Kategorie: Gedanken zum Tag

Ab die Post!

Ich habe das Spiel „Ab die Post“ mit ungefähr zehn Jahren gewonnen, als ich auf einem Volksfest (vermutlich Werbeaktion der Post) im Zelt von Michael Schanze Klavier gespielt habe. Also wir waren jetzt nicht allein oder so, im PubliE12BEBB9-82D9-48EC-B437-C4A2249D20C5kum saßen 100 Leute, unter anderem auch meine Eltern mit stolzgeschwellter Brust. Oder stolzgeschwellten Brüsten? Hm. Klingt jetzt komisch. Egal.

Ich hab irgendeine niedliche Mozart-Sonate gespielt und bekam als Dankeschön das abgebildete „Ab die Post!“, das sich im Laufe der Zeit zu einem Kult-Spiel zwischen mir und meinem Neffen mauserte, niemand weiß, warum. Die Regeln sind simpel: Man bekommt fünf Karten in Briefform und muss sie mittels seines Figürchens an die richtigen Adressen austragen. Wer alle Adressen abgeklappert hat und als Erste(r) wohlbehalten wieder im Postamt landet, hat gewonnen. Auf den Feldern mit Ausrufezeichen muss man eine blaue Ereigniskarte ziehen, auf der dann so lustige Texte stehen wie „du hast heute früher Schluss, nochmal würfeln“ oder „gib eine deiner Karten an deinen rechten Mitspieler ab“.

Also so ähnlich wie Mensch ärgere dich nicht. Man bewegt die Figur vom Häuschen weg zurück ins Häuschen und ist dabei ganz oft aus dem Häuschen, weil man woanders hingeschickt wird, als man will.

Warum mein Neffe und ich das auch mit 42 bzw. 23 noch so gern spielen?

Vielleicht, weil es so herrlich „vintage“ ist. Ohne mails, apps, Siri oder Navi. Man bekommt „echte“ Briefe in die Hand und erobert sich die Gegend zu Fuß(!). „Postwil“ ist dabei herrlich übersichtlich, teilt sich in Altstadt, Industriegebiet und dörfliche Landschaft am Rand des Waldes. Man sieht hübsche Häuschen, viel Grün und hört quasi die Vöglein zwitschern und die Menschen freundlich „guten Morgen“ sagen, während sich der Duft aus der Bäckerei angenehm mit dem Gestank der ortsansässigen Fabrik mischt. Niemand ist gestresst, alle sind fröhlich. So wie in Lummerland bei Jim Kopf, wo auch nur König Alfons der Viertelvorzwölfte, Frau Waas, Herr Ärmel und Lukas, der Lokomotivführer, wohnen.

Nein, früher war nicht alles besser. Aber vieles war schöner.

Disney ohne Grimm?! Wurzeln sind nicht immer schmerzhaft.

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Eine kleine Liebeserklärung an mein altes Märchenbuch

Ich liebe Disney-Filme. Das mal vorweg. Und ganz besonders die Märchenfilme. Schneewittchen, Cinderella, Dornröschen… Und doch gab es meinem Herzen einen kleinen Stich, als eine Schülerin aus meiner Oberstufe sagte:

„Märchen? Kenn ich nicht. Nur die Disneyfilme.“

Hm. Abgesehen davon, dass ich nicht verstehe, wie man eine schöne Kindheit verleben kann, ohne dass einem Märchen vorgelesen werden, frage ich mich, was mich an der Aussage so stört. Märchen sind Volksgut und durch die zunächst mündlichen Überlieferungen auch immer Veränderungen unterworfen. Frankreichs Cinderella unterscheidet sich von unserem Aschenputtel nicht weniger, als sich Disneys Aurora vom Grimmschen Dornröschen unterscheidet. Ist das schlimm? Schadet es jemandem?

Meistens versuchen die Verfilmungen (nicht nur die von Disney) sogar, inhaltliche Lücken oder logische Schwachstellen der alten Originale zu füllen. Wirkt die Stiefmutter aus „Rapunzel“ merkwürdig unbestimmt, schattenhaft im Original, wird in „Rapunzel-neu verwöhnt“ doch sehr schön dargestellt, aus welchen Motiven heraus diese Frau handelt. Erscheinen die Originalfiguren doch eher als Stereotypen, bekommen sie in den Verfilmungen einen Charakter. Manchmal geht das Ganze aber auch nach hinten los, und die eigentliche „Botschaft“ geht verloren:

Während in Grimms „Dornröschen“ der 100jährige Schlaf eine Strafe für den selbstherrlichen König darstellt, der eine der 13 Feen nicht zur Taufe seiner Tochter eingeladen hat, erscheint Malefiz in der Disney-Version einfach nur als böse, machtbesessene Fee. Während in Grimms „Aschenputtel“ die Ball-Kleider der Heldin vom Baum der Mutter herabfallen, eine wunderschöne Metapher dafür, dass die Seelen unserer Eltern auch nach ihrem Tod auf uns achten, erscheint in „Cinderella“ die gute Fee, die alles deichselt.

S516137066ei es, wie es will, jedem das Seine, aber ich bin der Meinung, dass jedes Original Respekt verdient. So, wie uns allen der Wunsch nach Wissen über unser Herkunft innewohnt, nach unseren Wurzeln, ist es bereichernd, wenn man die Wurzeln der Geschichten kennt, die man liest (oder ansieht). Und Märchen sind die Wurzeln der meisten Geschichten, die wir heute kennen. Das arme Mädchen, das unvermutet zur Prinzessin wird, generell das glückliche Ende, der Sieg des Guten über das Böse, Magie, Drachen, fantastische Wesen, moralische Werte und ganz viel Feenglanz – greifen wir doch mal wieder zu den guten alten Märchenbüchern. Sie haben es verdient.

Das Leben der Anderen

Kaum eine Beziehung ist so vielfältig und kompliziert wie die zwischen Schülern und Lehrern. Ist sie privat? Ist sie beruflich? Einerseits muss man als Lehrer hochprofessionell sein, was Benotung, Unterrichtsvorbereitung und Umgang mit den Eltern und ihren Schützlingen angeht, andererseits ist man doch oft viel mehr als Pädagoge – man ist Mutti, Trainer, Trostspender, Leitwolf, Psychologe, Lebensberater oder auch mal Punching-Ball. Seine Schüler sieht man häufiger als die eigenen Geschwister oder Eltern.

Und doch –

was weiß man eigentlich über die Menschen,

mit denen man fast jeden Tag viel Zeit verbringt?

Muss man da überhaupt was wissen?

Ich finde ja.

Wir alle leben von Anerkennung. Das ist es, was zählt. Selbst die abgebrühtesten Nullbock-Schüler bekommen dieses verdächtige Glitzern des Stolzes und der Freude in den Augen, wenn sie doch eine gute Note geschafft haben. Die glücklichen und erfolgreichen Lehrer schätzen an ihrem Beruf weniger die vielen Ferien (Klischee 1) und die horrenden Gagen (Klischee 2), sondern das, was man von zufriedenen Schülern und Eltern zurückbekommt: Anerkennung, Lob und Dank.

Und diese Anerkennung fällt uns leichter, je besser wir uns kennen. Wenn man (auch als Nichtfachlehrer) seine Schüler mal bei ihren Freizeitaktivitäten besucht, wenn sie mit ihrer Fußballmannschaft spielen, mit ihrer Band auftreten oder eine Rolle in einem Theaterstück tanzen. Wenn man einen Blick dafür bekommt, wie fleißig und engagieIMG_6517rt sie sein können, wenn ihnen etwas Spaß macht und das unglücklicherweise nicht das Fach ist, welches man selbst unterrichtet.

Umgekehrt wird natürlich auch ein Schuh draus. Ich trage gern mein Leben in die Schule. Bringe ab und zu mal meine Tochter mit, erzähle von meinem Buch oder lade Schüler zu mir nach Hause ein. Also manchmal. Die besonders Netten 😉

Auf diese Art und Weise verwandeln sich Schüler und Lehrer nämlich in eine Einheit von Menschen, die zufällig unterschiedlichen Alters sind, aber hervorragend miteinander arbeiten können – nicht weil sie müssen, sondern weil sie sich gegenseitig schätzen.

Klingt naiv und fürchterlich kitschig?

Ja.

Ist aber so.

Mutter und Sohn

4 Standpunkte eines Sohnes:

1) Mama, ich mach das noch. Ich weiß, du willst, dass ich JETZT aufräume, JETZT meine Hausaufgaben mache, die Wäsche IN den Korb werfe und nicht daneben. Aber ich habe meinen eigenen Zeitplan. Ich will mir nicht ständig reinreden lassen, was ich wann machen soll. Deinen Kunden sagst du das ja auch nicht. Also behandele mich wie einen Erwachsenen und vertraue mir ein bisschen.

2) Mama, hör auf, dir ständig Sorgen zu machen. Ich bin schon groß, du musst mich loslassen. Du und Papa wart mir gute Vorbilder, und ich bin vernünftiger, als du denkst. Auch wenn ich das aus Protest zuhause nie zeige.

3) Mama, ich weiß, dass ich manchmal beleidigend und unverschämt bin, dass ich dich zur Raserei bringe und respektlos erscheine. Das ist aber notwendig und genetisch festgelegt: Der Sinn der Pubertät ist, dass sich Kinder in Monster verwandeln, weil die Eltern sie sonst nie gehen lassen würden. Wenn wir immer so niedlich und lieb blieben wie mit sechs, würdet ihr uns mit 40 immer noch zuhause festhalten.

4) Mama, ich liebe dich bis zum Platzen. Manchmal bis zum Platzen meines Kragens. Wenn dich jemand beleidigt (was natürlich keiner tut), verteidige ich dich bis aufs Blut. Falls ich jemals eigene Kinder haben sollte, wünsche ich mir eine Mutter für sie wie dich: Stark, mutig, lebensfroh und mit einer Engelsgeduld. Ich weiß, dass du alles für mich tun würdest. Das meiste davon hast du schon getan.

4 Standpunkte einer Mutter:

1) Sohn, ich weiß, dass ich dich mit meinen vielen Bitten nerve, aber lustigerweise scheinst du zu denken, ich sei deine Putzfrau und deine Therapeutin. Denn wenn ich dich nicht nerve, tust du nichts von allein. Und wenn du Ärger in der Schule hast, muss ich mir dein Gejammere anhören. Du willst wie ein Erwachsenenr behandelt werden? Dann benimm dich wie einer und lass mich nicht dauernd hängen.

2) Sohn, ich weiß, dass ich mir immer viel zu viele Sorgen mache. Dafür kann ich aber nichts, das liegt in der Natur. Für mich wirst du immer der kleine Junge bleiben, der in die Windel kackt und Angst vor dem Staubsauger hat. Die Vorstellung, dass dem wichtigsten Menschen in meinem Leben etwas passieren könnte, ist vielleicht so schrecklich wie deine Befürchtung, das Smartphone könnte kaputt gehen oder der Kühlschrank sei leer.

3) Sohn, manchmal sind deine Worte in der Tat verletzend. Aber manchmal bin ich auch furchtbar stolz, dass du gelernt hast, dich durchzusetzen, andere in Grund und Boden zu diskutieren und dich auszudrücken. In Gedanken entschuldige ich mich dann immer bei meiner eigenen Mutter, weil ich sie damals genau so angezickt habe, wie du mich jetzt. Ja, Sohn, jetzt ist es raus. Auch ich habe es gehasst aufzuräumen, mir reinreden zu lassen und mir ständig Predigten anhören zu müssen. Wenn wir nicht Mutter und Sohn, sondern gleichaltrig wären, würden wir uns fantastisch verstehen. Aber leider haben wir zwei völlig verschiedene Baustellen: Du die Jugend und ich die Verantwortung. Was ich damit sagen will: Wenn du älter bist, werden wir uns fantastisch verstehen.

4) Sohn, ich liebe dich bis zum Mond und wieder zurück. Egal, was du sagst, tust oder meinst – Mütter sind immer da. Immer. Wir sind quasi eine lebende Inflation. Deshalb werden wir meist erst dann richtig geschätzt, wenn wir nicht mehr immer da sind – so mit 50, 60, wenn wir nach Sylt auswandern. Du bist das Beste, was mir je passiert ist. Das Schwierigste auch, okay, aber der Mensch wächst mit seinen Aufgaben –

und dich gebe ich niemals auf.

 

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig beabsichtigt.

„Herr Kunzmann mag mich nicht.“

Herr Kunzmann mag mich nicht. Der gibt mir schlechtere Noten als Sie früher.

Wenn man als Lehrerin diese Worte über einen sehr geschätzten Kollegen hört, kann das vielerlei bedeuten:

  • ich mag Sie und vertraue Ihnen meinen Kummer an.
  • ich will Sie als Lehrerin zurückhaben!
  • Herr Kunzmann ist doof.

Punkt eins und zwei schmeicheln mir natürlich, aber Punkt drei bringt mich in einen Interessenkonflikt: Ich mag Herrn Kunzmann sehr und halte ihn auch für einen prima Lehrer. Aber auch die Schülerin mag ich und kenne sie als fleißige, zuverlässige Mitgestalterin des Unterrichts. Hm. Ich will weder nach der üblichen „Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus“-Methode einfach die Worte meiner Schülerin abtun, noch möchte ich meinen Kollegen in Verruf bringen lassen. Mein erster Impuls ist, diesen zu verteidigen.

Kann ich mir nicht vorstellen. Hast du ihn mal darauf angesprochen?

Nein. Natürlich nicht, dann werden die Noten ja noch schlechter.

Ja, Lehrerwechsel sind schwierig. Pädagogen sind unterschiedlich streng, unterschiedlich anspruchsvoll, unterschiedliche Persönlichkeiten. Während die Chemie mit dem einen aufs Geratewohl stimmt, muss sich der andere das Vertrauen seiner Klasse hart erarbeiten, beim Dritten klappt es vielleicht gar nicht.

Dennoch habe ich selbst als Lehrerin (und Schülerin, Studentin, Referendarin) folgende Erfahrungen gemacht:

  • im Detail kann man sich streiten, aber im Großen und Ganzen geben Lehrer einer Arbeit sehr ähnliche Noten
  • eine Lehrer-Schülerbeziehung funktioniert nur, wenn beide Seiten offen sind. Ein „der mag mich eh nicht“ ist natürlich ein Totschlagargument, das jede mögliche Verbesserung der Situation im Keim erstickt
  • nur sprechenden Menschen kann geholfen werden. Die Angst, die eigene Note könnte sich verschlechtern, wenn man einen Lehrer auf seine eigene Unzufriedenheit anspricht, ist verständlich, aber im Regelfall unbegründet: Lehrer sind grundsätzlich den Menschen zugewandte Persönlichkeiten (fragwürdige Ausnahmen gibt es immer) und freuen sich über jeden Schüler, der freundlich (!) mit ihnen spricht. Klar – wenn ich als frigide Alte bezeichnet werde, die keine Ahnung hat, widerstrebt mir ein positiv gestimmtes Überdenken meiner Beurteilung natürlich. Aber wenn mir ein Schüler höflich erklärt, dass er sich doch anstrenge und mich fragt, woran seine „schlechte“ Beurteilung liege, fühle ich mich nicht kritisiert oder beleidigt, sondern um meinen Rat gefragt. Zuzuhören und zu fördern ist schließlich mein Job.

Natürlich mache ich nicht sofort aus meiner 3 eine 2, nur weil XY so nett fragt, aber zumindest kann ich im Folgenden etwas genauer auf den Betreffenden achten – und ihm beim nächsten Gespräch entweder eine bessere Note geben oder eine noch begründetere Auskunft darüber, weshalb ich an meiner Beurteilung festhalte.

Ja, Lehrer ist manchmal ein verdammt harter Job.

Ja, die Jugend von heute ist schlimm.

Aber nicht schlimmer als wir früher. Und so, wie wir früher als Schüler unsere Ängste hatten und das Gefühl, der Lehrerwillkür „da oben“ ausgeliefert zu sein, ist das heute auch oft. Deshalb ist Kommunikation so wichtig. Was meinen Schülern, glaub ich, ganz gut hilft, ist, dass ich ihnen immer am Anfang, wenn ich einen Kurs neu übernehme, genau sage, was ich erwarte. Worauf ich achte. Nach ein paar Wochen mache ich – je nach Kursatmosphäre und Alter der Kinder – eine anonyme oder persönliche Evaluation zu meinem Unterricht um zu schauen, ob / wie alle klarkommen. Auch ich verteile durchaus Fünfen, aber bisher gab es noch keine Einsprüche. Ich hoffe, weil meine Schüler immer wissen, woran es liegt, und nicht, weil sie Angst vor mir haben 😉

Der häufigste Grund, warum Gespräche misslingen, ist, dass wir zu wissen meinen, was unser Gegenüber uns sagen will und ihm eine bestimmte Absicht unterstellen.“ (Nayoma de Haen)

Ein „mangelhaft“ unter einer Arbeit heißt nicht „du bist doof, und Doofe mag ich nicht“, sondern – laut offiziellen Vorgaben: „Die Leistungen entsprechen den Anforderungen nicht, lassen jedoch erkennen, dass die notwenigen Grundkenntnisse vorhanden sind und die Mängel in absehbarer Zeit behoben werden können.“

Also:

  • falsche Einstellung: Der Lehrer mag mich eh nicht, da kann ich machen was ich will.
  • richtige Einstellung: Dann ändere ich ab sofort meine Lernstrategie und hole mir Hilfe.

Auf gute Gespräche und ein zufriedenstellendes Zeugnis am Ende dieses Schuljahres 🙂

„Jetzt leg doch mal das Handy weg!“

Diesen Satz sage ich oft zu meinen Schülern? Oh ja.

Aber auch meine Tochter sagt ihn oft zu mir. Dabei bin ich gar kein Selbstdarstellungstyp, der alle möglichen Situationen und Erlebnisse sofort öffentlich posten muss. Trotzdem bin ich ständig „mal kurz“ online und hab schon wieder eine Stunde mit – ja was eigentlich? – verbaselt:

  • Mal eben schauen, was die Freunde auf Facebook so treiben

  • Diverse Whatsappnachrichten beantworten

  • Die Besucherzahlen auf meiner Website checken

  • Instagram einen Besuch abstatten und – wenn ich schonmal dabei bin –

  • bei Amazon vorbeischauen, es könnte ja ein tolles Angebot geben

Deshalb habe ich heute bewusst das Handy zuhause gelassen. Mit Mann und Maus auf dem Weg bei königsblauem Himmel in unser Lieblingscafé. Ich werde weder die tolle Aussicht, noch die leckeren Waffeln, noch mein strahlendes Kind fotografieren. Keine Onlinezeitung lesen, nicht facebooken und auch nicht instagrammen.

Nein. Heute mache ich ganz was Neues – ich habe mein Notizbuch mitgenommen (also das ganz analoge, kein iPad oder so, richtig mit Blättern und Stift) und lasse meine Gedanken schweifen. Kritzele herum, schreibe Stichworte für meinen nächsten Websiteartikel auf, mache ein bisschen Unterrichtsplanung und grinse meine Tochter an, die gerade versucht, Kakao zu trinken ohne 90 Prozent dieses herrlichen Gesöffs an die Zone zwischen Nase und Oberlippe zu verlieren.

Ein Bild für die Götter.

Aber heute mal nicht für die Öffentlichkeit.

Ich inhaliere den Anblick und verschließe ihn ganz fest in meinem Herzen, wo sich auch die anderen Erinnerungen einkuscheln, die um so wertvoller sind, als es keine Fotos von ihnen gibt.

Mein Handy vermisse ich kaum. Im Gegenteil. Ich fühle mich frisch, ausgeruht und voller Tatendrang. Schreibe, male und skizziere und habe am Ende das Gefühl, diese eine Stunde im Café wirklich gelebt zu haben. Ich kann es nicht beweisen durch Fotos, auf denen ich ansprechend Notizbuch, Stift und Kaffeetasse drapiere, muss ich aber auch nicht.

Deshalb gibt es auch kein Foto zu diesem Artikel 🙂

Und für den allergrößten Notfall –

hat mein Mann ja sein Handy dabei 🙂

Schönen handyfreien Sonntag euch allen!

„Muß Te l@n’g AUF BUS War Te n“: Omi hat jetzt WhatsApp

Wenn Eltern ihre Kinder überraschen…

Meine Mama ist 73.

Ihr Handy ist vermutlich zwischen den beiden Weltkriegen entstanden. Zu Weihnachten haben wir, ihre Kinder, also beschlossen, dass es Zeit für ein Smartphone ist. Wir wohnen nicht nahe beieinander, und ich möchte meine Mama durch Fotos an unserem Alltag teilhaben lassen. Also sind wir losgezogen und haben ein schönes Exemplar für Senioren ausgesucht: Leicht zu bedienen, großes Display.

Natürlich hatten wir ein wenig Sorge, sie zu überfordern. Was ist, wenn sie keine Lust hat, soviel Neues zu lernen (und für sie bedeutet ein Smartphone sehr viel Neues, sie hatte bisher keinen Internetanschluss, keine Ahnung von Apps und hat mit ihrem Handy nur telefoniert und gesmst), wenn sie verzweifelt, weil sie Angst hat, uns zu enttäuschen?

Weit gefehlt.

Mümmis erste Reaktion: „Na, ich hoffe, ihr habt Geduld, mir das beizubringen.“

Haben wir. Und jetzt übt sie. Jeden Tag. Natürlich lachen wir uns kaputt, wenn whatsapps kommen wie

„Bin DA HEIM… Muß Te l@n’g AUF      BUS War Te n.“,

aber wir lachen niemals über sie, sondern mit ihr. Wir haben großen Respekt davor, wie vorurteilsfrei und interessiert am Lernen sie sich darauf einlässt und jeden Tag besser wird.

Einer meiner vielen Vorsätze für das neue Jahr ist, das Alter noch mehr zu respektieren. Sowohl nach oben als auch nach unten. Also, die Jugend für ihre Talente, und auch die weisen Semester. Manchmal bin ich einfach zu ungeduldig: In der Schule, obwohl mir natürlich klar ist, dass die Jugendlichen noch nicht alles wissen können, und bei meiner Mama, obwohl ich weiß, dass mit dem Alter das Gehör und die allgemeine Schnelligkeit abnehmen. Wer weiß, was meine Kinder und Enkel mir später augenbrauenhochziehend beibringen müssen… Demut, Demut.

In diesem Sinne:

Ein gutes neues 2017 – Eltern, Lehrer, Kinder, Schüler, überrascht und respektiert euch!

5 Punkte, die den Lehrerberuf einerseits so toll und andererseits so nervtötend machen (die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen)

5 Punkte, die den Lehrerberuf so toll sein lassen:

Jeder findet seinen Platz. Egal, ob der sympathische Nerd, die coole Rampensau oder die verlässliche Vaterfigur – jeder Menschentyp findet in der Schule seine Nische und hat die Möglichkeit, durch freundliches Auftreten, besonderen Humor oder fundiertes Fachwissen Sympathien und Respekt zu erlangen.

Man ist sein eigener Chef, ohne die ganze Verantwortung allein tragen zu müssen. Der Lehrer muss natürlich diverse Richtlinien und Lehrpläne beachten, aber solange er sich halbwegs vernünftig verhält, ist er Chef im Ring und kann seinen Unterricht so gestalten, wie er möchte. Wenn wirklich mal die Hütte brennt, kann man sich aber immer noch in die Arme der Schulleitung flüchten.

Man arbeitet mit Menschen, nicht mit Robotern. Haben Sie schon einmal einem Bankberater gegenübergesessen, sich in seinen Augen verloren und gefragt, ob hinter seinen ganzen Phrasen und auswendig gelernten Formeln ein menschliches Wesen haust? Lehrer brauchen das nicht. Sie kriegen den Menschen pur, denn Kinder und Jugendliche sehen noch nicht ein, warum man sich verstellen sollte. Wenn sie dich toll finden, zeigen sie das genau so, als wenn sie dich für eine völlig überbezahlte Pädagogennull halten. Außerdem kann man mit ihnen noch über jedes Thema diskutieren, weil sich ihre Ansichten, Vorurteile und moralischen Werte noch nicht so verfestigt haben wie bei manchem Erwachsen, der glaubt, die Wahrheit gepachtet zu haben.

Man muss sich nicht mit Kollegen herumschlagen (meistens). Bisher habe ich Lehrer als sehr friedfertige, kommunikative Menschen kennen gelernt, mit denen man „über alles reden“ und mit denen man sowohl sein Unterrichtsmaterial, als auch Sorgen und Nöte teilen kann. Beruflichen Neid erlebt man selten, warum auch, jeder macht sein eigenes Ding. Auch um die Urlaubswochen muss man sich nicht prügeln – die Ferientermine stehen ja für alle gleich fest.

Egal, ob man „was mit Menschen“ oder „was mit Medien“ machen wollte – nirgends kann man sich so gut selbst verwirklichen, wie hier. Und das bei regelmäßigem Gehalt. Klar stehen meine Unterrichtsthemen fest, aber ob ich meine Reihe zu Kafka als digitale Präsentation, Theatererlebnis oder frontalunterrichtsbasiertes Unterrichtsgespräch gestalte, bleibt mir überlassen. Der Überpädagoge kann viel seiner Zeit in Gespräche einfließen lassen, sich im Bereich Sozialpädagogik stark machen, der künstlerisch angehauchte Mensch kann seine Arbeitsblätter selbst gestalten oder Konzerte organisieren, der Literat die Bibliothek führen oder eine Schülerzeitung betreuen, der Sportler ganze Wettkämpfe ins Leben rufen und und und… Außerdem gibt man den vielen Menschen ein bisschen von sich selbst mit, und wenn das bedeutet, dass ein Mensch durch mich ein wenig selbstbewusster, ein wenig fröhlicher, ein bisschen schlauer oder in irgendwas ein bisschen besser geworden ist, dann ist Lehrer der schönste Beruf der Welt.

 

5 Punkte, die den Lehrerberuf so nervtötend machen (wenn man eine volle Stelle hat):

Man hat nie frei. Immer liegen irgendwelche Korrekturen auf dem Schreibtisch. Irgendwelcher Unterricht ist immer vorzubereiten. Und selbst wenn nicht, KÖNNTE man ja schonmal die nächste Reihe planen, Frau Meyer anrufen oder die neue Sitzordnung der 6c zusammenfriemeln. Eltern rufen einen auch gern mal abends und am Wochenende an, und wenn sie einen beim Einkaufen ertappen, verwickeln sie einen mit der Formulierung „Ach, wo ich Sie grad sehe“, gern in ein Gespräch über den Entwicklungsstand ihres Sprösslings.

Man darf nicht jammern. Wenn Geschäftsleute, Krankenschwestern oder Rechtsanwälte über zuviel Arbeit klagen, dürfen sie sich des allgemeinen Mitgefühls sicher sein. Wenn Lehrer das tun, jammern sie und bekommen zu hören, dass sie keine Ahnung von „der Welt da draußen“ hätten und schließlich als einzige Wesen des Universums 12 Wochen Ferien, also DREI MONATE BEZAHLTE FERIEN im Jahr hätten. Dass das unterrichtsfreie Zeit und nur im Sommer wirklicher Urlaub ist, zählt nicht. Denn unterrichtsfreie Zeit ist ja nicht nachprüfbar. Ob der Kollege den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt und Mathe korrigiert oder Clash of Clans spielt – wer will das wissen…?

Jeder kann es besser als man selbst. Egal, ob es um Zeitmanagement, schwierige Schüler, Notengebung oder allgemein Unterricht geht, schnell sind die Leute mit dem Satz „du musst doch nur…“ zur Stelle. Jeder kann lebendiger unterrichten und fairer korrigieren als Lehrer.

Man soll für die Fehler anderer geradestehen. Malte-Jonas-Benjamin hat eine 5? Sarah-Joelina hat sich geprügelt? Florian weigert sich, Hausaufgaben zu machen? Da haben wohl wieder die Lehrer geschlampt. Nicht richtig aufgepasst, nicht gut erzogen, langweiligen Unterricht gemacht und überhaupt – nicht richtig motiviert.

Man soll Wunder vollbringen ohne Zauberstab und jegliche magische Formel. Wenn man das nicht schafft, ist man inkompetent oder überfordert. In Klassen von bis zu 36 SchülerInnen verschiedenster kultureller, erziehungstechnischer und bildungsbezogener Voraussetzungen sollen die Lehrer es innerhalb von 45 Minuten schaffen individuell auf jeden einzugehen, seinen Stoff zu vermitteln, Freude zu verbreiten und noch dazu zu jedem einzelnen Schüler Lern- und allgemeinen Entwicklungsstand festzuhalten. Stella, die von ihren Eltern kein Nein kennt, Flo, dessen Eltern in Scheidung leben, der grad total abdriftet und Elvira, die kaum Deutsch spricht. Max, der voller Wut im Bauch nur provoziert, Steffi, die total lieb, aber hoffnungslos überfordert ist und Till, der von anderen gemobbt wird und sich nicht traut, den Mund aufzumachen. Klingt schwierig? Aber ich bin doch erst bei Schüler Nr. 6 von 36…

Wo auf dieser Skala von toll bis nervtötend die Wahrheit liegt, und ob es noch weitere Punkte auf jeder Seite gibt, muss jeder Lehrer für sich entscheiden 🙂

Verkehrte Welt, aber richtig :-)

Normalerweise (was heißt schon normal) denkt man bei Unterricht in der nullten Stunde (oh ja, 07.15 Uhr) an verschlafene, zu spät kommende, lustlose und unmotivierte Schüler und einen Lehrer, der krampfhaft versucht, trotz oktobrigem Dämmerlicht und schwieriger Lerninhalte Fröhlichkeit und Interesse am Unterrichtsthema vorzutäuschen, um die lahme Meute auf Spur zu bringen.

Doch manchmal läuft das auch andersherum. Und diese Momente muss man als Lehrer ganz intensiv genießen und als Hinweis darauf verstehen, dass man doch vielleicht einiges richtig macht in seinem Beruf.

So wie letzte Woche, als ich übermüde (bin von Natur aus eher eine Nichtvorachtuhraufsteherin, außerdem hatte meine Tochter nachts Husten), fest an meine Kaffeetasse geklammert, zu meinem Oberstufenkurs geschlurft bin. Zum Glück natürlich wie immer mit zwei fest durchgeplanten Stunden im Kopf bzw. in der Tasche, aber relativ unmotiviert, was nicht an den Schülern lag, die wirklich eine super Truppe bilden.

So auch an besagtem Tag. Nicht nur, dass alle pünktlich waren: Die meisten waren sogar erstaunlich gut gelaunt, versuchten mich mit Witzen hochzupäppeln, und der Oberschlumpf der Truppe hatte tatsächlich seine Präsentation dabei, die noch dazu ziemlich gut gelungen war.

Spätestens ab der zweiten Stunde war ich wieder da und zu üblicher Form aufgelaufen, und letztendlich haben wir gemeinsam einen – meiner bescheidenen Meinung nach – höchst produktiven Unterricht hingelegt.

Manchmal ist Schule einfach schön, und das Gerücht von der „schlimmen Jugend von heute“ schaut ziemlich blöd aus der Wäsche.

Der Tod der Schrankwand

Neulich musste ich lesen, dass die gute alte Schrankwand ausgedient habe. Modern seien heute kleine, leichte Möbel. Gut. Natürlich hat das Vorteile, wir erinnern uns an die alles dominierenden schweren, dunklen Eichenschränke von damals, mit vielen Türen, Schubladen, einer schmalen Telefonbank in der Mitte und jeder Menge Platz für Bücher.

Wenn ich heute durch deutsche Wohnzimmer streife, frage ich mich immer, wo die Leute ihre Bücher versteckt haben. Die Räume sind meist sehr chic, alles farblich abgestimmt, elegant, passend, gemütlich, hübsch. Aber ohne Bücher.

In den sozialen Netzwerken muss man nur das Wort „Buch“ oder „Bibliothek“ eingeben, und man wird überschüttet mit Millionen von Bildern mit gemütlichen Bibliotheken, farblich passend zusammengestellten Bücherstapeln und Sprüchen wie „Lesen ist leben“ oder „Fantasiereisen“ oder so ähnlich. Bücher scheinen so in wie nie. Oder sind es nur die Fotos?

Gut, manche Leute haben ihre aus allen Nähten platzenden Bücherregale vielleicht im Keller stehen. Im Schlafzimmer, Arbeitszimmer oder sonstwo. Aber weshalb werden sie aus dem Familienleben verbannt, aus dem Allerheiligsten, dem Wohnzimmer? Auch Bücher haben Seelen. Manchmal greife ich nach einem Band aus meiner Jugend, und während ich lese, fallen mir Gedanken oder Ereignisse ein, die damals geschehen sind. Bücher lassen mich eintauchen in eine andere Welt, helfen über Stress oder lange Wartezeiten hinweg. Bücher sind Freunde. Sie bilden, unterhalten, erweitern den Horizont. Sie gehören zu unserer Identität, haben uns beeinflusst, sind an unserer Entwicklung beteiligt.

Gemäß dem Spruch „Der Trend geht zum Zweitbuch“ möchte ich hier eine Lanze brechen für die Bücher: Gebt ihnen ein angemessenes Zuhause. Im Schoß der Familie. Im Wohnzimmer. Es muss ja keine alles erdrückende Schrankwand sein, vielleicht kann man mit einem hübschen kleinen Regal anfangen.

Meinetwegen auch mit einem Spruch drauf.

Lesen ist nichts für Feiglinge oder so 🙂