Kategorie: Allgemein

„Jetzt leg doch mal das Handy weg!“

Diesen Satz sage ich oft zu meinen Schülern? Oh ja.

Aber auch meine Tochter sagt ihn oft zu mir. Dabei bin ich gar kein Selbstdarstellungstyp, der alle möglichen Situationen und Erlebnisse sofort öffentlich posten muss. Trotzdem bin ich ständig „mal kurz“ online und hab schon wieder eine Stunde mit – ja was eigentlich? – verbaselt:

  • Mal eben schauen, was die Freunde auf Facebook so treiben

  • Diverse Whatsappnachrichten beantworten

  • Die Besucherzahlen auf meiner Website checken

  • Instagram einen Besuch abstatten und – wenn ich schonmal dabei bin –

  • bei Amazon vorbeischauen, es könnte ja ein tolles Angebot geben

Deshalb habe ich heute bewusst das Handy zuhause gelassen. Mit Mann und Maus auf dem Weg bei königsblauem Himmel in unser Lieblingscafé. Ich werde weder die tolle Aussicht, noch die leckeren Waffeln, noch mein strahlendes Kind fotografieren. Keine Onlinezeitung lesen, nicht facebooken und auch nicht instagrammen.

Nein. Heute mache ich ganz was Neues – ich habe mein Notizbuch mitgenommen (also das ganz analoge, kein iPad oder so, richtig mit Blättern und Stift) und lasse meine Gedanken schweifen. Kritzele herum, schreibe Stichworte für meinen nächsten Websiteartikel auf, mache ein bisschen Unterrichtsplanung und grinse meine Tochter an, die gerade versucht, Kakao zu trinken ohne 90 Prozent dieses herrlichen Gesöffs an die Zone zwischen Nase und Oberlippe zu verlieren.

Ein Bild für die Götter.

Aber heute mal nicht für die Öffentlichkeit.

Ich inhaliere den Anblick und verschließe ihn ganz fest in meinem Herzen, wo sich auch die anderen Erinnerungen einkuscheln, die um so wertvoller sind, als es keine Fotos von ihnen gibt.

Mein Handy vermisse ich kaum. Im Gegenteil. Ich fühle mich frisch, ausgeruht und voller Tatendrang. Schreibe, male und skizziere und habe am Ende das Gefühl, diese eine Stunde im Café wirklich gelebt zu haben. Ich kann es nicht beweisen durch Fotos, auf denen ich ansprechend Notizbuch, Stift und Kaffeetasse drapiere, muss ich aber auch nicht.

Deshalb gibt es auch kein Foto zu diesem Artikel 🙂

Und für den allergrößten Notfall –

hat mein Mann ja sein Handy dabei 🙂

Schönen handyfreien Sonntag euch allen!

Warum ticken Lehrer so unterschiedlich?

Unsere Lehrerin ist super. Sie ist immer entspannt und freundlich, für uns da. Unsere Arbeiten korrigiert sie manchmal schneller, als uns lieb ist, und ihr Unterricht ist immer gut vorbereitet. Auch wenn wir zwischendurch mal mit ihr sprechen wollen, hat sie ein offenes Ohr für uns. Sie hat Humor, und wir lachen viel zwischendurch. Warum können nicht alle Lehrer so sein?

 

Unsere Lehrerin ist ein Grauen auf zwei Beinen. Dauernd gereizt, braucht ewig für die Arbeitskorrekturen. Letztes Mal mussten wir drei Wochen warten. Wenn wir mal kurz mit ihr sprechen wollen, hat sie meist keine Zeit und verweist uns genervt auf ihre Sprechstunde. Jede Stunde läuft nach Schema F – entweder lesen wir nur irgendwelche Aufgaben im Buch, die wir dann machen müssen, oder wir bekommen ein Arbeitsblatt. Ich glaube, sie hasst ihren Beruf.

Weshalb ticken Lehrer so unterschiedlich? Weshalb hat man als Schüler oder Eltern (und auch Kollege) den Eindruck, für manche sei Lehrersein eine Berufung, in der sie völlig aufgehen, während andere nur frustriert auf ihre Rente warten? In einem meiner früheren Artikel hatte ich darüber geschrieben, dass viele Dinge beeinflussen, ob der Job top oder Flop ist:

  • die eigene Einstellung
  • die Lerngruppen
  • die allgemeine Atmosphäre
  • die Beziehung zu Kollegen und Schulleitung
  • und, und, und.

Doch einen wichtigen Punkt habe ich besonders krass am eigenen Leib erfahren: Die Zitate oben sind frei erfunden, aber die Lehrpersonen, die dahinter stecken, kenne ich gut.

Beides bin ich.

Oben mit einer halben Stelle von 12 Stunden und nur drei verschiedenen Kursen in der Oberstufe, von denen einer keine Klausuren schreibt. Das heißt, mit ca. 35 verschiedenen SchülerInnen (manche habe ich in beiden Fächern) und nur 20 Korrekturen pro Quartal. Ohne Klassenleitung, ohne weiteren bürokratischen Aufwand. Mit viel Zeit für tolle Unterrichtsvorbereitung, die mir großen Spaß macht. Mit nahezu erwachsenen Schülern, die sich auf das Abitur vorbereiten und den Unterricht weitgehend ernst nehmen. Mit einer nahezu leeren Elternsprechtagsliste.

Unten mit einer vollen Stelle von 26 Stunden und acht verschiedenen Klassen / Kursen, von denen vier Klassenarbeiten schreiben. Das heißt, mit ca. 204 verschiedenen Schülern und gut 100-200 Klassenarbeiten pro Quartal (die unteren Klassen schreiben mehrere Arbeiten). Und mit einer Klassenleitung, zudem mit Lerngruppen, die zum Teil mitten in der Pubertät sind, und nach deren Unterrichtsstunde ich mich fühle, als wäre ich vom Laster überrollt worden. Das bedeutet im Klartext: Jede Woche / jedes Wochenende liegt ein Stapel Korrekturen auf meinem Schreibtisch. Ein Arbeitsstrom, der gefühlt nie endet. Mit einer täglichen To-Do-Liste von Elternanrufen, Antworten auf Beschwerde-Mails, auszufüllenden Listen, Terminen und Besprechungen. Und mit der Erwartungshaltung vieler Eltern und Schüler, ich müsse jedem möglichst sofort zur Verfügung stehen. Was ich natürlich gerne würde. Aber irgendwann nicht mehr kann.

Zeit ist ein wichtiger Faktor,

der oft in meinem Job

über Top

oder Flop

entscheidet.

Wenn mir die Dokumentation der Dokumentation um die Ohren fliegt

In einer Lehrerkonferenz hat man viel Zeit, die Menschen um sich herum zu beobachten, über ihre Aussagen nachzudenken und sich in Tagträumen zu verlieren…

Also kurz. Ansonsten ist man natürlich hochkonzentriert.

Der folgende Artikel erzählt ausnahmsweise nicht aus meinem Leben, sondern ist einer lieben Kollegin gewidmet, an deren positiver Ausstrahlung sich mancher ein Beispiel nehmen könnte:

Aus dem Tagebuch einer Klassenlehrerin…

In meiner 10a hausen,IMG_9391 lernen, schlafen 28 Schülerinnen und Schüler. Davon ungefähr acht Vernünftige, zehn, die keinen Bock haben und zehn Weitere, die intellektuell immer etwas länger brauchen… Mit meinem Unterricht bin ich dennoch bisher sehr gut klar gekommen. Das Geheimnis ist: Tough, schnell und konsequent sein, damit die Bande gar keine Zeit hat darüber nachzudenken, was sie alles anstellen könnte. Wenn ich den Raum betrete, haue ich ihnen ein fröhliches „Guten Morgen“ um die Ohren, und dann geht es los mit dem Unterricht. Hart, aber herzlich. Streng, aber guter Laune.

Zumindest bisher war das so. Doch neuerdings habe ich ein neues Hobby: Dokumentieren. Naja, ehrlich gesagt ist es das neue Hobby des Schulwesens, das mir gut zu finden empfohlen wurde. Ich dokumentiere alles. Wann wer zu spät kommt, warum wer keine Hausaufgabe hat, wie es jedem warum geht, und das in dreifacher Ausführung:

  1. Im digitalen Klassenbuch (im Prinzip eine geniale Erfindung),
  2. in meinem Lehrerkalender (den das digitale Klassenbuch eigentlich ersetzen sollte, aber man weiß ja nie, ob das Ding mal ausfällt)
  3. und im jeweiligen Planer meiner Schüler, sofern sie etwas vergessen oder nicht oder falsch gemacht haben. (Also bei ca. 75% der Klasse, siehe meine Aufzählung oben…)

Ach ja, und als Klassenlehrerin kontrolliere ich natürlich auch die Dokumentationen meiner Kollegen – ob auch ja niemand etwas vergessen hat einzutragen.

Ich fühle mich wie im Krieg. Aufrüstung.

Ich dokumentiere möglichst alles, um – ja, warum eigentlich? Um nur ja den Eltern keinen Grund für Beschwerden zu geben? Damit ich lückenlos nachweisen kann, dass ich niemals zu Unrecht ein unschuldiges Kindlein des Hausaufgabenvergessens oder sonstigen Vergehens beschuldigt habe? Zum Beweis, dass meine 3- hieb- und stichfest belegbar ist und nicht Ergebnis einer vergrämten Lehrerkrämerseele? Was ist denn mit dem herkömmlichen Vertrauen meine pädagogischen Fähigkeiten? Aus der Mode gekommen? Ausgewandert? Liquidiert? 

Nun, ich bin eine verantwortungsbewusste, loyale Arbeitnehmerhin und dokumentiere. Gefühlt bleiben dann pro Stunde noch 5 Minuten Zeit zum Unterrichten, in Echtzeit vielleicht 20, nachdem ich die Meute wieder im Griff habe, die während meiner Dokumentation begonnen hat, außer Rand und Band zu sein. Nachdem ich auch das dokumentiert habe, können wir ein bisschen lernen. Aber wirklich nur ein bisschen, was ja sein muss, damit ich meine exzellent durchdokumentierten Noten geben kann.

Plötzlich kommt mir ein genialer Gedanke:

NICHT unterrichten könnte ich doch auch prima auch von zuhause aus… Home-office sozusagen.

Ich muss es nur dokumentieren.

Stündlich.

Lego – Unterrichtsbausteine einmal anders

Alles, was den Lernstoff gut erklärt und trotzdem Abwechslung vom Text- und Tabellenalltag bringt, ist in meinem Unterricht herzlich willkommen.

Abwechslung – in kleinen Dosen – motiviert und überrascht. In diesem Fall nicht in Dosen, sondern eher in kleinen und großen Schachteln. Schon mit fünf Jahren entdeckte ich meine Liebe zu den kleinen Bausteinen in bunten Farben, und somit bin ich auch begeisterte Lego-Lehrerin. Hier eine kleine Übersicht der Einsatzmöglichkeiten aus meinem Deutsch- und Musikunterricht:

IMG_7751Man kann mit den kleinen Helfern zum Beispiel den Akkordaufbau und die Umkehrungsmöglichkeiten verdeutlichen – angefangen beim einfachen Terzaufbau bis hin zum Expertenwissen bezüglich Kadenzen.

Mit den verschiedenen Steingrößen kann man arbeiten, wenn man zum Beispiel in Klasse 5 (und auch später) die verschiedenen Tondauern, sprich Notenwerte erklärt. Wieviele Halbe passen in einen 4/4-Takt? Oder – wieviele 2-er Steine passen auf einen 4er-Stein?

Auch die unterschiedlichen Intervalle lassen sich so anschaulicher darstellen.


Im Deutschunterricht kann man zum Beispiel Satzkonstruktionen bauen lassen – und die SchülerInnen erleben haptisch bei der Umstellprobe, dass manche Wörter ein Satzglied bilden und nicht getrennt werden können.

Oder man entwendet der Tochter ihrer sämtlichen LegoDuplo-Prinzessinnen und -Piraten und erweckt Dramenszenen zum Leben oder verdeutlicht zumindest die Figurenkonstellation aus „Faust“ oder „Woyzeck“.

Nachdem wir seitenweise Literatur gewälzt und übersichtliche, fein nach Epochen sortierte Tabellen zum Thema Literaturepochen angefertigt haben, wollte ich den SchülerInnen noch einmal veranschaulichen, was der Begriff „Epoche“ überhaupt bedeutet – dass die Grenzen fließend sind, IMG_9126 und alle Epochen in der Geschichte miteinander zusammenhängen. Dazu habe ich ein „Schaubild“ gebaut und hatte inklusive Vortrag nicht nur die volle Aufmerksamkeit des ganzen Kurses, sondern auch selber eine Menge Spaß.

Wie gesagt – auf die Dosis kommt es an, auch die beste Idee verliert an Wert, wenn man sie zu oft oder nur noch wegen des vermeintlichen Showeffektes verwendet, aber falls ihr Lehrer seid und das nächste Mal für eure eigenen Kinder Lego kauft: Seht es auch als Investition in euren Unterricht 😉

„Muß Te l@n’g AUF BUS War Te n“: Omi hat jetzt WhatsApp

Wenn Eltern ihre Kinder überraschen…

Meine Mama ist 73.

Ihr Handy ist vermutlich zwischen den beiden Weltkriegen entstanden. Zu Weihnachten haben wir, ihre Kinder, also beschlossen, dass es Zeit für ein Smartphone ist. Wir wohnen nicht nahe beieinander, und ich möchte meine Mama durch Fotos an unserem Alltag teilhaben lassen. Also sind wir losgezogen und haben ein schönes Exemplar für Senioren ausgesucht: Leicht zu bedienen, großes Display.

Natürlich hatten wir ein wenig Sorge, sie zu überfordern. Was ist, wenn sie keine Lust hat, soviel Neues zu lernen (und für sie bedeutet ein Smartphone sehr viel Neues, sie hatte bisher keinen Internetanschluss, keine Ahnung von Apps und hat mit ihrem Handy nur telefoniert und gesmst), wenn sie verzweifelt, weil sie Angst hat, uns zu enttäuschen?

Weit gefehlt.

Mümmis erste Reaktion: „Na, ich hoffe, ihr habt Geduld, mir das beizubringen.“

Haben wir. Und jetzt übt sie. Jeden Tag. Natürlich lachen wir uns kaputt, wenn whatsapps kommen wie

„Bin DA HEIM… Muß Te l@n’g AUF      BUS War Te n.“,

aber wir lachen niemals über sie, sondern mit ihr. Wir haben großen Respekt davor, wie vorurteilsfrei und interessiert am Lernen sie sich darauf einlässt und jeden Tag besser wird.

Einer meiner vielen Vorsätze für das neue Jahr ist, das Alter noch mehr zu respektieren. Sowohl nach oben als auch nach unten. Also, die Jugend für ihre Talente, und auch die weisen Semester. Manchmal bin ich einfach zu ungeduldig: In der Schule, obwohl mir natürlich klar ist, dass die Jugendlichen noch nicht alles wissen können, und bei meiner Mama, obwohl ich weiß, dass mit dem Alter das Gehör und die allgemeine Schnelligkeit abnehmen. Wer weiß, was meine Kinder und Enkel mir später augenbrauenhochziehend beibringen müssen… Demut, Demut.

In diesem Sinne:

Ein gutes neues 2017 – Eltern, Lehrer, Kinder, Schüler, überrascht und respektiert euch!

Wenn Schüler austeilen… ;-)