kein Hollywoodstar geworden, aber eine Lehrerin, die anscheinend keine so schlechte Show abzieht, wenn Schüler sich schon Blogeinträge wünschen… 😉

Muss jemand noch ein Weihnachtsgeschenk umtauschen?

Apfel_finalMein drittes Baby ist endlich auf der Welt, und ich möchte es jedem empfehlen, der Märchen liebt, mal geliebt hat oder sie niemals kennen lernen durfte und deshalb die halbe Kindheit verpasst hat 🙂

Auch eine längere Leseprobe gibt es hier auf meiner Seite unter „Meine Romane“.

Euch allen vielen Dank für die treue Begleitung meines Blogs und ein gutes, freundliches, märchenhaftes 2018!

Rapunzels Töchter

Rapunzel wird jahrelang von ihrer Stiefmutter in einem Turm gefangen gehalten. Als sie eines Tages mit einem mutigen Prinzen fliehen kann, entgeht sie nur knapp der Rache der Frau, die sie jahrelang für eine liebevolle Mutter gehalten hatte, und lebt fortan in Angst.

Als Dornröschen aus ihrem legendären 100jährigen Schlaf erwacht, muss sie feststellen, dass ihre Welt aus den Fugen geraten ist. Trotz aller Warnungen heiratet sie ihren Retter, einen Fremden, der dunkle Ziele verfolgt, von denen sie nichts ahnt.

Schneewittchen verlässt ihr Zuhause auf der Flucht vor der bösen Königin und entgeht drei Mordanschlägen nur knapp, doch als sie wieder zurückkehrt, steht sie vor den Scherben ihres bisherigen Lebens.

„Weit entfernt stand eine ganz in Schwarz gehüllte Gestalt vor einem Fenster und verfolgte aufmerksam, was sie sah. Dann rief sie nach ihren Dienern und befahl ihnen, die vorbereiteten Kundgebungen auszuhängen und die Pflöcke rund um das Schloss in die Erde zu schlagen. Vor einigen Monaten noch hätte Onyx lauthals darüber gelacht, ihr pechschwarzes Lachen, das direkt aus der Hölle zu kommen schien. Doch dieses Lachen existierte nicht mehr. Sie existierte nicht mehr. Nur noch ihr Schatten verharrte regungslos vor dem Fenster und glich einem Mahnmal, das hoch über den Wipfeln der Bäume zeitlos schön, doch unerbittlich daran erinnerte, dass Dunkelheit noch mehr Dunkelheit hervorbringt.“

 

Sie halten die Gitarre falsch herum

 

Heute gibts mal wieder was Neues aus meiner Q2. Allerdings aus dem Musikkurs. Im Moment ist das Oberthema Akustik, und unter diesem von den Schülern gewählten Thema (niemand schreibt Klausur, deshalb sind wir ziemlich unabhängig) versammeln wir alles, was Spaß macht. Für die letzte Stunde hat Jens (der mit den Kettensägen) angeboten, uns Akustikgitarre beizubringen. Wir waren nur zu neunt, da Tom und Bibi leider nicht dabei sein konnten, so war es kein Problem, für jeden ein Instrument aufzutreiben.

Vielleicht kurz zu meiner Vorbildung: Ich bin ein Klavier- und Chorkind. Wenn man Musik auf Lehramt studiert, muss man die Fächer Gesang, Klavier und ein Melodieninstrument belegen. Da icC56D0CAA-146F-4312-B7CC-F4CFE30F0AC5h damals bei der Anmeldung in Köln dachte, ich müsste schon Vorerfahrung mit dem Instrument mitbringen, griff ich auf meine Blockflöte (unter Musikstudenten unter dem Namen „Notholz“ bekannt) zurück. Ich habe nicht das Geringste gegen Gitarren, aber ich brauchte sie nie zu erlernen, und so groß war das Interesse auch nicht. Lieder begleiten kann ich prima auf dem Klavier, und am Lagerfeuer auf Klassen-, Kirchen- oder anderen Fahrten findet sich immer ein Soziologiestudent, der klampfen kann.

Ich kann demzufolge die einzelnen Teile einer Gitarre benennen und erklären, wie die Tonerzeugung funktioniert, aber außer „Alle meine Entchen“ kann ich nichts darauf spielen.

Wer jetzt glaubt, meine Schüler würden mich angewidert als subkompetent bezeichnen und bei der Schulleitung um einen neuen Musiklehrer bitten, kennt meine Q2 schlecht. Wir sind so (meine kleine Tochter würde jetzt Zeige- und Mittelfinger kreuzen als Zeichen innerster Verbundenheit).

Jens hat „Wonderwall“ und „Hey, there Delilah“ vorbereitet, weil diese Stücke schön, bekannt und einfach zu begleiten sind. Und in seiner üblichen tiefenentspannten und ruhigen Art erklärt er uns, wo wir unsere übermanikürten / zu langen Fingernägel oder zu kurzen Finger hinpressen sollen.

Paul, der Drummer, der immer meckert, außer, wenn er drummt, ist überraschend friedlich, was vermutlich daran liegt, dass er erstens unter Medikamenteneinfluss steht (Weisheitszähne gezogen) und zweitens ein bisschen Gitarre spielen kann.

Maria, der südländische Temperamentsbolzen, der davon schwärmt, wie toll man auf portugiesisch fluchen kann, kann das nicht und will das nicht und macht das nicht. Doch! Sie tut es doch! Auch Maria nimmt an unserem neuesten Kunstprojekt teil. Liegt vermutlich daran an, dass sie soviel entspannter und glücklicher in die Welt blickt, seit sie mit

Heiko zusammen ist, den ich noch nie so happy habe lächeln sehen, wie in letzter Zeit. Heiko liebt die Conga, aber neuerdings auch Maria. Deshalb scheint es auch für Heiko kein Problem zu sein, sich von der Conga zu trennen und auf Gitarre umzusteigen. Zumindest für eine Stunde.

Niklas, der Traumschüler, der im Musikunterricht davon profitiert, dass es auf Rechtschreibung nicht so ankommt, wirkt zum ersten Mal leicht überfordert, aber Jens mit seiner ruhigen Art nimmt uns allen sämtliche Ängste und Nervosität.

Lisa, die mit Rücken und den schönen Augen hat sich mit Maria zusammengetan. Gemeinsam spielen sie im Akkord.

Sid geht mir mal wieder fürchterlich auf den Keks, weil er wie wild auf der Gitarre herumklopft und -klampft. Aber das Schöne an Sid ist, dass er nicht nur mir, sondern auch allen anderen auf den Keks geht, und wenn Paul brummt „hör doch mal auf“, hört Sid auf ihn.

Achim schaut versonnen auf seine Finger und scheint kaum fassen zu können, welch edle Töne seine Hände aus ein bisschen Holz und Draht herausbringen.

Ja. Und dann komm ich. Es entspinnt sich folgender Dialog / Multilog:

„Sie halten die Gitarre verkehrt herum.“

„Wieso?“

„Der Hals muss nach links zeigen.“

Kurz überlegen, wo links ist

„Aber es ist doch viel schwieriger, den Hals zu greifen, als über den Bauch zu streichen (ich überlege kurz, ob ich hier doppeldeutigen Mist von mir gebe) – ich bin doch Rechtshänder!“

„Nein.“

„Doch! Außerdem sind dann die tiefen Töne oben und die hohen unten. das ist doch Quatsch. Beim Klavier ist das umgekehrt!“

„Nein, beim Klavier liegen die tiefen Töne nicht unten, sondern links.“

„Jetzt seid doch nicht solche Wortklauber! Herrschaft! Wer bringt euch bloß Deutsch bei!“

„Sie.“ (Mist)

Ich gebe mich geschlagen, und spiele die Gitarre halt verkehrt herum.

Und weiß genau, was Paul jetzt denkt:

Pianisten…

 

Habdich!

627992EE-5A0F-4246-9906-11AFE88C83BD Ich liebe Aufkleber.

Ich habe Aufkleber.

 

 

In sämtlichen Farben des Regenbogens, mit und ohne Glitzer, in Textform, Herzform, Blümchen, Eulen, Muster und allen Bildern, die man sich so vorstellen kann.

Von meinem Gatten und meinem Bruder, den zwei wichtigsten Männern in meinem Leben, werde ich für meine analoge Bastelwut meist sanft belächelt (im Gegensatz zu ihnen, die gern Fotobücher digital-elegant  und hochprofessionell am Bildschirm erstellen, liebe ich es, mir mit Schere Verletzungen beizufügen oder mich mit Kleber zu beschmieren und damit wunderschöne „analoge“ Fotoalben zu basteln), aber ich finde es eben schön, haptisch zu arbeiten. „Haptisch“ k90391E1A-BDF2-48C9-8F3A-D20E91875533ommt übrigens von der Wortzusammensetzung „hab dich!“, die ich immer dann benutze, wenn ich unter meinen Papierstapeln und Bastelhaufen endlich das Kleinteil finde, was ich gesucht habe.

Lustigerweise kommt mein Mann neuerdings des öfteren an, um sich meiner ausufernden Stickersammlung zu bedienen. Ein bisschen verwirrt, aber auch glücklich blättert er dann andächtig durch meine in Folien gesteckte Aufklebersammlung und sucht sich in paar auA8A90C88-1A5B-462C-B9CD-B1772DB32847s, die dann seine Ipadhülle verschönern sollen. Während meine Tochter eher auf golden glitzernde Einhörner steht oder auf rosa Herzen, wählt er natürlich eher die männlichen Alternativen in schwarzweiß mit Sprüchen oder der Abbildung des Eiffelturms.

 

Meiner Tochter habe ich vorgeschlagen, später Gerichtsvollzieherin zu werden. Sie liebt es, Aufkleber auf Möbel zu pappen.

 

Happy Maus, happy Haus,

Happy man, happy van,

happy wife, happy life.

Mama, ich möchte Kirschensaft!

Kindermund tut Wahrheit kund

Ein wahres Sprichwort, auch was Grammatik angeht. Manchmal benutzen Kinder Formen, die einem Erwachsenen komisch oder falsch vorkommen, die aber doch einer inneren Logik folgen.

Deshalb kam ich heute ins Grübeln, als meine Tochter mal wieder „Kirschensaft“ forderte. Ja – es heißt „Bananensaft“, IMG_1268„Aprikosensaft“ oder „Orangensaft“, weshalb dann aber „Kirschsaft“ ohne „en“?

Grammatik ist tückisch. Das wissen nicht nur meine Schüler, sondern alle Menschen, die sich mit Sprache beschäftigen und darüber nachdenken.

Nehmen wir mal „Apfelsaft“, „Orangensaft“ und „Kirschsaft“. Und jetzt erklären Sie einem Kind, weshalb sie so heißen, wie sie heißen.

  • Apfel = Nominativ, Dativ oder Akkusativ Singular
  • Orangen = jeder Fall im Plural
  • Kirsch = unvollständiges Wort

Gibts eine Regel, die dahinter steht, und wenn ja, muss man sie befolgen?

Nun, wir leben in Deutschland. Natürlich gibt es eine Regel, und natürlich muss man sie befolgen. Aber wie lautet sie?

Ich habe im Internet (Zeit online Blog: Leser fragen: Äpfelsaft?) eine interessante Erklärung gefunden: Es liegt an der einfacheren Aussprache (Orangesaft klingt ja auch viel holpriger als Orangensaft, probieren Sie mal aus):

Dabei handelt es sich nicht um Pluralendungen, sondern um sogenannte „Fugenmorpheme“, die aus Prosodiegründen eingefügt werden(…)

Das werde ich meiner Fünfjährigen gleich so erklären.

Aber erst muss ich ihr Rechtschreibung beibringen, denn sie ist verwirrt, weil Papa Pilz trinkt.

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Mit Geduld und viel Liebe zum Emoji: Wie whatsapp meine Familie zusammenhält

6B631757-68D3-4DE9-AA3B-B8E97FBACCFFEs sind Herbstferien. Zeit für die Familie. Besuche bei Omi, Kastaniensammeln mit dem Töchterchen oder shoppen mit dem Neffen.

Da wir recht weit auseinander wohnen, funktioniert das meist nur in den Ferien. Ansonsten sind wir auf whatsapp angewiesen.

Meine Mama, die Omi 👵🏻:

Ich hab ja in früheren Texten schon über sie geschrieben. Omi hat mit 70 ihr erstes Smartphone bekommen und ohne nennenswerte Berührungsängste die whatsappwelt für sich entdeckt. Sie gehört zu den Leuten, die immer sofort antworten und jede Nachricht mit einer höchst flexiblen Auswahl an Emojis verschönern. Sowas wie

Tante Charlotte geht’s leider sehr schlecht 🦄🐚😻🌧👗

Sie macht sich damit nicht über das Leiden anderer lustig, sondern versucht vielleicht mich mit ihren liebevoll ausgesuchten Bildchen zu trösten. Das weiß aber nur sie selbst.

Mein Bruder 👦🏻

Er gehört zu den Leuten, bei denen oben auf dem Display zehn Minuten lang steht „schreibt“ und bei denen man sich voller Hoffnung auf eine ausführliche Story freut, aber dann kommt nur

Danke, uns geht’s gut.

Er tippt langsam und gründlich 🤓

Mein Freund (also nicht mein Mann, sondern mein Freund. Also nix Unanständiges, er ist im Prinzip auch sein Freund, HERRSCHAFT! Wer wissen will, was ich meine, lese meinen Roman und achte auf Minchen)

Er gehört zur Spezies „whtsapp kommt mir nicht ins Haus“, und so kommuniziere ich immer mit seiner Freundin, die auch meine Freundin ist. Er ruft ihr dann die Befehle zu, und sie tippt ihre eigenen Kommentare.

Meine Tochter 👧🏼

Für sie ist WhatsApp ein wahrer Segen. Da sie Omi nur ein bis zweimal im Monat sieht, aber noch nicht schreiben kann, schickt sie ihr emojis. Also nicht so zwei, drei, sondern ganze Kaskaden. Entweder mit Dingen, die Omi mag, also

🐣🦋🐞🌹🍄🍒🍟🎂

oder mit Dingen, die sie selbst mag

🤹🏻‍♀️🥁⚽️🍫🍡🥐🌈🌹🦄

oder nach Farben geordnete Anhäufungen schöner Dinge

🐞🐞🐞🦋🦋🐞🐞🐞🦋🦋👑👑👑👑👑🦋🦋🐞🐞🐞🦋🦋

natürlich ist die Freude groß, wenn Omi antwortet:

🎃👣👔🐛🍓🥃📈

Coming soon: Rapunzels Töchter

Rapunzels Töchter – mein neuer Roman steht kurz vor der Vollendung. Wer mal reinschnuppern möchte: Bitte sehr 🙂

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Prolog hier, um 2017

Langsam und sanft schaukelte der zunehmend frostige Herbstwind die Feder zu Boden. Zumindest fast. Der Wind war noch unentschlossen. Zuerst wollte er sie wie ein Geschenk einer der beiden jungen Mütter dort auf der Bank in den Schoß schweben lassen, doch der Ton ihrer Unterhaltung missfiel ihm. Also blies er die weiße Feder noch ein Stückchen weiter, stockte kurz, und lächelte dann erfreut. Nun war das Ziel klar, und genau so sanft wie eben, doch diesmal mit Nachdruck, ließ er das zarte Ding auf die etwas altmodisch wirkenden schwarzen Schnürstiefel der Frau zwei Bänke weiter sinken. Dankbar für die freundliche Geste lächelte sie ihm zu, und sanft strich er ihr durchs Haar, bevor er sich, mit neuer Wucht und Hingabe, über den großen Platz hinein in die Stadt davonmachte.
„Ich will ja nichts sagen, aber solche Menschen müssten in den Knast wandern“, schüttelte die junge Frau mit den etwas plumpen Gesichtszügen rechts auf der Parkbank fassungslos den Kopf und fuhr fort: „Jeder, der sich in irgendeiner Art an Kindern vergreift, müsste weggesperrt werden. Aber die Justiz tut ja nichts – Nicki, lass das Mädchen in Ruhe!- und lässt solche, solche“ – sie suchte nach dem passenden Ausdruck, fand aber keinen „na, du weißt schon, auch noch frei herumlaufen. Die armen Kinder.“ Sie schürzte die rostrot geschminkten Lippen und fuhr sich nervös durchs lockige Haar. Grit nickte mechanisch. Sie war in ihre eigenen Gedanken versunken. Versunken in den Anblick der untergehenden Herbstsonne, die den Himmel und damit die Umgebung in rauchblaue Töne tauchte und allem einen pudrigen Anstrich verlieh. In der Ferne sah man schon die ersten Lichter in den Häusern aufleuchten und der Herbstfrost hüllte selbst den Autoverkehr nicht weit vom Spielplatz in eine angenehme Stille. Grit liebte diese Jahreszeit und kuschelte sich tiefer in ihren Kaschmirschal. Nur noch wenige Minuten, dann mussten sie heimgehen. Anneli musste noch ihre Hausaufgaben machen, und sie selbst das Abendessen vorbereiten. Grit lächelte glücklich. Sie nannte sich selbst gern eine Räubertochter-Mama. So wie Lovis aus dem Kinderroman hatte sie selbst immer als Mutter sein wollen: Stark, mutig, immer da, aber niemals Glucke. Klare Grenzen setzen, aber noch klarere Freiräume bieten. Anneli durfte sich beim Spielen bis unters Kinn mit Schmutz bespritzen, sie durfte so hoch klettern, wie sie wollte, aber Grit ließ ihr Kind dabei nie aus den Augen. Und wenn Anneli mal Angst hatte, was auch einer Räubertochter durchaus mal passierte, war ihre starke Mutter da, nahm sie in die Arme wie ein Baby und überschüttete sie solange mit Wärme und Selbstvertrauen, bis Anneli wieder allein den Kampf mit der Welt aufnehmen konnte. Deshalb drang die lästernde Stimme ihrer Sitznachbarin wie ein Misston in ihre Ohren. Sie fühlte sich hin- und hergerissen zwischen Abneigung gegen diese Helikoptermutter, die alles und jeden maßregelte, besonders das eigene Kind, und dem Bedürfnis, ihr zuzuhören. „In der heutigen Zeit des Tierschutzes, des Sicherheitsfanatismus an Flughäfen und der Sucht nach Schönheit werden unsere Kinder leider vergessen.“ Grit blickte liebevoll ihrer kleinen Tochter hinterher, die sich mit halsbrecherischem Abenteuersinn von Seil zu Seil schwang. „Vielleicht sollten wir uns doch mal ans Jugendamt wen-“, schlug sie vor. “Ach, Quatsch“, fiel ihr die andere laut ins Wort, „die tun doch nichts. Die kommen vorbei, gucken mal kurz, vermerken in ihren Akten, dass noch niemand zu Tode gekommen ist und sagen bedauernd ‚mehr können wir nicht tun‘.“ Grit wusste nicht, was sie davon halten sollte. Sie kannte diese Nachbarin kaum und konnte sich kein Urteil bilden, jedenfalls nicht so schnell und gnadenlos wie Steffi. Wie schlecht musste es einer Mutter gehen, damit sie ihr Kind… Grit wollte gar nicht darüber nachdenken und sah erneut hinüber zu Anneli, die gerade damit beschäftigt war, die große Strickleiter hinaufzuklettern.
Auf dem großen städtischen Spielplatz standen rings herum im Abstand von wenigen Metern insgesamt sechzehn Holzbänke für die Mütter und Väter, die mit ihren Kindern herkamen, um in Ruhe am Laptop arbeiten oder ein Buch lesen zu können, während die Kinder in den Sandkästen spielten, schaukelten oder die nigelnagelneue und spiegelglatte Jumbo-Rutsche hinunter rasten. Man kannte sich nur selten mit Namen, aber vom Sehen und grüßte sich in der Regel freundlich.
Steffi und Grit saßen auf einer Bank am Rand des Platzes, und bemerkten die fremde Frau schräg gegenüber erst jetzt. Sie nickte lächelnd in ihre Richtung, und die Beiden konnten nicht verhindern, dass sie sie anstarren mussten. Grit bemühte sich wenigstens darum, dezent zu beobachten, doch Steffi musterte die Fremde ungeniert von oben bis unten. Die Frau war das, was man gemeinhin schön nannte, und doch wurde ihr dieser Begriff nicht ansatzweise gerecht. Weder Steffi noch Grit wussten genau, was es war, das sie so faszinierte: Eine Art Weichzeichnereffekt. Sie saß da wie sie, aus Fleisch und Blut, und trotzdem wirkte sie nahezu überirdisch. Es gab sicherlich einige Frauen, die mit Ende zwanzig noch keine Falten hatten, doch die Anmut und Schönheit dieser Dame glich einer Perfektion, die nichts mit äußeren Mittelchen wie Makeup, Haarcoloration oder Körperpflege zu tun hatte.
„Wer sind Sie? Ich habe Sie hier noch nie gesehen“, ergriff Steffi als erste das Wort.
Die Fremde lächelte freundlich. „Oh, ich komme auch nicht von hier, sondern bin nur zu Besuch und habe mich hierher gesetzt, weil es so ein schöner Ort ist. Ich mag das fröhliche Leben auf Spielplätzen. Und ich muss gestehen, Ihr Gespräch hat mich ein wenig neugierig gemacht, es scheint etwas Schlimmes passiert zu sein?“ Die Frage klang weder aufdringlich, noch sensationslüstern, es schwang ehrliches Interesse mit.
Steffi, die wieder zu der ihr eigenen Burschikosität zurückgefunden hatte, schnaubte, während Grit immer noch in den zauberhaften Anblick der Fremden versunken war. „In unserem Wohnblock hat eine Frau ihr kleines Baby fast zu Tode geschüttelt, weil es nicht einschlafen wollte, ist das zu fassen? Die Nachbarin hat die Polizei gerufen, das Jugendamt kam, und – das Kind wohnt immer noch dort. Ich verstehe das einfach nicht. Erstens, wie kann man einem kleinen Würmchen nur so etwas antun, das ist doch kein Mensch, diese Frau. Und wie kann der Staat nur zusehen? Die müssen doch irgendetwas tun?“ „Was denn?“, fragte die Fremde ernst. Steffi fühlte sich von der Frage etwas überrumpelt. „Wie- was. Naja, die Frau einsperren, das Kind in eine Pflegefamilie geben oder erst einmal in ein Heim, da hat es es auf jeden Fall besser als zuhause.“ „Kennen Sie das Zuhause?“, fragte die Frau überrascht. „Nein, weshalb?“, fragte Steffi irritiert zurück. Ihre neue Bekanntschaft zupfte an ihrem bunten, langen Kleid herum. Dann hob sie den Kopf und sah Steffi direkt in die Augen. Der Blick war nicht unfreundlich, und hatte dennoch etwas von Stahl. „Weil Sie glauben, dass das Kind es überall besser habe als zuhause.“ „Sie meint, weil das Kind fast zu Tode geschüttelt wurde“, mischte sich jetzt Grit ein, die aus ihrer Trance erwacht war. „Natürlich ist es überall besser als dort, wo man misshandelt wird.“
Steffi nickte energisch. Die Fremde schwieg. „Sind Sie etwa anderer Meinung?“, fragte Grit und zog die Stirn in Falten. Die Angesprochene schien zu zögern. „Nun ja, gemeinhin geht man davon aus, dass das Kind am besten bei der eigenen Mutter aufgehoben ist…“ „Aber doch nicht bei so einer!“, rief Steffi entrüstet dazwischen. Und wieder sah die Fremde sie mit diesem Blick an, zu freundlich, um anklagend zu sein, aber hart und alles andere als unverbindlich. „Ach, Sie kennen sie?“ Langsam wurde Steffi das Fragespiel zu dumm. „Sorry, ich muss einen Menschen nicht kennen, um zu wissen, dass er nichts taugt, wenn er ein Baby schlägt. Ich weiß nicht, was Sie wollen, aber wenn das jetzt wieder so eine ‚Die arme Frau hatte sicher Probleme in ihrer Kindheit‘-Nummer wird, bin ich raus.“ Die Fremde nickte entschuldigend. „Ich verstehe Ihren Ärger, mich macht so etwas ebenfalls betroffen, das können Sie mir glauben. Was ich meine, ist, macht es nicht einen Unterschied, zu wissen, warum eine Mutter zu so etwas fähig ist? War sie überlastet? Nervlich am Ende? Oder ist sie wirklich nur ein egoistisches junges Ding, das sich von seinem Kind in der Freiheit eingeengt fühlt?“ Steffi schüttelte heftig den Kopf. „Es kommt auf die Tat an, das Warum ist doch egal. Dem Baby ist es gleichgültig, weshalb seine Mutter es schüttelt, die Schmerzen ändern sich dadurch nicht.“ „Das stimmt“, gab die Fremde zu, „und doch – was, wenn sie vielleicht einfach nur überfordert ist? Zu jung, zu allein, zu unerfahren – ist Mutter und Kind nicht mehr damit gedient, wenn man ihnen hilft, gemeinsam klarzukommen, als sie auseinander zu reißen?“ Steffi wollte entrüstet auffahren, doch Grit hielt sie zurück, ohne einen Blick von der Fremden zu wenden. „Was wollen Sie von uns?“, fragte sie ruhig. Die schöne Frau ließ ihren Blick über den Spielplatz schweifen, über den sich langsam die Abenddämmerung ausbreitete, sah die vielen glücklichen Kinder, die ausgelassen spielten und manchmal zu ihren Müttern oder Vätern hüpften, um sich ein Stück Apfel zu holen oder ihnen zu zeigen, welches Kunststück sie geschafft hatten. „Vielleicht, dass Sie mir zuhören, ja, das wäre schön. Dann könnte ich Ihnen eine Geschichte erzählen, wenn ich darf.“
Und obwohl Grit glaubte, nur noch wenig Zeit zu haben, bis die Kälte sie und Anneli nach Hause zwingen würde, und obwohl Steffi überhaupt keine Lust empfand, sich irgendetwas von Fremden erzählen zu lassen, nickten beide mechanisch.
Und die Geschichte rollte heran und begrub die Beiden unter sich wie eine Flutwelle.

Prolog dort, vor vielen hundert Jahren
„Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern(…). Er hatte wenig zu beißen und zu brechen, und einmal als eine große Teuerung ins Land kam, konnte er auch das tägliche Brot nicht mehr schaffen. Wie er sich nun abends im Bette Gedanken machte und sich vor Sorgen herumwälzte, (…) (sagte) die Frau „wir wollen morgen in aller Frühe die Kinder hinaus in den Wald führen, wo er am dicksten ist: da machen wir ihnen ein Feuer an und geben jedem noch ein Stückchen Brot (…) und lassen sie allein. Sie finden den Weg nicht wieder nach Haus, und wir sind sie los!““
Aus: Brüder Grimm. Kinder- und Hausmärchen. Hänsel und Gretel (S. 497). Mundus Verlag 1999

Sie hatte versagt. Sie kniete im matschigen Herbstlaub in der Mitte des Kreises, den die anderen um sie herum bildeten und wusste, dass sie versagt hatte. Ihre eigene Schande dröhnte ihr in den Ohren, und sie spürte weder die Kälte, die ihr durch die Kleidung drang, noch den Schmutz, in den ihre angewinkelten Beine immer tiefer einsanken. Ihr größter Wunsch war ihr erfüllt worden, und sie hatte alles zunichte gemacht. Allein dadurch war sie schon gestraft genug, aber ihr war klar, dass die Anderen das nicht gelten lassen würden.
„Du hast dich des größten Verbrechens schuldig gemacht, dessen die Menschheit fähig ist“, donnerte die unnachgiebige Stimme der Ersten von ihnen.
„Du hast deine eigenen, dir anvertrauten Kinder dem Tode geweiht!“, sprach die Zweite ebenso laut.
„Das ist nicht wahr!“, wollte sie schreien, brachte aber nur ein Krächzen zustande, „sie sind nicht tot!“
Die Dritte trat zu ihr und hob mit ihrem schlanken Zeigefinger das Kinn an, so dass sie ihr direkt in die smaragdgrünen Augen blicken musste.
„Das ist aber nicht dein Verdienst, oder?“, fragte sie ironisch.
„Schwestern“, sie musste sie überzeugen, „ich weiß doch auch nicht, was in mich gefahren ist. Ich – ich hab mir nichts mehr als eigene Kinder gewünscht, doch als sie geboren wurden – ich – ich sah sie an und“ – sie schluckte, „ich konnte sie nicht lieben. Ich blickte diese kleinen unschuldigen Wesen an und spürte nichts! Gar nichts! Ich habe mich doch hundertfach dafür geschämt, jeden Tag gehofft, dass es besser würde, doch wenn sie brav waren, haben sie mich nicht gestört, und wenn sie mich geärgert haben, hätte ich sie am liebsten hinausgeworfen- ich“-
„Ich, ich ich“, rief die Vierte, eine der Unfehlbarsten, Reinsten von ihnen, “kannst du auch noch etwas anderes denken? Es ging nicht um dich, sondern um zwei kleine Kinder, die unschuldig waren und nichts für eure schwierige Situation, die du dir übrigens ausgesucht hast, konnten!“
Sie ließ den Kopf wieder sinken.
„Ich weiß. Ihr habt mich gewarnt. Aber es ging einfach nicht! Wir waren arm. Bettelarm. Es gab keine Freude mehr in meinem Leben, kein Licht für mich. Und statt, dass meine Kinder mich darüber hätten hinwegtrösten können, waren sie eine zusätzliche Last für mich. Ich habe das nie verstanden, vielleicht könnt ihr mir helfen, es zu verstehen, ich wollte das nicht“. Schluchzend brach sie zusammen.
Ihre Schwestern traten zu ihr. „So etwas können wir nicht verstehen“, sagte die Fünfte und Schönste von ihnen sanft, „wir sind Naturwesen. Das, was du getan hast, ist uns fremd.“
„Du wirst wieder eine von uns sein“, fügte die Sechste hinzu, die Siebte sprach, als Einzige mit Mitgefühl in der Stimme: „Aber du wirst nie wieder eigene Kinder haben.“ „Das können wir nicht zulassen“, bekräftigte die Achte. „Da wir deinen Kummer sehen, werden wir dich wieder in unseren Kreis aufnehmen“, bot die Neunte an. „Du bist immer noch eine von uns“, sprach die Zehnte. „Doch deine Strafe liegt in deiner Untat, das wirst du einsehen“, forderte die Elfte bestimmt, und die Zwölfte und Reinste unter ihnen trat hervor und sprach, während sich das Licht um sie herum ausbreitete und alles in gleißendes Strahlen tauchte:
„Zur Strafe wird sich dein Wunsch nach eigenen Kindern verzehnfachen. Du wirst Tag und Nacht bereuen, was du getan hast und dich daran erinnern, was du verlorst.“
Sie spürte, wie die altbekannte Sehnsucht in ihr wuchs. Wie sie wuchs und unerträglich wurde. „Nein!“, weinte sie, „Was – wie geht es meinen Kindern? Lasst mich zu meinen Kindern!“
„Es sind nicht mehr deine Kinder, Schwester“, sprachen nun alle gemeinsam und verbanden sich zu einer donnernden Stimme, die von überall her zu stammen schien, „aber sei unbesorgt, Hans und Greta geht es gut. Sie haben das Böse überwunden und eine goldene Zukunft vor sich.“
Sie schrie. Sie schrie aus Leibeskräften, wie nur eine Mutter schreien kann, der man das Liebste nimmt, was sie hat. Ihre Schwestern waren Engel, gute Engel, wie man landauf, landab sagte, doch sie waren eben Naturwesen, und die Natur kann bisweilen grausam sein. Sie konnten den Schmerz nicht nachempfinden, den sie ihrer Schwester angetan hatten, sonst wären sie milder in der Umsetzung des Urteils gewesen, das ein Anderer gesprochen hatte.
Und hätten damit viel Unheil verhindern können, das sich somit seinen Weg durch das Herz ihrer Schwester und durch die Zeit bahnen konnte. Unerbittlich und unvermeidlich.

1. Teil

Dornröschens Erwachen – Rapunzels Kindheit und Jugend

Kapitel 1: Dornröschens Erwachen 117 Jahre nach dem Fluch

„Nun waren aber gerade die hundert Jahre verflossen, und der Tag war gekommen, wo Dornröschen wieder erwachen sollte. Als der Königssohn sich der Dornenhecke näherte, waren es lauter große schöne Blumen, die taten sich von selbst auseinander und ließen ihn unbeschädigt hindurch (…) Da ging er weiter und sah im Saale den ganzen Hofstaat liegen und schlafen, und oben bei dem Throne lag der König und die Königin (…) und endlich kam er zu dem Turm und öffnete die Türe zu der kleinen Stube, in welcher Dornröschen schlief. Da lag es und war so schön, dass er die Augen nicht abwenden konnte, und er bückte sich und gab ihm einen Kuss. Wo er es mit dem Kuss berührt hatte, schlug Dornröschen die Augen auf, erwachte und blickte ihn ganz freundlich an. (…) Und da wurde die Hochzeit des Königssohns mit dem Dornröschen in aller Pracht gefeiert, und sie lebten vergnügt bis an ihr Ende.“
Brüder Grimm. Kinder- und Hausmärchen. Dornröschen (S.475f). Mundus Verlag 1999

Sie blinzelte und kam langsam zu sich. Merkwürdig. War sie im Stehen eingeschlafen? Das wäre kein Wunder bei der vielen Arbeit, die sie freiwillig Tag für Tag für ihre Königin im Schloss zu erledigen hatte. Und die Jüngste war sie auch nicht mehr. Sie wollte nach ihrem großen Obstkorb greifen, in den sie seit etwa einer halben Stunde die vom Baum herabgefallenen prallen Früchte sammelte, – aber da war kein Korb mehr. Hatte etwa wieder Joschka, dieser unnütze –
Hannah  blieb fast das Herz stehen.
Alles war anders. Hannah schüttelte sich, schlug sich selbst ins Gesicht und hüpfte albern auf und ab, um sich aus diesem Traum zu befreien, doch nichts half – innerhalb von wenigen Sekunden oder höchstens Minuten, die sie eingenickt sein musste, hatte sich die Welt um sie herum komplett verändert: Wo eben noch der Obstkorb gestanden hatte, war nichts als hochgewachsenes Gras – überall um sie herum wucherten die Pflanzen meterhoch. Der mächtige Apfelbaum trug nach wie vor leckere Früchte, doch waren sie nicht prall und rot wie eben noch, sondern grün und kaum reif zu nennen. Die Mauern der Schlossküche waren überwachsen von Moos, und der kleine Rosenstrauch, den sie vor einem Jahr liebevoll gepflanzt hatte, griff nun fast über das komplette Gemäuer.
Noch nicht bereit, zu akzeptieren, was sie längst wusste, wankte und stolperte sie langsam und vorsichtig Richtung Schlossküche. Doch je näher sie kam, desto unangenehmer wurde der Geruch – muffig, modrig, es stank nach alter Erde.
„Was zum Teufel!“, hörte sie Franz, den königlichen Hofkoch schimpfen. Gott sei Dank! Sie war nicht allein. Mit riesigen Schritten flog sie zur Küche hinein – und traute erneut ihren Augen nicht: Die sonst so penibel aufgeräumte und blitzblank gewienerte Küche glich einem Gruselkabinett: Überall Staub, Spinnweben, undefinierbare schwarzbraune Sträucher oder Haufen auf den Küchentischen und Regalen, die Flaschen, Phiolen und Töpfe mit einer dicken Staubschicht überzogen. Und mittendrin der Hofkoch, die Hand zum Schlag erhoben, offenbar kurz davor, seinem vorlauten Lehrling Joschka eine zu pfeffern. Doch dazu kam es jetzt nicht mehr: Franz stand genau so regungslos da wie Hannah noch vor wenigen Minuten. Nur seine Augen bewegten sich hektisch hin und her.
„Verdammt nochmal, was ist hier los?“, bellte er sie an. Eigentlich war er ein guter und respektvoller Kerl, doch in der momentanen Situation konnte sie gut verstehen, dass er sich nicht mit Höflichkeiten aufhielt. Hannah schüttelte den Kopf. „Ich bin- ich hab- ich weiß nicht, was-“ Sie sank auf einen Stuhl, der sofort unter ihr zusammenkrachte. Joschka sprang herbei und half ihr wieder hoch. “Danke, danke, geht schon”, wehrte sie ihn freundlich ab und klopfte sich den widerlichen Staub aus den Kleidern. Dann sah sie sich um. Es half nichts. Sie musste der Wahrheit ins Gesicht sehen. “Ich fürchte, wir müssen zum König, er-“ Entsetzt schlug sie sich die Hand vors Gesicht. „Oh mein Gott!“ Und dann flog sie hinaus.
Ratlos sahen sich der Hofkoch und sein Küchenjunge an, dann entledigte sich der Ältere seiner dreckigen Schürze und brummte: “Ich geh jetzt auch zum König. Soll der sich darum kümmern. Ich kann und werde in so einem Dreckloch kein Milligramm mehr kochen.” Wütend und völlig verwirrt stapfte er davon.
Hannah war schon weit voraus, und sie eilten zum Fuße des Schlosses. Die Vertraute der Königin und der weit über die Landesgrenzen hinaus geschätzte Oberhofkoch. Unheimlicher hätte der Anblick, der sich ihnen bot, nicht sein können: Das ganze Schloss schien verwittert und war unter Hecken verschwunden. Und diese Hecken schienen sich irgendwie… zurückzubilden, wenn auch so langsam, dass es kaum bemerkbar war. Und alle Menschen, die ihnen begegneten – Wachen, Zofen, Diener, Minister – sahen genau so durcheinander und verdattert aus wie sie selbst.
Der Thronsaal war völlig überfüllt. Jeder, der auf dem Gelände wohnte, von der obersten Hofdame bis hin zum Gänsejungen, hatte sich hier versammelt, doch von der königlichen Familie keine Spur.
“Der König und der Prinz sind doch gerade erst abgereist!”, erinnerte der Haushofmeister, der sich in seinem ganzen Leben noch keiner so derart unkalkulierbaren Situation gegenüber gesehen hatte. Doch es war sein großer Ehrgeiz, sich niemals, wirklich niemals aus der Ruhe bringen zu lassen, und er versuchte erstmal für Ordnung zu sorgen. “Jeder sucht sich hier seinen Platz und verhält sich seinem Stand angemessen. Ich werde gehen und sehen, was geschehen ist.” Einige kicherten ob dieses ungewollten Gedichts.
Und der alte Mann raste förmlich durch das Schloss und fand endlich, wonach er suchte: Eine Tür am Ende des Ganges, der vom Frühstückszimmer ab in verschiedene Salons führte, wurde von zwei Soldaten bewacht.
“Was tut ihr hier? Weshalb seid ihr nicht im Thronsaal? Habt ihr die Königin gesehen?”, fauchte er sie an. “Jawohl, Herr“, antwortet der Linke, dem ein Staubfaden im Gesicht hing. “Es war sehr merkwürdig, Herr“, fügte der Rechte hinzu, “die Königin ist wie von Sinnen ihrer Tochter hinterhergelaufen, die durch diese Tür getreten war. Und einen Augenblick später sah alles hier so… verändert aus”, versuchte er sich auszudrücken. Der Linke nickte bestätigend. “Die Königin ist durch die Tür verschwunden und hat uns den Schwur abgenommen, niemanden hindurch zu lassen, es sei denn, sie sei nach einer Stunde nicht wieder da. Das war vor etwa dreißig Minuten.” Der Haushofmeister war nun wirklich nicht in der Stimmung, sich aufhalten zu lassen. „Ja merkt ihr denn nicht, was hier los ist? Ich muss sofort die Königin sprechen. Sofort!“, bellte er und wollte sich an den Wachen vorbeischieben, als sich die schwere Tür öffnete und er beinahe in die königliche Familie fiel – oder zumindest das, was von ihr noch übrig geblieben war.
Prinzessin Rosalie, von ihrem Vater seit jeher liebevoll „Dornröschen“ genannt, weil sie „schön wie eine Rose, aber bisweilen zickig und spitz wie Dornen“ sein konnte, erschien als Erste. Tränenverschmiert fegte sie aus der Tür und rannte so schnell davon, dass sich ihre schweren Röcke bauschten. Die Königin rief ihr nach, doch blieb dann stehen, sah von einem zum anderen, befahl „In den Thronsaal, sofort!“, und schritt ebenfalls so schnell voraus, dass die anderen kaum nachkamen. Deshalb bemerkten sie zunächst nicht, dass noch ein ihnen völlig unbekannter junger Edelmann aus der geheimnisvollen Tür trat, der groteskerweise ein völlig anderes Gesicht aufgesetzt hatte, als die beiden Damen: Strahlend, stolz und grenzenlos arrogant.
„He, Moment!“, rief er, „was ist mit mir? Will mich niemand begrüßen? Willkommen heißen, oder sich wenigstens“ – er zuckte die Achseln, weil ihm niemand zuhörte, „bei mir bedanken?“
Der arme Haushofmeister wusste nicht, wie ihm geschah, tänzelte hin und her, wollte in Erfahrung bringen, wer der Fremde war, aber auch den Anschluss zur Königin nicht verlieren. Noch nie hatte er seine Herrin so gesehen. So – von Gram gezeichnet. Entsetzt. Tief trauernd. Was war bloß geschehen? „Königliche Hoheit, ich“ „Nicht jetzt, mein Lieber“, wurde er von ihr unterbrochen, „nicht jetzt. Wartet, bis wir alle im Thronsaal versammelt sind.“ Sie sprach so leise, dass er Mühe hatte, ihre Worte zu verstehen. Aber er fügte sich.
Während die Posaunen ihre Melodie erklingen ließen, um die Ankunft der Königin im Thronsaal zu verkünden, verstummte der komplette Hofstaat und blickte nach vorn. Die Königin, mit einem unbeschreiblichen Ausdruck im Gesicht, hob die Hand, und die Posaunen verstummten. Was sie jetzt ihrem Volk mitzuteilen hatte, war das Schwierigste, was sie je hatte tun müssen.
Was war geschehen?
Am Morgen, als ihr Mann, König Michael, mit ihrem Sohn Martin und dessen Verlobter fortgeritten war, hatte sie sich entsetzlich mit ihrer Tochter Rosalie gestritten. Diese war dann fortgelaufen und im Turm verschwunden. Sie, die Königin, war ihr gefolgt, doch als sie den Turm gerade betreten hatte, war ihr schwindelig geworden und sie war zu Boden gesunken. Als sie wieder zu sich gekommen war, sah sie, dass sich alles um sie herum verändert hatte – die Mauern schienen verwittert, überall wuchs Moos, Spinnweben hingen herum und Staub bedeckte den Boden zentimeterdick, da wurde ihr klar, dass sich der Fluch des 13. Engels erfüllt hatte: Der gesamte Hofstaat war in einen hundertjährigen Schlaf gefallen. Nur das Königspaar hatte damals mitbekommen, wie die bösen Worte ausgesprochen worden waren, und der König hatte seiner Frau den Schwur abgenommen, absolutes Stillschweigen darüber zu bewahren, damit keine Panik aufkomme. Dafür achtete er gemeinsam mit der Königin penibel darauf, dass alle Schlossbewohner ihre Familien bei sich wohnen hatten, denn falls sich der Fluch erfüllte, würde draußen das Leben weitergehen wie bisher, und alle, die den Schlaf nicht mitmachten, würden älter und starben.
Doch der König war zu sehr König, um diese Regel auch selbst einhalten zu wollen, und war dementsprechend mit Sohn und künftiger Schwiegertochter aufgebrochen, um den üblichen Staatsbesuch bei ihrer Mutter zu machen. Er hatte seine Pflichten nicht den Launen eines missgünstigen Weibes unterordnen wollen, auch wenn es sich bei diesem Weib um einen Engel handelte. Und genau in diesem Moment hatte das Schicksal – oder vielmehr der Fluch – zugeschlagen.
Panisch und in dem Wissen, Michael und Martin nun niemals wiederzusehen, war die Königin im Turm nach ihrer Ohnmacht nach oben gelaufen zu ihrer Tochter – und hatte sie verwirrt mit einem fremden Prinzen vorgefunden, der verkündete, er sei „der Retter“. Auf ihre Frage, was er denn damit meine, hatte er geantwortet, dass König Michael, ihr Michael, angeblich vor 100 Jahren verfügt habe, dass derjenige König seines Landes werden solle, der seine als Dornröschen bekannte Tochter, Prinzessin Rosalie, wachküssen werde. Völlig überfordert von der Situation, musste sie ihrer Tochter, die ratlos zwischen ihnen stand und von dem Fluch niemals erfahren hatte, die Geschehnisse erklären: Dass sie ihren geliebten Papa und ihren Zwillingsbruder Martin niemals wiedersehen würde. Natürlich stand das Kind jetzt unter Schock, sie alle standen unter Schock. Rosalie war fortgelaufen, die Königin hinterher. Doch sie war nicht nur Mutter. Jetzt ruhte die Verantwortung für ihre Untertanen nur noch auf ihren Schultern. Das Volk hatte eine rasche Erklärung verdient. Und deshalb war sie ihrer Tochter nicht weiter gefolgt, ihr erster Impuls, sondern hatte sich zusammengerissen und war zum Thronsaal geeilt, in alle Richtungen verkündend, dass man sich dort versammeln solle. Dabei war sie voller Gewissensbisse. Immer hatte Rosalies Sicherheit an erster Stelle gestanden, sie hatte ihre Tochter überbehütet und ihr ganzes Leben lang nicht aus den Augen gelassen. Damit war sie nicht nur dem Mädchen, sondern auch dem König gehörig auf die Nerven gegangen. Aber ausgerechnet heute, wo Dornröschen wirklich ihre Hilfe brauchte, musste sie sie fürs erste im Stich lassen.
‚Alles läuft falsch, alles habe ich falsch gemacht!‘, quälte sie sich selbst. ‚Aber es hilft nichts. Heute musst du wirklich einmal selbst Verantwortung übernehmen. Diesmal kann ich mich auf niemanden sonst verlassen.‘
„Mein Volk“, sprach sie laut und mit leicht zitternder Stimme. „Heute habe ich eine grausame Pflicht zu erfüllen.“ Hannah schüttelte verzweifelt den Kopf. Was musste ihre Herrin nur gerade durchmachen. Sie sah sich um. Wo war die Prinzessin? Die Königin fuhr mit brüchiger Stimme fort.
„Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll.” Hilfesuchend blickte sie zu dem fremden Prinzen, doch sie wusste instinktiv, dass von dort keine Unterstützung zu erwarten war. “Vor vielen Jahren ist unsere geliebte Prinzessin Rosalie mit einem Fluch belegt worden.” Im Saal war es so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Alles hielt den Atem an. Sie sah erstaunte bis geschockte Gesichter. “Meine” – sie stockte – “ein Engel hat sie verflucht, sie würde sich eines Tages an einer Spindel stechen und sterben. Diesen Fluch konnten die guten Engel nur in einen 100jährigen Schlaf umwandeln, der uns allerdings alle getroffen hat. Deshalb hat mein Mann” – sie biss sich heftig auf die Unterlippe und kämpfte gegen die Tränen, “…deshalb hat der König verfügt, dass ihr alle eure Verwandten hier im Schloss versammeln sollt, damit ihr sie nicht verliert. Damit, wenn der Fluch eintrifft, alle zusammen schlafen und auch gemeinsam wieder aufwachen.“ Sie zögerte. „Nach hundert Jahren.“ Erst jetzt blickte die Königin wieder auf. „Es ist überstanden. Die Zeit der Angst und der Unsicherheit ist vorbei. Der Fluch, der uns vor 17 – nein – vor 117 Jahren traf, hat sich erfüllt, doch er ist durch diesen jungen Mann, Prinz Hendrik aus dem Nachbarland Dreifedern, aufgehoben worden.“ Sie wies steif auf den huldvoll um sich winkenden jungen Mann neben sich. „Prinz Hendrik hat unsere Rosalie wachgeküsst, und damit uns allen unser Leben wiedergegeben. Unser Dank gilt allein ihm.“
Die Untertanen applaudierten nicht. Die Königin nahm es ihnen nicht übel. Schließlich hatten sie viel zu verdauen. Einer der Minister rief: “Was soll das heißen? Wir haben, ohne es zu merken, 100 Jahre geschlafen, und außerhalb der Schlossmauern ist alles so weitergegangen wie bisher?“ Lautes Gemurmel setzte ein, 1000 Fragen wurden gestellt oder waren in den entsetzten und verwirrten Gesichtern der Untertanen zu lesen. Der Haushofmeister fügte hinzu: „Aber bei allem Respekt – eine so weitreichende Entscheidung hätte der König doch niemals allein treffen dürfen – was wäre gewesen, wenn jemand seine Familie nicht hätte herholen können, wenn es außerhalb gute Freunde gegeben hätte – er hätte uns alle blind in unser Unglück laufen lassen?” Die Königin schämte sich in Grund und Boden. “Ich weiß, Minister.” Sie blickte allen in die Augen. “Ich weiß, wir haben uns schuldig gemacht. Immer wieder habe ich ihn angefleht, seine Entscheidung zu überdenken, insistiert, dass er euch alle nicht übergehen dürfe, doch er ist bei seiner Entscheidung geblieben.” Sie dachte an ihre Tochter. Wo war sie bloß hingelaufen? “Und er musste, genau wie wir, bitter dafür bezahlen.”
Hannah weinte leise. Der König – und der Prinz – Gott sei ihrer aller Seele gnädig! Doch die Königin sprach schon aus, was das Volk sich nicht zu fragen wagte:
“Uns allen kommt es so vor,” sie schluckte, “als ob König Michael und Prinz Martin vor wenigen Stunden abgereist seien.” Sie musste innehalten und hielt sich ihr spitzenbesetztes Taschentuch vors Gesicht. Doch dann fing sie sich wieder. “In Wirklichkeit ist das 100 Jahre her. Der König und sein Sohn sind tot.“
Stille.
Die Stimme der Königin klang wie ein Misston in dieser allumfassenden Lautlosigkeit.
„Als sie zurückgekommen sind, lagen wir alle in tiefem Schlaf, ich weiß nicht, was aus ihnen  geworden ist, aber fest steht, dass sie alle nicht – mehr – leben.“ Sie schlug die Hände vor das Gesicht und schluchzte. Hannahs Herz schlug laut. Was musste diese tapfere Frau noch alles erleiden? Irgendwie war es doch alles ihre eigene, Hannahs, Schuld. Sie bahnte sich einen Weg durch die Menschenmassen. Sie musste ihr helfen, die Königin brauchte jetzt eine wirkliche Vertraute. Doch diese hatte sich gefasst und hob gerade wieder ihr Haupt. „Ich bitte sämtliche Minister nun, Boten in die Ländereien auszusenden, die in Erfahrung bringen sollen, was während unseres hundertjährigen Schlafes geschehen ist.“ Einer ihrer Minister erhob die Stimme. „Weshalb sind nicht rechtzeitig Vorkehrungen getroffen worden, die die Regentschaft während des Schlafes geregelt haben? Weshalb hat sich der König in diesen schwierigen Zeiten überhaupt vom Schloss entfernt?“ Die Königin lächelte verbittert. „Ich habe dutzendfach auf den König eingeredet diesbezüglich, doch er ließ sich nicht umstimmen. Er war der Meinung, alle Spindeln, die den Fluch hätten einsetzen lassen können, im Land verbrannt zu haben, so dass nichts passieren könne. Derartige Vorkehrungen hätten seiner Meinung nach nur Unruhe und Panik ausgelöst, was zu vermeiden er absolut wichtig nahm. Doch ich bin fest davon überzeugt, dass er nach seiner Rückkehr Vorkehrungen getroffen hat. Ich verstehe euren Unmut“, versuchte sie die Herren zu beruhigen, „ihr alle habt euren treuen Herrscher und seinen Thronfolger verloren, aber vergesst nicht – ich verlor Mann und Sohn, meine Tochter Vater und Bruder. In drei Stunden sehen wir uns hier und besprechen, was weiterhin zu tun ist.“
Damit schritt sie zurück in ihre Gemächer, auf der Suche nach Dornröschen, gefolgt vom Prinzen, der etwas enttäuscht schien, dass seine Rettung nicht ganz so gefeiert wurde, wie er sich das vorgestellt hatte.
*
In der Zwischenzeit war Rosalie hinausgelaufen in den königlichen Park. Tränenüberströmt war sie dort auf einem Baumstumpf niedergesunken und hatte bitterlich geweint. Ihre junge Seele war so übervoll von Trauer, Zorn und Verzweiflung, dass sie nicht mehr wusste, wer und wo sie war. Ihre ganze Wut entludt sich auf ihre Mutter. Mama, die sie immer wie ein kleines Kind behandelt hatte, sie nie aus den Augen gelassen und überall hin hatte begleiten lassen. Nun wusste sie, warum. Rosalie lachte bitter. Dass man einem Kleinkind dieses Schicksal vorenthielt, konnte sie ja noch nachvollziehen, aber sie war siebzehn. Siebzehn, Herrgott, fast erwachsen, und ihre Eltern hatten es nicht für nötig befunden, sie einzuweihen. In ihrer Wut gab sie ausschließlich ihrer Mutter die Schuld daran. Paps war tot, er konnte sich nicht mehr wehren, außerdem war ihre Mutter immer die Überfürsorge und Angst in Person gewesen. Sie hatte sicher auch dafür gesorgt, dass die kleine Tochter weiterhin im Ungewissen gelassen wurde. Und Rosalies Selbstmitleid vergrößerte sich noch, als sie an ihren Zwillingsbruder, ihren Seelenverwandten dachte. Martin war ihr Ein und Alles gewesen, der Einzige, der sie ungestraft necken durfte. Mit wem sollte sie nun ihre Zeit verbringen? Ihre Probleme besprechen? Rosalie blickte in den Himmel und schrie die Wolken an, die friedvoll weiterzogen, als würden auch sie keine Notiz von der Prinzessin nehmen.
Plötzlich hielt Rosalie inne.
Was war das? Sie rieb sich mit dem Handrücken die Tränen aus dem Gesicht. Das konnte doch nicht – ein Mann kam den Parkweg entlang, gerade auf sie zu – ihr erster Impuls war, aufzuspringen und ihm entgegenzulaufen, weil sie dachte, es sei Martin, der wundersamer Weise überlebt hatte, doch der Gang – die Figur, irgendetwas war anders. Er war es – aber irgendwie auch nicht. Rosalie blinzelte und hielt den Atem an. Ihr Herz klopfte so laut, dass sie dachte, jeder im Umkreis von mehreren Kilometern müsste es hören.
Ernst sah der Mann aus. Er musste mindestens 10 Jahre älter sein als sie, aber glich Martin fast aufs Haar. Bewegte sich wie er. Ein Bruder, oder – langsam dämmerte es ihr – oh Gott – Martins… Sohn? Nein. Urenkel?
Langsam kam er auf sie zu, blieb dann in angemessenem Abstand vor ihr stehen und verneigte sich.
*
Hans, der letzte Nachkomme aus dem Haus der Rosen, hatte mit allem gerechnet – mit einer völlig aufgelösten Königin, einem verschreckten Hofstaat, einer in Panik ausbrechenden Gesellschaft. Mit alldem hätte er fertig werden können, aber direkt der Prinzessin zu begegnen, einem völlig verschreckten, traumatisierten siebzehnjährigen Mädchen, das eben zum ersten Mal die ganze Situation in ihrer Tragweite begreifen musste, darauf war er nicht vorbereitet gewesen. Dazu wusste er, wie ähnlich er seinem Ururgroßvater, ihrem Zwillingsbruder, sah, und beeilte sich, einem etwaigen Missverständnis zuvorzukommen.
„Hoheit, bitte erschreckt Euch nicht. Wisst Ihr, was geschehen ist?“ Rosalie nickte mechanisch. Er fuhr fort. „Ich bin Prinz Hans, der Ururenkel Eures Bruders. Ich bin auf dem Weg zum Schloss, um zu verkünden, was Euer Vater über die Zukunft seines Landes verfügt hat.“ Rosalie nickte erneut. Dann fragte sie leise: „Was hat er denn verfügt?“ Hans griff in sein Wams und holte einen alten, vergilbten Umschlag hervor. „Lest selbst – diesen Brief hat er Euch geschrieben.“ Zunächst starrte sie ihn ungläubig an. Dann riss sie ihm förmlich den Umschlag aus der Hand und zog sich in eine kleine Laube jenseits des Parkweges zurück. Hans wartete respektvoll in angemessener Entfernung. Fieberhaft brach sie das Siegel, glättete das Pergament und las:

Mein über alles geliebtes Dornröschen.
Nichts ist mir in meinem ganzen Leben so schwergefallen, wie dieser Brief. Ich habe einen furchtbaren Fehler gemacht, indem ich dich und deine Mutter zurückließ, um meinen königlichen Pflichten nachzukommen. Das Schlimmste ist, dass ich nicht weiß, ob ich beim zweiten Mal anders handeln würde. Ein König ist ein König. Wir sind dazu geboren, unserem Volk zu dienen, und das habe ich getan.
Nichts desto trotz habe ich dich und deine Mutter allein gelassen, und darüberhinaus Martin Mutter und Schwester genommen. Ich kann dir nicht sagen, wie sehr mich das alles schmerzt, und in wie tiefe Verzweiflung mich die ganze Situation drückt. Deswegen bitte ich dich nicht um Verzeihung. Vermutlich wirst du mir nie verzeihen können.
Ich bitte dich nur um eins: Sei deiner Mutter eine Stütze, und richte dich nach meinen Verfügungen. Sie ist diejenige, die mich immer wieder versucht hat zurückzuhalten, doch ich konnte nicht auf sie hören. Deine Mutter trägt keine Schuld. Ich habe verfügt, dass während der Dauer des Fluches Martins Nachkommen die Regierungsgeschäfte übernehmen, bis derjenige kommt, der dich vom Fluch erlöst und dafür das Schloss und deine Hand bekommt.
Vielleicht bist du auch hier der Meinung, es würde über deinen Kopf hinweg entschieden, aber ich möchte nur das Beste für dich und unser Land. Wer dich rettet, muss ein guter und tapferer Mann sein.
Ich wünsche dir, meinem über alles geliebten Dornröschen, nur das Beste für die Zukunft. Auch deiner Mutter werde ich einen Brief schreiben. Sei dir meiner Liebe und der Liebe deines Bruders für immer gewiss.
Dein Vater, König Michael

Tränen liefen ihr über das ganze Gesicht. „Papa“, wimmerte sie leise. Dann fiel ihr Blick auf die Worte „deine Mutter trifft keine Schuld“, und der allumfassende Zorn war wieder da. ‚Als ob!‘, dachte sie voller Verachtung. ‚Mama war doch diejenige, die mich eingesperrt hat wie ein Kaninchen. Und jetzt nimmt er sie immer noch in Schutz.‘ Rosalie war so von Trauer durchdrungen, dass sie nicht mehr klar denken konnte. Ihre Verzweiflung musste ein Ventil finden, und das war ihre Mutter. Sie lebte schließlich noch. Hans kam langsam näher.
„Alles in Ordnung, Prinzessin?“, fragte er, sich im selben Moment der Lächerlichkeit dieser Worte bewusst. Aber Rosalie nahm es ihm nicht übel. Sie erhob sich. Alle Tränen waren ausgeweint. Jetzt begann eine neue Ära. Dornröschen, das verwöhnte, wilde und lachende Mädchen gab es nicht mehr, nur noch Prinzessin Rosalie. „Ich soll Hendrik heiraten, weil er mich wachgeküsst hat? Ich kenne ihn doch gar nicht. Und besonders sympathisch ist er mir auch nicht.“
Hans nickte nachsichtig. „Das muss ja auch nicht in den nächsten Tagen geschehen. Lernt Euch erst einmal kennen, Ihr seid ja noch sehr jung, und der Prinz soll auch erst einmal das Land kennen lernen. Aber der Wille Eures Vaters ist der Wille Eures Vaters, überlegt Euch gut, ob Ihr ihn erfüllen wollt oder nicht.“
Rosalie wollte erst abwehren, doch dann überlegte sie es sich anders. Den Prinz zu heiraten und selbst Königin zu werden, würde ihre Mutter gehörig in die Schranken weisen. Endlich wäre sie frei und könnte tun und lassen, was sie wollte. Ja, sie freute sich geradezu auf eine strahlende Hochzeit und eine triumphreichen Regentschaft, ein ganz neues Leben.
Hans erkannte nicht, was in ihr vorging. Er war ein grundanständiger Mann, aber seinen Vorfahren zu Treue verpflichtet und nahm seinen Auftrag sehr ernst. Deshalb freute es ihn zu hören, dass Rosalie seinen Plänen doch nicht völlig abgeneigt war. Gemeinsam gingen sie hinauf zum Schloss. Hans merkte, dass die junge Frau suchend umherblickte und lächelte still. „Diesmal wird sie nicht kommen“, bemerkte er leise. Rosalie wirbelte herum. „Wie bitte?“ Er lächelte ruhig. „Nora. Sie wird nicht kommen.“
Rosalie starrte ihn mit offenem Mund an. „Woher wisst Ihr von Nora? Ich kenne sie, aber Ihr wart noch nicht geboren, als ich sie …“ Er winkte ab. „Wir reden ein andermal darüber. Ich muss mich jetzt auf meine nächste Aufgabe vorbereiten.“ Zügig schritt er auf das Schlosstor zu, und Rosalie eilte ihm nach. Was wusste dieser Fremde über ihre imaginäre Freundin seit Kindertagen, die sie zum letzten Mal kurz vor dem Fluch gesehen hatte? Jetzt hätte sie ihren Rat gut gebrauchen können. Sie raffte ihre Röcke und eilte dem Prinzen hinterher.
*
Die Königin hatte ihre Tochter nicht gefunden. Vermutlich wollte sie nicht gefunden werden, und ihre Mutter war bereit, Rosalie Zeit zu geben, sich zu fassen. Statt ihre Diener auf die Suche zu schicken, hatte sie ihre Rede vorbereitet, gemeinsam mit Prinz Hendrik im Schloss überall nach dem Rechten (oder eher Schlechten) gesehen und war dann zum Thronsaal zurückgekehrt.
Hendrik ging das ganze Getrauere entsetzlich auf die Nerven. Er hatte damit gerechnet, in allen Ehren empfangen und als Retter des ganzen Landes gefeiert zu werden. Und nun? Er wurde behandelt wie ein im Weg herumstehender Kerzenleuchter. Die Königin wich ihm auf seine Fragen zum Thema Hochzeit ständig aus, und die alten Hofschranzen wuselten nervös um ihn herum, anscheinend nicht wissend, was sie mit ihm anfangen sollten. Wurde mal Zeit, dass hier jemand gehörig aufräumte!
Das Gemurmel schwoll an und ebbte ab, kam aber umgehend zum Erliegen, als die Königin den Thronsaal betrat. Ihr Mann war immer der unangefochtene Herrscher gewesen, doch seine Gattin war als kluge und freundliche Königin mindestens ebenso respektiert worden.
„Ich weiß, dies alles ist furchtbar und  bedeutet viel Arbeit. Wie ihr sicher gesehen habt, ist die Zeit zwar an unserem Alter, nicht aber am Schloss spurlos vorübergegangen. Ausbesserungsarbeiten stehen uns bevor, wir müssen unsere kompletten Essensvorräte neu aufstocken. Nun müssen wir die Trauerfeier für unseren König und den Prinzen vorbereiten.“ „Die Hochzeit nicht zu vergessen!“, warf der fremde Prinz lächelnd ein. Doch er hielt sofort den Mund als er den Blick der Königin sah. „Wir werden sicherlich alle Verfügungen des Königs, so sie gefunden werden, getreu erfüllen“, sprach sie bestimmt, „doch zunächst geht es um zwei Dinge: Die Trauerfeier und das Überleben.“ Hannah grübelte fieberhaft, ob wirklich alle Schlossbewohner rechtzeitig ihre Familien auf dem Schlossgelände untergebracht hatten: Manchmal reiste durchaus der ein oder andere fort, um Verwandte zu besuchen. Was dann wohl mit ihnen geschehen war? Waren sie aufgetaucht und hatten eine leblose Tochter im Schlossgarten stehen sehen? Sie seufzte. Die Königin sprach die richtigen Worte, lächelte an den richtigen Stellen. Doch als sie dem Prinzen in die Augen sah, dem Mann, der sie doch alle gerettet hatte, griff ihr eine kalte Hand ums Herz.
In diesem Moment öffneten sich die Flügeltüren zum Thronsaal. Gott sei dank, Rosalie war wieder da. Sie schritt an der Seite eines Fremden, der sich selbstbewusst, aber respektvoll dem Thron näherte, seine guten Augen voll Ernst und Mitgefühl. Als die Königin sein Gesicht erkannte, blieb ihr fast das Herz stehen.
Kapitel 2: Rapunzels Kindheit und Jugend, 20 Jahre vor dem Fluch

„Die Leute hatten in ihrem Hinterhaus ein kleines Fenster, daraus konnte man in einen prächtigen Garten sehen, der voll der schönsten Blumen und Kräuter stand; er war aber von einer hohen Mauer umgeben, und niemand wagte hineinzugehen, weil er einer Zauberin gehörte, die große Macht hatte und von aller Welt gefürchtet ward. Eines Tages stand die Frau am Fenster und sah in den Garten hinab, da erblickte sie ein Beet, das mit den schönsten Rapunzeln bepflanzt war: und sie sahen so frisch und grün aus, dass sie lüstern ward und das größte Verlangen empfand, von den Rapunzeln zu essen. Das Verlangen nahm jeden Tag zu, und da sie wusste, dass sie keine davon bekommen konnte, so fiel sie ganz ab, sah blass und elend aus. (….) Der Mann, der sie lieb hatte, dachte: „Eh du deine Frau sterben lassest, holst du ihr von den Rapunzeln, es mag kosten, was es will!“
In der Abenddämmerung stieg er also über die Mauer in den Garten der Zauberin, stach in aller Eile ein paar Rapunzeln (…) Als er aber die Mauer herabgeklettert war, erschrak er gewaltig, denn er sah die Zauberin vor sich stehen. „Wie kannst du es wagen“, sprach sie mit zornigem Blick, „in meinen Garten zu steigen und wie ein Dieb mir meine Rapunzeln zu stehlen?“ (…) „Ach“, antwortet er, „lasst Gnade für Recht ergehen, ich habe mich nur aus Not dazu entschlossen: Meine Frau hat eure Rapunzeln aus dem Fenster erblickt und empfindet ein so großes Gelüsten, dass sie sterben würde, wenn sie nicht davon zu essen bekäme.“ Da ließ die Zauberin in ihrem Zorne nach und sprach zu ihm: „Verhält es sich so, wie du sagst, so will ich dir gestatten, Rapunzeln mitzunehmen, soviel du willst, allein ich mache eine Bedingung: du musst mir das Kind geben, das deine Frau zur Welt bringen wird. Es soll ihm gutgehen und ich will für es sorgen wie eine Mutter.“
Der Mann sagte in der Angst alles zu, und als die Frau in Wochen kam, so erschien sogleich die Zauberin, gab dem Kinde den Namen Rapunzel und nahm es mit sich fort.“
Brüder Grimm. Kinder- und Hausmärchen. Rapunzel (S.550f). Mundus Verlag 1999.
 
Voller Angst entdeckt zu werden, stemmte er sich gegen das schwere Eisentor. Die hohen Grashalme strichen um seine Knie, irgendwo weit über ihm zwischen den bedrohlich wirkenden Bäumen schrie eine Eule. Der Mond schenkte ihm gerade soviel Licht, dass er keine zusätzliche Laterne benötigte. Doch das beruhigte ihn angesichts der äußerst dramatischen Situation, in der er sich befand, nur unwesentlich. Im Stillen verfluchte er sich für seine Gutherzigkeit, die ihn dazu verleitet hatte, in den Garten dieser Dämonin einzubrechen. Aber was sollte er tun? Er liebte seine Frau über alles, und seit sie die herrlichen Rapunzeln im Garten ihrer geheimnisvollen Nachbarin gesehen hatte, bedrängte sie ihn, ihr wenigstens eine Handvoll davon zu bringen. „Nur ein wenig. Bitte! Das merkt sie doch gar nicht. Außerdem kann sie sich jederzeit neue pflanzen.“ Ihm war ganz und gar nicht wohl bei der Sache. „Weshalb fragst du sie dann nicht direkt, statt sie stehlen zu lassen?“, wollte er von ihr wissen. Daraufhin blickte seine Frau ihn nur verständnislos an und antwortete: „Man belästigt doch eine große Hexe nicht mit solchen Kleinigkeiten!“ Dass sie eine Hexe war, erzählten sich die Frauen im Dorf. Er glaubte nicht an solche Märchen. Und dennoch – hier war er nun. Versuchte krampfhaft, das windschiefe eiserne Tor vom Quietschen abzuhalten, als er sich hindurchquetschte, und irrte nun zwischen den Tannen und Sträuchern umher, bis er das Rapunzelbeet gefunden hatte, das seine Frau vom Schlafgemach aus sehen konnte. So hektisch wie möglich versuchte er, einige der Blätter in seinen mitgebrachten Eimer zu sammeln, blickte sich dabei gehetzt um, sah aber niemanden. Die Fenster im Gemäuer der Nachbarin waren völlig dunkel. Erleichtert machte er sich auf den Heimweg, und wäre fast in die Frau hinein gelaufen. Nach dem ersten Schreck hielt er sie zunächst für eine Statue, die er zuvor übersehen hatte, denn sie wich keinen Zentimeter vor ihm zurück. Doch nur zu schnell wurde ihm klar, dass er sich geirrt hatte: Dunkel, fast schwarz und von einem glänzenden Schein umhüllt wie ein kostbarer Onyx stand sie da -nein, sie schwebte über dem Erboden. Er fasste sich ans Herz. Diese Dämonin war schöner und schrecklicher, als sein einfacher Verstand es begreifen konnte. Voller Angst senkte er sein Haupt. „Was tust du in meinem Garten, Fremder?“ Ihre Worte klangen süß und lieblich in seinen Ohren, schlängelten sich in sein Unterbewusstsein und umnebelten seine Sinne. Er konnte nicht sprechen, so sehr zitterte er. „Ich-ich-i-i-ch…“ Sie trat näher heran und blickte in seinen mickrigen Eimer. „Ah, Rapunzeln wolltest du stehlen? Aber wozu? Du kannst doch soviel haben, wie du wünschst? Macht man das hier so unter Nachbarn?“ Beschämt hob er den Kopf und sah in ihre Augen. Herrliche Augen, tiefblau, mit einer Klarheit, die ihm seine vermeintliche Missetat noch erbärmlicher scheinen ließ. „Verzeiht, oh v-v-verzeiht mir, große Magierin, ich v-versteh mich selbst nicht mehr, wie ich so verwegen sein konnte, aber wisst Ihr, meine Frau ist- sie will – also – sie hat sich nichts mehr gewünscht als ein paar Rapunzeln aus Eurem Garten und da-“ „da hast du gedacht ’natürlich, wenn meine Frau Rapunzeln haben will, dann soll sie welche bekommen‘, nicht wahr?“ Sie lächelte beinahe freundlich. „Und das nennst du verwegen?“ Jetzt lachte sie laut, und ihr Lachen klang wie Friedhofsglocken. „Ich würde eher sagen, ungehorsam, nicht wahr, Herr Nachbar?“ „Es tut mir so Leid, ich hätte fragen müssen. Ich bin kein Dieb, wirklich nicht. Hier – Ihre Rapunzeln, natürlich ersetze ich sie Ihnen-“ „Ach was“, antwortete die Frau wegwerfend, „nimm dir soviele Blätter wie du willst. Jaja“, fügte sie hinzu, bevor er sie unterbrechen konnte, „ab heute kannst du jeden Tag herkommen und dir soviele Rapunzeln holen wie du brauchst.“ Er wollte dankbar erneut auf die Knie fallen, doch sie hielt ihn zurück. „Unter einer Bedingung“, sprach sie leise und in einem warmherzigen Ton, der ihm für einen Moment den Verstand vernebelte. „Was willst du dafür?“, fragte er ergeben. Sie legte ihm einen ihrer langen, schlanken Finger unter das Kinn und sprach, während sie ihn dazu zwang, ihr reglos ins wie aus Stein gemeißelte Antlitz zu starren: „Solltet ihr ein Kind bekommen, will ich es haben. Es soll ihm an nichts fehlen, ich werde es aufziehen, als wenn es mein eigenes wäre.“ Ein Donner krachte durch die Wipfel, und ihm schien es, als ob sich die Tore der Hölle unter ihm öffneten. Doch so schnell wie er gekommen war, war der Spuk auch wieder vorbei. Sie hob fragend die rechte Augenbraue. „Einverstanden?“ Er nickte eifrig. „Natürlich, natürlich, wie Ihr wollt. Kind gegen Rapunzeln, Kind gegen Rapunzeln. Danke! Ihr seid so gütig! Danke! Vielen Dank!“ Er verneigte sich mehrmals und rannte dann los, um den Garten so schnell wie möglich zu verlassen. Dabei fiel er hin und landete mit dem Gesicht im matschigen Gras. Als er sich aufrappelte und nochmal bedanken wollte, war sie verschwunden. Auch seine Ergebenheit war verschwunden. Ihm wurde klar, was er getan hatte. Langsam, ganz langsam trollte er sich nach Hause, sein Herz war ihm zentnerschwer.
Schleppend stieg er Stufe um Stufe hinauf in das Gemach seiner Frau. Was sollte er ihr bloß sagen? Wie es ihr erklären? Er blieb einige Minuten vor ihrer Kammertür stehen, bevor er sich ein Herz fasste, anklopfte und eintrat.

 

Respekt muss auch andersrum

Sie ist halt sehr schwierig im Moment. Ich weiß auch nicht, was ich tun soll und hoffe, es ist nur eine Phase. Aber man kann ja sagen, was man will, Mama ist eh peinlich und hat keine Ahnung. Aber so sind sie halt, die Kinder.

Erzählte neulich eine Mutter über ihre Tochter. Können viele von uns sicherlich nachvollziehen, wer hat nicht schonmal graue Haare wegen seines Nachwuchses bekommen und den Wunsch nach Urlaub vom Pubertier verspürt.

Wo das Problem liegt?

Das Mädchen, um das es ging, stand direkt daneben.

Ich weiß nicht, woher diese Unsitte kommt, dass manche Erwachsene meinen, ihre Kinder seien taub oder völlig unsensibel. Niemandem von uns würde es einfallen, sich bei Dritten über einen Menschen zu beschweren, wenn der gerade neben uns steht. Höchstens bei Gericht, und damit kommen wir zum Punkt.

Was stellen wir mit unsern Kindern an, wenn wir sie öffentlich bloßstellen, anklagen? Wenn wir anderen in ihrem Beisein erzählen, wie nervtötend, unordentlich, frech und undankbar sie gerade sind? Wir zerstören ihr Selbstbewusstsein. Wir verletzen sie. Und wenn wir hundertmal Recht haben mit unseren Vorwürfen: So etwas klärt man mit Kindern wie mit Erwachsenen: Diskret und unter vier Augen.

Denn noch etwas geschieht mit den Menschen, die wir am meisten lieben und die wir erziehen: Sie nehmen sich an uns ein Beispiel. Wenn wir ihnen vorleben, dass man auf die Persönlichkeitsrechte aderer Menschen keine Rücksicht nehmen braucht, dann tun sie es auch nicht. Oder haben Sie schonmal ausgesucht höfliche Eltern mit einem rotzfrechen Kind gesehen? Oder respektlose polternde Mütter und Väter mit höflichem Nachwuchs?

Was ist das für eine Ignoranz, die uns in solchen Momenten vergessen lässt, wie peinlich es unseren Kindern sein muss, dass wir uns gerade über sie beschweren?

  • ein Hilferuf nach dem Motto „Ich komme mit meinem Kind nicht mehr klar, kannst du ihm nicht mal die Meinung geigen“?
  • eine Bestrafung nach dem Prinzip „jetzt merkst du mal, wie weh du mir immer mit deinem Verhalten tust“?
  • der schrecklich dumme Irrtum, Kinder hörten und verständen nichts?

Ich habe mein Kind nicht oft zum zornigen Weinen gebracht: Wenn ich mit ihr schimpfe (was zum Glück selten vorkommt), weil ihr Zimmer wieder aussieht wie nach der Explosion aller Möbel, weil sie frech ist oder mit dem Rad über die Straße gefahren ist ohne zu gucIMG_8997ken, sieht sie das in der Regel ein. Manchmal reagiert sie muffig, aber seelisch verletzt ist sie nicht. Als ich aber vor einiger Zeit meinem Mann gedankenlos eine lustige Begebenheit erzählt habe, in der sie die Hauptrolle spielte, die ich witzig fand, sie selbst aber nicht, schimpfte sie unter Tränen (und völlig zurecht):

Mama, hör auf, ich will das nicht!

Ich auch nicht.

Seitdem reiße ich mich zusammen. Denn wichtiger als eine lustige Geschichte ist mir ein fröhliches, starkes Kind.

Eine Ode an Frau Tinte

Ich liebe Frau Tinte. Jeder sollte im Lehrerzimmer eine Frau Tinte sitzen haben. Frau Tinte ist immer fröhlich, aber nicht so fröhlich, dass es nervt. Sie hat alles dabei, was man selbst vergessen hat, in ihrer MaryPoppinstasche, aus der sie nach Bedarf Taschentücher, Stifte, Sofakissen oder Kopiervorlagen zaubern kann.

Ich sitze neben Frau Tinte, niemals in der Tinte. Und seit sie schwanger ist, hat sie auch immer Leckereien dabei. Nicht ein paar Bonbons, nein, eher die Kategorie Süßwarenabteilung im Edelkaufhaus: Merci, Gummibärchen (die guten), Toffifee, Amicelli, Botticelli…

Ich hab in einer einzigen Zeugniskonferenz drei Kilo zugenommen.

Seit der Schwangerschaft ist Frau Tinte noch entspannter als sonst. Manchmal etwas SEHR entspannt. Man soll das Leben gut finden, zweifellos, aber möchte ich, wenn ich im Schlamm der Lehrerdepression versinke, hören, dass ich mir eine neue Tasche kaufen soll?

Ja, okay, ich möchte das hören.

Aber es ist still geworden.

Frau Tinte sitzt, futtert und beschenkt nicht mehr neben mir, sie explodiert nicht mehr an meiner Seite ins Leben. Sie ist jetzt im Mutterschutz, weil da jemand anderer ins Leben explodieren möchte.

Jetzt sitze ich doch IN der Tinte.

 

Der Trend geht zum Zweitbuch oder Kinder sind wie Schüler – sie hören nicht zu, aber gucken viel ab ;-)

Dass ich kein Freund der „schreib erstmal, wie du sprichst, später lernst du dann (nicht mehr), wie es richtig geht“- Maßnahme bin, wenn es um das Beibringen von Rechtschreibung geht (schließlich heißt es Rechtschreibung und nicht Hörschreibung), ist bekannt. Allerdings möchte ich kurz eine Lanze für das heimische Buchregal brechen, und zwar die Spezies, in der kein Nippes, diverse Troll- oder Elsa-Figuren aufgereiht sind, sondern in denen wirklich Bücher stehen. Denn unsere Kinder werden ja nicht nur von der Schule ausgebildet, sondern die Eltern haben auch noch ein Wörtchen mitzureden. Und vor allem ganz viele mitzulesen.

So, wie in der Erziehung gilt, dass Kinder anscheinend manchmal taub gegenüber unseren Anweisungen oder Ratschlägen sind, sich aber alles abschauen, was wir ihnen vofullsizerenderrleben, gilt auch für das Lesen: Kinder, die von Anfang an (also mit 6, nicht im Mutterleib) gerne und viel lesen, eignen sich schon unbewusst eine richtige Rechtschreibung an. Wörter, die man schon hundertmal gelesen hat, brennen sich ins Hirn. Wir erinnern uns doch alle, wie wir früher in Diktaten bei Unsicherheiten ein Wort in zwei Alternativen an den Rad gekritzelt haben, um uns dann für die Schreibweise zu entscheiden, die uns bekannter vorkam.

Also, lasst uns sein, wie Astrid Lindgren es uns gelehrt hat:

Sei frech und wild und wunderbar!

  • freche Leser toller, spannender, fröhlicher, unglaublicher Geschichten
  • wilde Bucheinkäufer
  • wunderbare Vorleser für unsere Kinder

Die Schulen bilden unsere Kinder aus und weiter, doch die Kraft zur Inspiration, die Macht des Vorbilds haben vor allem wir Eltern.