Wurzeln und Flügel

Wurzeln und Flügel.

Das ist die Antwort, die unsere Kindergartenleiterin ins Gruppenfotobuch schrieb auf die Frage, was sie „ihren Kindern“ für die Zukunft wünsche. Starke Wurzeln, um kräftige Flügel wachsen zu lassen.

Wir alle wollen unsre Kinder behüten, schützen, sie vor allem Unheil bewahren. Das ist unser natürlichster Elterninstinkt. Manchmal, auf dem Spielplatz, würde ich andere Kinder gern mit Sand bewerfen, weil sie nicht mit meiner Tochter spielen wollen (tu ich natürlich nicht 😉 Wenn sie Streit im Kindergarten hat und lieber zuhause bleiben will, würde ich sie natürlich am liebsten im Arm halten und sanft durch den Tag wiegen. Tu ich natürlich auch nicht. Nein, sie muss da allein durch. Mit tröstenden Worten meinerseits und liebevollem Kuscheln, aber letztendlich muss sie ihr kleines tägliches Päckchen selber schnüren. Denn natürlich will ich sie auch bereit machen für die Zukunft, damit sie sich eines Tages, wenn Spinat und Bananenpfannkuchen sie groß und stark gemacht haben, allein zurecht findet in der Welt. Und dafür muss sie auch scheitern lernen, den Umgang mit dem Frust.

Vor ein paar Tagen hatten wir Elternkaffee in der Kita, eine schöne, gemütliche Tradition einmal im Monat. Die Eltern, die Lust und Zeit haben, treffen sich mit der Kitaleitung auf einen zwanglosen Schwatz bei Kaffee und Keksen. Man kann sich austauschen, lustige Erzählungen der Kinder zitieren oder um Rat fragen. Unsere „Chefin“, mit einem Herz aus Gold und einer Stimme aus Feuer berichtete uns von den großen und kleinen Erfolgen unserer Mäuse. Dass sie sie in allen Bereichen lobe und unterstütze, aber eben auch durchausmal kritisiere, wenn es angebracht ist. Eine Mutter meinte, man müsse seine Kinder doch eigentlich immer loben, und natürlich liegt der Gedanke nahe, dass sich aus vielgestreichelten Seelen selbstbewusste Charaktere entwickeln, doch als Lehrerin muss ich auch gestehen, dass mir immer häufiger Kinder begegnen, die so gar nicht mit (berechtigter) Kritik umgehen können. Sie weinen über eine 3+, rasten aus, wenn sie etwas nicht sofort können oder verzweifeln in Grund und Boden, weil das Zeugnis nicht so aussehen wird, wie sie es sich erhofft hatten.

In dem wunderschönen Buch „Ronja Räubertochter“ wird eine Mutter-Tochter-Beziehung geschildert, wie ich sie mir immer zum Vorbild genommen habe: Eine Mutter, die im Prinzip immer da ist, ansprechbar, tröstet, zuhört, erklärt, aber die ihrem Kind alle Freiräume lässt, die (durchaus nicht immer ungefährliche) Welt selbst zu entdecken. Wie eine Seiltänzerin mit Sicherheitsnetz. Die Mutter ist das Netz, aber über das Seil schaffen muss es das Kind allein. Wenn es fällt, fängt die Mutter es auf und lässt ihr Kind einen neuen Versuch wagen. Wenn ich etwas nicht kann, oder mir Gegenwind den Atem raubt, habe ich zwei Optionen: Aufgeben, weil es mir nicht wichtig ist, oder erst recht Gas geben und versuchen, besser zu werden. Niemand von uns kann alles. Niemand von uns gefällt jedem. Nicht im Alltag, und in der Schule erst recht nicht. Oft habe ich den Eindruck, Schüler und Eltern halten nur Einsen und Zweien für akzeptable Noten. Und Kritik des Lehrers an der Leistung sei Kritik an der Persönlichkeit des Kindes. Warum ist es nicht völlig okay, in seinen Glanzfächern Einsen und Zweien, und  im Rest Dreien zu haben? Warum darf man sich nicht auch mal eine Vier in einem Fach leisten, das einem nunmal gar nicht liegt? Ist es im Kitaalter nicht völlig okay, zu bauen wie ein junger Gott, aber zu malen wie ein Hamster?

Natürlich möchte ich, dass mein Kind später beruflich alle Chancen hat, dazu gehört auch ein guter Notenschnitt. Doch ich möchte auch, dass es lernt, sich von der ein oder anderen Niederlage nicht abschrecken zu lassen auf dem Weg zu seinem wie auch immer gearteten Ziel. Dass es auf sich selbst vertraut und verlässt. Und nicht eines Tages eine vielversprechende Zukunft hinschmeißt, weil sein Chef es einmal zur Schnecke gemacht hat.

Deshalb wünsche ich meinem Kind auch starke Wurzeln und Flügel: Wurzeln, indem ich ihm mitgebe, dass ich es uneingeschränkt liebe und unterstütze, dass es alle Fähigkeiten hat, seinen Weg zu gehen. Indem ich ihm Wege aufzeige, mit Misserfolgen klarzukommen, damit es kräftige Flügel entwickelt, um sowohl hinaus in die Welt, als auch ab und zu wieder zu Mama und Papa nach Hause zu fliegen – sei es, weil der eigene Kühlschrank leer ist, weil man einen Babysitter für die Enkel braucht oder einfach nur, weil man gern zu seinen Wurzeln zurückkehrt.

Was wäre wenn…

… eine Klassenfahrt eine klasse Fahrt wäre?

… die Schüler dort eine tolle Zeit mit ihren Freunden verbringen würden, mit Blödsinn, Abenteuern, Spielen und Gesprächen statt mit ständigem Anspruchsdenken, Gemeckere und Besäufnissen?

… Schüler Bescheidenheit und Dankbarkeit als coole Eigenschaft entdeckten statt sich rund um die Uhr zu beklagen, denn:

  • Der Urlaub, den sie bisher mit den Eltern kennen gelernt haben, war vielleicht teurer, luxuriöser, „all inklusive“, aber war er auch so lustig?
  • Lehrer machen Klassenfahrten freiwillig. Sie werden weder für 24h pro Tag bezahlt, noch dafür, dass man ihnen Beleidigungen an den Kopf werfen darf, weil die Jugendherberge XY so wenig Ähnlichkeit mit einem 5Sterne-Hotel hat, man wandern muss (Hilfe!) oder einfach schlechte Laune hat.

Dazu vielleicht ein kurzes Zitat aus meinem Roman:

Ich habe schon öfters die Meinung gehört, dass es Lehrer gäbe, die nur auf Klassen- oder Kursfahrten gingen, um nicht arbeiten zu müssen. Sehr witzig. Als wenn Jugendliche schlafen würden. Also, tagsüber schon, im Bus, im Unterricht, im Stehen. Aber nicht nachts. Vermutlich pennen Studenten in der Regel deshalb so lange, weil sie ihren freiwilligen Schlafentzug von Klassenfahrten neutralisieren müssen. Nachts, wenn sich die Lehrer von den diversen Ausflügen, Museumsbesichtigungen und Gruppenspielen erholen wollen, werden sie erst richtig aktiv. A kann nicht schlafen, weil B ihn nicht liebt. Außerdem hat C beobachtet, dass D bis K Alkohol mit in die Jugendherberge geschmuggelt haben, das dürfen die doch nicht, oder? F und L haben sich auf ein Zimmer verdrückt und üben dort sexuellen Beischlaf aus, während M auf dem Dach der Jugendherberge steht und Selbstmord begehen will. Warum, weiß keiner außer N, der aber nicht aufzufinden ist. Und so weiter. Wer ist so bescheuert, (…) unbezahlte Überstunden zu schieben (…) ? (…) Ich beschwere mich nicht über die Fahrten an sich, sondern über die Einstellung vieler, wir Lehrer würden uns da einen Lenz machen.

 Jenny Stila, aus: „Von ganzem Herzen mangelhaft“

… die Eltern im Anschluss mit einen Blumenstrauß auf die Lehrer warten würden statt mit einer „Buchprüfung“, ob auch alles richtig abgerechnet wurde?

Lehrer gehen immer noch auf Klassenfahrten, aber nicht wegen des Urlaubsgefühls (stellen Sie sich vor, Sie würden nicht mit Ihren zwei Kindern, sondern 20 in den Urlaub fahren, die durchaus nicht alle auf Sie hören), nicht wegen der tollen Bezahlung, sondern wegen der vielen netten Schüler, die so etwas zu schätzen wissen und eine gute Zeit haben.

Was wäre, wenn…

Was wäre, wenn die Mutter zur Lehrerin sagen würde:

Gib ein wenig auf mein Kind Acht. Ich weiß, du bist eine Idealistin, aber du hast auch noch 29 andere Kinder vor dir sitzen. Dennoch. Es ist mein Kind und damit für mich etwas Besonderes, Einzigartiges, ungemein Wertvolles. Ich weiß, was es alles kann, wie man es am besten motiviert, und wie man es zum Lächeln bringt. Meine Sorge ist, dass du viele seiner Begabungen und guten Eigenschaften nicht erkennst, weil sie im Alltag des Schulbetriebes untergehen oder erst gar nicht gefragt sind. Vielleicht wertest du seine unstillbare Neugier, sein ständiges Interesse als vorlaut oder störend. Wenn es müde ist oder deprimiert von Streitereien mit Mitschülern oder von der schlechten Arbeit, die es in der Stunde zuvor zurückbekommen hat, erscheint es dir vielleicht einfach nur desinteressiert oder launisch. Und dann hast du keine Zeit, drauf zuzugehen und es wieder aufzubauen. Vielleicht schaust du es sogar böse an, damit mein Kind wieder funktioniert. Woher sollst du wissen, wie sozial mein Kind ist und wie toll es mit Jüngeren umgeht, wenn es sich in seiner eigenen Klasse unwohl fühlt und von anderen abgelehnt wird? Wenn es deshalb ständig mies gelaunt ist, sich zurückzieht oder sogar aggressiv wird und andere angreift oder beleidigt, weil es sich anders nicht zu helfen weiß. Woher sollst du wissen, dass es sämtliche griechische Göttersagen kennt, dichtet, seit es fünf ist oder sich im Urlaub fließend auf englisch unterhalten kann, wenn es zu schüchtern ist, so etwas zu erzählen, oder wenn dieses Wissen in deinem Matheunterricht völlig unbrauchbar ist? Versteh mich nicht falsch, ich möchte keine Sonderbehandlung für mein Kind, ich wünsche mir nur, dass ein bisschen von dem Zauber, den ich in ihm sehe, auch von dir gesehen wird. Dass du immer ein offenes Ohr für seine Sorgen haben wirst und auch mir vorurteilsfrei zuhören kannst, sollten wir uns mal begegnen.

Was wäre, wenn die Lehrerin zur Mutter sagen würde:

Gib ein wenig auf dein Kind Acht. Ich weiß, du bist eine umsichtige Mutter, aber manchmal entwickelt man als Eltern eine Art Tunnelblick (das kenne ich selbst) und möchte Probleme nicht wahrhaben. Auch wenn unser Kind zuhause fröhlich, zufrieden und umgänglich ist, kann sich dieses Verhalten in der Schule umkehren. Wir waren alle mal jung und wollten gegenüber unseren Klassenkameraden besonders cool wirken. Deshalb stört ein Kind manchmal absichtlich den Unterricht oder versucht den Lehrer zu provozieren. In solchen Momenten wünsche ich mir, deine Rückendeckung zu haben. Eben weil du dein Kind viel besser kennst als ich. Aber ich sehe auch seine vielen guten Seiten. Ich bemerke, ob es im allgemeinen leicht mit dem Lernstoff klarkommt, mit seinen Mitschülern und Lehrern. Wir Kollegen reden über eure Kinder und ich weiß, dass dein Kind zwar in meinem Fach nicht das Beste ist, dafür aber ein großes Sprachtalent besitzt. Trotzdem ist ein Grundinteresse auch an ungeliebten Fächern Voraussetzung dafür, dass es gute Noten bekommt. Lehrer freuen sich nicht, wenn der Rotstift es mal so richtig krachen lassen kann, uns wäre es am liebsten, wenn wir nur Einsen und Zweien verteilen könnten. Aber wir wissen auch, dass Noten nicht alles bedeuten. Deshalb mach deinem Kind keinen Druck, wenn es die erste Fünf seines Lebens schreibt. Es ist selbst schon enttäuscht genug. Eine Drei im Hauptfach ist auch okay. Und wenn ich ein Problem deines Kindes nicht mitbekomme, weil es zum Beispiel in den Pausen von anderen gemobbt wird, dann sprich mit mir darüber. Nur dann kann ich helfen, denn wenn ich deinem Kind mal eine Vier geben muss, heißt das nicht, dass ich es nicht mag, sondern dass seine Leistung in diesem Fach eben nur ausreichend war. Manchmal geht mir die ganze Notengeberei selbst gegen den Strich, weil ich weiß, dass ein paar Zahlen auf einem Blatt Papier wenig über dein Kind als Mensch aussagen. Damit wir beide deinem Kind helfen können durch den Schuldschungel wünsche ich mir, dass du auch mir vorurteilsfrei zuhören wirst, sollten wir uns mal begegnen.

Verkehrte Welt, aber richtig :-)

Normalerweise (was heißt schon normal) denkt man bei Unterricht in der nullten Stunde (oh ja, 07.15 Uhr) an verschlafene, zu spät kommende, lustlose und unmotivierte Schüler und einen Lehrer, der krampfhaft versucht, trotz oktobrigem Dämmerlicht und schwieriger Lerninhalte Fröhlichkeit und Interesse am Unterrichtsthema vorzutäuschen, um die lahme Meute auf Spur zu bringen.

Doch manchmal läuft das auch andersherum. Und diese Momente muss man als Lehrer ganz intensiv genießen und als Hinweis darauf verstehen, dass man doch vielleicht einiges richtig macht in seinem Beruf.

So wie letzte Woche, als ich übermüde (bin von Natur aus eher eine Nichtvorachtuhraufsteherin, außerdem hatte meine Tochter nachts Husten), fest an meine Kaffeetasse geklammert, zu meinem Oberstufenkurs geschlurft bin. Zum Glück natürlich wie immer mit zwei fest durchgeplanten Stunden im Kopf bzw. in der Tasche, aber relativ unmotiviert, was nicht an den Schülern lag, die wirklich eine super Truppe bilden.

So auch an besagtem Tag. Nicht nur, dass alle pünktlich waren: Die meisten waren sogar erstaunlich gut gelaunt, versuchten mich mit Witzen hochzupäppeln, und der Oberschlumpf der Truppe hatte tatsächlich seine Präsentation dabei, die noch dazu ziemlich gut gelungen war.

Spätestens ab der zweiten Stunde war ich wieder da und zu üblicher Form aufgelaufen, und letztendlich haben wir gemeinsam einen – meiner bescheidenen Meinung nach – höchst produktiven Unterricht hingelegt.

Manchmal ist Schule einfach schön, und das Gerücht von der „schlimmen Jugend von heute“ schaut ziemlich blöd aus der Wäsche.

Wer ist hier eigentlich der Chef?

Erziehung hat mich immer schon interessiert. Mit 5 Jahren war ich mir sicher, es „später mit meinen Kindern viel besser“ zu machen, wenn ich mich von Mama oder Papa ungerecht behandelt gefühlt habe, mit 15 glaubt man sowieso, die Weisheit gepachtet zu haben, und mit 25 war ich davon überzeugt, dass meine Schwägerin keine Ahnung von Erziehung hatte. Sie erzog meinen Neffen nach dem Prinzip „Der ist so süß, erstmal wird er verwöhnt, erziehen kann ich ihn später auch noch.“ Sie ließ sich ständig von ihm um den Finger wickeln und diskutierte alles mit ihm aus, statt irgendwann mal einen Punkt zu machen.

Um zwei Dinge klar zu stellen:

  1. Aus meinem Neffen ist mittlerweile ein toller junger Mann geworden. Grundanständig, gut drauf, verantwortungsbewusst, offen und herzlich. Viel kann meine Schwägerin also nicht falsch gemacht haben.
  2. Dennoch macht es mich heute noch rasend, wenn ich Eltern sehe, die ihren Kindern den Chefsessel überlassen und sich ihnen bei ihren gefühlt stundenlangen Diskussionen unterordnen.

Die kleine Marie ist vier, super süß und ganz entzückend. Solange sie ihren Willen bekommt und alles zu ihrer Zufriedenheit läuft. Ansonsten beginnt sie zu knatschen. Durchdringend. Ein Nein ignoriert sie grundsätzlich. Wenn ihre Eltern mich dann hilflos entschuldigend anschauen mit den Worten „so sind die Kinder eben heute“, möchte ich diese Erwachsenen am liebsten wachrütteln und lautstark vermuten, dass Kinder immer schon so waren, wie ihre Eltern sie erzogen haben. Maries Mama sagt nein. Es gibt keinen dritten Schokoriegel. Töchterlein mault. Mama bleibt zunächst bei ihrem Nein mit dem Hinweis, dass Marie doch sonst Bauchweh bekäme. Töchterlein schimpft. Mama versucht es noch ein paarmal mit nein, dann gibt sie nach mit der Ermahnung „du wirst schon sehen, was du davon hast.“

Was das Kind davon hat? Es hat gelernt, dass es immer seinen Willen bekommt, wenn es nur lange genug jammert. Egal, ob es letztendlich gut für sein eigenes Wohlbefinden ist.

Und warum mich das so annervt? Vermutlich, weil wir Lehrer (und vorher die Mitarbeiter der Kindergärten) es später auszubaden haben, wenn unter den 30 durchaus zauberhaften und liebenswerten Kindern vor uns auch einige sitzen, die kein Nein und keine klare Anweisung akzeptieren können, immer ihren Willen durchsetzen wollen, notfalls auch mittels Tobsuchtsanfall.

„Ach, im Kindergarten und in der Schule werden die schon erzogen“ ist ein Satz, den ich schon des öfteren gehört habe. Meist von liebevollen Eltern, die es nicht übers Herz bringen, ihrem Sonnenschein einen Wunsch abzuschlagen.

Danke auch. Lehrer und Erzieher sind aber nicht dazu da, die Erziehung der Eltern zu ersetzen. Erziehung ist und bleibt Elternsache. Mutter und Vater sind die ersten und engsten Bezugspersonen der Kinder, ihre Vorbilder. Wenn Eltern ihren Kindern vorleben „wenn du quengelst, bekommst du deinen Willen“, dann nehmen sie diese Verhaltensweise mit in die Welt, auch wenn Erzieher oder Lehrer ihnen zehnmal sagen, dass es so nicht läuft. Pädagogen sollen und können die Erziehung der Eltern fortführen und unterstützen, aber sicher nicht ersetzen.

Und Erziehung ist weniger  anstrengend, wenn man eben nicht erst mit zwei oder sechs Jahren damit anfängt, sondern wenn Kinder quasi schon mit der Muttermilch die Information aufsaugen, dass Nein Nein heißt, und dass Schreien, Quengeln, Wutausbrüche nichts bringen. Dann nämlich versuchen die Kleinen es irgendwann auch nicht mehr. Oder zumindest nur dann, wenn ihnen etwas wirklich wichtig ist. Berechtigt wütend sein und wütend sein aus Prinzip oder zur Manipulation sind völlig verschiedene Dinge. Die Trotzphasen sind gut und wichtig für die Kleinen, um groß zu werden, sich abzunabeln und die Grenzen auszuloten. Das heißt aber, dass es Grenzen geben muss. Wo diese liegen, bleibt allen Eltern selbst überlassen. Die einen sind strenger bei Tischmanieren, dafür lockerer im Umgang mit aufräumen. Den anderen ist eine gewisse Grundordnung wichtig, dafür lassen sie die Zügel lockerer bei anderen Dingen.

Grenzen konsequent durchzusetzen hat doch nichts mit Willen brechen zu tun oder mit einer Missachtung der kindlichen Persönlichkeitsrechte. Natürlich darf meine kleine Madame ihre Wünsche äußern, und sie kann sich sicher sein, dass diese auch ernst genommen werden. Aber wenn sie bei 5 Grad ohne Strumpfhose im Sommerkleidchen in die Kita losziehen möchte, bleibe ich natürlich bei meinem Nein. Ich erkläre ihr warum, und gut ist. Natürlich darf sie mich davon überzeugen, dass es sinnvoller ist, drei Stunden bei ihrer Freundin zu bleiben als die geplanten zwei, aber wenn wir uns im Straßenverkehr befinden und ich „Stopp!“ rufe, hat sie stehenzubleiben. Ohne Diskussion. Wenn sie sich nicht daran hält, kommt das Fahrrad beim nächsten Einkauf eben nicht mit. Wenn man das einmal konsequent durchzieht und die Kinder begreifen, dass bei „drei“ wirklich etwas passiert, hören sie beim nächsten Mal zu.

Und wenn sie sich an die wenigen Regeln, die Mama und Papa zu ihrem Wohl aufgestellt haben, nicht halten, müssen sie mit den (sinnvollen) Konsequenzen leben.

Wenn wir unsere Kinder zu kleinen Tyrannen werden lassen (und seien sie noch so süß und liebenswert), tun wir ihnen den geringsten Gefallen. Wie sollen sie mit Niederlagen oder Absagen später im Leben zurecht kommen, wenn sie von uns lernen „Rede lange genug auf mich ein, dann kriegst du deinen Willen.“ Heutzutage rasten Kinder in der Schule aus, weil der Lehrer ihnen sagt, er habe JETZT keine Zeit, sie mögen SPÄTER mit ihrem Anliegen kommen. Auch unter meinen Schülern sind viele, die meinen, andere müssten ihnen jederzeit, sofort und auf der Stelle zur Verfügung stehen. Draußen in der Welt müssen wir uns doch auch an höfliche Umgangsregeln, Fristen und Gesetze halten, Punkt. Selbstverständlich sollen unsere Kinder lernen, starre Regeln zu hinterfragen. Sinnvolles von Unnützem zu unterscheiden. Sie sollen auch lernen zu diskutieren, ihren Standpunkt durchzusetzen. Aber genau so müssen sie lernen, Rücksicht auf andere zu nehmen, zuhören und abwarten zu können und den Rat (oder auch manchmal die Anweisung) von anderen anzunehmen.

Wie seht ihr das?

Mit diesen und ähnlichen Themen schlagen sich auch die Eltern und Lehrer in meinem Roman „Von ganzem Herzen mangelhaft“ herum ;-), zum Beispiel auf epubli.de oder auch bei amazon.de

Leseprobe gibt es hier auf der Seite

Der Tod der Schrankwand

Neulich musste ich lesen, dass die gute alte Schrankwand ausgedient habe. Modern seien heute kleine, leichte Möbel. Gut. Natürlich hat das Vorteile, wir erinnern uns an die alles dominierenden schweren, dunklen Eichenschränke von damals, mit vielen Türen, Schubladen, einer schmalen Telefonbank in der Mitte und jeder Menge Platz für Bücher.

Wenn ich heute durch deutsche Wohnzimmer streife, frage ich mich immer, wo die Leute ihre Bücher versteckt haben. Die Räume sind meist sehr chic, alles farblich abgestimmt, elegant, passend, gemütlich, hübsch. Aber ohne Bücher.

In den sozialen Netzwerken muss man nur das Wort „Buch“ oder „Bibliothek“ eingeben, und man wird überschüttet mit Millionen von Bildern mit gemütlichen Bibliotheken, farblich passend zusammengestellten Bücherstapeln und Sprüchen wie „Lesen ist leben“ oder „Fantasiereisen“ oder so ähnlich. Bücher scheinen so in wie nie. Oder sind es nur die Fotos?

Gut, manche Leute haben ihre aus allen Nähten platzenden Bücherregale vielleicht im Keller stehen. Im Schlafzimmer, Arbeitszimmer oder sonstwo. Aber weshalb werden sie aus dem Familienleben verbannt, aus dem Allerheiligsten, dem Wohnzimmer? Auch Bücher haben Seelen. Manchmal greife ich nach einem Band aus meiner Jugend, und während ich lese, fallen mir Gedanken oder Ereignisse ein, die damals geschehen sind. Bücher lassen mich eintauchen in eine andere Welt, helfen über Stress oder lange Wartezeiten hinweg. Bücher sind Freunde. Sie bilden, unterhalten, erweitern den Horizont. Sie gehören zu unserer Identität, haben uns beeinflusst, sind an unserer Entwicklung beteiligt.

Gemäß dem Spruch „Der Trend geht zum Zweitbuch“ möchte ich hier eine Lanze brechen für die Bücher: Gebt ihnen ein angemessenes Zuhause. Im Schoß der Familie. Im Wohnzimmer. Es muss ja keine alles erdrückende Schrankwand sein, vielleicht kann man mit einem hübschen kleinen Regal anfangen.

Meinetwegen auch mit einem Spruch drauf.

Lesen ist nichts für Feiglinge oder so 🙂

Wer suchet, der findet… es ganz woanders

Meist findet man das, was man vermeintlich am dringendsten braucht, erst dann, wenn man glaubt, es nicht mehr zu brauchen. Wie sagte Nanny McPhee in dem wunderbaren Film „Eine zauberhafte Nanny“ mit Emma Thompson? 14238198_980441132078858_542528754613253837_n„Wenn ihr mich braucht, aber nicht wollt, dann muss ich bleiben. Wenn ihr mich wollt, aber nicht braucht, dann muss ich gehen.“

Zwischen Wollen und Brauchen besteht ein großer Unterschied. Auch Jenny will unbedingt einen Partner, eine Ergänzung, jemanden, der ihr Halt im Leben gibt. Und sie vor ihrer manchmal etwas anstrengenden Familie verteidigt. Doch braucht sie ihn wirklich?

Ihre Suche verläuft dementsprechend weitgehend erfolglos. Erst, als sie gelernt hat, auf eigenen Füßen zu stehen, ihr Ding durchzuziehen und zu verstehen, dass sie nicht mehr „braucht“, sondern nur noch „will“, wird sie gefunden.

Mehr dazu im Roman „Von ganzem Herzen mangelhaft“, auf http://epubli.de oder auch bei http://amazon.de

„Einer der vielen Lehrervorteile ist, dass man jährlich eine Tasche von der Steuer absetzen kann.“

Romanzitat der Woche…

Zitat aus "Von ganzem Herzen mangelhaft"
Zitat aus „Von ganzem Herzen mangelhaft“

Es gibt doch kaum ein grammatisches Kapitel in der lateinischen Sprache, das die Schüler so verzweifeln lässt. Warum eigentlich? Dabei kocht der Ablativ auch nur mit Wasser. Weiß Tina Flynn, die mit einem Finnen verheiratet ist, der 15 Fälle in seiner Sprache anwenden muss. Und weiß Jenny Stila, nachzulesen im Roman 🙂