Rapunzels Töchter

 

Prolog hier, um 2017

Langsam und sanft schaukelte der zunehmend frostige Herbstwind die Feder zu Boden. Zumindest fast. Der Wind war noch unentschlossen. Zuerst wollte er sie wie ein Geschenk einer der beiden jungen Mütter dort auf der Bank in den Schoß schweben lassen, doch der Ton ihrer Unterhaltung missfiel ihm. Also blies er die weiße Feder noch ein Stückchen weiter, stockte kurz, und lächelte dann erfreut. Nun war das Ziel klar, und genau so sanft wie eben, doch diesmal mit Nachdruck, ließ er das zarte Ding auf die etwas altmodisch wirkenden schwarzen Schnürstiefel der Frau zwei Bänke weiter sinken. Dankbar für die freundliche Geste lächelte sie ihm zu, und sanft strich er ihr durchs Haar, bevor er sich, mit neuer Wucht und Hingabe, über den großen Platz hinein in die Stadt davonmachte.
„Ich will ja nichts sagen, aber solche Menschen müssten in den Knast wandern“, schüttelte die junge Frau mit den etwas plumpen Gesichtszügen rechts auf der Parkbank fassungslos den Kopf und fuhr fort: „Jeder, der sich in irgendeiner Art an Kindern vergreift, müsste weggesperrt werden. Aber die Justiz tut ja nichts – Nicki, lass das Mädchen in Ruhe!- und lässt solche, solche“ – sie suchte nach dem passenden Ausdruck, fand aber keinen „na, du weißt schon, auch noch frei herumlaufen. Die armen Kinder.“ Sie schürzte die rostrot geschminkten Lippen und fuhr sich nervös durchs lockige Haar. Grit nickte mechanisch. Sie war in ihre eigenen Gedanken versunken. Versunken in den Anblick der untergehenden Herbstsonne, die den Himmel und damit die Umgebung in rauchblaue Töne tauchte und allem einen pudrigen Anstrich verlieh. In der Ferne sah man schon die ersten Lichter in den Häusern aufleuchten und der Herbstfrost hüllte selbst den Autoverkehr nicht weit vom Spielplatz in eine angenehme Stille. Grit liebte diese Jahreszeit und kuschelte sich tiefer in ihren Kaschmirschal. Nur noch wenige Minuten, dann mussten sie heimgehen. Anneli musste noch ihre Hausaufgaben machen, und sie selbst das Abendessen vorbereiten. Grit lächelte glücklich. Sie nannte sich selbst gern eine Räubertochter-Mama. So wie Lovis aus dem Kinderroman hatte sie selbst immer als Mutter sein wollen: Stark, mutig, immer da, aber niemals Glucke. Klare Grenzen setzen, aber noch klarere Freiräume bieten. Anneli durfte sich beim Spielen bis unters Kinn mit Schmutz bespritzen, sie durfte so hoch klettern, wie sie wollte, aber Grit ließ ihr Kind dabei nie aus den Augen. Und wenn Anneli mal Angst hatte, was auch einer Räubertochter durchaus mal passierte, war ihre starke Mutter da, nahm sie in die Arme wie ein Baby und überschüttete sie solange mit Wärme und Selbstvertrauen, bis Anneli wieder allein den Kampf mit der Welt aufnehmen konnte. Deshalb drang die lästernde Stimme ihrer Sitznachbarin wie ein Misston in ihre Ohren. Sie fühlte sich hin- und hergerissen zwischen Abneigung gegen diese Helikoptermutter, die alles und jeden maßregelte, besonders das eigene Kind, und dem Bedürfnis, ihr zuzuhören. „In der heutigen Zeit des Tierschutzes, des Sicherheitsfanatismus an Flughäfen und der Sucht nach Schönheit werden unsere Kinder leider vergessen.“ Grit blickte liebevoll ihrer kleinen Tochter hinterher, die sich mit halsbrecherischem Abenteuersinn von Seil zu Seil schwang. „Vielleicht sollten wir uns doch mal ans Jugendamt wen-“, schlug sie vor. “Ach, Quatsch“, fiel ihr die andere laut ins Wort, „die tun doch nichts. Die kommen vorbei, gucken mal kurz, vermerken in ihren Akten, dass noch niemand zu Tode gekommen ist und sagen bedauernd ‚mehr können wir nicht tun‘.“ Grit wusste nicht, was sie davon halten sollte. Sie kannte diese Nachbarin kaum und konnte sich kein Urteil bilden, jedenfalls nicht so schnell und gnadenlos wie Steffi. Wie schlecht musste es einer Mutter gehen, damit sie ihr Kind… Grit wollte gar nicht darüber nachdenken und sah erneut hinüber zu Anneli, die gerade damit beschäftigt war, die große Strickleiter hinaufzuklettern.
Auf dem großen städtischen Spielplatz standen rings herum im Abstand von wenigen Metern insgesamt sechzehn Holzbänke für die Mütter und Väter, die mit ihren Kindern herkamen, um in Ruhe am Laptop arbeiten oder ein Buch lesen zu können, während die Kinder in den Sandkästen spielten, schaukelten oder die nigelnagelneue und spiegelglatte Jumbo-Rutsche hinunter rasten. Man kannte sich nur selten mit Namen, aber vom Sehen und grüßte sich in der Regel freundlich.
Steffi und Grit saßen auf einer Bank am Rand des Platzes, und bemerkten die fremde Frau schräg gegenüber erst jetzt. Sie nickte lächelnd in ihre Richtung, und die Beiden konnten nicht verhindern, dass sie sie anstarren mussten. Grit bemühte sich wenigstens darum, dezent zu beobachten, doch Steffi musterte die Fremde ungeniert von oben bis unten. Die Frau war das, was man gemeinhin schön nannte, und doch wurde ihr dieser Begriff nicht ansatzweise gerecht. Weder Steffi noch Grit wussten genau, was es war, das sie so faszinierte: Eine Art Weichzeichnereffekt. Sie saß da wie sie, aus Fleisch und Blut, und trotzdem wirkte sie nahezu überirdisch. Es gab sicherlich einige Frauen, die mit Ende zwanzig noch keine Falten hatten, doch die Anmut und Schönheit dieser Dame glich einer Perfektion, die nichts mit äußeren Mittelchen wie Makeup, Haarcoloration oder Körperpflege zu tun hatte.
„Wer sind Sie? Ich habe Sie hier noch nie gesehen“, ergriff Steffi als erste das Wort.
Die Fremde lächelte freundlich. „Oh, ich komme auch nicht von hier, sondern bin nur zu Besuch und habe mich hierher gesetzt, weil es so ein schöner Ort ist. Ich mag das fröhliche Leben auf Spielplätzen. Und ich muss gestehen, Ihr Gespräch hat mich ein wenig neugierig gemacht, es scheint etwas Schlimmes passiert zu sein?“ Die Frage klang weder aufdringlich, noch sensationslüstern, es schwang ehrliches Interesse mit.
Steffi, die wieder zu der ihr eigenen Burschikosität zurückgefunden hatte, schnaubte, während Grit immer noch in den zauberhaften Anblick der Fremden versunken war. „In unserem Wohnblock hat eine Frau ihr kleines Baby fast zu Tode geschüttelt, weil es nicht einschlafen wollte, ist das zu fassen? Die Nachbarin hat die Polizei gerufen, das Jugendamt kam, und – das Kind wohnt immer noch dort. Ich verstehe das einfach nicht. Erstens, wie kann man einem kleinen Würmchen nur so etwas antun, das ist doch kein Mensch, diese Frau. Und wie kann der Staat nur zusehen? Die müssen doch irgendetwas tun?“ „Was denn?“, fragte die Fremde ernst. Steffi fühlte sich von der Frage etwas überrumpelt. „Wie- was. Naja, die Frau einsperren, das Kind in eine Pflegefamilie geben oder erst einmal in ein Heim, da hat es es auf jeden Fall besser als zuhause.“ „Kennen Sie das Zuhause?“, fragte die Frau überrascht. „Nein, weshalb?“, fragte Steffi irritiert zurück. Ihre neue Bekanntschaft zupfte an ihrem bunten, langen Kleid herum. Dann hob sie den Kopf und sah Steffi direkt in die Augen. Der Blick war nicht unfreundlich, und hatte dennoch etwas von Stahl. „Weil Sie glauben, dass das Kind es überall besser habe als zuhause.“ „Sie meint, weil das Kind fast zu Tode geschüttelt wurde“, mischte sich jetzt Grit ein, die aus ihrer Trance erwacht war. „Natürlich ist es überall besser als dort, wo man misshandelt wird.“
Steffi nickte energisch. Die Fremde schwieg. „Sind Sie etwa anderer Meinung?“, fragte Grit und zog die Stirn in Falten. Die Angesprochene schien zu zögern. „Nun ja, gemeinhin geht man davon aus, dass das Kind am besten bei der eigenen Mutter aufgehoben ist…“ „Aber doch nicht bei so einer!“, rief Steffi entrüstet dazwischen. Und wieder sah die Fremde sie mit diesem Blick an, zu freundlich, um anklagend zu sein, aber hart und alles andere als unverbindlich. „Ach, Sie kennen sie?“ Langsam wurde Steffi das Fragespiel zu dumm. „Sorry, ich muss einen Menschen nicht kennen, um zu wissen, dass er nichts taugt, wenn er ein Baby schlägt. Ich weiß nicht, was Sie wollen, aber wenn das jetzt wieder so eine ‚Die arme Frau hatte sicher Probleme in ihrer Kindheit‘-Nummer wird, bin ich raus.“ Die Fremde nickte entschuldigend. „Ich verstehe Ihren Ärger, mich macht so etwas ebenfalls betroffen, das können Sie mir glauben. Was ich meine, ist, macht es nicht einen Unterschied, zu wissen, warum eine Mutter zu so etwas fähig ist? War sie überlastet? Nervlich am Ende? Oder ist sie wirklich nur ein egoistisches junges Ding, das sich von seinem Kind in der Freiheit eingeengt fühlt?“ Steffi schüttelte heftig den Kopf. „Es kommt auf die Tat an, das Warum ist doch egal. Dem Baby ist es gleichgültig, weshalb seine Mutter es schüttelt, die Schmerzen ändern sich dadurch nicht.“ „Das stimmt“, gab die Fremde zu, „und doch – was, wenn sie vielleicht einfach nur überfordert ist? Zu jung, zu allein, zu unerfahren – ist Mutter und Kind nicht mehr damit gedient, wenn man ihnen hilft, gemeinsam klarzukommen, als sie auseinander zu reißen?“ Steffi wollte entrüstet auffahren, doch Grit hielt sie zurück, ohne einen Blick von der Fremden zu wenden. „Was wollen Sie von uns?“, fragte sie ruhig. Die schöne Frau ließ ihren Blick über den Spielplatz schweifen, über den sich langsam die Abenddämmerung ausbreitete, sah die vielen glücklichen Kinder, die ausgelassen spielten und manchmal zu ihren Müttern oder Vätern hüpften, um sich ein Stück Apfel zu holen oder ihnen zu zeigen, welches Kunststück sie geschafft hatten. „Vielleicht, dass Sie mir zuhören, ja, das wäre schön. Dann könnte ich Ihnen eine Geschichte erzählen, wenn ich darf.“
Und obwohl Grit glaubte, nur noch wenig Zeit zu haben, bis die Kälte sie und Anneli nach Hause zwingen würde, und obwohl Steffi überhaupt keine Lust empfand, sich irgendetwas von Fremden erzählen zu lassen, nickten beide mechanisch.
Und die Geschichte rollte heran und begrub die Beiden unter sich wie eine Flutwelle. Prolog dort, vor vielen hundert Jahren
„Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern(…). Er hatte wenig zu beißen und zu brechen, und einmal als eine große Teuerung ins Land kam, konnte er auch das tägliche Brot nicht mehr schaffen. Wie er sich nun abends im Bette Gedanken machte und sich vor Sorgen herumwälzte, (…) (sagte) die Frau „wir wollen morgen in aller Frühe die Kinder hinaus in den Wald führen, wo er am dicksten ist: da machen wir ihnen ein Feuer an und geben jedem noch ein Stückchen Brot (…) und lassen sie allein. Sie finden den Weg nicht wieder nach Haus, und wir sind sie los!““
Aus: Brüder Grimm. Kinder- und Hausmärchen. Hänsel und Gretel (S. 497). Mundus Verlag 1999

Sie hatte versagt. Sie kniete im matschigen Herbstlaub in der Mitte des Kreises, den die anderen um sie herum bildeten und wusste, dass sie versagt hatte. Ihre eigene Schande dröhnte ihr in den Ohren, und sie spürte weder die Kälte, die ihr durch die Kleidung drang, noch den Schmutz, in den ihre angewinkelten Beine immer tiefer einsanken. Ihr größter Wunsch war ihr erfüllt worden, und sie hatte alles zunichte gemacht. Allein dadurch war sie schon gestraft genug, aber ihr war klar, dass die Anderen das nicht gelten lassen würden.
„Du hast dich des größten Verbrechens schuldig gemacht, dessen die Menschheit fähig ist“, donnerte die unnachgiebige Stimme der Ersten von ihnen.
„Du hast deine eigenen, dir anvertrauten Kinder dem Tode geweiht!“, sprach die Zweite ebenso laut.
„Das ist nicht wahr!“, wollte sie schreien, brachte aber nur ein Krächzen zustande, „sie sind nicht tot!“
Die Dritte trat zu ihr und hob mit ihrem schlanken Zeigefinger das Kinn an, so dass sie ihr direkt in die smaragdgrünen Augen blicken musste.
„Das ist aber nicht dein Verdienst, oder?“, fragte sie ironisch.
„Schwestern“, sie musste sie überzeugen, „ich weiß doch auch nicht, was in mich gefahren ist. Ich – ich hab mir nichts mehr als eigene Kinder gewünscht, doch als sie geboren wurden – ich – ich sah sie an und“ – sie schluckte, „ich konnte sie nicht lieben. Ich blickte diese kleinen unschuldigen Wesen an und spürte nichts! Gar nichts! Ich habe mich doch hundertfach dafür geschämt, jeden Tag gehofft, dass es besser würde, doch wenn sie brav waren, haben sie mich nicht gestört, und wenn sie mich geärgert haben, hätte ich sie am liebsten hinausgeworfen- ich“-
„Ich, ich ich“, rief die Vierte, eine der Unfehlbarsten, Reinsten von ihnen, “kannst du auch noch etwas anderes denken? Es ging nicht um dich, sondern um zwei kleine Kinder, die unschuldig waren und nichts für eure schwierige Situation, die du dir übrigens ausgesucht hast, konnten!“
Sie ließ den Kopf wieder sinken.
„Ich weiß. Ihr habt mich gewarnt. Aber es ging einfach nicht! Wir waren arm. Bettelarm. Es gab keine Freude mehr in meinem Leben, kein Licht für mich. Und statt, dass meine Kinder mich darüber hätten hinwegtrösten können, waren sie eine zusätzliche Last für mich. Ich habe das nie verstanden, vielleicht könnt ihr mir helfen, es zu verstehen, ich wollte das nicht“. Schluchzend brach sie zusammen.
Ihre Schwestern traten zu ihr. „So etwas können wir nicht verstehen“, sagte die Fünfte und Schönste von ihnen sanft, „wir sind Naturwesen. Das, was du getan hast, ist uns fremd.“
„Du wirst wieder eine von uns sein“, fügte die Sechste hinzu, die Siebte sprach, als Einzige mit Mitgefühl in der Stimme: „Aber du wirst nie wieder eigene Kinder haben.“ „Das können wir nicht zulassen“, bekräftigte die Achte. „Da wir deinen Kummer sehen, werden wir dich wieder in unseren Kreis aufnehmen“, bot die Neunte an. „Du bist immer noch eine von uns“, sprach die Zehnte. „Doch deine Strafe liegt in deiner Untat, das wirst du einsehen“, forderte die Elfte bestimmt, und die Zwölfte und Reinste unter ihnen trat hervor und sprach, während sich das Licht um sie herum ausbreitete und alles in gleißendes Strahlen tauchte:
„Zur Strafe wird sich dein Wunsch nach eigenen Kindern verzehnfachen. Du wirst Tag und Nacht bereuen, was du getan hast und dich daran erinnern, was du verlorst.“
Sie spürte, wie die altbekannte Sehnsucht in ihr wuchs. Wie sie wuchs und unerträglich wurde. „Nein!“, weinte sie, „Was – wie geht es meinen Kindern? Lasst mich zu meinen Kindern!“
„Es sind nicht mehr deine Kinder, Schwester“, sprachen nun alle gemeinsam und verbanden sich zu einer donnernden Stimme, die von überall her zu stammen schien, „aber sei unbesorgt, Hans und Greta geht es gut. Sie haben das Böse überwunden und eine goldene Zukunft vor sich.“
Sie schrie. Sie schrie aus Leibeskräften, wie nur eine Mutter schreien kann, der man das Liebste nimmt, was sie hat. Ihre Schwestern waren Engel, gute Engel, wie man landauf, landab sagte, doch sie waren eben Naturwesen, und die Natur kann bisweilen grausam sein. Sie konnten den Schmerz nicht nachempfinden, den sie ihrer Schwester angetan hatten, sonst wären sie milder in der Umsetzung des Urteils gewesen, das ein Anderer gesprochen hatte.
Und hätten damit viel Unheil verhindern können, das sich somit seinen Weg durch das Herz ihrer Schwester und durch die Zeit bahnen konnte. Unerbittlich und unvermeidlich.

 

Von ganzem Herzen mangelhaft

Auf dem Weg zur Bahn – selbstverständlich hätte Kai sie nach Hause gefahren, aber sie wollte noch ein bisschen allein den schönen Abend genießen – schlenderte Jenny durch die Stadt, unterbewusst wie immer auf der Suche nach einem Mann. Eine ihrer Wunschphantasien war, dass ihr Traumtyp ihr versehentlich in einem Starbucks-Café sein Getränk über die Jacke schüttete, und sie dann auf einen Schokoladenkuchen einlud. Sie würden dort sitzen, sich lustige Begebenheiten aus ihrem Leben erzählen und sich unsterblich ineinander verlieben. Natürlich war bisher nichts auch nur annähernd Aufregendes passiert. Falls es da draußen den passenden Mann für Jenny gab, war er anscheinend entweder zu schüchtern, um sie anzusprechen, hatte keine Zeit auszugehen, weil er Notarzt war, oder er wohnte in einem Erdloch. Jenny bog zwischen einer Metzgerei und einem Schuhladen um die Ecke – und stockte. Ihr Herz blieb stehen. Eine gefühlte Ewigkeit später ging sie langsam, fast wie in Zeitlupe weiter, Schritt für Schritt. Ihr Blick klebte an dem Mann, der da langsam, aber zielsicher auf sie zuschritt. Der Mann, der genau so aussah, wie der Mann ihrer Träume! Zumindest der aktuellen Träume. Jennys Typ änderte sich regelmäßig, je nachdem, welchen romantischen Film sie zuletzt gesehen hatte. Im Prinzip war Hugh Jackman natürlich ungeschlagen, aber gestern hatte sie “Das Schwiegermonster” gesehen und war gerade eher auf dem Мichael Vartan-Trip. Wobei der Gute seit dem Film auch schon wieder zehn Jahre mehr auf dem Buckel hatte. Michael oder werauchimmer kam auf sie zu. Natürlich würde er an ihr vorbei gehen. Wieso sollte er eine wildfremde Frau ansprechen. Aber entweder schielte er, oder er lächelte Jenny verschmitzt an, tatsächlich! Sie drehte sich einmal um die eigene Achse, aber niemand war hinter ihr. „Hi, schön dich zu sehen.” Angedeutetes Küsschen links-?-rechts -? Mist, sie konnte sich das nie merken und ballerte immer mit ihrem Gegenüber zusammen bei dieser dämlichen Tradition. Aber ganz da war Jenny grad sowieso nicht. Sie verschluckte ein “Кennen wir uns?”, und lächelte zurück. Dabei bemühte sie sich, ihr Gesicht nicht wie ein einziges Fragezeichen aussehen zu lassen. „Wohin gehen wir? Hast du Lust auf einen Kaffee?“ Wie auch immer er hieß, wer er war- mit dem Typ würde sie auch Sangria aus Eimern schlürfen. Er umarmte sie auf eine sympathische, zurückhaltende Art und zog sie mit. “Und? Was hast du heute gemacht, Sonia?“ Sonia? Egal, für ihn hieß sie auch Henriette oder Uschi. Für wen hielt der sie bloß? Man verabredet sich doch nicht mit einer Frau und merkt dann nicht, dass sie es gar nicht ist? Hatte Jenny eine Zwillingsschwester, von der sie nichts wusste? „Ähm, ich war arbeiten?”, versuchte sie ihr Glück. Mist. Was, wenn sie ein verwöhntes It-Girl war, für das Arbeit ein Fremdwort bedeutete? Er lächelte. „Und? Waren die Kunden anstrengend?“

Jennys Hirn arbeitete auf Hochtouren. Kunden. Aaaaa-ha. „Oder“- er grinste –  „warst du anstrengend für die Kunden?“ Ach du Scheiße. Er hatte „Sonia“ beim Escort-Service gebucht! Aber Jenny sah doch nicht aus wie eine- sie blickte an sich herunter. Oh doch. Sie hatte ihre schwarzen Overknee-Stiefel an und die neue knallenge Jeans. Kai hatte einen ziemlich fiesen Witz darüber gemacht. „Nein, kann ich nicht sagen”, tastete Jenny sich schweißgebadet vor, “heute lief eigentlich alles ganz normal. Und bei dir?“ Sie musste hier weg. „Alles prima, auch zuhause. Kunden brav, Kind gut in der Schule, nichts zu meckern!“, grinste er. Schule. Gott sei dank ein Thema, mit dem sie sich auskannte. War er alleinerziehend? Wie süß! Er führte sie zu einem netten kleinen Bistro, das ihr sofort gefiel. Okay, es war nicht Starbucks, aber sie war ja auch nicht Sonia.

Etliche schweißgetränkte Minuten später klärte sich das Rätsel: War es Zufall, göttliche Vorsehung, Karma: Alexander hatte Sonia tatsächlich über LFE kennengelernt, allerdings ohne Bild. Natürlich hatte die Frau wie alle anderen ein Profilfoto von sich eingestellt, allerdings war sie darauf anscheinend nur von weitem und im Halbschatten zu sehen. Dass sie attraktiv war, war erkennbar, doch ansonsten vertrat Alexander die Meinung, dass Fotos ohnehin nur täuschten und hatte sich nach einigen sehr klugen und witzigen emails mit Sonia verabredet. Da Jenny gerade die Einzige in der kleinen Gasse gewesen war, die Sonias Aussehen entsprach und es auch nicht eilig zu haben schien, hatte er sie direkt für seine Verabredung gehalten. Jenny war neuerdings Trainerin in einem Fitnessstudio – das hieß, vor ihrer ersten Liebesnacht, sollte es je dazu kommen, würde sie heftig trainieren müssen- trank unheimlich gern Espresso und suchte den Mann fürs Leben. Bingo! Nach der Schlappe mit Franz hatte der liebe Gott sie erhört und ihr Alexander direkt und höchstpersönlich zu Füßen gelegt, ohne langwieriges digitales Vorgeplänkel. Wenn das kein gutes Zeichen war. Sie verdrängte den Gedanken, dass diese Handlungsweise dann auch bedeuten würde, dass der liebe Gott die arme Sonia hatte eiskalt abblitzen lassen. Alexander arbeitete in der Baubranche, war Finne und schrieb sich mit ‚ks‘. Er lebte seit fast zwanzig Jahren in Deutschland und sprach nahezu akzentfrei. Sie verbrachten einen wunderschönen langen Abend, Jenny versank sozusagen in seinen Lachfältchen rund um die warmen, grauen Augen und kam sich vor wie Cinderella in einem Meer von leuchtenden Kerzen und rosa Zuckerkrümeln.

Die Nacht überlebten dann leider nur die Zuckerkrümel. In Form von pieksenden, harten Stichen in Jennys Kopf. Wenn man nie Alkohol trinkt, sollte man vielleicht nicht gerade an einem romantischen Abend damit anfangen. Ihr war hundeelend zumute- wegen der Schmerzen, aber auch, weil ihr nur zu klar war, dass sie keine Chance hatte. Die echte Sonia würde sich bei Aleksander melden, fragen, warum er sie versetzt hatte, und alles würde auffliegen. Jammerschade war das. Jenny hatte jede Sekunde des Abends mit ihm genossen und die Schmetterlinge waren nur so in Loopings durch ihr Innerstes gekracht. Doch aus lauter schlechtem Gewissen hatte sie ihm am Schluss kopflos Kims Handynummer gegeben. Eine bescheuerte Idee, aber so auf die Schnelle war ihr nichts Besseres eingefallen. Jenny hatte diese Romanze nicht weiterspielen und auf einer Lüge aufbauen wollen. Vermutlich würden sie sich nie wiedersehen. Und selbst wenn, wäre er ganz sicher stinkwütend auf sie. Männer können ja die größten Arschlöcher sein, aber von Frauen belogen zu werden, war das Letzte, was sie abkönnen. Naja, zumindest konnte Jenny noch ein paar Tage von ihm träumen. Sie überlegte, ob sie sein Profil auf LFE suchen sollte, doch dann verwarf sie den Gedanken. Seinen Nachnamen hatte er ihr nicht genannt, also würde Jenny ihn unter den 1000 anderen Männern gleichen Namens kaum finden, denn er hatte sich der Einfachheit bei LFE mit x geschrieben. Außerdem war ihr das Ganze viel zu peinlich. Wenn sie ihn fand, konnte er sie auch finden. Und überhaupt- war es nicht ein schlechtes Zeichen, dass LFE Aleksander gar nicht als Partner vorgeschlagen hatte? Sie passten eben nicht zueinander. Andererseits hatten sie ihr Franz auf den Hals gehetzt. Soviel zur Treffsicherheit.