Kategorie: ernst aber nicht hoffnungslos

Gesichtsakrobatik verboten oder: Freundlich durch die mündliche Prüfung

Während des mündlichen Abiturs ist es den Prüfern eigentlich verboten, eine Miene zu verziehen. Die Prüflinge könnte ja jedes Lächeln, jedes Zucken, jede hochgezogene Augenbraue als Hinweis interpretieren und verunsichert sein.

 

IMG_0058Wie man am Beispiel sieht, verfügt mein Mienenspiel über ein reichhaltiges Angebot der unterschiedlichsten Nuancierungen menschlichen Ausdrucks. Als nervöser junger Mensch könnte man also während einer Prüfung folgendes interpretieren:

 

Beispiel A (oben links):

Hey! Sie strahlt glücklich, ich befinde mich also gerade im Einser- bis Zweierbereich. Supi! Läuft.

Es könnte genau das bedeuten. Es könnte aber auch bedeuten, dass ich einfach nur lächle, um dem Prüfling Mut zu machen, ihm ein bisschen die Angst zu nehmen und zu signalisieren, dass ich vielleicht nicht unbedingt fachlich, aber menschlich auf seiner Seite bin. Und dass er hoffentlich gleich noch irgendwas Vernünftiges sagt.

Beispiel B (oben rechts):

Ach du Scheiße. Wenn sie so kritisch guckt, erzähle ich vermutlich nur Blödsinn. Mist! Sie weiß, dass ich nicht gelernt habe. Hilfäääää!

Ja. Genau das bedeutet dieser Gesichtsausdruck.

Hilft dem Schüler gar nicht und ist deshalb während Prüfungen strengstens verboten.

Beispiel C (unten links):

Was? War das falsch? Was mach ich denn jetzt?! Themenwechsel? Englisch reden? Meinen Namen tanzen? Aus dem Fester springen?

Natürlich zeigt der dritte Gesichtsausdruck eine gewisse Skepsis. Dabei kann es sich allerdings auch um Skepsis gegenüber einer Theorie oder einem Text aus der Prüfung handeln. Oder ich denke gerade intensiv nach. Das ist nicht immer etwas Schlechtes.

Beispiel D (unten rechts):

Autsch! Jetzt bin ich auf dem falschen Dampfer. Ich muss irgendetwas verwechselt haben. Wie hieß das Mistding denn nochmal? Konjunktiv? Konjunktion? Konjak? Kajak? Anorak? Ich bin verloren.

Der letzte Gesichtsausdruck in unserer kleinen unwissenschaftlichen Reihe bringt durchaus eine gewisse BesorgIMG_0060nis zum Ausdruck. Gegenstand dieser Besorgnis KANN der Prüfling sein. Muss er aber nicht. Vielleicht sehe ich gerade an der gegenüberliegenden Wand eine Spinne entlangkrabbeln. Oder ich hab vergessen, Kaffee zu kaufen. Oder der Prüfling hat sich gerade seine 1+ versemmelt.

Im Ernst: Was ich meinen Schülern immer sage, wenn sie eine mündliche Prüfung vor sich haben:

Bereitet euch gut vor und macht das Beste draus. Entweder es ist eine 1, 2, 3, 4, 5 oder 6. Prüfer drücken lieber ein Auge zu als dass sie extra draufhauen. Und sie erarbeiten sich die Noten konzentriert und begründen sie im Protokoll sehr ausführlich. Manchmal sitzen sie den ganzen Tag im Prüfungsraum und bekommen Krämpfe. Das hat nichts mit euch zu tun. Konzentriert euch nicht auf uns, sondern auf euch selber. Sonst sitzen irgendwann in den Prüfungen keine Menschen mehr vor euch, sondern Roboter, die aussehen, wie ihr eigenes Passbild: Ohne Lächeln, ohne Regung.

IMG_0014Und das will wirklich niemand.

(Wer findet noch, dass ich auf dem Bild mega schiele?!)

Abiturklausuren korrigieren ist wie Fußball schauen…

IMG_3992…man hofft, dass die Lieblingsmannschaft gewinnt, doch ab und zu kann man nicht hinsehen…

 

Wenn man sein Kind auf dem Weg durchs Leben unterstützen will, drückt man die Daumen, faltet die Hände oder umarmt das Kind.

Wenn man für seine Freunde nur das Beste will, ist man da, hört zu, packt mit an.

Was macht man aber, wenn der hauseigene Lieblingsdeutsch-LK seine Abiklausuren geschrieben hat und man selbst derjenige ist, der über Leben und Tod entscheidet?

  1. schummeln geht nicht. Abgesehen von meinem eigenen Ehrenkodex, der mich möglichst gerecht benoten lassen möchte, gibt es ja auch noch den Zweitkorrektor.
  2. wäre ich an einem schlechten Ergebnis überhaupt schuld? Schließlich haben die Schüler die Klausur geschrieben, nicht ich.

Ich schleiche also um den Stapel herum. Haben sie sich aus den drei möglichen Aufgaben wirklich diejenige ausgesucht, die ihnen am meisten liegt? Oder doch wieder – wie so viele Generationen vor ihnen – blind nach der gegriffen, die am leichtesten zu sein scheint? Haben sie die Texte verstanden? Waren sie nicht zu nervös?

Vor meinem fantasiegeplagten inneren Auge sehe ich mich eine Fünf nach der anderen verteilen und eine zombiehafte Masse an Eltern, Schülern und Vertretern der Bezirksregierung auf mich zuwanken und mit dem Finger auf mich zeigen:

Sie haben schlechten Unterricht gemacht!

Sie haben uns falsch vorbereitet!

Sie sind gar keine Lehrerin!

Dann fasse ich mir ein Herz und korrigiere los. Feuere meine Mannschaft innerlich an. Schließe die Augen, wenn ich ein Eigentor lese. Jubele über einen Volltreffer.

Denke an den Satz von Barbara Blockberg aus dem Hörspiel „Bibis neue Freundin“, das meine Tochter gerade rauf und runter hört:

Hauptsache, du bist gesund!

Das sind sie nämlich, meine zwölf Schlümpfe. Gesund. Also zumindest geistig. Es sind vernünftige, freundliche Menschen mit genug gesundem Menschenverstand, um sich in der 1. Liga zu halten.

Also, Augen auf und durch!

Für Ostern braucht man Eier

IMG_3244Heute habe ich einen Artikel gelesen, der mich sehr angesprochen hat, weil ich mir die darin behandelten Fragen selbst schon oft gesellt habe. Es geht um unsere christlichen Feiertage und welchen Wert sie überhaupt noch für uns besitzen:

„Feiertage sind mehr als freie Tage!“, sagt Unionsfraktionsvize Gitta Connemann (53, CDU). Und weiter: (…)„Karfreitag liegt hinter uns. Für gläubige Christen ist es der Tag der Kreuzigung des Herrn, für die Mehrzahl der Bürger nur noch Erholung. (…) Ausschlafen statt Andacht, Onlineshopping statt Stille… Mit dem Sinn von Karfreitag als Tag der Trauer hat das nichts mehr zu tun. Aber für das Gros ist dieser Tag nicht mehr als ein Urlaubstag – mit religiösem Alibi. (…) Wir verlangen von Migranten, sich an unseren christlichen Werten zu orientieren, diese zu respektieren. Aber dafür müssen wir selbst mit gutem Beispiel vorangehen…unsere Wurzeln müssen wir gemeinsam erhalten und pflegen. Dazu gehört, diese überhaupt zu kennen. Und zu wissen: Christi Himmelfahrt ist mehr als Vatertag, der Reformationstag mehr als Halloween.“

Respektieren wir unsere christlichen Feiertage noch? Und wenn nicht – kann es den Leuten nicht einfach egal sein? Soll doch jeder nach seiner Fasson selig werden.

Wenn ich in meinem Umkreis schaue, sehe ich viele Menschen, die Ostern, Weihnachten, Hochzeiten begehen. Alles christlich motivierte Feste. Doch wer davon weiß eigentlich, was er da feiert?

In allen drei Fällen scheint es mehr um gesellschaftliche Konventionen, Konsum und Deko zu gehen. In den Gottesdienst geht man „wegen der Kinder“, weil das alles so hübsch feierlich und nett ist. Man heiratet kirchlich, weil das eben dazu gehört, weil man schließlich ein rauschendes Fest feiern möchte, da gehört Kirche und bauschiges weißes Kleid eben dazu. Man feiert Ostern, um den Kindern eine Freude zu machen, versteckt Schokohasen, schmückt die Vorgärten mit bunten Eiern und macht große Geschenke. Weihnachten wetteifert man mit dem Nachbarn, wer die meisten Lichter im Garten hat und lädt die ganze Familie ein, weil man das ja wenigstens an Weihnachten ja mal muss.

Doch was hat das mit den eigentlichen Festen zu tun? Und was macht diese gedankenlose Dekoexplosion mit uns?

Mir stellen sich diesbezüglich immer zwei Fragen:

Wenn die Leute Christentum ablehnen, gestrig finden, Glauben an Gott für bescheuert halten – weshalb feiern sie dann trotzdem unsere Feste mit?

  • klar – weil sie auch frei haben wollen, Geschenke mögen und „man das eben so macht“. Aber muss man dafür eine Religion missbrauchen?  Ich finde, es ist eine Sache, Religion abzulehnen, das muss jeder für sich selbst entscheiden, aber eine ganz andere Sache, trotz Ablehnung von den angenehmen Seiten profitieren zu wollen.

Ich habe noch nie verstanden, warum so viele Menschen das Christentum (oder auch die Religion an sich) ablehnen, weil ich die Argumente so unlogisch finde:

  • „Im Namen der Religion wird so viel getötet“: Das ist natürlich richtig, aber auch ohne Religion wird viel getötet. Außerdem ist das sicher nicht Gottes Idee, denn in unseren 10 Geboten steht: „Du sollst nicht töten“. Bumms. So einfach ist das. Fakt ist, es gibt gute Menschen und schlechte Menschen auf der Welt (und ganz viele dazwischen ;-)), und die Bösen finden immer einen Grund, zu töten: Ob der nun religiös, politisch, gesellschaftlich oder sonstwie motiviert ist, ist denen dabei meistens völlig egal, solange sie ihr Ziel (Macht, Geld) erreichen. Religion ist halt immer ein gutes „Totschlagsargument“, denn was will man den Worten „Gott hat mir gesagt, ich soll euch umbringen“ schon entgegensetzen…
  • „Glaube an Gott ist was für Spinner und nicht mehr zeitgemäß“: Wer sich mit Wissenschaft beschäftigt, wird immer wieder feststellen, dass sich Wissenschaftsglaube und Glaube an Gott überhaupt nicht gegenseitig ausschließen. Warum soll Gott nicht auch all die physikalischen oder chemischen Gesetze geschaffen haben, nach denen unsere Welt funktioniert? Natürlich sind die Geschichten in der Bibel oft verkürzt und bildlich dargestellt, weil sie eben auch die einfachen Menschen verstehen sollten. Aber ob die Welt nun in sieben Tagen oder sieben Jahrmilliarden entstanden ist, ist doch unerheblich, oder? Jedenfalls habe ich persönlich Schwierigkeiten, mir vorzustellen, dass unsere schöne Welt mit der tollen Natur, der Musik, den vielen lachenden Kindern und verliebten Paaren nur ein großer Pups des Universums sein soll – ohne Sinn, nur zufällig, eine Laune. Das Meiste, was in unserer Welt schiefläuft, haben Menschen zu verantworten, und kein Gott oder „höheres Wesen“. Das Wort „zeitgemäß“ ist darüber hinaus eins der missverstandensten Wörter, die ich kenne. Wenn christliche Werte wie Anstand, Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit oder Hilfsbereitschaft nicht mehr wichtig sind, ist das nicht „nicht mehr zeitgemäß„, sondern schlicht und ergreifend traurig.

Was mir auch immer wieder auffällt, ist, dass die Menschen, die Weihnachten und Ostern ohne die religiöse Substanz dahinter feiern, nicht wirklich glücklicher dabei wirken: Man hört Klagen über diese schrecklichen Familientreffen, die ja eigentlich keiner will, wo man sich zusammenreißen muss und sowieso nur die falschen Geschenke gekauft hat. Weihnachten soll doch das Fest der Liebe sein – man findet Gelegenheit zusammen zu kommen und die Familie als Wert zu feiern- niemand hat gesagt, dass man da nicht auch mal streiten darf. Niemand hat gesagt, dass das Essen an diesem Tag perfekt sein muss. Das mit dem „nach eigener Fasson selig werden“ (s.o.) ist ohne Glaube, Liebe, Hoffnung natürlich schwierig.

IMG_3223Ich glaube, heute braucht man Eier in der Hose, um zuzugeben, dass man Ostern feiert, um die Auferstehung Jesu zu feiern. Natürlich auch mit Schokohasen (ich könnte mit unseren ein ganzes Dorf ernähren), bunten Ostereiern und Geschenken für die Kinder. Aber eben auch mit ganz viel Frieden und Dankbarkeit im Herzen. Alles kann, nichts muss, jeder darf. Lieben, lachen, Leben teilen.

Frohe Ostern!