„Jetzt leg doch mal das Handy weg!“

Diesen Satz sage ich oft zu meinen Schülern? Oh ja.

Aber auch meine Tochter sagt ihn oft zu mir. Dabei bin ich gar kein Selbstdarstellungstyp, der alle möglichen Situationen und Erlebnisse sofort öffentlich posten muss. Trotzdem bin ich ständig „mal kurz“ online und hab schon wieder eine Stunde mit – ja was eigentlich? – verbaselt:

  • Mal eben schauen, was die Freunde auf Facebook so treiben

  • Diverse Whatsappnachrichten beantworten

  • Die Besucherzahlen auf meiner Website checken

  • Instagram einen Besuch abstatten und – wenn ich schonmal dabei bin –

  • bei Amazon vorbeischauen, es könnte ja ein tolles Angebot geben

Deshalb habe ich heute bewusst das Handy zuhause gelassen. Mit Mann und Maus auf dem Weg bei königsblauem Himmel in unser Lieblingscafé. Ich werde weder die tolle Aussicht, noch die leckeren Waffeln, noch mein strahlendes Kind fotografieren. Keine Onlinezeitung lesen, nicht facebooken und auch nicht instagrammen.

Nein. Heute mache ich ganz was Neues – ich habe mein Notizbuch mitgenommen (also das ganz analoge, kein iPad oder so, richtig mit Blättern und Stift) und lasse meine Gedanken schweifen. Kritzele herum, schreibe Stichworte für meinen nächsten Websiteartikel auf, mache ein bisschen Unterrichtsplanung und grinse meine Tochter an, die gerade versucht, Kakao zu trinken ohne 90 Prozent dieses herrlichen Gesöffs an die Zone zwischen Nase und Oberlippe zu verlieren.

Ein Bild für die Götter.

Aber heute mal nicht für die Öffentlichkeit.

Ich inhaliere den Anblick und verschließe ihn ganz fest in meinem Herzen, wo sich auch die anderen Erinnerungen einkuscheln, die um so wertvoller sind, als es keine Fotos von ihnen gibt.

Mein Handy vermisse ich kaum. Im Gegenteil. Ich fühle mich frisch, ausgeruht und voller Tatendrang. Schreibe, male und skizziere und habe am Ende das Gefühl, diese eine Stunde im Café wirklich gelebt zu haben. Ich kann es nicht beweisen durch Fotos, auf denen ich ansprechend Notizbuch, Stift und Kaffeetasse drapiere, muss ich aber auch nicht.

Deshalb gibt es auch kein Foto zu diesem Artikel 🙂

Und für den allergrößten Notfall –

hat mein Mann ja sein Handy dabei 🙂

Schönen handyfreien Sonntag euch allen!

Warum ticken Lehrer so unterschiedlich?

Unsere Lehrerin ist super. Sie ist immer entspannt und freundlich, für uns da. Unsere Arbeiten korrigiert sie manchmal schneller, als uns lieb ist, und ihr Unterricht ist immer gut vorbereitet. Auch wenn wir zwischendurch mal mit ihr sprechen wollen, hat sie ein offenes Ohr für uns. Sie hat Humor, und wir lachen viel zwischendurch. Warum können nicht alle Lehrer so sein?

 

Unsere Lehrerin ist ein Grauen auf zwei Beinen. Dauernd gereizt, braucht ewig für die Arbeitskorrekturen. Letztes Mal mussten wir drei Wochen warten. Wenn wir mal kurz mit ihr sprechen wollen, hat sie meist keine Zeit und verweist uns genervt auf ihre Sprechstunde. Jede Stunde läuft nach Schema F – entweder lesen wir nur irgendwelche Aufgaben im Buch, die wir dann machen müssen, oder wir bekommen ein Arbeitsblatt. Ich glaube, sie hasst ihren Beruf.

Weshalb ticken Lehrer so unterschiedlich? Weshalb hat man als Schüler oder Eltern (und auch Kollege) den Eindruck, für manche sei Lehrersein eine Berufung, in der sie völlig aufgehen, während andere nur frustriert auf ihre Rente warten? In einem meiner früheren Artikel hatte ich darüber geschrieben, dass viele Dinge beeinflussen, ob der Job top oder Flop ist:

  • die eigene Einstellung
  • die Lerngruppen
  • die allgemeine Atmosphäre
  • die Beziehung zu Kollegen und Schulleitung
  • und, und, und.

Doch einen wichtigen Punkt habe ich besonders krass am eigenen Leib erfahren: Die Zitate oben sind frei erfunden, aber die Lehrpersonen, die dahinter stecken, kenne ich gut.

Beides bin ich.

Oben mit einer halben Stelle von 12 Stunden und nur drei verschiedenen Kursen in der Oberstufe, von denen einer keine Klausuren schreibt. Das heißt, mit ca. 35 verschiedenen SchülerInnen (manche habe ich in beiden Fächern) und nur 20 Korrekturen pro Quartal. Ohne Klassenleitung, ohne weiteren bürokratischen Aufwand. Mit viel Zeit für tolle Unterrichtsvorbereitung, die mir großen Spaß macht. Mit nahezu erwachsenen Schülern, die sich auf das Abitur vorbereiten und den Unterricht weitgehend ernst nehmen. Mit einer nahezu leeren Elternsprechtagsliste.

Unten mit einer vollen Stelle von 26 Stunden und acht verschiedenen Klassen / Kursen, von denen vier Klassenarbeiten schreiben. Das heißt, mit ca. 204 verschiedenen Schülern und gut 100-200 Klassenarbeiten pro Quartal (die unteren Klassen schreiben mehrere Arbeiten). Und mit einer Klassenleitung, zudem mit Lerngruppen, die zum Teil mitten in der Pubertät sind, und nach deren Unterrichtsstunde ich mich fühle, als wäre ich vom Laster überrollt worden. Das bedeutet im Klartext: Jede Woche / jedes Wochenende liegt ein Stapel Korrekturen auf meinem Schreibtisch. Ein Arbeitsstrom, der gefühlt nie endet. Mit einer täglichen To-Do-Liste von Elternanrufen, Antworten auf Beschwerde-Mails, auszufüllenden Listen, Terminen und Besprechungen. Und mit der Erwartungshaltung vieler Eltern und Schüler, ich müsse jedem möglichst sofort zur Verfügung stehen. Was ich natürlich gerne würde. Aber irgendwann nicht mehr kann.

Zeit ist ein wichtiger Faktor,

der oft in meinem Job

über Top

oder Flop

entscheidet.

…weil Kinder gut nachahmen und schlecht zuhören.

„Danke, liebe Mama.“

Diese höchste Wohlerzogenheit suggerierende Aussage bekomme ich des öfteren zu hören. Und auch für Kleinigkeiten – das mitgebrachte Ü-Ei aus dem Supermarkt, einen geschnittenen Apfel oder einfach, weil ich ihr einen Teller aus dem Schrank gebe. Und das, obwohl weder mein Mann, noch ich ihr das beigebracht haben. Klar sagen wir ihr, dass „bitte“ und „danke“ sagen wichtig ist, aber auf so eine höfliche Weise?

Da gibt es ganz andere Sachen, die sie sehr viel öfter zu hören bekommt. Ganz oben auf der Liste:

  1. man räumt alle Sachen auf, die man nicht mehr braucht
  2. man zeigt Geduld im Alltag und unterbricht andere nicht
  3. vor Spinnen braucht man keine Angst zu haben, im Gegenteil, das sind hübsche und nützliche Tiere

Weshalb kann sie sich das nicht merken? Ihr Zimmer sieht meist aus wie nach einem Bombenangriff. Wenn sie etwas wissen möchte, muss man sofort antworten und zwar sofort und hier und jetzt. Spinnen lösen immer den leicht hysterischen Schrei „Mamaaaa…“ aus. Wir reden uns den Mund fusselig. Weshalb ist das so?

Neulich bin ich dem Geheimnis auf die Spur gekommen. Unsere Tochter machte sich ständig Sorgen, ob wir denn zur Musikschule / zum Kindergarten / zum Sport zu spät kämen. Als ich meinen Mann fragte „Woher hat sie das bloß?“, antwortete er nur schulterzuckend „von dir.“ Und er hat Recht.Von meinen Eltern streng zur Pünktlichkeit erzogen, werde ich immer gleich hibbelig, wenn es mal ein paar Minuten später werden könnte.

Kinder sind nämlich wesentlich besser im Nachahmen, als im Zuhören (das gilt nicht für Erwachsenengespräche, Schimpfwörter oder Unterhaltungen über Geburtstagsgeschenke, da haben sie Ohren wie ein Luchs). Und so, wie sie sich bei uns abschaut, dass auch wir Erwachsenen uns für alles Mögliche freundlich bedanken, schaut sie sich bei mir ab, dass Mama sehr oft SacheFullSizeRender 2n herumliegen lässt, manchmal hektisch anderen ins Wort fällt oder zusammenzuckt, wenn sie eine Spinne sieht. Ich kann ihr hundertmal erzählen, dass das harmlose, sogar höchst wertvolle Mitglieder unserer Gesellschaft sind – sie sieht, dass ich ängstlich reagiere, also übernimmt sie diese Angst auch.

Wenn wir wollen, dass sich unsere Kinder anderen Menschen gegenüber respektvoll benehmen, müssen auch wir das tun. Wenn wir wollen, dass sie selbstbewusst und ohne Angst zur Schule oder zum Zahnarzt gehen, müssen wir in Wort und Tat, in unserer Einstellung und unserem ganzen Verhalten ein gutes Beispiel abgeben.

Wir sind schließlich VorBILDER. Keine Vortragenden. Reden können wir am Pult, auf der Bühne, am Mikro oder ins Megaphon: Zuhause müssen wir SEIN.

Wenn mir die Dokumentation der Dokumentation um die Ohren fliegt

In einer Lehrerkonferenz hat man viel Zeit, die Menschen um sich herum zu beobachten, über ihre Aussagen nachzudenken und sich in Tagträumen zu verlieren…

Also kurz. Ansonsten ist man natürlich hochkonzentriert.

Der folgende Artikel erzählt ausnahmsweise nicht aus meinem Leben, sondern ist einer lieben Kollegin gewidmet, an deren positiver Ausstrahlung sich mancher ein Beispiel nehmen könnte:

Aus dem Tagebuch einer Klassenlehrerin…

In meiner 10a hausen,IMG_9391 lernen, schlafen 28 Schülerinnen und Schüler. Davon ungefähr acht Vernünftige, zehn, die keinen Bock haben und zehn Weitere, die intellektuell immer etwas länger brauchen… Mit meinem Unterricht bin ich dennoch bisher sehr gut klar gekommen. Das Geheimnis ist: Tough, schnell und konsequent sein, damit die Bande gar keine Zeit hat darüber nachzudenken, was sie alles anstellen könnte. Wenn ich den Raum betrete, haue ich ihnen ein fröhliches „Guten Morgen“ um die Ohren, und dann geht es los mit dem Unterricht. Hart, aber herzlich. Streng, aber guter Laune.

Zumindest bisher war das so. Doch neuerdings habe ich ein neues Hobby: Dokumentieren. Naja, ehrlich gesagt ist es das neue Hobby des Schulwesens, das mir gut zu finden empfohlen wurde. Ich dokumentiere alles. Wann wer zu spät kommt, warum wer keine Hausaufgabe hat, wie es jedem warum geht, und das in dreifacher Ausführung:

  1. Im digitalen Klassenbuch (im Prinzip eine geniale Erfindung),
  2. in meinem Lehrerkalender (den das digitale Klassenbuch eigentlich ersetzen sollte, aber man weiß ja nie, ob das Ding mal ausfällt)
  3. und im jeweiligen Planer meiner Schüler, sofern sie etwas vergessen oder nicht oder falsch gemacht haben. (Also bei ca. 75% der Klasse, siehe meine Aufzählung oben…)

Ach ja, und als Klassenlehrerin kontrolliere ich natürlich auch die Dokumentationen meiner Kollegen – ob auch ja niemand etwas vergessen hat einzutragen.

Ich fühle mich wie im Krieg. Aufrüstung.

Ich dokumentiere möglichst alles, um – ja, warum eigentlich? Um nur ja den Eltern keinen Grund für Beschwerden zu geben? Damit ich lückenlos nachweisen kann, dass ich niemals zu Unrecht ein unschuldiges Kindlein des Hausaufgabenvergessens oder sonstigen Vergehens beschuldigt habe? Zum Beweis, dass meine 3- hieb- und stichfest belegbar ist und nicht Ergebnis einer vergrämten Lehrerkrämerseele? Was ist denn mit dem herkömmlichen Vertrauen meine pädagogischen Fähigkeiten? Aus der Mode gekommen? Ausgewandert? Liquidiert? 

Nun, ich bin eine verantwortungsbewusste, loyale Arbeitnehmerhin und dokumentiere. Gefühlt bleiben dann pro Stunde noch 5 Minuten Zeit zum Unterrichten, in Echtzeit vielleicht 20, nachdem ich die Meute wieder im Griff habe, die während meiner Dokumentation begonnen hat, außer Rand und Band zu sein. Nachdem ich auch das dokumentiert habe, können wir ein bisschen lernen. Aber wirklich nur ein bisschen, was ja sein muss, damit ich meine exzellent durchdokumentierten Noten geben kann.

Plötzlich kommt mir ein genialer Gedanke:

NICHT unterrichten könnte ich doch auch prima auch von zuhause aus… Home-office sozusagen.

Ich muss es nur dokumentieren.

Stündlich.

5 kleine Missverständnisse zum Thema Erziehung

Die folgende Hitliste entbehrt jeder wissenschaftlichen Absicherung und basiert lediglich auf Lebenserfahrung. Rein persönlicher, subjektiv durchtränkter Lebenserfahrung als Tochter, Frau, Mutter, Lehrerin, Freundin, Nachbarin und Humanistin

Eltern und ihre Kinder müssen Freunde sein

Wenn Kinder unsere Freunde wären, hießen sie Freunde und nicht Söhne oder TöchFullSizeRenderter. Eltern sind die ersten und wichtigsten Vorbilder ihrer Kinder, die völlig unwissend auf eine Welt kommen, auf die sie niemand vorbereitet hat: Sie kennen weder unsere gesellschaftlichen Konventionen, noch wissen sie, was Ironie ist. Sie wissen nichts von den 10 Geboten, dem Grundgesetz oder der Hausordnung von Frau Meyer aus dem dritten Stock. Das müssen wir ihnen zeigen und beibringen. Am besten durch Vorleben. Und damit sie im Leben nicht gehörig auf die Schnauze fallen, weil sie den Chef aus Frust laut „Hurensohn“ nennen, als Mann ein Damenklo benutzen oder bei Rot über die Ampel fahren, müssen wir ihnen durch vernünftige Konsequenzen zeigen, was passiert, wenn sie sich nicht an Regeln halten. Wenn mein Kind bei Rot über die Ampel läuft, ist das keine kreative Auslegung der Verkehrsregeln, oder besonders selbstbewusstes Verhalten, sondern lebensgefährlich.

Wenn alles gut läuft, werden unsere Kinder genug Freunde im Leben finden. Dazu brauchen sie uns nicht auch noch. Aber Eltern haben sie nur zwei, also sollten wir uns bemühen, die Rolle auch gescheit auszufüllen.

Die Erziehung übernehmen Kindergärten und Schulen

Nö.

Kindergärten und Schulen haben zwei Aufgaben: Bilden und Betreuen. Dabei sollen sie natürlich die Erziehung der Eltern fortführen und unterstützen, aber ganz sicher nicht ersetzen. Wie soll das überhaupt gehen? Eine Mutter hat im Durchschnitt vielleicht zwei Kinder, eine Lehrerin 30. Wenn die Mutter es nicht schafft, ihrem Kind gutes Benehmen beizubringen, wie soll es dann die Schule…?

Verbote oder Strafen brechen den Willen des Kindes und überfahren seine Persönlichkeit

Verbote und Strafen müssen natürlich sinnvoll sein. Ein Verbot trägt dazu bei, das Kind vor Schaden zu bewahren (wie z.B. „man spielt nicht mit Feuer“ oder „vor einer roten Ampel bleibt man stehen“), die Strafe sollte dazu dienen, dem Kind die Konsequenzen vor Augen zu führen. Wenn man nur diskutiert und sich immer Wieder um den Finger wickeln lässt, lernt das Kind „eigentlich darf ich alles, wenn ich nur lange genug diskutiere“. Aber wenn es lernt, dass auf Fehlverhalten unliebsame Konsequenzen folgen, überlegt es sich das eines Tages anders.

Mein Kind weiß am besten, was gut für es ist.

Also, mein Kind weiß nicht von sich aus, dass zuviel Zucker dick macht und den Zähnen schadet. Mein Kind weiß nicht, dass ein Sommerkleid im Winter zwar obercool und sehr chic ist, es davon aber leicht eine Nierenbeckenentzündung oder Schlimmeres bekommt. Mein Kind weiß auch nicht, dass viele Vollidioten im Straßenverkehr unterwegs sind und man deshalb immer lieber einmal zuviel guckt, und nicht planlos über die Straße läuft, auch wenn es eine „Spielstraße“ ist. Nein, mein Kind weiß nicht, was gut für es ist. Aber ich kann ihm geduldig und liebevoll beibringen, es zu lernen.

Unsere Aufgabe als Eltern ist es, unser Kinder vor allem Unbill zu schützen.

Dieser Satz hört sich zunächst richtig und löblich an. Birgt aber Gefahren. Denn eigentlich ist das eine unmögliche Aufgabe. Ich kann mein Kind nicht vor allen Schwierigkeiten schützen, weil ich nicht der liebe Gott bin. Es wird unweigerlich in seinem LebeFullSizeRendern auf bösartige Menschen, gefährliche Situationen, schlechte Noten, Wut, Trauer und Ärger treffen. Wenn ich ihm dann nicht beigebracht habe, wie man damit umgeht, wird es untergehen. Ich sollte ihm vielmehr ein gesundes Selbstwertgefühl und Kritikfähigkeit beibringen, damit es später bei (1) blöden Sprüchen von Anderen, (2) einer 3- in Mathe oder (3) Verlaufen im Kaufhaus nicht in Tränen ausbricht oder (4) einen Wutanfall bekommt, wenn mal etwas nicht nach seinen Vorstellungen läuft. Sondern damit es lernt, sich im Falle des Falles (1) zu wehren, (2) Rückschläge als Ansporn zu begreifen, (3) Hilfe zu holen oder (4) nach anderen Lösungen zu suchen.

Also seien wir

statt Freunde Vorbilder und liebevolle Eltern

statt Ernährer Erzieher

hart, aber herzlich, offen, aber konsequent

statt Bewunderer Vor- und Ausbilder

statt Beschützer Trainer

Nur Sprechenden kann geholfen werden ;-)

„Schule soll doch aufs Leben vorbereiten…“ hörte ich diese Woche aus meinem Leistungskurs, in dem man sich – mit meinem völligen Einverständnis – darüber echauffierte, weshalb man denn in Mathe so abgehobene Dinge wie Kurvendiskussionen machen würde statt zu lernen, wie man eine Steuererklärung oder – mein Hinweis – einen Bafög-Antrag ausfüllt. Weshalb man im Deutschunterricht eine Textanalyse nach der anderen schriebe, statt mal eine ausführlich Reihe zum Thema „Bewerbungsschreiben verfassen“ oder „Wie werde ich Millio– Schriftsteller“ durchzuführen.

Das alte Lied.

Wer bereitet aufs Leben vor? Elternhaus oder Schule?

Wer erzieht die Brut? Eltern oder Lehrer?

So sehr vielen von uns diese Diskussion vielleicht langsam zu den Ohren herauskommt, so unterschiedlich sind doch die Meinungen dazu. Prinzipiell ist man sich vermutlich einig: Die Eltern erziehen, die Schule bildet.

Aufs Leben bereitet das Leben vor. Die Erfahrung. Und dabei unterstützen einen im besten Fall sowohl die Familie als auch die Schule. Und natürlich hat Schule die Aufgabe, die Erziehung der Eltern zu unterstützen und fortzuführen, sie kann und will sie aber nicht ersetzen.

Direkt gesagt:

Eltern lehren:

  • bitte / danke sagen
  • Respekt anderen gegenüber
  • freundlichen und höflichen Umgang
  • Rücksicht auf andere nehmen, abwarten können
  • usw.

Lehrer lehren:

  • Mathematik
  • Fremdsprachen
  • lesen und schreiben
  • geschichtliches, geographisches und politisches Allgemeinwissen
  • usw.

Das heißt natürlich nicht, dass nicht auch die Eltern ihre Kinder weiterbilden sollen und können oder dass Lehrer nicht auch mal erzieherisch tätig werden. Aber es ändert nichts am Grundprinzip. Wie sollten Lehrer mit 32 Kindern fertig werden, wenn es nicht mal Eltern mit einem schaffen? Da hier aber die Meinungen oft so weit auseinander zu driften scheinen (eine mir sehr nahestehende Person sagte mal über ihr partout nicht hören wollendes Kind: „Hach, wenn es erstmal in die Schule kommt, da wird es erzogen“), wäre es eigentlich doch sinnvoll, sich öfter und intensiver über gegenseitige Erwartungen auszutauschen. Eltern und Lehrer. Die Angst („wenn ich mich beschwere, muss mein Kind das ausbaden“) bzw. den Anwalt zuhause zu lassen und das konstruktive Gespräch zu suchen.

Es ist doch so: Ich als Lehrerin fühle mich sehr viel wohler, wenn ich weiß, dass man mich vertrauensvoll über Dinge informiert, die anscheinend suboptimal laufen. Dann kann ich sie ändern, oder zumindest offen ansprechen, statt langsam zum Alptraum meiner Schüler zu mutieren, ohne es zu merken. Wenn dann mein Kind demnächst in die Schule kommt, wird es mir als Mutter auch lieber sein, wenn umgekehrt die Klassenleitung etwaige Probleme anspricht, statt sie auszusitzen. Ich möchte nämlich auch nicht, dass mein Kind zum Alptraum irgendeines Lehrers mutiert. Was ich übrigens wie alle Mütter für völlig unrealistisch halte 😉

Oder, wie meine Lieblingsnachbarin immer zu sagen pflegt:

Nur sprechenden Menschen kann geholfen werden.

Lego – Unterrichtsbausteine einmal anders

Alles, was den Lernstoff gut erklärt und trotzdem Abwechslung vom Text- und Tabellenalltag bringt, ist in meinem Unterricht herzlich willkommen.

Abwechslung – in kleinen Dosen – motiviert und überrascht. In diesem Fall nicht in Dosen, sondern eher in kleinen und großen Schachteln. Schon mit fünf Jahren entdeckte ich meine Liebe zu den kleinen Bausteinen in bunten Farben, und somit bin ich auch begeisterte Lego-Lehrerin. Hier eine kleine Übersicht der Einsatzmöglichkeiten aus meinem Deutsch- und Musikunterricht:

IMG_7751Man kann mit den kleinen Helfern zum Beispiel den Akkordaufbau und die Umkehrungsmöglichkeiten verdeutlichen – angefangen beim einfachen Terzaufbau bis hin zum Expertenwissen bezüglich Kadenzen.

Mit den verschiedenen Steingrößen kann man arbeiten, wenn man zum Beispiel in Klasse 5 (und auch später) die verschiedenen Tondauern, sprich Notenwerte erklärt. Wieviele Halbe passen in einen 4/4-Takt? Oder – wieviele 2-er Steine passen auf einen 4er-Stein?

Auch die unterschiedlichen Intervalle lassen sich so anschaulicher darstellen.


Im Deutschunterricht kann man zum Beispiel Satzkonstruktionen bauen lassen – und die SchülerInnen erleben haptisch bei der Umstellprobe, dass manche Wörter ein Satzglied bilden und nicht getrennt werden können.

Oder man entwendet der Tochter ihrer sämtlichen LegoDuplo-Prinzessinnen und -Piraten und erweckt Dramenszenen zum Leben oder verdeutlicht zumindest die Figurenkonstellation aus „Faust“ oder „Woyzeck“.

Nachdem wir seitenweise Literatur gewälzt und übersichtliche, fein nach Epochen sortierte Tabellen zum Thema Literaturepochen angefertigt haben, wollte ich den SchülerInnen noch einmal veranschaulichen, was der Begriff „Epoche“ überhaupt bedeutet – dass die Grenzen fließend sind, IMG_9126 und alle Epochen in der Geschichte miteinander zusammenhängen. Dazu habe ich ein „Schaubild“ gebaut und hatte inklusive Vortrag nicht nur die volle Aufmerksamkeit des ganzen Kurses, sondern auch selber eine Menge Spaß.

Wie gesagt – auf die Dosis kommt es an, auch die beste Idee verliert an Wert, wenn man sie zu oft oder nur noch wegen des vermeintlichen Showeffektes verwendet, aber falls ihr Lehrer seid und das nächste Mal für eure eigenen Kinder Lego kauft: Seht es auch als Investition in euren Unterricht 😉

Text voller Grimm ;-): Na, wer kennt sie alle?

Hans, Marie, Betty und Ilse, genannt „Ilzchen“, gründeten eine Band. Sie wollten sich „Die Kristallkugel“ nennen, in Anlehnung an coole Discokugeln, aber eben aus wertvollem Kristall. Nun suchten sie die richtige Stilrichtung für sich.

FullSizeRenderHans meinte: „Ich hab vom Fischer und seiner Frau gehört, dass Volksmusik total in ist. Vielleicht sollten wir in die Richtung…“ Ilzchen fragte: „Wer ist denn der Fischer?“, und Marie antwortete genervt: „Er meint den Silbereisen, den Dauerverlobten von der Helene Fischer. Hans hat heute mal wieder einen Clown gefrühstückt oder zuviel vom Rotkäppchen-Sekt getrunken. Volksmusik ist so yesterday, Hans. Im glücklichsten Fall machen wir eine goldene Platte, danach nix mehr.“ Hans grinste. „Aber einmal Gold, Marie, ist doch super!“ Doch Marie winkte ab. „Ich würde vorschlagen, wir machen was in Richtung Rap.“ Sie teilte Noten aus. „Das ist unser Stück, wir gehen das mal durch.“

Sie rappten, tanzten und sangen sich die Seele aus dem Leib, doch es wollte nicht klappen. Der große musikalische Höhenflug blieb aus, sie klangen eher wie die drei Männlein im Walde. „Hans, mein Igel, kannste nicht rappen?“ Marie klang verzweifelt. „Wir sind doch nicht die Bremer Stadtmusikanten! Zeig mal Taktgefühl!“ Sie blätterte zurück. „Nochmal den Rap. Un‘ zelebrier den Text mal richtig.“ Langsam wurde es besser. Doch zufrieden war Marie immer noch nicht. „War schon besser, aber du rumpelst, Ilzchen, du bist nicht im Takt.“ Langsam reichte es den Anderen. „Dann hast du eben Pech, Marie„, gab Ilzchen beleidigt zurück.

Hans überlegte. Wie könnte man Maries Laune etwas verbessern? Ha! Blumen. Er bat um eine Pause und lief zum nächsten Floristen. Moment. Er wühlte in seinem Portemonnaie. Hatte er überhaupt noch Asche? N‘ Puttelchen war noch übrig, für einen kleinen Strauß Rosen würde es reichen. Als er zurückkam, wechselten die Mädels grad die zertanzten Schuhe. Hans kniete vor Marie nieder. „Hier, Rosen ohne Dorn‘, Röschen.“ Marie hob die Augenbraue. „Ich hasse Rosen, weißt du das nicht? Ich liebe Orchideen. Am besten schneeweiß. Und Rosen rotten vor sich hin.“ Hans war gerade daumesdick vom Platzen entfernt. Aber er riss sich zusammen. „Dann keine Blumen, aber wir fahren am Wochenende ans Meer, Häschen, okay?“ Sie nickte. „Das ist schon eher was, am besten wir alle vier zusammen, dann können wir noch etwas proben.“

Hans schluckte. Er und die drei Spinnerinnen zusammen in Urlaub?

Niemals.

Und so fuhr er allein, und startete überdies eine sehr erfolgreiche Solokarriere. Ohne die Gänse. „Mag die doch der Bohlen holen.“

5 Gründe, weshalb Kinder keine Bücher lesen sollten

fullsizerender1) Lesen bildet. Dass es Sumerer, Attila, den Hunnenkönig oder Pompeji gab, weiß ich nicht aus dem Geschichtsunterricht, sondern habe ich zum ersten Mal in meinen Micky-Maus- und Donald-Duck-Büchern gelesen. Wie es in Deutschland in den Jahrzehnten um 1900 ausgesehen hat, weiß ich von „Trotzkopf“ oder „Nesthäkchen“. Aber da es natürlich nur gerecht ist, wenn alle Kinder, die den Unterricht besuchen, gleich viel oder wenig wissen (man soll ja heutzutage auch die Rechtschreibfehler seines Kindes nicht mehr verbessern, es soll so schreiben, wie es hört, meint oder fühlt), sollten sie möglichst auch keine auffälligen Geschichtskenntnisse haben, die dann im Unterricht zu Langweile führen, weil man das ja alles schon weiß.

2) Lesen entführt in eine andere Welt. Dort kann man sein, wer man will – Winnetou, Prinzessin oder ein Hobbit. Man kann sein, wie man will – für das Gute kämpfen, das Böse verkörpern oder einfach in Bullerbü mit den netten Kindern Baumhäuser bauen. Doch die Kinder von heute sind schon abgelenkt genug, wie sollen sie neben Hausaufgaben, handelsüblicher iPad- und Smartphonebedienung jetzt auch noch zum Lesen kommen.

3) Lesen hilft dabei, sich im Leben zurechtzufinden. Eine Geschichte, die mich bis heute prägt, ist Momo. Heute so aktuell wie nie beschreibt sie, was Zeit bedeutet, wie sorgsam man mit ihr umgehen sollte, dass man auf der Jagd nach Zeitersparnis genau das Gegenteil erreicht. Auch, wenn wir mit Helden mitfiebern, die uns zeigen, dass Außenseiter oft die besseren Menschen sind, lernen wir dazu. Vorbilder prägen uns, auch literarische. Aber wenn einem schon die ganzen KindergärtnerInnen und LehrerInnen ständig in die Erziehung funken, dann doch bitte nicht auch noch Meister Hora oder Albus Dumbledore.

4) Lesen tröstet. Wenn man gemobbt wird, schlechte Noten bekommt oder sonst wie Ärger hat, kann man sich mit einem Buch (und Schokolade) in seine Kuschelkissen zurückziehen und ein paar Stunden in eine Welt flüchten, die besser, anders und schöner als die eigene ist. Und das wollen wir ja nicht. Unsere Kinder sollen keine Träumer werden, sondern lernen, sich mit der harten Realität auseinanderzusetzen.

5) Lesen trainiert die eigene Sprache – ohne büffeln. Klar ist man besser in Rechtschreibung und Ausdrucksvermögen, wenn man viel liest. Einfach dadurch, dass sich das Hirn ständig bewusst und unbewusst mit Sprache beschäftigt. Man „weiß“ einfach, wie bestimmte Wörter buchstabiert werden, und man bekommt einen größeren Wortschatz. Aber wir wollen ja keine Eliteschüler, Besserwisser oder Streber großziehen.

Also:

Sagen wir unseren Kindern täglich, dass Lesen schädlich ist, aber nehmen wir dabei stets ein Buch in die Hand, denn wir wissen ja: Kinder folgen unserem Rat, nicht aber unserem Beispiel.

Oder hab ich da was verwechselt?

„Muß Te l@n’g AUF BUS War Te n“: Omi hat jetzt WhatsApp

Wenn Eltern ihre Kinder überraschen…

Meine Mama ist 73.

Ihr Handy ist vermutlich zwischen den beiden Weltkriegen entstanden. Zu Weihnachten haben wir, ihre Kinder, also beschlossen, dass es Zeit für ein Smartphone ist. Wir wohnen nicht nahe beieinander, und ich möchte meine Mama durch Fotos an unserem Alltag teilhaben lassen. Also sind wir losgezogen und haben ein schönes Exemplar für Senioren ausgesucht: Leicht zu bedienen, großes Display.

Natürlich hatten wir ein wenig Sorge, sie zu überfordern. Was ist, wenn sie keine Lust hat, soviel Neues zu lernen (und für sie bedeutet ein Smartphone sehr viel Neues, sie hatte bisher keinen Internetanschluss, keine Ahnung von Apps und hat mit ihrem Handy nur telefoniert und gesmst), wenn sie verzweifelt, weil sie Angst hat, uns zu enttäuschen?

Weit gefehlt.

Mümmis erste Reaktion: „Na, ich hoffe, ihr habt Geduld, mir das beizubringen.“

Haben wir. Und jetzt übt sie. Jeden Tag. Natürlich lachen wir uns kaputt, wenn whatsapps kommen wie

„Bin DA HEIM… Muß Te l@n’g AUF      BUS War Te n.“,

aber wir lachen niemals über sie, sondern mit ihr. Wir haben großen Respekt davor, wie vorurteilsfrei und interessiert am Lernen sie sich darauf einlässt und jeden Tag besser wird.

Einer meiner vielen Vorsätze für das neue Jahr ist, das Alter noch mehr zu respektieren. Sowohl nach oben als auch nach unten. Also, die Jugend für ihre Talente, und auch die weisen Semester. Manchmal bin ich einfach zu ungeduldig: In der Schule, obwohl mir natürlich klar ist, dass die Jugendlichen noch nicht alles wissen können, und bei meiner Mama, obwohl ich weiß, dass mit dem Alter das Gehör und die allgemeine Schnelligkeit abnehmen. Wer weiß, was meine Kinder und Enkel mir später augenbrauenhochziehend beibringen müssen… Demut, Demut.

In diesem Sinne:

Ein gutes neues 2017 – Eltern, Lehrer, Kinder, Schüler, überrascht und respektiert euch!