Kategorie: Gedankenspielerei am Wochenende

Werte für die Tonne?

Weshalb erziehen wir unsere Kinder eigentlich nach Werten, die wir selbst nicht leben?

Man benimmt sich anderen gegenüber respektvoll

sagen wir unseren Kindern, während wir anderen den Stinkefinger zeigen, sie bei Diskussionen nicht ausreden lassen und über unsere Mitmenschen lästern.

Regeln sind (meist) sinnvoll und sollten eingehalten werden

sagen wir unseren Kindern, nehmen anderen die Vorfahrt, schauen beim Fahren aufs Handy und pfeifen gerne auf jede Regel, die uns nicht in den Kram passt. Das nennen wir dann selbstbewusst.

Man soll nicht lügen

bringen wir unseren Kindern bei, verteilen falsche Komplimente, hinterziehen Steuern und machen falsche Angaben bei der Krankenkasse.

Alkohol, Zigaretten und Drogen sind schädlich

sagen wir trinkend, rauchend und kiffend.

Weshalb versucht eine Generation nach der anderen, die Kinder mit Worten zu guten, vernünftigen, gerechten und ehrlichen Menschen zu erziehen, während sie bei den eigenen Handlungen alle Augen zudrückt?

Ist es der Wunsch nach nach Weltverbesserung a la „bei mir ist schon alles zu spät, du sollst es mal besser machen“?

Ist es das Wissen, wie es richtig geht, aber die Faulheit, es selbst durchzuziehen?

Vielleicht sollten wir alle mal wieder ein bisschen mehr wie die Kinder werden, die wir erziehen.

Werte sind wichtig für die Orientierung und ein gutes, gemeinsames Leben. Und sie sind zeitlos. Wer sagt, Hilfsbereitschaft, Rücksicht und Achtsamkeit seien nicht mehr zeitgemäß, trifft keine moderne Aussage, sondern eine traurige.

Wenn mir die Dokumentation der Dokumentation um die Ohren fliegt

In einer Lehrerkonferenz hat man viel Zeit, die Menschen um sich herum zu beobachten, über ihre Aussagen nachzudenken und sich in Tagträumen zu verlieren…

Also kurz. Ansonsten ist man natürlich hochkonzentriert.

Der folgende Artikel erzählt ausnahmsweise nicht aus meinem Leben, sondern ist einer lieben Kollegin gewidmet, an deren positiver Ausstrahlung sich mancher ein Beispiel nehmen könnte:

Aus dem Tagebuch einer Klassenlehrerin…

In meiner 10a hausen,IMG_9391 lernen, schlafen 28 Schülerinnen und Schüler. Davon ungefähr acht Vernünftige, zehn, die keinen Bock haben und zehn Weitere, die intellektuell immer etwas länger brauchen… Mit meinem Unterricht bin ich dennoch bisher sehr gut klar gekommen. Das Geheimnis ist: Tough, schnell und konsequent sein, damit die Bande gar keine Zeit hat darüber nachzudenken, was sie alles anstellen könnte. Wenn ich den Raum betrete, haue ich ihnen ein fröhliches „Guten Morgen“ um die Ohren, und dann geht es los mit dem Unterricht. Hart, aber herzlich. Streng, aber guter Laune.

Zumindest bisher war das so. Doch neuerdings habe ich ein neues Hobby: Dokumentieren. Naja, ehrlich gesagt ist es das neue Hobby des Schulwesens, das mir gut zu finden empfohlen wurde. Ich dokumentiere alles. Wann wer zu spät kommt, warum wer keine Hausaufgabe hat, wie es jedem warum geht, und das in dreifacher Ausführung:

  1. Im digitalen Klassenbuch (im Prinzip eine geniale Erfindung),
  2. in meinem Lehrerkalender (den das digitale Klassenbuch eigentlich ersetzen sollte, aber man weiß ja nie, ob das Ding mal ausfällt)
  3. und im jeweiligen Planer meiner Schüler, sofern sie etwas vergessen oder nicht oder falsch gemacht haben. (Also bei ca. 75% der Klasse, siehe meine Aufzählung oben…)

Ach ja, und als Klassenlehrerin kontrolliere ich natürlich auch die Dokumentationen meiner Kollegen – ob auch ja niemand etwas vergessen hat einzutragen.

Ich fühle mich wie im Krieg. Aufrüstung.

Ich dokumentiere möglichst alles, um – ja, warum eigentlich? Um nur ja den Eltern keinen Grund für Beschwerden zu geben? Damit ich lückenlos nachweisen kann, dass ich niemals zu Unrecht ein unschuldiges Kindlein des Hausaufgabenvergessens oder sonstigen Vergehens beschuldigt habe? Zum Beweis, dass meine 3- hieb- und stichfest belegbar ist und nicht Ergebnis einer vergrämten Lehrerkrämerseele? Was ist denn mit dem herkömmlichen Vertrauen meine pädagogischen Fähigkeiten? Aus der Mode gekommen? Ausgewandert? Liquidiert? 

Nun, ich bin eine verantwortungsbewusste, loyale Arbeitnehmerhin und dokumentiere. Gefühlt bleiben dann pro Stunde noch 5 Minuten Zeit zum Unterrichten, in Echtzeit vielleicht 20, nachdem ich die Meute wieder im Griff habe, die während meiner Dokumentation begonnen hat, außer Rand und Band zu sein. Nachdem ich auch das dokumentiert habe, können wir ein bisschen lernen. Aber wirklich nur ein bisschen, was ja sein muss, damit ich meine exzellent durchdokumentierten Noten geben kann.

Plötzlich kommt mir ein genialer Gedanke:

NICHT unterrichten könnte ich doch auch prima auch von zuhause aus… Home-office sozusagen.

Ich muss es nur dokumentieren.

Stündlich.

5 kleine Missverständnisse zum Thema Erziehung

Die folgende Hitliste entbehrt jeder wissenschaftlichen Absicherung und basiert lediglich auf Lebenserfahrung. Rein persönlicher, subjektiv durchtränkter Lebenserfahrung als Tochter, Frau, Mutter, Lehrerin, Freundin, Nachbarin und Humanistin

Eltern und ihre Kinder müssen Freunde sein

Wenn Kinder unsere Freunde wären, hießen sie Freunde und nicht Söhne oder TöchFullSizeRenderter. Eltern sind die ersten und wichtigsten Vorbilder ihrer Kinder, die völlig unwissend auf eine Welt kommen, auf die sie niemand vorbereitet hat: Sie kennen weder unsere gesellschaftlichen Konventionen, noch wissen sie, was Ironie ist. Sie wissen nichts von den 10 Geboten, dem Grundgesetz oder der Hausordnung von Frau Meyer aus dem dritten Stock. Das müssen wir ihnen zeigen und beibringen. Am besten durch Vorleben. Und damit sie im Leben nicht gehörig auf die Schnauze fallen, weil sie den Chef aus Frust laut „Hurensohn“ nennen, als Mann ein Damenklo benutzen oder bei Rot über die Ampel fahren, müssen wir ihnen durch vernünftige Konsequenzen zeigen, was passiert, wenn sie sich nicht an Regeln halten. Wenn mein Kind bei Rot über die Ampel läuft, ist das keine kreative Auslegung der Verkehrsregeln, oder besonders selbstbewusstes Verhalten, sondern lebensgefährlich.

Wenn alles gut läuft, werden unsere Kinder genug Freunde im Leben finden. Dazu brauchen sie uns nicht auch noch. Aber Eltern haben sie nur zwei, also sollten wir uns bemühen, die Rolle auch gescheit auszufüllen.

Die Erziehung übernehmen Kindergärten und Schulen

Nö.

Kindergärten und Schulen haben zwei Aufgaben: Bilden und Betreuen. Dabei sollen sie natürlich die Erziehung der Eltern fortführen und unterstützen, aber ganz sicher nicht ersetzen. Wie soll das überhaupt gehen? Eine Mutter hat im Durchschnitt vielleicht zwei Kinder, eine Lehrerin 30. Wenn die Mutter es nicht schafft, ihrem Kind gutes Benehmen beizubringen, wie soll es dann die Schule…?

Verbote oder Strafen brechen den Willen des Kindes und überfahren seine Persönlichkeit

Verbote und Strafen müssen natürlich sinnvoll sein. Ein Verbot trägt dazu bei, das Kind vor Schaden zu bewahren (wie z.B. „man spielt nicht mit Feuer“ oder „vor einer roten Ampel bleibt man stehen“), die Strafe sollte dazu dienen, dem Kind die Konsequenzen vor Augen zu führen. Wenn man nur diskutiert und sich immer Wieder um den Finger wickeln lässt, lernt das Kind „eigentlich darf ich alles, wenn ich nur lange genug diskutiere“. Aber wenn es lernt, dass auf Fehlverhalten unliebsame Konsequenzen folgen, überlegt es sich das eines Tages anders.

Mein Kind weiß am besten, was gut für es ist.

Also, mein Kind weiß nicht von sich aus, dass zuviel Zucker dick macht und den Zähnen schadet. Mein Kind weiß nicht, dass ein Sommerkleid im Winter zwar obercool und sehr chic ist, es davon aber leicht eine Nierenbeckenentzündung oder Schlimmeres bekommt. Mein Kind weiß auch nicht, dass viele Vollidioten im Straßenverkehr unterwegs sind und man deshalb immer lieber einmal zuviel guckt, und nicht planlos über die Straße läuft, auch wenn es eine „Spielstraße“ ist. Nein, mein Kind weiß nicht, was gut für es ist. Aber ich kann ihm geduldig und liebevoll beibringen, es zu lernen.

Unsere Aufgabe als Eltern ist es, unser Kinder vor allem Unbill zu schützen.

Dieser Satz hört sich zunächst richtig und löblich an. Birgt aber Gefahren. Denn eigentlich ist das eine unmögliche Aufgabe. Ich kann mein Kind nicht vor allen Schwierigkeiten schützen, weil ich nicht der liebe Gott bin. Es wird unweigerlich in seinem LebeFullSizeRendern auf bösartige Menschen, gefährliche Situationen, schlechte Noten, Wut, Trauer und Ärger treffen. Wenn ich ihm dann nicht beigebracht habe, wie man damit umgeht, wird es untergehen. Ich sollte ihm vielmehr ein gesundes Selbstwertgefühl und Kritikfähigkeit beibringen, damit es später bei (1) blöden Sprüchen von Anderen, (2) einer 3- in Mathe oder (3) Verlaufen im Kaufhaus nicht in Tränen ausbricht oder (4) einen Wutanfall bekommt, wenn mal etwas nicht nach seinen Vorstellungen läuft. Sondern damit es lernt, sich im Falle des Falles (1) zu wehren, (2) Rückschläge als Ansporn zu begreifen, (3) Hilfe zu holen oder (4) nach anderen Lösungen zu suchen.

Also seien wir

statt Freunde Vorbilder und liebevolle Eltern

statt Ernährer Erzieher

hart, aber herzlich, offen, aber konsequent

statt Bewunderer Vor- und Ausbilder

statt Beschützer Trainer

Generationenkonflikt – was ist das, und wozu ist sowas gut?

Toleranz und Nächstenliebe, ein im Moment vieldiskutiertes Thema. Mir geht es heute allerdings nicht um verschiedene Religionen oder Nationalitäten, sondern um den sogenannten Generationenkonflikt. Was ist das, wozu ist es gut, und wer zum Donnerdrummel hat es erfunden?

Der Begriff „Generation“ ist schon schwierig, weil er Menschen scheinbar voneinander trennt bzw. in verschiedene Schubladen ordnet, die eigentlich sehr viel miteinander gemeinsam haben. Schade eigentlich, wenn „meine Generation“ davon ausgeht, dass die „Jugend von heute“

  • keinen Respekt mehr vor dem Alter hat
  • nichts kann, aber alles besser weiß
  • Zeit mit Unwichtigkeiten vertrödelt, statt sich aufs Wesentliche zu konzentrieren
  • immer oberflächlicher wird und keine Werte mehr hat.

Oder wenn „meine Generation“ der Jugend unterstellt, dass sie über das „Alter“ (was auch immer das ist) denkt:

  • stur und rechthaberisch
  • mit denen kann man nicht reden
  • kein Verständnis für die Jugend
  • hören nie zu, aber wissen alles besser

Ich arbeite selbst in einem Beruf, in dem ich mit mehreren Altersklassen zu tun habe. Und auch ich rege mich manchmal darüber auf, wenn ich Kollegen über die „schreckliche Jugend von heute“ reden höre und mich frage, ob sie sich an ihre eigene Jugend denn so gar nicht erinnern können? Mit 16 lagen nunmal die Prioritäten nicht in der Schule, sondern in existenziellen Fragen. Mann wurde erwachsen, musste sich selbst finden, sich gegen andere behaupten und seine Zukunft planen. Die ewig mobbende Mädelsqlique zu überleben war weit wichtiger, als in Mathe eine 2 zu schreiben. Und auch die Jugendlichen wirken auf mich manchmal durchaus sehr kalt in ihrer Schwarzweißmalerei, und unbarmherzig, wenn es für sie nur richtig und falsch und anscheinend keine Zwischentöne gibt.

Doch sollten wir uns nicht mehr auf das Verständnis des Menschen an sich konzentrieren – ohne auf das Alter zu schauen. Denn die Lehrer waren früher auch mal Schüler. In der Regel wissen sie (noch), wie sich Jungsein anfühlt, mit welchen Problemen man sich herumschlägt. Die Waffen haben sich geändert, doch die Probleme sind seit Anbeginn der Zeit dieselben geblieben. Und die Jugendlichen sind die Zahnärzte, Bankangestellten oder Lehrer von morgen – die in zehn, zwanzig Jahren vielleicht unsere Zahnschmerzen heilen, Kredite verteilen oder unsere Enkel unterrichten. Und das genau so gut oder schlecht, wie „unsere Generation“ es ihnen beibringt. Wenn man die Menschen schon in Generationen unterteilen muss, dann darf man aber auch die guten Seiten nicht außer Acht lassen, oder?

Junge Menschen sind (Ausnahmen bestätigen die Regel)

  • offen für alles, interessiert an Diskussionen
  • sind geradeheraus und haben noch nicht gelernt, sich zu verstellen
  • hören auf ihr Herz und ihr Bauchgefühl

ältere Menschen sind (Ausnahmen bestätigen die Regel)

  • erfahrungsreicher und haben schon viele Abgründe gesehen
  • wissen vieles und kennen einige Problemlösungsstrategien
  • haben schon einiges in ihrem Leben geleistet

Allein dafür gehört all diesen Menschen Respekt. Doch sie sind so viel mehr als das.

Zum Schluss noch eine kleine Anekdote: Ein Alters- oder Pflegeheim hatte die Idee, nicht nur die Portraits ihrer Patienten bzw. Bewohner aufzuhängen, sondern zu jeder dieser Persönlichkeiten eine Collage mit Fotos von ihrer Kindheit bis ins hohe Alter. So sahen die Pfleger nicht nur die Alten, sondern die Menschen an sich, die genau wie die Pfleger früher einmal Pläne und Hoffnungen hatten, gekämpft haben, wichtige Aufgaben in ihren Berufen und Familien erfüllt haben. Vielleicht sitzt Frau Müller jetzt sabbernd in ihrem Rollstuhl und erkennt nichtmal mehr ihre Tochter, doch sie ist deshalb nicht weniger wert. Frau Müller hat mit 17 viele Sportpreise im Schwimmen gewonnen, drei Kinder zur Welt gebracht und großgezogen und 40 Jahre lang einen Kindergarten geleitet. Lutz, der Pfleger, arbeitet viel und verdient wenig. Seinen Schulabschluss hat er mit Ach und Krach geschafft. Doch er wird in seinem Leben nach einer Zusatzausbildung seine eigene Physiotherapiepraxis eröffnen und vielen Menschen helfen. Er wird einen Sohn zeugen, der später Arbeitgeber von 300 Angestellten sein wird, und er wird ein liebevoller Vater, Ehemann und Großvater sein.

Frau Müller und Lutz gehören nicht zur älteren oder jüngeren Generation. Sie gehören in keine Schublade. Sie sind großartige Menschen. Frohen ersten Advent!

 

5 sehr emotionale Momente vor und während der Durchführung eines Kindergeburtstages

Platz 5

Madame wird fünf wunderbare Jahre alt, und man plant natürlich den tollsten Geburtstag ever. Nur leicht nervös dadurch, dass es anscheinend gerade in ist, für den großen Tag der Kleinsten einen Clown oder Zauberer zu bestellen und die Cupcakes passend zur Zimmertapete zu dekorieren. Man freut man sich auf einen netten Spielenachmittag mit den süßen vier kleinen Freundinnen und Freunden von Madame, als diese ihre Wunschgästeliste aufzählt und bei „neun, Marie, zehn, Lukas“ immer noch nicht aufhört.

Platz 4

Man hat eins der Lieblingsessen aller Kinder gemacht und trägt stolz und erwartungsvoll die Minipizzen zum Tisch, da geht der Sturm los:

„Was ist das?“ „Ich mag keinen Schinken.“ „Ich mag keinen Käse.“ „Meine Mami sagt, Fleisch ist pfui.“ „Was gibts denn sonst noch?“ „Was ist das Dunkle da?“ „Ieh, das stinkt.“

Platz 3

Man scheucht alle Kinder zur Seite, um Platz für acht Stühle zu haben für die Reise nach Jerusalem. Plötzlich fällt ihnen auf, dass sie da so in Reih und Glied stehen, das Erste fängt an, und dann stimmen alle ein wie die Engel:

„Sankt Maaaaartin, Sahankt Maaaaaartin, Sahankt Martin ritt durch Schnee uhund Wind…“

Platz 2

Irgendwann werden plötzlich alle ruhig und müde. Man selbst hat Zeit, sich kurz auf die Couch zu setzen. Plötzlich kommt ein Kind von rechts, legt sein Köpfchen auf meinen Schoß und ein Kind von links lehnt sich an meine Schulter. Ein Drittes rollt sich zu meinen Füßen ein, ich bin umgeben von Vertrauen und Wohlbehagen. Als mir auffällt, dass keins davon mein Kind ist, bin ich gewiss, dass die Party doch ganz gut laufen muss, wenn sie mich so fraglos vom Zirkusdirektor (Flohzirkus) zum Kuschelkissen umfunktionieren.

Platz 1

Madame starrt zwischen ihrer Aurora-Barbie (Dornröschen) und mir hin und her und sagt:

„Du bist viel schöner, Mama.“

JETZT

muss ich wirklich weinen.

So ein kleines, heimliches Tränchen.

Kinder sind so genial. Kompromisslos in allem. In ihrer Liebe, in ihrer Abneigung, in ihrer Lebensfreude.

Wurzeln und Flügel

Wurzeln und Flügel.

Das ist die Antwort, die unsere Kindergartenleiterin ins Gruppenfotobuch schrieb auf die Frage, was sie „ihren Kindern“ für die Zukunft wünsche. Starke Wurzeln, um kräftige Flügel wachsen zu lassen.

Wir alle wollen unsre Kinder behüten, schützen, sie vor allem Unheil bewahren. Das ist unser natürlichster Elterninstinkt. Manchmal, auf dem Spielplatz, würde ich andere Kinder gern mit Sand bewerfen, weil sie nicht mit meiner Tochter spielen wollen (tu ich natürlich nicht 😉 Wenn sie Streit im Kindergarten hat und lieber zuhause bleiben will, würde ich sie natürlich am liebsten im Arm halten und sanft durch den Tag wiegen. Tu ich natürlich auch nicht. Nein, sie muss da allein durch. Mit tröstenden Worten meinerseits und liebevollem Kuscheln, aber letztendlich muss sie ihr kleines tägliches Päckchen selber schnüren. Denn natürlich will ich sie auch bereit machen für die Zukunft, damit sie sich eines Tages, wenn Spinat und Bananenpfannkuchen sie groß und stark gemacht haben, allein zurecht findet in der Welt. Und dafür muss sie auch scheitern lernen, den Umgang mit dem Frust.

Vor ein paar Tagen hatten wir Elternkaffee in der Kita, eine schöne, gemütliche Tradition einmal im Monat. Die Eltern, die Lust und Zeit haben, treffen sich mit der Kitaleitung auf einen zwanglosen Schwatz bei Kaffee und Keksen. Man kann sich austauschen, lustige Erzählungen der Kinder zitieren oder um Rat fragen. Unsere „Chefin“, mit einem Herz aus Gold und einer Stimme aus Feuer berichtete uns von den großen und kleinen Erfolgen unserer Mäuse. Dass sie sie in allen Bereichen lobe und unterstütze, aber eben auch durchausmal kritisiere, wenn es angebracht ist. Eine Mutter meinte, man müsse seine Kinder doch eigentlich immer loben, und natürlich liegt der Gedanke nahe, dass sich aus vielgestreichelten Seelen selbstbewusste Charaktere entwickeln, doch als Lehrerin muss ich auch gestehen, dass mir immer häufiger Kinder begegnen, die so gar nicht mit (berechtigter) Kritik umgehen können. Sie weinen über eine 3+, rasten aus, wenn sie etwas nicht sofort können oder verzweifeln in Grund und Boden, weil das Zeugnis nicht so aussehen wird, wie sie es sich erhofft hatten.

In dem wunderschönen Buch „Ronja Räubertochter“ wird eine Mutter-Tochter-Beziehung geschildert, wie ich sie mir immer zum Vorbild genommen habe: Eine Mutter, die im Prinzip immer da ist, ansprechbar, tröstet, zuhört, erklärt, aber die ihrem Kind alle Freiräume lässt, die (durchaus nicht immer ungefährliche) Welt selbst zu entdecken. Wie eine Seiltänzerin mit Sicherheitsnetz. Die Mutter ist das Netz, aber über das Seil schaffen muss es das Kind allein. Wenn es fällt, fängt die Mutter es auf und lässt ihr Kind einen neuen Versuch wagen. Wenn ich etwas nicht kann, oder mir Gegenwind den Atem raubt, habe ich zwei Optionen: Aufgeben, weil es mir nicht wichtig ist, oder erst recht Gas geben und versuchen, besser zu werden. Niemand von uns kann alles. Niemand von uns gefällt jedem. Nicht im Alltag, und in der Schule erst recht nicht. Oft habe ich den Eindruck, Schüler und Eltern halten nur Einsen und Zweien für akzeptable Noten. Und Kritik des Lehrers an der Leistung sei Kritik an der Persönlichkeit des Kindes. Warum ist es nicht völlig okay, in seinen Glanzfächern Einsen und Zweien, und  im Rest Dreien zu haben? Warum darf man sich nicht auch mal eine Vier in einem Fach leisten, das einem nunmal gar nicht liegt? Ist es im Kitaalter nicht völlig okay, zu bauen wie ein junger Gott, aber zu malen wie ein Hamster?

Natürlich möchte ich, dass mein Kind später beruflich alle Chancen hat, dazu gehört auch ein guter Notenschnitt. Doch ich möchte auch, dass es lernt, sich von der ein oder anderen Niederlage nicht abschrecken zu lassen auf dem Weg zu seinem wie auch immer gearteten Ziel. Dass es auf sich selbst vertraut und verlässt. Und nicht eines Tages eine vielversprechende Zukunft hinschmeißt, weil sein Chef es einmal zur Schnecke gemacht hat.

Deshalb wünsche ich meinem Kind auch starke Wurzeln und Flügel: Wurzeln, indem ich ihm mitgebe, dass ich es uneingeschränkt liebe und unterstütze, dass es alle Fähigkeiten hat, seinen Weg zu gehen. Indem ich ihm Wege aufzeige, mit Misserfolgen klarzukommen, damit es kräftige Flügel entwickelt, um sowohl hinaus in die Welt, als auch ab und zu wieder zu Mama und Papa nach Hause zu fliegen – sei es, weil der eigene Kühlschrank leer ist, weil man einen Babysitter für die Enkel braucht oder einfach nur, weil man gern zu seinen Wurzeln zurückkehrt.

Was wäre wenn…

… eine Klassenfahrt eine klasse Fahrt wäre?

… die Schüler dort eine tolle Zeit mit ihren Freunden verbringen würden, mit Blödsinn, Abenteuern, Spielen und Gesprächen statt mit ständigem Anspruchsdenken, Gemeckere und Besäufnissen?

… Schüler Bescheidenheit und Dankbarkeit als coole Eigenschaft entdeckten statt sich rund um die Uhr zu beklagen, denn:

  • Der Urlaub, den sie bisher mit den Eltern kennen gelernt haben, war vielleicht teurer, luxuriöser, „all inklusive“, aber war er auch so lustig?
  • Lehrer machen Klassenfahrten freiwillig. Sie werden weder für 24h pro Tag bezahlt, noch dafür, dass man ihnen Beleidigungen an den Kopf werfen darf, weil die Jugendherberge XY so wenig Ähnlichkeit mit einem 5Sterne-Hotel hat, man wandern muss (Hilfe!) oder einfach schlechte Laune hat.

Dazu vielleicht ein kurzes Zitat aus meinem Roman:

Ich habe schon öfters die Meinung gehört, dass es Lehrer gäbe, die nur auf Klassen- oder Kursfahrten gingen, um nicht arbeiten zu müssen. Sehr witzig. Als wenn Jugendliche schlafen würden. Also, tagsüber schon, im Bus, im Unterricht, im Stehen. Aber nicht nachts. Vermutlich pennen Studenten in der Regel deshalb so lange, weil sie ihren freiwilligen Schlafentzug von Klassenfahrten neutralisieren müssen. Nachts, wenn sich die Lehrer von den diversen Ausflügen, Museumsbesichtigungen und Gruppenspielen erholen wollen, werden sie erst richtig aktiv. A kann nicht schlafen, weil B ihn nicht liebt. Außerdem hat C beobachtet, dass D bis K Alkohol mit in die Jugendherberge geschmuggelt haben, das dürfen die doch nicht, oder? F und L haben sich auf ein Zimmer verdrückt und üben dort sexuellen Beischlaf aus, während M auf dem Dach der Jugendherberge steht und Selbstmord begehen will. Warum, weiß keiner außer N, der aber nicht aufzufinden ist. Und so weiter. Wer ist so bescheuert, (…) unbezahlte Überstunden zu schieben (…) ? (…) Ich beschwere mich nicht über die Fahrten an sich, sondern über die Einstellung vieler, wir Lehrer würden uns da einen Lenz machen.

 Jenny Stila, aus: „Von ganzem Herzen mangelhaft“

… die Eltern im Anschluss mit einen Blumenstrauß auf die Lehrer warten würden statt mit einer „Buchprüfung“, ob auch alles richtig abgerechnet wurde?

Lehrer gehen immer noch auf Klassenfahrten, aber nicht wegen des Urlaubsgefühls (stellen Sie sich vor, Sie würden nicht mit Ihren zwei Kindern, sondern 20 in den Urlaub fahren, die durchaus nicht alle auf Sie hören), nicht wegen der tollen Bezahlung, sondern wegen der vielen netten Schüler, die so etwas zu schätzen wissen und eine gute Zeit haben.

Was wäre, wenn…

Was wäre, wenn die Mutter zur Lehrerin sagen würde:

Gib ein wenig auf mein Kind Acht. Ich weiß, du bist eine Idealistin, aber du hast auch noch 29 andere Kinder vor dir sitzen. Dennoch. Es ist mein Kind und damit für mich etwas Besonderes, Einzigartiges, ungemein Wertvolles. Ich weiß, was es alles kann, wie man es am besten motiviert, und wie man es zum Lächeln bringt. Meine Sorge ist, dass du viele seiner Begabungen und guten Eigenschaften nicht erkennst, weil sie im Alltag des Schulbetriebes untergehen oder erst gar nicht gefragt sind. Vielleicht wertest du seine unstillbare Neugier, sein ständiges Interesse als vorlaut oder störend. Wenn es müde ist oder deprimiert von Streitereien mit Mitschülern oder von der schlechten Arbeit, die es in der Stunde zuvor zurückbekommen hat, erscheint es dir vielleicht einfach nur desinteressiert oder launisch. Und dann hast du keine Zeit, drauf zuzugehen und es wieder aufzubauen. Vielleicht schaust du es sogar böse an, damit mein Kind wieder funktioniert. Woher sollst du wissen, wie sozial mein Kind ist und wie toll es mit Jüngeren umgeht, wenn es sich in seiner eigenen Klasse unwohl fühlt und von anderen abgelehnt wird? Wenn es deshalb ständig mies gelaunt ist, sich zurückzieht oder sogar aggressiv wird und andere angreift oder beleidigt, weil es sich anders nicht zu helfen weiß. Woher sollst du wissen, dass es sämtliche griechische Göttersagen kennt, dichtet, seit es fünf ist oder sich im Urlaub fließend auf englisch unterhalten kann, wenn es zu schüchtern ist, so etwas zu erzählen, oder wenn dieses Wissen in deinem Matheunterricht völlig unbrauchbar ist? Versteh mich nicht falsch, ich möchte keine Sonderbehandlung für mein Kind, ich wünsche mir nur, dass ein bisschen von dem Zauber, den ich in ihm sehe, auch von dir gesehen wird. Dass du immer ein offenes Ohr für seine Sorgen haben wirst und auch mir vorurteilsfrei zuhören kannst, sollten wir uns mal begegnen.

Was wäre, wenn die Lehrerin zur Mutter sagen würde:

Gib ein wenig auf dein Kind Acht. Ich weiß, du bist eine umsichtige Mutter, aber manchmal entwickelt man als Eltern eine Art Tunnelblick (das kenne ich selbst) und möchte Probleme nicht wahrhaben. Auch wenn unser Kind zuhause fröhlich, zufrieden und umgänglich ist, kann sich dieses Verhalten in der Schule umkehren. Wir waren alle mal jung und wollten gegenüber unseren Klassenkameraden besonders cool wirken. Deshalb stört ein Kind manchmal absichtlich den Unterricht oder versucht den Lehrer zu provozieren. In solchen Momenten wünsche ich mir, deine Rückendeckung zu haben. Eben weil du dein Kind viel besser kennst als ich. Aber ich sehe auch seine vielen guten Seiten. Ich bemerke, ob es im allgemeinen leicht mit dem Lernstoff klarkommt, mit seinen Mitschülern und Lehrern. Wir Kollegen reden über eure Kinder und ich weiß, dass dein Kind zwar in meinem Fach nicht das Beste ist, dafür aber ein großes Sprachtalent besitzt. Trotzdem ist ein Grundinteresse auch an ungeliebten Fächern Voraussetzung dafür, dass es gute Noten bekommt. Lehrer freuen sich nicht, wenn der Rotstift es mal so richtig krachen lassen kann, uns wäre es am liebsten, wenn wir nur Einsen und Zweien verteilen könnten. Aber wir wissen auch, dass Noten nicht alles bedeuten. Deshalb mach deinem Kind keinen Druck, wenn es die erste Fünf seines Lebens schreibt. Es ist selbst schon enttäuscht genug. Eine Drei im Hauptfach ist auch okay. Und wenn ich ein Problem deines Kindes nicht mitbekomme, weil es zum Beispiel in den Pausen von anderen gemobbt wird, dann sprich mit mir darüber. Nur dann kann ich helfen, denn wenn ich deinem Kind mal eine Vier geben muss, heißt das nicht, dass ich es nicht mag, sondern dass seine Leistung in diesem Fach eben nur ausreichend war. Manchmal geht mir die ganze Notengeberei selbst gegen den Strich, weil ich weiß, dass ein paar Zahlen auf einem Blatt Papier wenig über dein Kind als Mensch aussagen. Damit wir beide deinem Kind helfen können durch den Schuldschungel wünsche ich mir, dass du auch mir vorurteilsfrei zuhören wirst, sollten wir uns mal begegnen.