Kategorie: Ernst sind wir an einem anderen Tag

Sagt ein Hesse zum dürren Matt…

Der junge, etwas schlaksige Matt und sein Freund Günther, ein Hesse, gingen auf den Weihnachtsmarkt. Sie wollten ein bisschen Glühwein bechern, Gras schnupfen und den schönen Weihnachtsliedern lauschen. Sie waren in rührseliger Stimmung, denn Matt hatte nach langer Arbeitslosigkeit endlich eine Stelle als Bühnenarbeiter in einem Kellertheater bekommen, und Gunther hatte doch tatsächlich im Lotto gewonnen. nicht viel, aber genug, um sich und seinem Kumpel einen netten Abend zu gönnen. „Alles singt, ist das nicht schön“, rief Matt, und Gunther fiel weniger schön, aber dafür laut mit ein in den Kinderchor, der „Friede den Menschen“ sang. „Jetzt haben wir das Go. Et het noch immer jot jegange!“, seufzte Matt glücklich. „Noch ein Bier, Mann?“ Das war nach dem Glühwein vielleicht nicht die beste Wahl, doch dem dürren Matt war das egal. „Oder willste erst nen Bratfisch haben? Nein wird nicht akzeptiert.“ Doch Günther zog seinen Kumpel mit auf den großen Marktplatz, wo in einer Stunde ein Feuerwerk stattfinden sollte. „Ich liebe das Geböll„, sagte er, „und wegen der ganzen Kindheitserinnerungen werden meine Augen feucht. Wange, rote Wange von den ganzen Tränen. Ich liebe  Weihnachten“, schmolz der Mann dahin. „Brecht mir hier nicht in Tränen aus!“, grölte eine tiefe Stimme. „Hein!“, erkannte Matt ihn sofort, „was machst du denn hier?!“ Hein war sein Nachbar. „Ich lauf rüber in die Büchnerei, besorg ein paar Romane für meine Frau, und für meine Mutter noch ne CD von Bach, Mann. Dann fahr ich rüber ins Eichendorf, frische Tannenzweige holen. Sie dekoriert doch jetzt. Bei uns zuhause ist mehr Weihnachten, als in jedem Bastelladen.“ Matt und Günther lachten. Hein fuhr fort: „Überall Kerzen und Kugeln, es blinkt und schillert wie in einem Spiegelsaal. Matt, wie gehts deinem Kleinen?“ Matt war vor wenigen Tagen Vater geworden und die Ärzte hatten sich ein wenig Sorgen um die Beschaffenheit des Kopfes gemacht. Nicht seines Kopfes, sondern dem des Babys. „Schreit er immer noch soviel? Sind die Fontanellen inzwischen zusammengewachsen?“ Doch alles war wieder in Ordnung. „Na denn“, rief Hein, „ich muss dann mal wieder. Kommt ihr heute Abend vorbei? Ich brauch Hilfe. Olga will nicht nur, dass ich die Kugeln aufhänge, ich muss sie vorher auch alle noch blitzblank putzen. ‚Willst du viel, dann spül mit Pril‘, kennt ihr den Spruch? Sauarbeit, kann ich euch sagen. Und was wir an Tüchern verbrauchen! Tuch für Tuch, Olsky, wie ich meine Olga gerne nenne, reine Verschwendung.“

Und damit verschwand Hein, weniger gut gelaunt als seine Kumpel, dafür aber mit einer ordentlichen Portion Grimm im Bauch, in der Menge.

Gesichtsakrobatik verboten oder: Freundlich durch die mündliche Prüfung

Während des mündlichen Abiturs ist es den Prüfern eigentlich verboten, eine Miene zu verziehen. Die Prüflinge könnte ja jedes Lächeln, jedes Zucken, jede hochgezogene Augenbraue als Hinweis interpretieren und verunsichert sein.

 

IMG_0058Wie man am Beispiel sieht, verfügt mein Mienenspiel über ein reichhaltiges Angebot der unterschiedlichsten Nuancierungen menschlichen Ausdrucks. Als nervöser junger Mensch könnte man also während einer Prüfung folgendes interpretieren:

 

Beispiel A (oben links):

Hey! Sie strahlt glücklich, ich befinde mich also gerade im Einser- bis Zweierbereich. Supi! Läuft.

Es könnte genau das bedeuten. Es könnte aber auch bedeuten, dass ich einfach nur lächle, um dem Prüfling Mut zu machen, ihm ein bisschen die Angst zu nehmen und zu signalisieren, dass ich vielleicht nicht unbedingt fachlich, aber menschlich auf seiner Seite bin. Und dass er hoffentlich gleich noch irgendwas Vernünftiges sagt.

Beispiel B (oben rechts):

Ach du Scheiße. Wenn sie so kritisch guckt, erzähle ich vermutlich nur Blödsinn. Mist! Sie weiß, dass ich nicht gelernt habe. Hilfäääää!

Ja. Genau das bedeutet dieser Gesichtsausdruck.

Hilft dem Schüler gar nicht und ist deshalb während Prüfungen strengstens verboten.

Beispiel C (unten links):

Was? War das falsch? Was mach ich denn jetzt?! Themenwechsel? Englisch reden? Meinen Namen tanzen? Aus dem Fester springen?

Natürlich zeigt der dritte Gesichtsausdruck eine gewisse Skepsis. Dabei kann es sich allerdings auch um Skepsis gegenüber einer Theorie oder einem Text aus der Prüfung handeln. Oder ich denke gerade intensiv nach. Das ist nicht immer etwas Schlechtes.

Beispiel D (unten rechts):

Autsch! Jetzt bin ich auf dem falschen Dampfer. Ich muss irgendetwas verwechselt haben. Wie hieß das Mistding denn nochmal? Konjunktiv? Konjunktion? Konjak? Kajak? Anorak? Ich bin verloren.

Der letzte Gesichtsausdruck in unserer kleinen unwissenschaftlichen Reihe bringt durchaus eine gewisse BesorgIMG_0060nis zum Ausdruck. Gegenstand dieser Besorgnis KANN der Prüfling sein. Muss er aber nicht. Vielleicht sehe ich gerade an der gegenüberliegenden Wand eine Spinne entlangkrabbeln. Oder ich hab vergessen, Kaffee zu kaufen. Oder der Prüfling hat sich gerade seine 1+ versemmelt.

Im Ernst: Was ich meinen Schülern immer sage, wenn sie eine mündliche Prüfung vor sich haben:

Bereitet euch gut vor und macht das Beste draus. Entweder es ist eine 1, 2, 3, 4, 5 oder 6. Prüfer drücken lieber ein Auge zu als dass sie extra draufhauen. Und sie erarbeiten sich die Noten konzentriert und begründen sie im Protokoll sehr ausführlich. Manchmal sitzen sie den ganzen Tag im Prüfungsraum und bekommen Krämpfe. Das hat nichts mit euch zu tun. Konzentriert euch nicht auf uns, sondern auf euch selber. Sonst sitzen irgendwann in den Prüfungen keine Menschen mehr vor euch, sondern Roboter, die aussehen, wie ihr eigenes Passbild: Ohne Lächeln, ohne Regung.

IMG_0014Und das will wirklich niemand.

(Wer findet noch, dass ich auf dem Bild mega schiele?!)

Mein Gespräch mit dem Vodafonemann

Sorry, dieser Artikel hat jetzt nichts mit Lehrern, Eltern, Schülern oder Büchern zu tun, aber ich muss mir kurz was von der Seele schreiben.

Ich weiß ja, dass die ganzen Telefonservicehotlinemitarbeiter ihre Vorgaben haben, aber es kann doch wirklich nicht im Interesse eines Unternehmens sein, wenn sie diese Floskeln ohne Rücksicht auf einen eventuellen Sinn dahinter abspulen, auch wenn sie gar nicht zum Inhalt des Gesprächs passen? Mir war nicht klar, dass man sich durch pure Höflichkeit so veräppelt fühlen kann.

Setzen wir voraus, die Telefonservicehotlinemitarbeiter, kurz TSHM genannt, müssen folgende Floskeln in ihre Gespräche einbauen:

  • Wie schön, dass ich Sie direkt erreiche
  • ich danke Ihnen für Ihre ehrliche Antwort
  • Vielen Dank für dieses nette Gespräch

Unsere Unterhaltung sah so aus: Ich habe vor einiger Zeit meinen Vertrag per mail gekündigt (er läuft aber noch einige Monate). Jetzt hatte ich mehrfach auf meiner „verpasste Anrufe“-Liste eine unbekannte Telefonnummer auf meinem Handy, die man ja niemals zurückrufen soll. Heute erschien sie erneut in meinem Display, und ich nahm den Anruf entgegen:

Vodafone Kundenservice, wie schön, dass ich Sie direkt erreiche!

Wie gesagt, die haben mindestens schon fünfmal angerufen.

Dann wollte er meinen Kündigungsgrund erfahren, den ich ihm mitteilte. Mein Handy ist doof und ich will ein neues haben. War jetzt keine Beichte oder so, eine ganz normale Information.

Ich danke Ihnen für Ihre ehrliche Antwort.

  1. Woher weiß er, dass sie ehrlich war?
  2. Was hätte ich sonst sagen sollen? Danke, ich liebe Vodafone so sehr, dass ich euren Verein dazu bringen wollte, mich anzurufen, weil ihr ja umgekehrt nie erreichbar seid, also habe ich eine Kündigung vorgetäuscht???

Nachdem er mich darüber aufklärte, dass sie sich zwecks weiterer Infos bald wieder bei mir melden würden, bedankte er sich überschwänglich.

Vielen Dank für dieses nette Gespräch. Ku-ku-kurz,ja kurz war es, aber doch sehr nett.

Ich glaube, ich habe durch meine betörende Stimme einen neuen Freund gefunden.IMG_2991

 

Wir sind näher und weiter entfernt, als ihr glaubt

Es ist erfrischend und verstörend zugleich, Schülern dabei zuzuhören, wie sie über ihre Lehrer reden. Ich meine jetzt nicht Respektlosigkeit oder so, nein, sondern eher die Themen und die Sichtweise, die die junge Generation auf uns Alte anscheinend entwickelt hat. Neulich in meiner Küche (wir hatten gerade gewichtelt, Goethe-Gedichte aufgesagt und eine Beethoven-Sinfonie konzertiert) schnappte ich das ein oder andere auf und es ist mir ein inneres Bedürfnis, mal ein paar Dinge zurechtzurücken:

Wir sind euch näher, als ihr glaubt

Klar, Lehrer sind in der Regel 10-50 Jahre älter als ihr. Aber was bedeutet das schon? Das mit dem Älterwerden ist so eine Sache – man ist ja nicht zuerst jung, offen, voller Träume und plötzlich, so mit 25, ein gesetzter Erwachsener mit strengem Blick und Bausparkonto.

Nein. Dieser Prozess beginnt schleichend. Und manche Menschen werden nie erwachsen, manche kommen schon alt auf die Welt. Im Prinzip unterscheiden einen 20Jährigen und einen 50Jährigen nur die Lebenserfahrung. (Selbst die Fitness ist da raus – manch Jugendlicher bekommt Schnappatmung, während der Greis schon drei Treppen geschafft hat). Auch wir Lehrer sind gerne sorglos, bauen Mist, haben Träume und wollen lieber ausschlafen, als zur Schule zu gehen, aber im Unterschied zu euch sitzen uns folgende Jurymitglieder im Nacken:

  • die Erfahrung (wenn ich nichts tue, bekomme ich mehr Ärger, als sich das Nichtstun lohnen würde),
  • die Bezirksregierung (kein Benehmen, kein Gehalt),
  • die Familie (kein Gehalt, kein Essen) und
  • die Verantwortung (keine Arbeit, kein sinnvoller Beitrag für die Gesellschaft)

Wenn wir einen freien Nacken hätten, wären wir gefährlicher und unkontrollierbarer, als ihr, weil wir über jahrzehntelange Erfahrung im Mistbauen verfügen und über die sozialen Netzwerke (ich meine nicht Facebook oder Snapchat, sondern Anwälte), sie auch umzusetzen.

Wir sind weiter von euch entfernt, als ihr glaubt

Ein besonders lustiges Kapitel in meiner Küche war Kursfahrten gewidmet, in denen anscheinend Kollegen und Kolleginnen gemeinsam in einem Zimmer verschwunden sind und in denen ihnen nun leidenschaftliche Beziehungen angedichtet wurden.

Kinder.

Mit 16 mag es so sein, dass sich bei zwei Jugendlichen, während einer Kursfahrt  allein in einem Raum, automatisch unkontrollierbare sexuelle Neigungen offenbaren, die zu einem ungehemmten Ausbruch erotischer Zügellosigkeit führen.

Mit 36 ist das nicht mehr so.

Wenn mit 36 Frau und Mann während einer Kursfahrt in einem Raum verschwinden, kann das viele Gründe haben.

  • sie wollen in Ruhe über Schüler lästern
  • sie wollen in Ruhe eine rauchen und nicht, dass die kleinen Kröten dabei zugucken
  • sie tauschen Unterrichtsmaterial aus
  • sie starren aus dem Fenster und wünschen sich, nochmal jung zu sein

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass in Soaps das Bild vermittelt wird, dass wir Menschen Beziehungstiere seien, die – egal ob gebunden oder nicht – jede Gelegenheit ergreifen, sich neue Optionen zu sichern, egal, ob es der Nachbar, Zahnarzt, Postbote oder Cousin dritten Grades aus Uruguay ist.

Im wahren Leben lieben wir Ü-30er (ja, ich weiß, ich bin Ü40, aber das ist ja schließlich auch Ü30) unsere Ruhe, Füße hoch, Klamotten AN (sonst wird’s kalt, außerdem sieht man hässliche Besenreiser oder so), und Soaps gucken.

Natürlich wäre das Schülerleben vermutlich spannender, wenn im Lehrerkollegium jeder mit jedem wie in Sodom und Gomorrha (jetzt wisst ihr mal, wie man das schreibt) zusammen wäre, wenn wir in den Pausen – am besten mit den Schülern – über unsere Beziehungen sprechen würden, oder die weinende Kollegin trösten müssten, die ihren Liebsten mit der Referendarin im Kopierraum erwischt hat, aber so ist das nicht.

Zum Glück.

Denn wie kämen wir dann dazu, eure Klausuren zu korrigieren, nach denen ihr nach zwei Tagen schon kräht, über euch zu sprechen (sag mal, fehlt der bei dir auch so oft?) oder an unserer Karriere zu feilen (Chef, ich hab da mal eine Präsentation vorbereitet…)?

Wenn ihr wissen wollt, wie wir Lehrer wirklich sind, nehmt folgende mathematische Gleichung:

eure Eltern

minus Sätze wie

„und, wie läuft es in der Schule?“ (wissen wir selber)

„ich glaub, ich muss mal mit deiner Lehrerin reden“ (i wo)

plus Sätze wie

„sei bitte leise, ich muss korrigieren“

„ich kann mich nicht um alles kümmern“

„ich kann Samstag nicht, ich muss korrigieren.“

So sind wir. Ihr wollt euch nicht vorstellen, wie eure Eltern miteinander…? Dann macht das mit uns besser auch nicht.

Aus Respekt.

Und Selbsterhaltungstrieb.

10 kleine Schülerlein 🎶🎶…

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Meine Tochter hat momentan ein neues Lieblingsspiel: Die Monster-Musikschule. Ein interaktives Musikschulspiel, in dem verschiedene Bands proben müssen, bis sie gut genug sind, um am Monster- Contest teilnehmen zu dürfen. Die Bands haben dann so tolle Namen wie „Folky Folks“ oder „Dreamy Drummers“ oder so ähnlich. Unser heutiger Musikunterricht hatte sehr viel von diesem Spiel. Ja: H100F205E-F36A-4176-A0B2-11D6993D130Eeute erzähle ich mal von den anderen Q2ern, aus dem Musik-Grundkurs. Ein paar davon sind ja schon bekannt (siehe Artikel „Die wilde 13“):

Paul, der Drummer, der immer meckert, außer, wenn er brummt. Äh, drummt.

Tom und Bibi, die auch im Musikunterricht nebeneinander sitzen, damit Bibi den Überblick behält und Pauls schlechte Witze von Tom fernhalten kann.

Maria, der südländische Temperamentsbolzen, der davon schwärmt, wie toll man auf portugiesisch fluchen kann.

Niklas, der Traumschüler, der im Musikunterricht davon profitiert, dass es auf Rechtschreibung nicht so ankommt und

Lisa, die mit Rücken und den schönen Augen.

Dazu kommen dann noch

Sid, einer der nettesten und anständigsten Leute seines Alters, die ich kenne. Jeder mag ihn, nicht jeder versteht ihn, nicht immer versteht er andere. Die Mädels wollen ihn knuddeln und beschützen, die Jungs mit ihm einen trinken gehen. Sid ist treu wie Gold und das Gegenteil von böse.

Achim ist gefühlt doppelt so groß und doppelt so breit wie ich. Wenn er wollte, könnte er mich mit einem Drumstick erschlagen. Macht er aber nicht. Achim ist sympathisch und tiefenentspannt, was heute nicht passiert, passiert morgen vielleicht auch nicht.

Jens ist manchmal so abwesend, dass er selbst nicht merkt, dass er schon da ist. Ein Künstler, ein Denker, ein Philosoph. Wenn ich das richtig verstanden habe, führt er gerne akustische Experimente mit Kettensägen durch oder spielt gleichzeitig auf fünf E-Gitarren.4BBBC624-4E3D-4021-BB61-0CA42B9074C7

Heiko liebt die Conga, die Conga liebt Heiko. Da er gerade eine richtig schwierige Phase durchmacht, verkneife ich mir jeden Witz und jede Ironie und wünsche ihm auch auf diesem Wege einfach nur das Beste.

Das Schwierige an Musikkursen ist, dass man versierte Musiker mit denjenigen zu einem Orchester verbinden muss, die Musik nur gewählt haben, weil sie noch schlechter malen als singen. (Nicht, dass die „versierten Musiker“ besser singen – Paul singt auch nüchtern wie ein Betrunkener). Ein paar, die gar keine Lust zum Musikmachen haben, bleiben dann in einer solchen Stunde mal auf der Strecke, denn einerseits können sie nur Triangel, andererseits fühlen sie sich mit der Triangel in der Hand leicht uncool. Aber meine Q2 ergibt sich ihrem Schicksal, und so setzt sich unsere „Band“ wie folgt zusammen:

  • Paul, der drummen kann und
  • ich, die ich so tue als könnte ich Klavier spielen,
  • Jens, der Gitarre spielen kann und
  • Sid, der sich gern mit Paul das Schlagzeug teilt. Das sind quasi die Musiker.
  • Dann kommt das Mittelfeld mit Tom, der alles kann, aber nichts richtig (also so wie ein handelsüblicher Musiklehrer),
  • Bibi, die die positive Ausstrahlung mitbringt, und
  • Achim, der motiviert auf die Cajon einprügelt.
  • Dann bleiben noch Maria, Heiko und Lisa.
  • Maria diskutiert leise trommelnd mit
  • dem imaginär trommelnden Heiko über wasweißich, während sich
  • Lisa ein ironisches Grinsen nicht verkneifen kann. Ob wegen oder trotz der Musik, weiß niemand.

28BAB12C-C161-4F24-8203-896F7D0B9182Als ich aus dem Nebenraum die Schneeglöckchen hole (nein, nicht die Blumen, sondern die Glockenstäbe, wie man sie gern bei volkstümlichen Weihnachtsliedern hört), blüht Maria auf. Eigentlich ist dieser südländische Temperamentsbolzen ja nur für chic und cool zu haben, aber ein Winterinstrument ist dann doch schön.

 Blues mit Glockenstäben.

Helene Fischer kann einpacken.

Die wilde 13

Ich weiß, Lehrer sollen keine Lieblingsschüler haben. Hab ich auch nicht. Ich hab eine Lieblingsstufe, und  zwar die  Q2 unseres diesjährigen Jahrgangs. Warum? Ich hab manchem schon vor zwei Jahren die ein oder andere 5 oder die ein oder anIMG_0839dere Ermahnung reinwürgen müssen, und sie grüßen mich immer noch freundlich, auch wenn sie mich gar nicht mehr im Unterricht haben. Okay, vielleicht auch genau deswegen. Sie freuen sich wie die kleinen Kinder, wenn ich vorschlage, sie könnten ja mal bei mir im Garten zelten (also irgendwann mal). „Sie sind die einzige Lehrerin, die sowas gut fände!“ naja, warum auch nicht – ich hab Würmer, Spinnen und Käfer im Garten, weshalb nicht auch Schüler.

Um mal zu verdeutlichen, weshalb das meine Lieblingsstufe ist (in diesem Fall unproblematisch, da es ja keine Parallelstufe gibt, die sich beleidigt fühlen könnte), und weil ich finde, dass die Welt diesen Kurs kennenlernen sollte, werde ich in Zukunft immer mal wieder Geschichten über die „wilde 13“ erzählen, meinen Deutsch-LK. LK bedeutet offiziell Leistungskurs oder Lektürenkarate, in meinem Fall aber Lieblingskurs. Sie haben sich schon oft gewünscht, ich solle über sie schreiben, hier habt ihr den Salat (Namen der Zutaten wurden natürlich geändert):

Lady Marian: Groß, blond und intelligent. Eine kühle Schönheit, die ebenso ein charmantes Lächeln aufsetzen wie auch genervt mit den Augen rollen kann, wenn sie ihr Handy wegpacken soll.

Tom und Bibi: Mittlerweile unzertrennlich. Ich wünsche mir, dass Tom und Bibi wie im Peter Foxx-Lied „Haus am See“ noch in 60 Jahren zusammen sind, 20 Kinder und 40 Enkel haben und mich zum Tee einladen. Okay, dann bin ich 100, aber Tee kann auch im hohen Alter nicht schaden. Tom könnte einem Beduinen Sand als Deko oder einem Bänkler 10-Euroscheine für 15 Euro das Stück verkaufen, Bibi würde zwar missbilligend gucken, aber dennoch die Kundschaft loyal mit Kaffee und Kuchen versorgen.

Paul ist Trommler. Und erwürgt mich im Geiste, wenn er dies liest, weil der Ausdruck „trommeln“ unter der Würde eines höchst begabten Drummers ist, wie ich gelernt habe. Paul hat auf alles eine Antwort, auch auf die Fragen, die nie gestellt wurden. Er sucht den Spaß, den Sinn des Lebens, manchmal auch das Weite. Doch er findet meist nur: Schule doof. Aber er gibt sich Mühe.

Niklas ist ein wahrer Traumschüler: Immer freundlich und gut drauf, intelligent, bestens vorbereitet und trotzdem kein Streber. Keine Ahnung, wie er das macht. Genau wie Tom ist er eine offene, interessierte Persönlichkeit ohne störende Rechtschreibtenzenden, was vielleicht daran liegt, dass beide eine Montessori-Schule besucht haben.

Lili wird immer meine Frau Nimptsch bleiben (die alte niedliche Ziehmama aus „Irrungen, Wirrungen“): Die blonden Haare meist wirr zu einem Dutt hochgesteckt, Brille schief auf der Nase und lächelnd in ein Buch vertieft oder dabei, das Wochenende zu planen. Mit einem Nachnamen, der an Sommer und Schmetterlinge erinnert.

Maria ist eine insIMG_0919 Leben explodierende südländische Schönheit, ebenso stur wie herzlich. Wenn Maria lacht, geht die Sonne auf, wenn sie gerade beschließt, dass das Leben ein mieser Verräter ist und sich alle besser von ihr fernhalten sollten, sucht man am besten das Weite. Man könnte sich in einem Zelt in meinem Garten verstecken.

Lisa hat die schönsten Augen, die ich je gesehen habe. Seltsamerweise sind es immer die Menschen mit den größten Problemen, die am zuverlässigsten sind.  Lisa hat in den gesamten letzten zweieinhalb Jahren höchstens dreimal in meinem Unterricht gefehlt, obwohl sie mit so ziemlich allen Knochen Schwierigkeiten hat, die es gibt. Da könnte sich manche Sportflüchtige a la „Herr Meiners-Schulze, ich kann heute nicht rennen, ich hab meine Tage“ eine Scheibe von abschneiden.

Marie ist sehr still und wirkt im Unterricht oft, als wolle sie möglichst niemanden stören, schreibt dann aber gute Klausuren. Ihre Schrift ist so schön wie ihre Haare und ihr Nachname, und ich hoffe, dass sie ihre Stimme in der Welt noch finden wird.

Kathi ist unverzichtbar, wenn es darum geht, meine Tippfehler an der Tafel zu entdecken. Kathi hat die Ruhe weg, sitzt ergeben zwischen den anderen und zählt die Tage bis zum Abitur. Das hält sie aber nicht davon ab, produktiv am Unterricht teilzunehmen und für viele eine gute Freundin zu sein. Nach der ganzen Schulplackerei wird sie sicher etwas Sinnvolles mit ihrem Leben anstellen.

Max geht kellnern. Natürlich nicht im Unterricht. Obwohl er das bestimmt gerne täte. Vermutlich denkt er während Herders Abhandlung über die Sprache an sein letztes Trinkgeld, aber es sei ihm gegönnt. Man muss mit allem rechnen – Euros, Cents, aber halt leider auch immer mit der nächsten Deutschstunde.

Simone ruht in sich. Ich habe Simone (wie im übrigen auch Niklas, Lili und Lisa) noch nie schlecht gelaunt erlebt. Simone schreibt bessere Arbeiten, als ich es je getan habe und ich hab schon überlegt, wenigstens die Hälfte der Klausuren einfach von ihr korrigieren zu lassen.

Lucia ist die Zuverlässigkeit in Person. Sie ist da und wird immer besser. Schriftlich hat sie sich in den letzten Jahren von einer 4 auf eine 2 hochgearbeitet, und mündlich wurde aus der einen (von mir) heiß ersehnten Wortmeldung pro Monat eine regelmäßige Mitarbeit in jeder Stunde. Dabei grinst sie manchmal leicht ironisch, als wollte sie sagen „Ja, genau, ich bin’s.“

Wenn wir einen schwierigen Text besprechen (immerhin sind wir ja ein LK, also Lektürekarateklub) sieht das so aus:

  • Niklas, Lady Marian und Simone schmeißen die Stunde. Eigentlich könnte ich die anderen nach Hause schicken und mich nur mit den dreien unterhalten.
  • Paul macht oft mit, doch manchmal verzettelt er sich auf der Suche nach der richtigen Antwort und sucht eher nach einem Grund, dem Unterricht zu entfliehen. Dann muss er ganz dringend mal eben die Abifeier planen, das Schul-Drumset kritisieren oder einfach nur herummeckern.
  • Lili wirft ab und zu einen schlauen Beitrag ein, und blickt den Rest der Zeit sehr intelligent drein.
  • Befindet sich Maria auf der Gefühlsskala eher auf der Sonnenseite, diskutiert sie heftig und macht keine Gefangenen. Also meist, wenn es um Promis oder Labels geht (im Deutsch-LK eher selten). Ist das Leben wieder böse, buddelt sie sich hinter ihren Zettelstapeln ein und seufzt.
  • Tom und Bibi schreiben fleißig mit, und wollen sich just in dem Moment melden, als
  • Kathi auffällt, dass ich – natürlich aus Versehen – statt „Humboldt“ „Hudnviglrn“ geschrieben habe.
  • Max schreibt ebenfalls brav mit und lächelt so sympathisch, dass ich es nicht übers Herz bringe, ihn dranzunehmen.
  • Lisa, Marie und Lucia sagen nichts, aber wenn man sie um einen Beitrag bittet, bekommt man eine intelligentere Antwort als von Niklas, wenn er sie schreiben müsste.

Neulich hat Paul den Kaffee gekocht. Naja, ehrlich gesagt hat er Wasser gekocht. Der Kaffee war noch in der Packung, aber das ist schließlich besser fürs Herz.

Ja, das ist meine wilde 13. Manche sind mehr 13 als wild, andere sind wild wie 13Jährige, aber alle geben ihr Bestes.

Und sei es nur ein Lächeln, weil sie wissen, wen ich mit „HudnvigIrn“ meine.

Eine Ode an Frau Tinte

Ich liebe Frau Tinte. Jeder sollte im Lehrerzimmer eine Frau Tinte sitzen haben. Frau Tinte ist immer fröhlich, aber nicht so fröhlich, dass es nervt. Sie hat alles dabei, was man selbst vergessen hat, in ihrer MaryPoppinstasche, aus der sie nach Bedarf Taschentücher, Stifte, Sofakissen oder Kopiervorlagen zaubern kann.

Ich sitze neben Frau Tinte, niemals in der Tinte. Und seit sie schwanger ist, hat sie auch immer Leckereien dabei. Nicht ein paar Bonbons, nein, eher die Kategorie Süßwarenabteilung im Edelkaufhaus: Merci, Gummibärchen (die guten), Toffifee, Amicelli, Botticelli…

Ich hab in einer einzigen Zeugniskonferenz drei Kilo zugenommen.

Seit der Schwangerschaft ist Frau Tinte noch entspannter als sonst. Manchmal etwas SEHR entspannt. Man soll das Leben gut finden, zweifellos, aber möchte ich, wenn ich im Schlamm der Lehrerdepression versinke, hören, dass ich mir eine neue Tasche kaufen soll?

Ja, okay, ich möchte das hören.

Aber es ist still geworden.

Frau Tinte sitzt, futtert und beschenkt nicht mehr neben mir, sie explodiert nicht mehr an meiner Seite ins Leben. Sie ist jetzt im Mutterschutz, weil da jemand anderer ins Leben explodieren möchte.

Jetzt sitze ich doch IN der Tinte.

 

My Finnish has to be finished… damit ich meine Rente an einem See ohne Verbotsschilder genießen kann

Finnland.

Das süße Dorf irgendwo zwischen Lappland und Schweden, das keiner kennt, aber alle doll finden. Wenn ich irgendwo erwähne, aus welchem Land mein Mann stammt, höre ich zuverlässig den Satz

Ah. Finnland. Jaja. Das Finnische soll ja sehr mit dem Ungarischen verwandt sein.

Nein. Ist es nicht. Finnisch und Ungarisch besitzen drei gleiche Wörter. Irgendwas mit Fischen und Brot. Das war’s.

Finnland ist toll. Aber vermutlich nur für Einsiedler wie mich. Als Einzelkind bin ich es gewohnt, glücklich und kreativ allein zu sein. Mit 5 liebte ich es, stundenlang allein mit meinem Puppenhaus oder Lego zu spielen, ohne dass mir einer reinquatscht, mit 25 residierte ich allein in einer riesigen Wohnung (groß, aber günstig, da direkt an einer Hauptverkehrsstraße in einem nicht so schönen Viertel) und habe es genossen, tun und lassen zu können, was ich wollte und wann ich es wollte, und jetzt genieße ich jede freie Minute hoch oben allein unterm Dach an meinem Schreibtisch, wenn mich wieder eine Idee juckt und ich etwas schreiben muss.

In Finnland kann man dieses Alleinsein überall zelebrieren, wenn man keine Angst davor hat. Es gibt 1000 Seen und  Wälder und  – das ist das Besondere: Keine Schilder wie „Baden verboten!“, „Betreten verboten“ oder „Achtung! Privatgelände“. Wenn man einen schönen Platz an einem See findet, darf man dort baden, picknicken oder Löcher in die Luft starren.

Es gibt quasi auch keine Mietshäuser. Wenn man langfristig in Finnland wohnt, hat man ein Haus. Gut. Es handelt sich dabei oft um Häuser, die in Deutschland keiner Prüfung standhalten würden, aber der Finne ist da nicht so. Alles blüht, wackelt, sprießt vor sich hin, und die Menschen finden das schön. Und wenn mal was zusammenkracht, kommt der liebe Nachbar vorbei und hilft, es wieder aufzubauen. Nahe der Städte hat man viele Nachbarn, aber je weiter man in das wahre Finnland vordringt, desto weiter entfernt liegen die nächsten Häuser. Quasi jeder Haushalt verfügt über seinen persönlichen See. Und Wald. Und Elche und Rentiere. Wobei sich die scheuen Elche eher weniger sehen lassen. Die Rentiere spazieren schonmal gemütlich über die Autobahn, weshalb in Finnland klare Geschwindigkeitsbegrenzungen herrschen (und auch regelmäßig von der Polizei überprüft werden). Noch ein Pluspunkt, denn ich hasse Raser im Straßenverkehr.

Ein großer Pluspunkt für mich sind die finnischen Kinder. Finnen bekommen meist mehrere Kinder. Logisch, denn irgendwie muss der ganze Platz im Land  ja ausgenutzt werden, und die Winter sind lang und kalt. Während man auf deutschen Spielplätzen eher komisch, wenn nicht gar abwertend angeglotzt wird, wenn man mit fremden Kindern spielen will (also nicht ich, sondern Kinder allgemein), gilt in Finnland das Prinzip: Je mehr Kinder, desto mehr Piraten, desto mehr Spaß. Wenn Kinder aufeinander treffen, spielen sie miteinander. Sehr sympathisch.

Der Finne an sich ist sparsam. Das fängt beim Alphabet an, aus dem er weitgehend nur die Buchstaben a, e, f, h, i, k, l, m, n, o, p, r, s, t, u, v, ä,ö,und ü benutzt (und davon meist auch nur ä, ö, p, t und k), und endet bei den Lebenshaltungskosten. Die sind in Finnland hoch. Ungern erinnere ich mich an meine „Grillplatte“ für 15,80 Euro, die aus zwei kleinen Stücken Fleisch, einer Kartoffel und einer Hand voll Gemüse bestand. Der Finne spart aber auch an Worten. Kein Wunder, bei den wenigen Buchstaben. Er redet eigentlich nicht, sondern bevorzugt elchähnliche Geräusche, um sich mitzuteilen. Mein Mann ist da übrigens eine Ausnahme, er redet noch, wenn ich schon mit dem Zuhören fertig bin.

Alles in allem ist Finnland großartig, und wir planen, dahin auszuwandern, wenn

  • unsere Tochter studiert (in 15 Jahren)
  • mein Mann in Rente geht (in 15 Jahren)
  • ich finnisch kann (in 298 Jahren)

Kohta on joulu!

(Heißt ‚bald ist Weihnachten‘, passt hier vielleicht nicht, ist aber eine schöne Botschaft und der einzige Satz, den ich schreiben kann)

Kafkas „Prozess“ – ein Fake? Eine (un)mögliche Unterrichtsstunde in der Q1…

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„Kafkas Probleme manifestieren sich in der Unsicherheit des Protagonisten K. Das Gericht steht für seinen Vater.“

„Seh ich auch so. Die Machtlosigkeit K’s gegenüber der gerichtlichen Willkür ist quasi nachzulesen in seiner Biografie.“

„Man kann aber auch mal andersrum denken.“

„Muss man aber nicht.“

„Jetzt halt doch mal die Klappe. Nein. Was ist denn, wenn der Prozess symbolisch für den Weg steht, den alle, also wir, den wir alle gezwungen zu gehen haben verpflichtet — sind…“

„Sehr kafkaesker Satzbau.“

„Muss man das denn interpretieren? Kann man das Werk nicht einfach genießen und so stehen lassen?“

„Ja. Am besten im Regal.“

„Im Regal der Buchhandlung.“

„Ich würde vielleicht argumentieren, dass die komplette Handlung ein Traum ist. Wenn man träumt, ist ja manchmal auch alles völlig durcheinander und ergibt keinen Sinn. Personen spielen eine Rolle, die im wahren Leben niemals aufeinander getroffen sind.“

„Finde ich gut. In dem Traum kommen alle Personen vor, die in Kafkas Leben eine wichtige Rolle gespielt haben: Der strenge, polternde und doch irgendwie wohlmeinende Onkel ist sein Vater, Fräulein Bürstner Felice Bauer, die ganzen anderen nymphomanischen Frauen irgendwelche Bekannte oder Kolleginnen, die er mal attraktiv fand, seine Vermieterin, Frau Gruber, vielleicht eine der Angestellten aus seiner Kindheit, die ihn großgezogen haben. Die Wächter personifizieren dabei irgendwelche Autoritäten, vor denen Kafka Angst hat. Lehrer, Vorgesetzte…“

„Und über allem thront das Gericht, der Prozess, dieses dumpfe Gefühl seines Lebens: Unsicherheit und Machtlosigkeit.“

„Vermutlich ist alles aber auch ganz anders. Unsere Lehrerin hat das Buch geschrieben und uns Fake-Reclams untergejubelt, weil sie so an uns hängt und will, dass wir alle durchs Abitur rasseln. Der Prozess ist eine Metapher für unseren Lernprozess: Irgendwie sind wir alle verhaftet, aber niemand weiß, wohin das führt. Wir wachen morgens auf, und statt unseres Frühstücks bekommen wir eine WhatsApp unserer Deutschlehrerin, in der steht, dass wir alle dem Untergang geweiht sind.“

„Und wer ist dann der Wächter, der unsere Wäsche in Verwahrung nehmen will? Das macht mir Angst.“

„Die Wäsche ist natürlich ein Symbol für all unsre nicht gemachten Hausaufgaben, die sie einsammeln will.“

„Also ist Frau Ä der Wächter.“

„Die Wächter.“

„Die Wächterin.“

„Nein. Die Wächter. Es sind zwei. Frau Ä ist die Wächter. Oder sind die Wächter?“

„Würde passen. Die zwei Seiten einer Lehrerin. Mal gut gelaunt, mal schlecht.“

„Nein, das ist mir zu platt. Frau Ä ist das Gericht. Aufseher, Wächter, Advokaten und so weiter sind ihre… Organe. Also die Gerichtsorgane. Augen, Ohren, Hirn…“

„Ich möchte aber wirklich mit niemandem. Wirklich, mit NIEMANDEM darüber diskutieren, was die Prüglerszene in dieser Interpretation zu bedeuten hat.“

„Ich weiß jetzt nicht, ob das richtig ist, aber Kafka hat doch diese Parabel über die Maus geschrieben. Vielleicht hat er sein eigenes Werk metaphorisch in dieser Parabel verarbeitet: Deutschunterricht ist eine Mausefalle. „Der Prozess“ ist Käse. Und vor der Falle, der wir entfliehen könnten, wartet das Leben mit all seinen Gefahren.“

„Dann hätten wir aber eine Antithese zwischen Leben und Kafka lesen. Supi, ich nehme das Leben. Ein Dilemma, das nicht wirklich eins ist.“

„Vielleicht handelt es sich nicht um keine Antithese, sondern eine Klimax der Grausamkeiten: Zwei Stunden Kafka, 5 Stunden Spanisch, den Rest des Tages Klavierunterricht und Hausaufgaben.“

„Wie gesagt: Vielleicht ist alles nur ein böser Traum.“

„Der Deutschunterricht?“

„Nein, du. Frau Ä, machen Sie sich nichts draus, der hat keine Ahnung.“

„Vorsicht, Madame, du bewegst dich auf ganz dünnem Eis.“

„Nur weil ich die Wahrheit sage?“

„So. Das reicht mir jetzt. Ich geh.“

„Ich auch.“

Alle gehen.

Frau Ä: Aber lasst eure Aggressionen nicht wieder hier rumliegen, sondern nehmt sie mit.

Alle sind weg, Frau Ä sitzt allein im Raum. Plötzlich merkt sie, dass ein Schüler noch da sitzt.

„Was ist?“

„Mein Leben hat nur zwei Ausgänge: Entweder ich bleibe hier und präsentiere mich damit als der Streber, für den mich alle halten, oder ich gehe hinaus in die Welt und zeige mich im nächsten Unterricht als der Streber, für den mich alle halten. Alles ist sinnlos. Was ich auch tue, das Leben gleicht einer Mausefalle, vor deren Ausgang eine Katze wartet.“

Schülerin von draußen: „XY, jetzt komm!“

Schüler XY: „Sehen Sie.“

Verschwindet.

Omi hat jetzt WhatsApp, Teil 2

Ich hab an dieser Stelle ja schon einmal über meine großartige Mutter geschrieben, die sich mit 72 Jahren ohne Angst und Wenn und Aber auf das Abenteuer Smartphone einlässt.

Mittlerweile kann sie schon unglaublich viel, versendet Fotos wie verrückt, und hat auch die Angst davor verloren, mittels Videos ein Loch in die Handykasse zu schmelzen. Nein, nein, ich meine nicht das stundenlange Surfen auf YouTube. YouTube haben wir deinstalliert. Nein, sie hatte lange Zeit Angst, dass es sie auch Unsummen kosten würde, sich die Enkel- oder Häschenvideos anzusehen, die ihr ihre Freundinnen über Whatsapp schicken.

Neuerdings hat sie die emojis für sich entdeckt. Sie liebt emojis und bestückt ihre whatsapps reichlich damit. Das Problem ist nur, dass diese emojis nichts, und ich betone noch einmal, ÜBERHAUPT UND GAR NICHTS mit dem Inhalt ihrer Nachrichten zu tun haben. Ein kleines Beispiel (die emojis sind fettgedruckt):

Hallo Maus, wie geht es dir? KUH / TULPE / GESPENST

Zuerst habe ich gedacht, ihre Augen werden ja auch nicht besser, sie habe die Maus mit einer Kuh verwechselt, die Tulpe sollte ein lieber Gruß sein, und das Gespenst ein Symbol für winken. Doch dann bekam ich das:

Wie schön, dass meine Enkelin jetzt ein Hochbett hat! Küken / Ratte / Schuh

Da kam ich dann doch an meine Grenzen. Gut, die Enkelin ist ein süßes Küken, aber die Ratte? Und bei uns wird nicht mit Schuhen ins Bett gegangen! Noch mysteriöser war

Oh, habe deine letzte Nachricht noch gar nicht gelesen. Ich werde alt. Kleid / Doktorhut / Männerhemd / Krone / Krone

Wä? Jetzt hatte sie mich.

Ich rätselte herum. Vielleicht erkannte sie die Bilder nicht und verwechselte sie mit etwas anderem. Den Doktorhut mit einem Arzt-… naja, Hüte haben die eher nicht auf. Die Krone als Metapher für die alten Zahnkronen? Oder sie wollte gar keine emojis schicken, sondern kommt immer nur aus Versehen auf die Taste. Aber warum dann immer nur am Ende der Nachricht?

Ich traute mich einfach, mal nachzufragen. Und es kam folgendes „Gespräch“ zustande:

Ich verstehe das Konzept deiner emojis nicht ganz. Nimmst du immer das, was dir gerade gut gefällt?“

„…“

Hallo? Diese kleinen Bilder nennt man Emojis.

Ich weiß, wie die Dinger heißen, mein Kind, ich probiere sie nur mal aus! Schnitzel / Sonne / Pfeil nach unten

Ist meine Mama nicht großartig? Wie sagte schon wer auch immer:

Wer sich an Regeln hält, kann nicht behaupten, echt gelebt zu haben Handtasche / Kaffeetasse / Diamantring