Es war einmal ein Blumengießer, der fand eine Anstellung bei den Verwaltern eines großen, wilden Gartens. Es war ein paradiesischer Arbeitsplatz, alles grünte und blühte, es gab bunte Blumen, Grünpflanzen, Büsche und sogar Tannen, giftige Pflanzen, Heilpflanzen, welche, die viel Sonne brauchten und diejenigen, die nur im Schatten gediehen. Viele Menschen aus der Umgebung hatten ihre Pflanzen zur Pflege hierhergebracht. Der Blumengießer war glücklich, konnte er hier doch eine wirklich Sinn stiftende Arbeit verrichten, indem er genau wusste, welche Pflanze welche Wassermenge oder welchen Dünger brauchte und ihnen beim Wachsen und Gedeihen zusehen und helfen durfte. Voller Freude machte er sich an die Arbeit.

Die Verwalter traten zu ihm und sprachen: “Hier hast du eine kleine Gießkanne, der Wasserspender ist da vorne am Eingang.” Der Blumengießer hielt das erst für einen Witz – wie sollte er so den ganzen Park schaffen, er würde ja mehr herumlaufen, als sich um die Pflanzen kümmern zu können, doch es war ernst gemeint.

Nun gut, er hatte die Stelle eben erst angetreten und würde sich nicht sofort beschweren. Es blieb ja dennoch ein wunderschöner Arbeitsplatz, dann würde er eben jeden Tag ein, zwei Stündchen mehr brauchen, was sollte es.

Drei Tage tat er sein Bestes, genoss das schöne Wetter, lief durch den Park von Beet zu Beet. Da traten die Verwalter erneut zu ihm, beglückwünschten ihn, dass er sich so gut eingelebt habe und gaben ihm eine kleine Harke und eine Schere in die Hand. “Damit du den Boden umgraben und das Gras schneiden kannst.” Jetzt glaubte der Blumengießer erst recht, sie wollten ihn verspotten. Er war Blumengießer, kein Rasenmäher oder Schaufelbagger, dafür gab es doch andere Fachkräfte? Und wie – haha, sollte man mit einer Schere die vielen Quadratmeter Wiese mähen? Doch ihm verging bald das Lachen. Sie meinten es ernst.

Und er versuchte es. Drei Tage lang. Dann sagte er: “Verzeiht, aber das ist nicht zu schaffen. Selbst, wenn ich drei Stunden länger als bezahlt jeden Tag bleibe und mein Bestes gebe – entweder ich komme mit dem Gießen nicht hinterher, oder ich schaffe den Rasen nicht, geschweige denn, die Erde umzugraben.” Die Verwalter klopften ihm ermutigend auf die Schulter. Er solle das nicht so eng sehen. Niemand verlange, dass er jeder einzelnen Blume gerecht werde, solange im Protokoll stehe, dass er seine Pflicht verrichtet habe. “Welches Protokoll?”, fragte er verwundert, und sie klemmten ihm einen Ordner unter den Arm mit dem Hinweis, dass er die Protokolle darin jeden Tag nach getaner Arbeit auszufüllen habe.

Ihr könnt euch denken, nach den nächsten drei Tagen war der Blumengießer völlig erledigt. Die Verwalter lächelten flüchtig und sagten, er solle sich nicht so anstellen, die anderen schafften das doch auch. Er dürfe das Ganze nicht so nahe an sich heranlassen. Wenn eine Pflanze es nicht schaffte, war das eben so. Der Blumengießer schüttelte den Kopf. Das war aber nicht sein Beruf. Das war nicht der Grund, weshalb er hier war. Blumengießer sein, das war doch eben das “Sich-kümmern”, das “an-sich-heranlassen”, der umsichtige Umgang mit all den von ihm abhängigen kleinen und großen Pflanzen – wenn er stumpf und ignorant wurde, war das nicht mehr sein Beruf, dann wollte er kein Blumengießer mehr sein. Aber wer sollte den Pflanzen denn dann das Wasser geben?

Er wollte nicht aufgeben. Schließlich konnten all die ihm anvertrauten Pflanzen nichts dafür. Er schuftete und schuftete. Manchmal schlief er sogar im Park, weil er sonst nichtmal das Nötigste seines Pensums schaffte. Irgendwann konnte er nicht mehr schlafen, weil er ständig grübelte und sich fragte, wie er möglichst allen gerecht werden konnte, doch der Park wuchs ihm buchstäblich über den Kopf: Während die eine Hälfte wild wucherte und anderen den Platz nahm, gingen diese ein. Verzweifelt versuchte der Blumengießer der Lage Herr zu werden, doch er hatte immer weniger Kraft. Jeden Tag musste er die grausame Entscheidung treffen, ob er sich um einen Bereich richtig, die anderen gar nicht, oder um alle nur so halb kümmerte. Es gab durchaus robuste Blumen und Sträucher, die trotzdem wuchsen und groß und kräftig wurden, aber auch viele, die von Schädlingen befallen wurden, ihre Blätter hängen ließen, verdursteten und eingingen. Die Menschen, die ihre Pflanzen zur Pflege gebracht hatten, beschwerten sich zurecht, weil er ihren Schützlingen nicht genug Aufmerksamkeit hatte angedeihen lassen oder zu wenig Dünger gegeben hatte. Wenn er hilflos versuchte zu erklären, dass er das nicht schaffte, zuckten sie nur verständnislos mir den Schultern. Was wolle er denn, sein Job sei doch wie Urlaub, er hätte eine wunderschöne Umgebung, sei sein eigener Herr und könne sich die Zeit frei einteilen. Doch er wurde krank, brachte nichts mehr zustande. Er bot sogar an, sein Gehalt zu kürzen, um eine Hilfskraft einzustellen, doch dieser Vorschlag wurde abgewiesen. Das sei nicht üblich, er habe Anspruch auf sein volles Gehalt, und andere würden das doch auch schaffen.

Eines Tages ging er. Er wollte in diesem Park kein Blumengießer mehr sein.

Viele kamen nach ihm.

Die, die allen Pflanzen gerecht werden wollten, konnten bald nicht mehr, wurden krank oder gingen ebenfalls. Die, die es bei allem Engagement schafften, “das Ganze nicht so nah an sich heran” zu lassen, hielten länger aus.

Die Leute, die den einst so wunderschönen Park verwelken und dahinsiechen sahen, rümpften die Nase und beschwerten sich über die offensichtlich schlecht ausgebildeten und faulen Blumengießer.

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