Es gibt viele Vorurteile in Bezug auf Depressionen. Zum Glück handelt es sich hierbei aber um eine Krankheit, die zunehmend in den Fokus der Gesellschaft rückt.

Vielleicht hat der ein oder andere gemerkt, dass ich eine Weile nicht besonders aktiv war hier auf meinem Blog und in den sozialen Netzwerken. Das hatte den Grund, dass ich mir eine Auszeit nehmen musste, weil ich – zum Glück noch relativ leichte – Depressionen hatte. Mag sein, dass diese Krankheit in einigen Lebensbereichen noch sehr tabuisiert wird, doch ich bin in meinem persönlichen Umfeld recht offen damit umgegangen und auf überraschend viel Verständnis und Zuspruch gestoßen. Nahezu jeder scheint jemanden zu kennen, der mal Depressionen hatte oder jemanden kennt, der jemanden kennt…

In meinem Fall war absoluter Rückzug der Rat meiner Therapeutin, und so habe ich acht Wochen in einer Klinik verbracht, die mit Gesprächs-, Bewegungs- und Kunsttherapie Menschen wie mir hilft, wieder zu sich zu finden und auf (irgendeine) Spur zu kommen.

Menschen wie mir?

Die meisten, die ich dort kennen gelernt habe, hatten – trotz Unterschieden im Detail – ein ähnliches “Problem”: Mangelnde Selbstliebe, Angst vor Ablehnung, Schlaflosigkeit, Zähneknirschen, Panikattacken, Nacken- und Rückenschmerzen und Depressionen – bei nach außen mega erfüllendem Leben:

Glückliche Beziehung, tolle Kinder, schönes Heim, erfolgreiche Karriere, beliebt, weitgehend gesund. Die beliebte Lehrerin (hüstel, hüstel) war genau so vertreten wie die um die Welt reisende strahlende Modedesignerin, der erfolgreiche Unternehmer oder die ihr Leben wuppende Powerfrau. Dementsprechend haben alle erzählt, dass ihr Umfeld höchst überrascht, wenn nicht sogar ungläubig oder sogar entsetzt auf die Nachricht reagiert habe, dass man Depressionen hat.

Deshalb ist es mir heute ein Anliegen, mal nicht über das Schul- oder Elternleben zu berichten, sondern – völlig unwissenschaftlich und absolut subjektiv – über eine Krankheit zu schreiben, die fast jeden treffen kann.

Depressionen bekommen nicht “nur mental schwache Menschen” oder Leute nach traumatischen Ereignissen.

Depressionen sind nicht auf ein bestimmtes Alter, Geschlecht, einen sozialen Status, einen bestimmten Charakter oder Berufsgruppen beschränkt. Grundsätzlich “deprimieren einen” verdrängte Erlebnisse oder Stimmungen aus der Kindheit, die einen ein Leben lang begleiten und im Erwachsenenalter “hochkommen” können. Das können schlimme Traumata sein, oder auch “nur” die ständige Abwesenheit von Liebe oder die ständige Anwesenheit hoher Anforderungen. Die Gründe hierfür sind endlos. Das Kind, das immer nur 1en und 2en mit nach Hause bringen durfte, kann später Depressionen bekommen, weil es meint, nur geliebt zu werden, wenn es ständig Höchstleistungen bringt. Kann, muss aber nicht. Das Kind, das immer still und brav sein musste und nie mal über die Stränge schlagen durfte, kann später Depressionen bekommen, weil es auch als Erwachsene(r) seine eigenen Bedürfnisse ständig unterdrückt.

Oft melden sich diese “Verstimmungen” gerade dann, wenn äußerlich alles perfekt scheint: Familienplanung und Nestbau sind abgeschlossen, Freunde, Job, alles läuft, also hat das Unterbewusstsein Zeit, mal so richtig aus dem Vollen zu schöpfen und Salsa zu tanzen. Plötzlich fühlt man sich dauernd leer oder erschlagen, emotionslos oder wie abgeschnitten vom Leben und versteht selbst nicht, weshalb. Hola Depression.

Depressionen sind in der Regel unsichtbar.

Anscheinend häufig reagieren die Menschen um einen herum eher erschrocken und entsetzt, wenn man ihnen dann doch irgendwann erzählt, man habe Depressionen. “Was, ausgerechnet du?” “Damit hätte ich niemals gerechnet! Doch nicht du!” Gerade weil Depression keine Krankheit ist, die man selbst als erster erkennt, versucht man sich, wenn man scheinbar grundlos traurig oder dauernd erschöpft ist, das nicht anmerken zu lassen. Man will ja nicht undankbar für sein gutes Leben erscheinen. Man wird ein Meister der Tarnung, des Strahlens. Man wirkt nach außen immer fröhlich, erfolgreich, glücklich. Nicht, weil man ein Lügner oder Hochstapler ist, der die anderen täuschen will, sondern aus Selbstschutz. Damit niemand nachfragt, wie es einem wirklich geht, damit man nicht zugeben muss, dass man, statt dankbar für sein tolles Leben zu sein, am liebsten im Bett bleiben würde und niemanden sehen will.

Depressionen sind keine “schwierige Phase”, aus der man mit ein paar Wochen Urlaub wieder herauskommt.

Depressionen entwickeln sich schleichend über Jahrzehnte. Sie fußen manchmal auf Glaubenssätzen aus der Kindheit wie “ich bin nicht gut genug”, “ich schaffe das nicht” oder “ich bin nur liebenswert, wenn ich Leistung zeige”. Schaffbare, harmlose Aufgaben wirken unlösbar, direkt nach dem Aufstehen ist man schon wieder erledigt, weil man gar nicht weiß, wie man den Tag überstehen soll. Das hat mit der üblichen Erschöpfung nach einer anstrengenden Arbeitsphase, nach Krankheit oder längerem Schlafmangel nichts zu tun. “Ein bisschen frische Luft” oder “gesünder ernähren” ist sicher immer ratsam, hilft aber nicht bei echten Depressionen. Meist hilft nur eine Therapie, in der man sein Inneres versucht kennen zu lernen und versteht, weshalb man sich so fühlt, wie man sich fühlt. Erst dann kann man an seinen Glaubenssätzen und seinem Verhalten arbeiten und irgendwann wieder ein normales und sogar glückliches Leben führen. Das kann Monate, je nach Schweregrad der Depression auch Jahre dauern. Wenn es ohne Medikamente geht, um so besser, doch manchmal braucht man sogar die, um den Alltag zu überstehen.

Eine glückliche Familie und gute Freunde ersetzen bei einer Depression nicht den therapeutischen Beistand.

Reden ist einer der Grundbausteine einer Therapie. Glücklich ist, wer das auch mit seinen Lieblingsmenschen tun kann. Und doch ersetzt auch die beste Schwester oder der verständnisvollste Kumpel nicht den / die Therapeute/in. Erstens, weil nur diese über Hintergrundwissen und Techniken verfügen, einem aus dem Dunkel herauszuhelfen. Zweitens, weil sie emotional nicht beteiligt sind. Lieblingsmenschen verlieren vielleicht die Geduld, wenn sie merken, dass es nicht voran geht. Oder sie fühlen sich sogar mitschuldig daran, dass es einem schlecht geht. Sie meinen es gut und glauben zu wissen, was das Beste für einen ist, aber schließlich leben auch sie in ihrer eigenen Welt und sind vielleicht nicht immer objektiv. Wenn die beste Freundin mit einem zusammenarbeitet, hat sie natürlich besonderes Interesse daran, dass man in seinem Job wieder glücklich wird, während ein Therapeut einem auch andere Alternativen aufzeigen kann. Die Mutter, die den Schwiegersohn bzw. die Schwiegertochter liebt, hat ein besonderes Interesse daran, dass die Ehe läuft, während der Therapeut vielleicht den Finger in die Wunde legt und einem sachlich zu der Erkenntnis verhilft, dass man ohne den / die Partner / in besser dran sein könnte.

Niemand ist daran schuld, dass ich Depressionen habe.

Schuld ist eines der destruktivsten Gefühle überhaupt. Schuld bringt niemandem etwas. Auch in der Therapie geht es niemals darum, einen Schuldigen zu finden, sondern neue Wege zu eröffnen. War die Kindheit schwierig, weil die Eltern zu streng waren, soll die Therapie nicht dazu führen, dass man sich endlich mal traut, seinen Eltern gehörig die Meinung zu geigen. Nein, man soll verstehen, was nicht optimal gelaufen ist, um für sein weiteres Leben unabhängigere Entscheidungen treffen zu können. Wenn man bisher glaubte, immer Glanzleistungen zeigen zu müssen, weil Papa das ständig von einem verlangt hat, kann man mit Hilfe einer Therapie eines Tages vielleicht entscheiden, mal etwas nur mittelmäßig zu tun, weil es einem gerade gar nicht so wichtig ist. Wenn man als Kind ständig von MitschülerInnen gemobbt wurde, ist das Ergebnis einer Therapie nicht, dass man jetzt alle zusammentrommelt und einen nach dem anderen umbringt, sondern dass man unterscheiden lernt, was früher war und was heute ist. Dass man heute nicht mehr das kleine Kind ist, das ständig gepiesackt wird und auch als Erwachsener hinter jedem Wort eines anderen eine Attacke vermutet.

Es ist auch niemand schuld daran, wenn er nichts von einer Depression bemerkt hat. Depressive sind wie gesagt ein Meister der Schauspielerei und möchten gar nicht unbedingt über ihren armseligen Zustand reden. Sie wollen ja fröhlich sein, sich ablenken und andere nicht auch noch belasten. Damit also niemand nachfragt, zeigt man lieber gleich sein “Alles prima” – Gesicht, um keine unangenehmen Fragen beantworten zu müssen.

Wie kann man Depressiven helfen?

Jeder Mensch ist anders. Depressionen haben tausende Gesichter. Von relativ leichten andauernden Stimmungstiefs bis hin zu selbstmörderischen Gedanken breitet sich ein weites Feld aus. Deshalb kann und will ich hier nur für mich sprechen. Von meinen Erfahrungen. Ich hatte bzw. habe leichte Depressionen, brauche zum Glück keine Medikamente, meine Ehe steht nicht auf dem Spiel, und auch sonst ist das alles irgendwie handelbar. Mir hat die Auszeit sehr gut getan, aber ich werde auch einiges ändern müssen. An mir, aber auch an den Umständen.

Vor allem werde ich mehr mit meinen Herzensmenschen reden. Dass mein Zustand bisher nie Thema war, liegt nicht daran, dass es niemanden interessiert hat oder ich auf völliges Unverständnis gestoßen wäre. Ich wollte nicht darüber reden, sondern den Moment genießen. Der Depressive hat seinen Kopf voller schwarzer und grauer Wollknäuel, die sich verknotet haben, und aus denen er sich erst einmal nicht befreien kann. Es braucht viel Zeit, bis wieder Platz für Licht, Wärme und Klarheit herrscht. Bis dahin betäubt er sich gern – mit shoppen, mit essen, mit lustigen Gesprächen. Herzensmenschen wie Partner, Familie und Freunde, die unermüdlich an diesen Knoten herumfriemeln und nicht aufgeben, wenn sich einer mal nicht sofort lösen lassen will, sind dabei für den Depressiven eine Chance. Zuhören. Raum geben. Und einen ansonsten völlig normal behandeln. Sätze wie “das wird schon”, “jetzt reiß dich mal zusammen” oder “stell dich nicht so an, das Leben ist kein Wunschkonzert” sind da weniger hilfreich, habe ich persönlich (im Gegensatz zu einigen meiner MitpatientInnen) aber zum Glück auch noch nie zu hören bekommen.

Was nehme ich aus der Therapie mit?

Ich hab tatsächlich einen Sack voller neuer Mantras dabei wie “antworte ehrlich auf die Frage, wie es dir geht” oder “ich kann und muss es nicht jedem recht machen” 😉

Das Wesentliche ist aber, mehr zu achten:

  • auf meine Bedürfnisse, weil ich es schließlich auch verdiene
  • auf meine Mitmenschen, ob sie nur oberflächlich glänzen oder wirklich innerlich leuchten
  • auf mein Kind, ob es wohl halbwegs traumafrei durch die Kindheit stiefelt – ohne überhöhte Erwartungen der Erwachsenen, ohne Missachtung seiner Bedürfnisse, ohne ständige gedankliche Abwesenheit der Eltern

Bleibt gesund und achtet auf euch

2 Comments on Aus dem Dunkel zurück ins Licht

  1. Hallo Christine, ich habe seit 30 Jahren eine psychisch kranke Schwester und wollte dir nur sagen, dass ich deinen Beitrag großartig finde! LG Katrin

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