Eine Ode an Frau Tinte

Ich liebe Frau Tinte. Jeder sollte im Lehrerzimmer eine Frau Tinte sitzen haben. Frau Tinte ist immer fröhlich, aber nicht so fröhlich, dass es nervt. Sie hat alles dabei, was man selbst vergessen hat, in ihrer MaryPoppinstasche, aus der sie nach Bedarf Taschentücher, Stifte, Sofakissen oder Kopiervorlagen zaubern kann.

Ich sitze neben Frau Tinte, niemals in der Tinte. Und seit sie schwanger ist, hat sie auch immer Leckereien dabei. Nicht ein paar Bonbons, nein, eher die Kategorie Süßwarenabteilung im Edelkaufhaus: Merci, Gummibärchen (die guten), Toffifee, Amicelli, Botticelli…

Ich hab in einer einzigen Zeugniskonferenz drei Kilo zugenommen.

Seit der Schwangerschaft ist Frau Tinte noch entspannter als sonst. Manchmal etwas SEHR entspannt. Man soll das Leben gut finden, zweifellos, aber möchte ich, wenn ich im Schlamm der Lehrerdepression versinke, hören, dass ich mir eine neue Tasche kaufen soll?

Ja, okay, ich möchte das hören.

Aber es ist still geworden.

Frau Tinte sitzt, futtert und beschenkt nicht mehr neben mir, sie explodiert nicht mehr an meiner Seite ins Leben. Sie ist jetzt im Mutterschutz, weil da jemand anderer ins Leben explodieren möchte.

Jetzt sitze ich doch IN der Tinte.

 

Werte für die Tonne?

Weshalb erziehen wir unsere Kinder eigentlich nach Werten, die wir selbst nicht leben?

Man benimmt sich anderen gegenüber respektvoll

sagen wir unseren Kindern, während wir anderen den Stinkefinger zeigen, sie bei Diskussionen nicht ausreden lassen und über unsere Mitmenschen lästern.

Regeln sind (meist) sinnvoll und sollten eingehalten werden

sagen wir unseren Kindern, nehmen anderen die Vorfahrt, schauen beim Fahren aufs Handy und pfeifen gerne auf jede Regel, die uns nicht in den Kram passt. Das nennen wir dann selbstbewusst.

Man soll nicht lügen

bringen wir unseren Kindern bei, verteilen falsche Komplimente, hinterziehen Steuern und machen falsche Angaben bei der Krankenkasse.

Alkohol, Zigaretten und Drogen sind schädlich

sagen wir trinkend, rauchend und kiffend.

Weshalb versucht eine Generation nach der anderen, die Kinder mit Worten zu guten, vernünftigen, gerechten und ehrlichen Menschen zu erziehen, während sie bei den eigenen Handlungen alle Augen zudrückt?

Ist es der Wunsch nach nach Weltverbesserung a la „bei mir ist schon alles zu spät, du sollst es mal besser machen“?

Ist es das Wissen, wie es richtig geht, aber die Faulheit, es selbst durchzuziehen?

Vielleicht sollten wir alle mal wieder ein bisschen mehr wie die Kinder werden, die wir erziehen.

Werte sind wichtig für die Orientierung und ein gutes, gemeinsames Leben. Und sie sind zeitlos. Wer sagt, Hilfsbereitschaft, Rücksicht und Achtsamkeit seien nicht mehr zeitgemäß, trifft keine moderne Aussage, sondern eine traurige.

Der Tiger in mir

Ich werde die Traummutter bei jedem Elternsprechtagstermin.

Das habe ich lange behauptet.

Weil ich doch selbst Lehrerin bin und weiß, wie anstrengend dieser Beruf ist, wieviel Herzblut man hineinsteckt, wenn man engagiert ist, und wie selten man Dank erhält.

Wenn meine Tochter eines Tages in die Schule kommt, werde ich dankbar der Klassenlehrerin um den Hals fallen, ihr rückhaltlos in allem meine Unterstützung zusagen und ihr im Grunde mein volles Vertrauen aussprechen.

Dachte ich.

Meine Tochter ist jetzt Vorschulkind. Letztes Jahr Kindergarten. Und als mir die Mutter der besten Freundin meiner Tochter freudestrahlend und stolz wie Oskar erklärte, dass Magda (Name geändert) hervorragend bei dem Vorschultest abgeschnitten habe, waren unerklärlicherweise meine Reaktionen anders, als gedacht.

Erwartet hätte ich von mir reife, gelassene Gedanken wie

  • oh wie toll, ich freu mich für dich! Meine Kleine wird auch super gewesen sein, ich kenne sie ja, wenn nicht, ist auch nicht schlimm, Kinder entwickeln sich ja unterschiedlich
  • wieso weiß ich nichts von dem Test? Naja, wenn es Probleme gegeben hätte, hätte es mir jemand gesagt.

Stattdetiger-591359_1920ssen schien plötzlich ein großes
Raubtier in mir zu erwachen, zu
knurren, die Zähne zu blecken und sich geschmeidig, aber nicht weniger gefährlich aufzurichten. Die Gedanken, die ich tatsächlich hatte, lauteten eher

  • weshalb weiß ich nichts von dem Test? Was war da los? Hat was nicht geklappt? Wenn meine Tochter schlecht abgeschnitten hat, dann doch nur, weil sie vielleicht keine Lust hatte oder der Test doof war. Das wissen die im Kindergarten dann nicht und stufen sie als dumm ein, und dann? Hören die in der Grundschule, dass meine Tochter nicht schlau genug ist und sie wird ihr ganzes Leben mit diesem Makel…

Ich habe mich sehr über mich selbst erschreckt, habe ich doch bisher immer ein „Mütter dieser Welt, haltet zusammen“-Transparent in der Hand gehalten, bin gegen diesen ganzen Vergleichsmüll („mein Kind kann noch nicht so gut laufen / essen / malen / schwimmen wie deins“) und generell sehr entspannt, was die Entwicklung von Kindern angeht.

Was war da also los?

Ich weiß es nicht. Vielleicht war es das sprichwörtliche „Muttertier“, das sich da in mir geregt hat. Das kann ja spannend werden, wenn meine Tochter tatsächlich in die Schule geht. Werde ich da das Gefühl haben, mein Kind gegen alles und jeden verteidigen zu müssen, egal, ob das gerade notwendig ist oder nicht? Werde ich zu einer dieser schrecklichen Helikoptermütter, die wegen jeder Kleinigkeit in die Schule rennen um ihr armes Kind vor ignoranten Lehrern, ungerechten Noten und einem bösen Leben zu retten?

Ich hoffe doch nicht. Ich habe den Tiger jetzt im Griff und füttere ihn täglich mit gesundem Menschenverstand. Und ich verstehe jetzt alle Mütter und Väter besser, die manchmal so seltsam misstrauisch bei Elternsprechtagen vor mir sitzen. Außerdem mag ich die beste Freundin meiner Tochter sehr gern und ihre Eltern übrigens auch. Magda ist ein tolles Kind, und ich gönne ihr den Erfolg von Herzen. Und auch die tollen Erzieherinnen in unserem Kindergarten haben mein Vertrauen.

Letztendlich kam übrigens heraus, dass mein Nachwuchs ebenfalls prima abgeschnitten hat, nur so nebenbei-

damit der Tiger sich wieder hinlegt und weiterschlafen kann.

My Finnish has to be finished… damit ich meine Rente an einem See ohne Verbotsschilder genießen kann

Finnland.

Das süße Dorf irgendwo zwischen Lappland und Schweden, das keiner kennt, aber alle doll finden. Wenn ich irgendwo erwähne, aus welchem Land mein Mann stammt, höre ich zuverlässig den Satz

Ah. Finnland. Jaja. Das Finnische soll ja sehr mit dem Ungarischen verwandt sein.

Nein. Ist es nicht. Finnisch und Ungarisch besitzen drei gleiche Wörter. Irgendwas mit Fischen und Brot. Das war’s.

Finnland ist toll. Aber vermutlich nur für Einsiedler wie mich. Als Einzelkind bin ich es gewohnt, glücklich und kreativ allein zu sein. Mit 5 liebte ich es, stundenlang allein mit meinem Puppenhaus oder Lego zu spielen, ohne dass mir einer reinquatscht, mit 25 residierte ich allein in einer riesigen Wohnung (groß, aber günstig, da direkt an einer Hauptverkehrsstraße in einem nicht so schönen Viertel) und habe es genossen, tun und lassen zu können, was ich wollte und wann ich es wollte, und jetzt genieße ich jede freie Minute hoch oben allein unterm Dach an meinem Schreibtisch, wenn mich wieder eine Idee juckt und ich etwas schreiben muss.

In Finnland kann man dieses Alleinsein überall zelebrieren, wenn man keine Angst davor hat. Es gibt 1000 Seen und  Wälder und  – das ist das Besondere: Keine Schilder wie „Baden verboten!“, „Betreten verboten“ oder „Achtung! Privatgelände“. Wenn man einen schönen Platz an einem See findet, darf man dort baden, picknicken oder Löcher in die Luft starren.

Es gibt quasi auch keine Mietshäuser. Wenn man langfristig in Finnland wohnt, hat man ein Haus. Gut. Es handelt sich dabei oft um Häuser, die in Deutschland keiner Prüfung standhalten würden, aber der Finne ist da nicht so. Alles blüht, wackelt, sprießt vor sich hin, und die Menschen finden das schön. Und wenn mal was zusammenkracht, kommt der liebe Nachbar vorbei und hilft, es wieder aufzubauen. Nahe der Städte hat man viele Nachbarn, aber je weiter man in das wahre Finnland vordringt, desto weiter entfernt liegen die nächsten Häuser. Quasi jeder Haushalt verfügt über seinen persönlichen See. Und Wald. Und Elche und Rentiere. Wobei sich die scheuen Elche eher weniger sehen lassen. Die Rentiere spazieren schonmal gemütlich über die Autobahn, weshalb in Finnland klare Geschwindigkeitsbegrenzungen herrschen (und auch regelmäßig von der Polizei überprüft werden). Noch ein Pluspunkt, denn ich hasse Raser im Straßenverkehr.

Ein großer Pluspunkt für mich sind die finnischen Kinder. Finnen bekommen meist mehrere Kinder. Logisch, denn irgendwie muss der ganze Platz im Land  ja ausgenutzt werden, und die Winter sind lang und kalt. Während man auf deutschen Spielplätzen eher komisch, wenn nicht gar abwertend angeglotzt wird, wenn man mit fremden Kindern spielen will (also nicht ich, sondern Kinder allgemein), gilt in Finnland das Prinzip: Je mehr Kinder, desto mehr Piraten, desto mehr Spaß. Wenn Kinder aufeinander treffen, spielen sie miteinander. Sehr sympathisch.

Der Finne an sich ist sparsam. Das fängt beim Alphabet an, aus dem er weitgehend nur die Buchstaben a, e, f, h, i, k, l, m, n, o, p, r, s, t, u, v, ä,ö,und ü benutzt (und davon meist auch nur ä, ö, p, t und k), und endet bei den Lebenshaltungskosten. Die sind in Finnland hoch. Ungern erinnere ich mich an meine „Grillplatte“ für 15,80 Euro, die aus zwei kleinen Stücken Fleisch, einer Kartoffel und einer Hand voll Gemüse bestand. Der Finne spart aber auch an Worten. Kein Wunder, bei den wenigen Buchstaben. Er redet eigentlich nicht, sondern bevorzugt elchähnliche Geräusche, um sich mitzuteilen. Mein Mann ist da übrigens eine Ausnahme, er redet noch, wenn ich schon mit dem Zuhören fertig bin.

Alles in allem ist Finnland großartig, und wir planen, dahin auszuwandern, wenn

  • unsere Tochter studiert (in 15 Jahren)
  • mein Mann in Rente geht (in 15 Jahren)
  • ich finnisch kann (in 298 Jahren)

Kohta on joulu!

(Heißt ‚bald ist Weihnachten‘, passt hier vielleicht nicht, ist aber eine schöne Botschaft und der einzige Satz, den ich schreiben kann)

Disney ohne Grimm?! Wurzeln sind nicht immer schmerzhaft.

666262100

Eine kleine Liebeserklärung an mein altes Märchenbuch

Ich liebe Disney-Filme. Das mal vorweg. Und ganz besonders die Märchenfilme. Schneewittchen, Cinderella, Dornröschen… Und doch gab es meinem Herzen einen kleinen Stich, als eine Schülerin aus meiner Oberstufe sagte:

„Märchen? Kenn ich nicht. Nur die Disneyfilme.“

Hm. Abgesehen davon, dass ich nicht verstehe, wie man eine schöne Kindheit verleben kann, ohne dass einem Märchen vorgelesen werden, frage ich mich, was mich an der Aussage so stört. Märchen sind Volksgut und durch die zunächst mündlichen Überlieferungen auch immer Veränderungen unterworfen. Frankreichs Cinderella unterscheidet sich von unserem Aschenputtel nicht weniger, als sich Disneys Aurora vom Grimmschen Dornröschen unterscheidet. Ist das schlimm? Schadet es jemandem?

Meistens versuchen die Verfilmungen (nicht nur die von Disney) sogar, inhaltliche Lücken oder logische Schwachstellen der alten Originale zu füllen. Wirkt die Stiefmutter aus „Rapunzel“ merkwürdig unbestimmt, schattenhaft im Original, wird in „Rapunzel-neu verwöhnt“ doch sehr schön dargestellt, aus welchen Motiven heraus diese Frau handelt. Erscheinen die Originalfiguren doch eher als Stereotypen, bekommen sie in den Verfilmungen einen Charakter. Manchmal geht das Ganze aber auch nach hinten los, und die eigentliche „Botschaft“ geht verloren:

Während in Grimms „Dornröschen“ der 100jährige Schlaf eine Strafe für den selbstherrlichen König darstellt, der eine der 13 Feen nicht zur Taufe seiner Tochter eingeladen hat, erscheint Malefiz in der Disney-Version einfach nur als böse, machtbesessene Fee. Während in Grimms „Aschenputtel“ die Ball-Kleider der Heldin vom Baum der Mutter herabfallen, eine wunderschöne Metapher dafür, dass die Seelen unserer Eltern auch nach ihrem Tod auf uns achten, erscheint in „Cinderella“ die gute Fee, die alles deichselt.

S516137066ei es, wie es will, jedem das Seine, aber ich bin der Meinung, dass jedes Original Respekt verdient. So, wie uns allen der Wunsch nach Wissen über unser Herkunft innewohnt, nach unseren Wurzeln, ist es bereichernd, wenn man die Wurzeln der Geschichten kennt, die man liest (oder ansieht). Und Märchen sind die Wurzeln der meisten Geschichten, die wir heute kennen. Das arme Mädchen, das unvermutet zur Prinzessin wird, generell das glückliche Ende, der Sieg des Guten über das Böse, Magie, Drachen, fantastische Wesen, moralische Werte und ganz viel Feenglanz – greifen wir doch mal wieder zu den guten alten Märchenbüchern. Sie haben es verdient.

Das Leben der Anderen

Kaum eine Beziehung ist so vielfältig und kompliziert wie die zwischen Schülern und Lehrern. Ist sie privat? Ist sie beruflich? Einerseits muss man als Lehrer hochprofessionell sein, was Benotung, Unterrichtsvorbereitung und Umgang mit den Eltern und ihren Schützlingen angeht, andererseits ist man doch oft viel mehr als Pädagoge – man ist Mutti, Trainer, Trostspender, Leitwolf, Psychologe, Lebensberater oder auch mal Punching-Ball. Seine Schüler sieht man häufiger als die eigenen Geschwister oder Eltern.

Und doch –

was weiß man eigentlich über die Menschen,

mit denen man fast jeden Tag viel Zeit verbringt?

Muss man da überhaupt was wissen?

Ich finde ja.

Wir alle leben von Anerkennung. Das ist es, was zählt. Selbst die abgebrühtesten Nullbock-Schüler bekommen dieses verdächtige Glitzern des Stolzes und der Freude in den Augen, wenn sie doch eine gute Note geschafft haben. Die glücklichen und erfolgreichen Lehrer schätzen an ihrem Beruf weniger die vielen Ferien (Klischee 1) und die horrenden Gagen (Klischee 2), sondern das, was man von zufriedenen Schülern und Eltern zurückbekommt: Anerkennung, Lob und Dank.

Und diese Anerkennung fällt uns leichter, je besser wir uns kennen. Wenn man (auch als Nichtfachlehrer) seine Schüler mal bei ihren Freizeitaktivitäten besucht, wenn sie mit ihrer Fußballmannschaft spielen, mit ihrer Band auftreten oder eine Rolle in einem Theaterstück tanzen. Wenn man einen Blick dafür bekommt, wie fleißig und engagieIMG_6517rt sie sein können, wenn ihnen etwas Spaß macht und das unglücklicherweise nicht das Fach ist, welches man selbst unterrichtet.

Umgekehrt wird natürlich auch ein Schuh draus. Ich trage gern mein Leben in die Schule. Bringe ab und zu mal meine Tochter mit, erzähle von meinem Buch oder lade Schüler zu mir nach Hause ein. Also manchmal. Die besonders Netten 😉

Auf diese Art und Weise verwandeln sich Schüler und Lehrer nämlich in eine Einheit von Menschen, die zufällig unterschiedlichen Alters sind, aber hervorragend miteinander arbeiten können – nicht weil sie müssen, sondern weil sie sich gegenseitig schätzen.

Klingt naiv und fürchterlich kitschig?

Ja.

Ist aber so.

Wenn früher alles besser war, weshalb machen wir’s dann nicht auch so?

Früher haben wir noch gerne draußen gespielt und mit unseren Freunden geredet, statt auf Smartphones zu starren. Früher waren wir noch dankbar für Klassenfahrten, dafür, dass Lehrer den Stress auf sich nahmen, mit unserer Horde in die Welt zu fahren, und haben das Zusammensein in den Jugendherbergen genossen, statt wie heute zu meckern, nur weil es sich nicht um ein 5-Sterne-Hotel handelt. Früher haben wir noch bitte und danke gesagt und hatten Respekt vor den Erwachsenen, nicht so wie heute, wenn man froh sein, kann, dass einem ein Kind wenigstens aus dem Weg geht, statt einen umzurennen.

Solche oder ähnliche Posts finden sich immer wieder in sozialen Netzwerken.

Ich frag mich dann immer: Wenn doch unsere Kindheit so anders und toll war – wieso sorgen wir dann nicht dafür, dass es für unsere Kinder auch so ist? WIR sind doch die Generation, die die nächste begleitet und erzieht.

  • aber wie sollen unsere Kinder auf Smartphones verzichten, wenn sie schon mit 6 welche geschenkt bekommen, feststellen, dass all ihre Freunde auch eins haben, und die Eltern keine Lust auf den Stress haben, den Umgang damit zu überwachen?
  • warum sollten sie draußen spielen, wenn sie sich nicht schmutzig machen dürfen und es überhaupt viel zu gefährlich ist?
  • wie sollen sie eine Klassenfahrt nach Pusemuckel zu schätzen wissen, wenn sie mit acht schon dutzendmal mit Mama und Papa in irgendwelchen Luxusresorts waren, in denen sie von morgens bis abends verhätschelt wurden?
  • wie sollen sie lernen bitte und danke zu sagen, wenn ihre Eltern ihnen das nicht vorleben? Ja, sich auch mal bei seinem Kind zu bedanken für die Kleinigkeiten, die es tut, damit es merkt, wie gut so ein Dank tut.
  • wie sollen sie Respekt vor anderen lernen, wenn sie sehen, wie wir Erwachsenen manchmal miteinander umgehen, uns anschreien, sofort rechthaberisch werden und uns beschimpfen, wenn wir unser Ego bedroht sehen?

Vielleicht versuchen wir mal, statt zu heulen, früher sei alles besser gewesen, das Heute so gut zu gestalten, wie wir es uns für unsere Kinder wünschen:

FullSizeRenderFullSizeRenderFullSizeRenderFullSizeRenderpersönlich, analog, dreckig, spannend, bescheiden, dankbar, freundlich, höflich, menschlich.

Der Trend geht zum Zweitbuch oder Kinder sind wie Schüler – sie hören nicht zu, aber gucken viel ab ;-)

Dass ich kein Freund der „schreib erstmal, wie du sprichst, später lernst du dann (nicht mehr), wie es richtig geht“- Maßnahme bin, wenn es um das Beibringen von Rechtschreibung geht (schließlich heißt es Rechtschreibung und nicht Hörschreibung), ist bekannt. Allerdings möchte ich kurz eine Lanze für das heimische Buchregal brechen, und zwar die Spezies, in der kein Nippes, diverse Troll- oder Elsa-Figuren aufgereiht sind, sondern in denen wirklich Bücher stehen. Denn unsere Kinder werden ja nicht nur von der Schule ausgebildet, sondern die Eltern haben auch noch ein Wörtchen mitzureden. Und vor allem ganz viele mitzulesen.

So, wie in der Erziehung gilt, dass Kinder anscheinend manchmal taub gegenüber unseren Anweisungen oder Ratschlägen sind, sich aber alles abschauen, was wir ihnen vofullsizerenderrleben, gilt auch für das Lesen: Kinder, die von Anfang an (also mit 6, nicht im Mutterleib) gerne und viel lesen, eignen sich schon unbewusst eine richtige Rechtschreibung an. Wörter, die man schon hundertmal gelesen hat, brennen sich ins Hirn. Wir erinnern uns doch alle, wie wir früher in Diktaten bei Unsicherheiten ein Wort in zwei Alternativen an den Rad gekritzelt haben, um uns dann für die Schreibweise zu entscheiden, die uns bekannter vorkam.

Also, lasst uns sein, wie Astrid Lindgren es uns gelehrt hat:

Sei frech und wild und wunderbar!

  • freche Leser toller, spannender, fröhlicher, unglaublicher Geschichten
  • wilde Bucheinkäufer
  • wunderbare Vorleser für unsere Kinder

Die Schulen bilden unsere Kinder aus und weiter, doch die Kraft zur Inspiration, die Macht des Vorbilds haben vor allem wir Eltern.

Mutter und Sohn

4 Standpunkte eines Sohnes:

1) Mama, ich mach das noch. Ich weiß, du willst, dass ich JETZT aufräume, JETZT meine Hausaufgaben mache, die Wäsche IN den Korb werfe und nicht daneben. Aber ich habe meinen eigenen Zeitplan. Ich will mir nicht ständig reinreden lassen, was ich wann machen soll. Deinen Kunden sagst du das ja auch nicht. Also behandele mich wie einen Erwachsenen und vertraue mir ein bisschen.

2) Mama, hör auf, dir ständig Sorgen zu machen. Ich bin schon groß, du musst mich loslassen. Du und Papa wart mir gute Vorbilder, und ich bin vernünftiger, als du denkst. Auch wenn ich das aus Protest zuhause nie zeige.

3) Mama, ich weiß, dass ich manchmal beleidigend und unverschämt bin, dass ich dich zur Raserei bringe und respektlos erscheine. Das ist aber notwendig und genetisch festgelegt: Der Sinn der Pubertät ist, dass sich Kinder in Monster verwandeln, weil die Eltern sie sonst nie gehen lassen würden. Wenn wir immer so niedlich und lieb blieben wie mit sechs, würdet ihr uns mit 40 immer noch zuhause festhalten.

4) Mama, ich liebe dich bis zum Platzen. Manchmal bis zum Platzen meines Kragens. Wenn dich jemand beleidigt (was natürlich keiner tut), verteidige ich dich bis aufs Blut. Falls ich jemals eigene Kinder haben sollte, wünsche ich mir eine Mutter für sie wie dich: Stark, mutig, lebensfroh und mit einer Engelsgeduld. Ich weiß, dass du alles für mich tun würdest. Das meiste davon hast du schon getan.

4 Standpunkte einer Mutter:

1) Sohn, ich weiß, dass ich dich mit meinen vielen Bitten nerve, aber lustigerweise scheinst du zu denken, ich sei deine Putzfrau und deine Therapeutin. Denn wenn ich dich nicht nerve, tust du nichts von allein. Und wenn du Ärger in der Schule hast, muss ich mir dein Gejammere anhören. Du willst wie ein Erwachsenenr behandelt werden? Dann benimm dich wie einer und lass mich nicht dauernd hängen.

2) Sohn, ich weiß, dass ich mir immer viel zu viele Sorgen mache. Dafür kann ich aber nichts, das liegt in der Natur. Für mich wirst du immer der kleine Junge bleiben, der in die Windel kackt und Angst vor dem Staubsauger hat. Die Vorstellung, dass dem wichtigsten Menschen in meinem Leben etwas passieren könnte, ist vielleicht so schrecklich wie deine Befürchtung, das Smartphone könnte kaputt gehen oder der Kühlschrank sei leer.

3) Sohn, manchmal sind deine Worte in der Tat verletzend. Aber manchmal bin ich auch furchtbar stolz, dass du gelernt hast, dich durchzusetzen, andere in Grund und Boden zu diskutieren und dich auszudrücken. In Gedanken entschuldige ich mich dann immer bei meiner eigenen Mutter, weil ich sie damals genau so angezickt habe, wie du mich jetzt. Ja, Sohn, jetzt ist es raus. Auch ich habe es gehasst aufzuräumen, mir reinreden zu lassen und mir ständig Predigten anhören zu müssen. Wenn wir nicht Mutter und Sohn, sondern gleichaltrig wären, würden wir uns fantastisch verstehen. Aber leider haben wir zwei völlig verschiedene Baustellen: Du die Jugend und ich die Verantwortung. Was ich damit sagen will: Wenn du älter bist, werden wir uns fantastisch verstehen.

4) Sohn, ich liebe dich bis zum Mond und wieder zurück. Egal, was du sagst, tust oder meinst – Mütter sind immer da. Immer. Wir sind quasi eine lebende Inflation. Deshalb werden wir meist erst dann richtig geschätzt, wenn wir nicht mehr immer da sind – so mit 50, 60, wenn wir nach Sylt auswandern. Du bist das Beste, was mir je passiert ist. Das Schwierigste auch, okay, aber der Mensch wächst mit seinen Aufgaben –

und dich gebe ich niemals auf.

 

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig beabsichtigt.

Kafkas „Prozess“ – ein Fake? Eine (un)mögliche Unterrichtsstunde in der Q1…

IMG_0421 (1)

„Kafkas Probleme manifestieren sich in der Unsicherheit des Protagonisten K. Das Gericht steht für seinen Vater.“

„Seh ich auch so. Die Machtlosigkeit K’s gegenüber der gerichtlichen Willkür ist quasi nachzulesen in seiner Biografie.“

„Man kann aber auch mal andersrum denken.“

„Muss man aber nicht.“

„Jetzt halt doch mal die Klappe. Nein. Was ist denn, wenn der Prozess symbolisch für den Weg steht, den alle, also wir, den wir alle gezwungen zu gehen haben verpflichtet — sind…“

„Sehr kafkaesker Satzbau.“

„Muss man das denn interpretieren? Kann man das Werk nicht einfach genießen und so stehen lassen?“

„Ja. Am besten im Regal.“

„Im Regal der Buchhandlung.“

„Ich würde vielleicht argumentieren, dass die komplette Handlung ein Traum ist. Wenn man träumt, ist ja manchmal auch alles völlig durcheinander und ergibt keinen Sinn. Personen spielen eine Rolle, die im wahren Leben niemals aufeinander getroffen sind.“

„Finde ich gut. In dem Traum kommen alle Personen vor, die in Kafkas Leben eine wichtige Rolle gespielt haben: Der strenge, polternde und doch irgendwie wohlmeinende Onkel ist sein Vater, Fräulein Bürstner Felice Bauer, die ganzen anderen nymphomanischen Frauen irgendwelche Bekannte oder Kolleginnen, die er mal attraktiv fand, seine Vermieterin, Frau Gruber, vielleicht eine der Angestellten aus seiner Kindheit, die ihn großgezogen haben. Die Wächter personifizieren dabei irgendwelche Autoritäten, vor denen Kafka Angst hat. Lehrer, Vorgesetzte…“

„Und über allem thront das Gericht, der Prozess, dieses dumpfe Gefühl seines Lebens: Unsicherheit und Machtlosigkeit.“

„Vermutlich ist alles aber auch ganz anders. Unsere Lehrerin hat das Buch geschrieben und uns Fake-Reclams untergejubelt, weil sie so an uns hängt und will, dass wir alle durchs Abitur rasseln. Der Prozess ist eine Metapher für unseren Lernprozess: Irgendwie sind wir alle verhaftet, aber niemand weiß, wohin das führt. Wir wachen morgens auf, und statt unseres Frühstücks bekommen wir eine WhatsApp unserer Deutschlehrerin, in der steht, dass wir alle dem Untergang geweiht sind.“

„Und wer ist dann der Wächter, der unsere Wäsche in Verwahrung nehmen will? Das macht mir Angst.“

„Die Wäsche ist natürlich ein Symbol für all unsre nicht gemachten Hausaufgaben, die sie einsammeln will.“

„Also ist Frau Ä der Wächter.“

„Die Wächter.“

„Die Wächterin.“

„Nein. Die Wächter. Es sind zwei. Frau Ä ist die Wächter. Oder sind die Wächter?“

„Würde passen. Die zwei Seiten einer Lehrerin. Mal gut gelaunt, mal schlecht.“

„Nein, das ist mir zu platt. Frau Ä ist das Gericht. Aufseher, Wächter, Advokaten und so weiter sind ihre… Organe. Also die Gerichtsorgane. Augen, Ohren, Hirn…“

„Ich möchte aber wirklich mit niemandem. Wirklich, mit NIEMANDEM darüber diskutieren, was die Prüglerszene in dieser Interpretation zu bedeuten hat.“

„Ich weiß jetzt nicht, ob das richtig ist, aber Kafka hat doch diese Parabel über die Maus geschrieben. Vielleicht hat er sein eigenes Werk metaphorisch in dieser Parabel verarbeitet: Deutschunterricht ist eine Mausefalle. „Der Prozess“ ist Käse. Und vor der Falle, der wir entfliehen könnten, wartet das Leben mit all seinen Gefahren.“

„Dann hätten wir aber eine Antithese zwischen Leben und Kafka lesen. Supi, ich nehme das Leben. Ein Dilemma, das nicht wirklich eins ist.“

„Vielleicht handelt es sich nicht um keine Antithese, sondern eine Klimax der Grausamkeiten: Zwei Stunden Kafka, 5 Stunden Spanisch, den Rest des Tages Klavierunterricht und Hausaufgaben.“

„Wie gesagt: Vielleicht ist alles nur ein böser Traum.“

„Der Deutschunterricht?“

„Nein, du. Frau Ä, machen Sie sich nichts draus, der hat keine Ahnung.“

„Vorsicht, Madame, du bewegst dich auf ganz dünnem Eis.“

„Nur weil ich die Wahrheit sage?“

„So. Das reicht mir jetzt. Ich geh.“

„Ich auch.“

Alle gehen.

Frau Ä: Aber lasst eure Aggressionen nicht wieder hier rumliegen, sondern nehmt sie mit.

Alle sind weg, Frau Ä sitzt allein im Raum. Plötzlich merkt sie, dass ein Schüler noch da sitzt.

„Was ist?“

„Mein Leben hat nur zwei Ausgänge: Entweder ich bleibe hier und präsentiere mich damit als der Streber, für den mich alle halten, oder ich gehe hinaus in die Welt und zeige mich im nächsten Unterricht als der Streber, für den mich alle halten. Alles ist sinnlos. Was ich auch tue, das Leben gleicht einer Mausefalle, vor deren Ausgang eine Katze wartet.“

Schülerin von draußen: „XY, jetzt komm!“

Schüler XY: „Sehen Sie.“

Verschwindet.