“Ich hab bisher mit Lehrern nur schlechte Erfahrungen gemacht” war ein Satz, den ich in den letzten Tagen von einem sonst sehr sympathischen Mensch aus der Nachbarschaft hörte: Ich bekam als Beispiel eine Dame genannt, die offenbar zur Spezies der verbeamteten Pädagogen gehört, von sich selbst behauptet, nachmittags nie arbeiten zu müssen, Korrekturen auch schon mal “nebenbei am Frühstückstisch” anzufertigen und die allem äußeren Anschein nach auch noch viel Geld damit mache. Menschlich ist sie anscheinend auch nicht besonders angenehm: Das Klischee des überbezahlten, faulen und überdies rechthaberischen Lehrers.

Meine Wenigkeit hat natürlich Schwierigkeiten mit dieser Vorstellung, war ich doch selbst viele Jahre mit einer vollen Stelle verbeamtet. Also, ich hatte kaum Privatleben, habe bis abends an Unterrichtsvorbereitung oder Korrekturen gesessen, teilweise auch am Wochenende, und mein Gehalt war gut, aber Freunde in der freien Wirtschaft verdienten wesentlich besser. Was sollte ich also dazu sagen? Wollte ich es überhaupt kommentieren? Würde das was bringen, und wenn ja, wem?

Da mich diese Unterhaltung die letzten Tage über jedoch beschäftigt hat, will ich doch ein paar Gedanken dazu niederschreiben. Die vernünftigsten Argumente fallen einem ja eh erst hinterher ein.

Kann man “die Lehrer” überhaupt über einen Kamm scheren? Man vergleicht doch auch nicht einen Papier- mit einem Maschinenbauingenieur. Oder ein international gefragtes Topmodel mit einem Model für Kataloge. Oder einen Assistenzarzt mit einem Schönheitschirurgen. Arbeitsaufwand, Bezahlung oder Jobbeschreibung unterscheiden sich inhaltlich doch sehr.

So auch bei Lehrern. Ob dieser Job Top oder Flop ist, liegt doch unter anderem an folgenden Aspekten:

Bezahlung: Allein schon die Gehälter eines verbeamteten und eines angestellten Lehrers unterscheiden sich erheblich, auch bei gleicher Stundenzahl und gleicher Leistung. Auch innerhalb des Beamtentums richtet sich die Zahl auf dem Kontoauszug nach Besoldungsgruppe, Berufsjahren und einigem mehr. Ein sechzigjähriger Beamter, der zudem noch Fachleiter ist oder die Schulbibliothek leitet, verdient ganz andere Summen als ein 31-jähriger Berufsanfänger.

Fächer: Ein Sportlehrer hat vermutlich eher weniger Korrekturen (mal ein Test, eventuell in der Oberstufe Klausuren), dafür ist der Unterricht sicher eine Mutprobe. Sechs Stunden am Stück präsent sein, aufpassen, rufen (große Turnhalle), helfen, eine wildgewordene Horde Pubertierender in Schach zu halten ist sicher ungleich anstrengender als sechs Stunden Deutschunterricht im Klassenraum, in dem alle mehr oder weniger brav beieinander sitzen und man als Lehrer durchaus mal Zeit hat, aus dem Fenster zu schauen. Dafür haben Deutschlehrer natürlich eine Menge Korrekturen, und spätestens ab der neunten Klasse braucht so Arbeit in Aufsatzform viel Korrekturzeit. Während besagter Deutschlehrer mit der Akzeptanz seines Faches weniger Schwierigkeiten haben dürfte (Deutsch ist ein Hauptfach, außerdem ist es für viele das Lieblingsfach), werden Musik oder Religion zum Beispiel sicher weniger respektiert und man lässt als Lehrer viele Federn in der Bemühung um Motivation.

Lerngruppen: Wenn ich größtenteils nette, pflegeleichte Klassen habe, in die ich gern gehe, die meistens lernen wollen und mit denen ich gut vorankomme, bin ich sicher ein entspannterer Lehrer, als wenn ich ein Schuljahr mit diesen “Chaosklassen” habe, in denen man erstmal eine Viertelstunde braucht, um eine gewisse Grundkonzentration reinzubringen. In denen Schüler den Lehrer als Feind, Unterricht als Zwang und Hausaufgaben als Zeitverschwendung betrachten. In schwierigen Klassen ist es besonders wichtig, seinen Unterricht auf den Punkt genau vorzubereiten, um möglichst keine “Langeweile” und damit Gelegenheiten für Blödsinn aufkommen zu lassen.

Verantwortung: Natürlich habe ich als Nebenfachlehrer, der seine Schüler nur zwei Stunden die Woche sieht, weniger Verantwortung für das Wohl und Wehe meiner Schüler, als ein Klassenlehrer. Besonders große Verantwortung tragen Sportlehrer sowie Begleitungen auf Klassenfahrten. Insgesamt sind Lehrer (nicht allein, aber immerhin) verantwortlich dafür, dass niemand Unsinn anstellt, niemand verletzt wird, und sich die Schüler fachlich und menschlich weiterentwickeln.

Eigener Anspruch: Ich persönlich liebe Freizeit, aber unterrichten macht mir mehr Spaß, wenn ich gut vorbereitet bin. Und wenn ich meine Schüler kenne. Wenn ich neue Klassen bekomme, lerne ich so schnell wie möglich die Namen und führe am Anfang des Schuljahres oft Einzelgespräche, um die Schüler auch menschlich einschätzen zu können. Das mag Zeit in Anspruch nehmen, zahlt sich aber immer aus. Die Schüler fühlen sich wahr- und ernstgenommen und sind von vornherein weniger “auf Krawall gebürstet”, und ich weiß bei den “Strategen” besser, wie ich mit ihnen klarkomme. In meinem Notenbüchlein stehen nicht nur Zahlen, sondern auch kleine Bemerkungen zu Verhalten und Mitarbeit. Auch das ist zeitaufwändig, aber mit einer halben Stelle machbar, und macht auf Eltern immer einen guten Eindruck oder nimmt ihnen bei Beschwerden (die selten vorkommen) zumindest den Wind aus den Segeln. Es mag Lehrer geben, die das für vertane Zeit halten. Ihren “Job” ableisten, Klassen haben, deren Schüler sie auch am Ende des Jahres noch nicht wirklich beim Namen nennen können, und die nicht mehr tun, als unbedingt nötig. Aber faule Eier gibt es in jedem Berufsfeld. Und ob ihnen das Arbeitsleben so Spaß macht?!

Also: Ich gönne der Dame aus der Nachbarschaft ihre Freizeit, ihre leichten Korrekturfrühstücke und Ferienhäuser- aber mein Entwurf ist das nicht, und ich möchte hier auch eine Lanze für viele andere Kollegen brechen, die “Lehrer” sind: Fröhliche, kommunikative Menschen mit keinem (!) Krösusgehalt, die ihre Arbeit gern, engagiert und gut machen. Und auch nicht ständig klugscheißen.

Ach ja: Und natürlich für all die tollen Eltern, die uns dabei unterstützen und immer wieder aufs Neue eine Chance geben – so, wie der Mensch aus meiner Nachbarschaft, der sich geduldig meine Ansichten anhörte und vielleicht eines Tages behauptet, dass es auch nette Lehrer gibt 😉

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