“fehlende körperliche Funktionsfähigkeit, mangelnde Fähigkeit zu wirken, seine Funktion auszuüben.“

Das ist die Definition aus dem Wörterbuch.

Unsere Gesellschaft hat ein Problem mit Schwächen. Das beginnt schon in der Schule, in der es weniger darum zu gehen scheint, Stärken zu entwickeln, als vielmehr Schwächen auszumerzen. Auch in der Wahrnehmung von Noten schlägt sich das nieder: Während in meiner Kindheit die 3 noch das Übliche war, eine 2 als gut und eine 1 als besonders herausragende Leistung galt, scheinen heute für viele Eltern und Schüler nur noch 1en und 2en in Frage zu kommen, alles andere ist indiskutabel. Statt sich zu freuen, dass jemand in seinen starken Fächern besonders gute Noten hat und die ein oder andere 4 zu akzeptieren, läuft für viele etwas falsch, wenn nicht alle Noten gut oder sehr gut sind.

Auch körperliche Schwächen sind nur teilweise gesellschaftlich akzeptiert: Beinbruch beim Skilaufen, Grippe, verstauchter Knöchel kann jeder nachvollziehen, aber allgemeine Unsportlichkeit zieht oft die Schadenfreude der Mitschüler auf sich, psychische Krankheiten sind vielen noch suspekter. Migräne, Depressionen, Panikattacken – da simuliert doch jemand und sucht Entschuldigungen, um nicht funktionieren zu müssen.

Aus Angst vor gesellschaftlicher Missbilligung werden “Fehlfunktionen” gern unterdrückt und verschwiegen. Wer redet schon gern offen darüber, dass er Nachhilfe braucht, weil er mit dem Fach, oder eine Therapie, weil er mit dem Leben nicht mehr zurechtkommt?

Aber ist es nicht viel mutiger, seinen Problemen ins Gesicht zu sehen, sie in Angriff zu nehmen und sich Hilfe zu suchen?
Hilfe suchen ist in unserer Gesellschaft so eine Sache. Die Devise „Ich schaff das allein“ scheint einer unserer modernen Slogans zu sein.

Aber wozu?

Der Mensch ist gar nicht dazu gedacht, allein zu sein oder alles allein zu schaffen. Das weiß jeder, der schon einmal in einem gut funktionierenden Team gearbeitet hat, in das jeder seine Stärken einbringen kann, während die Schwächen von anderen ausgeglichen werden. Wenn bei uns eine Geburtstagsfeier ansteht, kocht mein Mann das Essen, ich kümmere mich um das Einpacken der Geschenke und die Deko. Es wäre wirklich niemandem geholfen, wenn er hilflos knickendes Papier zusammenkleben und ich das Essen verhunzen würde. So macht jeder das, was er am besten kann, und alle sind glücklich. Er bekommt Lob für seine Pasta, ich für mein kreatives Händchen.

Ich fänds sehr schön, wenn auch Schule zu einem solchen Team wachsen könnte, in dem Eltern, Lehrer und Schüler sich gegenseitig unterstützen. In dem Misserfolge zum Geschäft dazugehören und nicht gleich Panik auslösen nach dem Motto “mein Kind hat eine 5, wir werden alle unter der Brücke enden.” In dem nicht gelacht wird, weil einer halt länger zum Lesen braucht.

Ganz ehrlich: Welche Note auf einem Zeugnis kommentieren wir als Erstes: Die gute oder die schlechte? “Mensch, toll die 1 in Kunst!” Nö. Wir sagen: “Die Vier in Erdkunde muss weg.”

Vielleicht starten wir mal nach dem Mittagessen nicht direkt mit den Hausaufgaben, sondern sagen wie Pippi Langstrumpf:

Hier sitzen wir, du und ich, und habens schön.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.