Autor: Tina Flynn

Das Gleichnis vom Blumengießer

Es war einmal ein Blumengießer, der fand eine Anstellung bei den Verwaltern eines großen, wilden Gartens. Es war ein paradiesischer Arbeitsplatz, alles grünte und blühte, es gab bunte Blumen, Grünpflanzen, Büsche und sogar Tannen, giftige Pflanzen, Heilpflanzen, welche, die viel Sonne brauchten und diejenigen, die nur im Schatten gediehen. Viele Menschen aus der Umgebung hatten ihre Pflanzen zur Pflege hierhergebracht. Der Blumengießer war glücklich, konnte er hier doch eine wirklich Sinn stiftende Arbeit verrichten, indem er genau wusste, welche Pflanze welche Wassermenge oder welchen Dünger brauchte und ihnen beim Wachsen und Gedeihen zusehen und helfen durfte. Voller Freude machte er sich an die Arbeit.

Die Verwalter traten zu ihm und sprachen: “Hier hast du eine kleine Gießkanne, der Wasserspender ist da vorne am Eingang.” Der Blumengießer hielt das erst für einen Witz – wie sollte er so den ganzen Park schaffen, er würde ja mehr herumlaufen, als sich um die Pflanzen kümmern zu können, doch es war ernst gemeint.

Nun gut, er hatte die Stelle eben erst angetreten und würde sich nicht sofort beschweren. Es blieb ja dennoch ein wunderschöner Arbeitsplatz, dann würde er eben jeden Tag ein, zwei Stündchen mehr brauchen, was sollte es.

Drei Tage tat er sein Bestes, genoss das schöne Wetter, lief durch den Park von Beet zu Beet. Da traten die Verwalter erneut zu ihm, beglückwünschten ihn, dass er sich so gut eingelebt habe und gaben ihm eine kleine Harke und eine Schere in die Hand. “Damit du den Boden umgraben und das Gras schneiden kannst.” Jetzt glaubte der Blumengießer erst recht, sie wollten ihn verspotten. Er war Blumengießer, kein Rasenmäher oder Schaufelbagger, dafür gab es doch andere Fachkräfte? Und wie – haha, sollte man mit einer Schere die vielen Quadratmeter Wiese mähen? Doch ihm verging bald das Lachen. Sie meinten es ernst.

Und er versuchte es. Drei Tage lang. Dann sagte er: “Verzeiht, aber das ist nicht zu schaffen. Selbst, wenn ich drei Stunden länger als bezahlt jeden Tag bleibe und mein Bestes gebe – entweder ich komme mit dem Gießen nicht hinterher, oder ich schaffe den Rasen nicht, geschweige denn, die Erde umzugraben.” Die Verwalter klopften ihm ermutigend auf die Schulter. Er solle das nicht so eng sehen. Niemand verlange, dass er jeder einzelnen Blume gerecht werde, solange im Protokoll stehe, dass er seine Pflicht verrichtet habe. “Welches Protokoll?”, fragte er verwundert, und sie klemmten ihm einen Ordner unter den Arm mit dem Hinweis, dass er die Protokolle darin jeden Tag nach getaner Arbeit auszufüllen habe.

Ihr könnt euch denken, nach den nächsten drei Tagen war der Blumengießer völlig erledigt. Die Verwalter lächelten flüchtig und sagten, er solle sich nicht so anstellen, die anderen schafften das doch auch. Er dürfe das Ganze nicht so nahe an sich heranlassen. Wenn eine Pflanze es nicht schaffte, war das eben so. Der Blumengießer schüttelte den Kopf. Das war aber nicht sein Beruf. Das war nicht der Grund, weshalb er hier war. Blumengießer sein, das war doch eben das “Sich-kümmern”, das “an-sich-heranlassen”, der umsichtige Umgang mit all den von ihm abhängigen kleinen und großen Pflanzen – wenn er stumpf und ignorant wurde, war das nicht mehr sein Beruf, dann wollte er kein Blumengießer mehr sein. Aber wer sollte den Pflanzen denn dann das Wasser geben?

Er wollte nicht aufgeben. Schließlich konnten all die ihm anvertrauten Pflanzen nichts dafür. Er schuftete und schuftete. Manchmal schlief er sogar im Park, weil er sonst nichtmal das Nötigste seines Pensums schaffte. Irgendwann konnte er nicht mehr schlafen, weil er ständig grübelte und sich fragte, wie er möglichst allen gerecht werden konnte, doch der Park wuchs ihm buchstäblich über den Kopf: Während die eine Hälfte wild wucherte und anderen den Platz nahm, gingen diese ein. Verzweifelt versuchte der Blumengießer der Lage Herr zu werden, doch er hatte immer weniger Kraft. Jeden Tag musste er die grausame Entscheidung treffen, ob er sich um einen Bereich richtig, die anderen gar nicht, oder um alle nur so halb kümmerte. Es gab durchaus robuste Blumen und Sträucher, die trotzdem wuchsen und groß und kräftig wurden, aber auch viele, die von Schädlingen befallen wurden, ihre Blätter hängen ließen, verdursteten und eingingen. Die Menschen, die ihre Pflanzen zur Pflege gebracht hatten, beschwerten sich zurecht, weil er ihren Schützlingen nicht genug Aufmerksamkeit hatte angedeihen lassen oder zu wenig Dünger gegeben hatte. Wenn er hilflos versuchte zu erklären, dass er das nicht schaffte, zuckten sie nur verständnislos mir den Schultern. Was wolle er denn, sein Job sei doch wie Urlaub, er hätte eine wunderschöne Umgebung, sei sein eigener Herr und könne sich die Zeit frei einteilen. Doch er wurde krank, brachte nichts mehr zustande. Er bot sogar an, sein Gehalt zu kürzen, um eine Hilfskraft einzustellen, doch dieser Vorschlag wurde abgewiesen. Das sei nicht üblich, er habe Anspruch auf sein volles Gehalt, und andere würden das doch auch schaffen.

Eines Tages ging er. Er wollte in diesem Park kein Blumengießer mehr sein.

Viele kamen nach ihm.

Die, die allen Pflanzen gerecht werden wollten, konnten bald nicht mehr, wurden krank oder gingen ebenfalls. Die, die es bei allem Engagement schafften, “das Ganze nicht so nah an sich heran” zu lassen, hielten länger aus.

Die Leute, die den einst so wunderschönen Park verwelken und dahinsiechen sahen, rümpften die Nase und beschwerten sich über die offensichtlich schlecht ausgebildeten und faulen Blumengießer.

Sinnspruch-Test: “Gute Eltern bereiten nicht den Weg für ihre Kinder vor. Sie bereiten die Kinder auf den Weg vor.”

Als bekennender Astrid-Lindgren-Fan bewegt sich mein Mutterherz immer zwischen den Polen “Räubertochtermama” und “Helikoptermutter”. Mein Verstand vermutet, dass es Kindern gut tut, sich frei selbst entwickeln und eigene Erfahrungen machen zu dürfen, mein Herz würde das eigene Kind lieber in Watte packen, im Rapunzelturm einsperren und den Schlüssel wegwerfen.

Spaß beiseite.

Da unsere Kinder in der Regel nicht in den schwedischen Dörfern Lindgrens aufwachsen, wo der böseste Schurke ein kleiner Junge ist, der sich eine Suppenschüssel über den Kopf stülpt, sondern im modernen Großstadtjungel, der von unübersichtlichem Straßenverkehr, einem Haufen fremder Menschen und gefährlichen Verlockungen bestimmt ist, tut man natürlich gut daran, besonders auf den eigenen Sprössling acht zu geben.

Doch wo liegt die gesunde Mitte zwischen “ich fahr mein Kind mit dem SUV vor die Klassentür” und Vernachlässigung der Aufsichtspflicht?

Wir wünschen uns Glück, Erfolg und Sicherheit für unseren Nachwuchs. Doch wie soll er lernen, diese Dinge als Erwachsener zu erreichen, wenn wir ihm als Kind alles abnehmen – in der Schule bessere Noten einklagen wollen, es hierhin und dorthin kutschieren, ihm die Schultasche packen und das Zimmer aufräumen?

Was hilft uns Erwachsenen, den Alltag zu meistern, ein glückliches und selbstbestimmtes Leben zu führen, solange die äußeren Umstände dem nicht entgegen stehen?

Ich hab für mich folgende Eigenschaften gefunden:

  • Selbstvertrauen
  • Vernunft
  • gesunde Vorsicht, Kritikfähigkeit
  • Mut (nicht Leichtsinn)

Diese Liste kann man natürlich ins Unendliche weiterführen. Humor gehört für mich beispielsweise auch zur Alltagsbewältigung.

Doch wie helfe ich meinem Räuberkind nun dabei, Selbstvertrauen zu entwickeln, vernünftig zu entscheiden, wann Mut, wann Vorsicht angesagt sind?

Ich fürchte, indem ich der Helikoptermutter in mir geduldig zuhöre, und sie dann zum Kaffeetrinken schicke, während ich versuche, Madame auf den Weg vorzubereiten. Indem ich nicht alle Steine, Spinnen und Stolperfallen aus dem Weg räume, sondern ihr beibringe, wie sie mit Steinen etwas Neues erschafft, den Spinnen aus dem Weg geht und über die Stolpferfallen springt. Denn was macht uns zu dem, der wir heute sind? Nicht die ewigen Ermahnungen und Warnungen unserer Eltern.

Unsere eigenen Erfahrungen.

…diesen Sommer werde ich bis an mein Lebensende in mir tragen, das weiß ich.”

Astrid Lindgren in “Ronja Räubertochter”

Aus dem Dunkel zurück ins Licht

Es gibt viele Vorurteile in Bezug auf Depressionen. Zum Glück handelt es sich hierbei aber um eine Krankheit, die zunehmend in den Fokus der Gesellschaft rückt.

Vielleicht hat der ein oder andere gemerkt, dass ich eine Weile nicht besonders aktiv war hier auf meinem Blog und in den sozialen Netzwerken. Das hatte den Grund, dass ich mir eine Auszeit nehmen musste, weil ich – zum Glück noch relativ leichte – Depressionen hatte. Mag sein, dass diese Krankheit in einigen Lebensbereichen noch sehr tabuisiert wird, doch ich bin in meinem persönlichen Umfeld recht offen damit umgegangen und auf überraschend viel Verständnis und Zuspruch gestoßen. Nahezu jeder scheint jemanden zu kennen, der mal Depressionen hatte oder jemanden kennt, der jemanden kennt…

In meinem Fall war absoluter Rückzug der Rat meiner Therapeutin, und so habe ich acht Wochen in einer Klinik verbracht, die mit Gesprächs-, Bewegungs- und Kunsttherapie Menschen wie mir hilft, wieder zu sich zu finden und auf (irgendeine) Spur zu kommen.

Menschen wie mir?

Die meisten, die ich dort kennen gelernt habe, hatten – trotz Unterschieden im Detail – ein ähnliches “Problem”: Mangelnde Selbstliebe, Angst vor Ablehnung, Schlaflosigkeit, Zähneknirschen, Panikattacken, Nacken- und Rückenschmerzen und Depressionen – bei nach außen mega erfüllendem Leben:

Glückliche Beziehung, tolle Kinder, schönes Heim, erfolgreiche Karriere, beliebt, weitgehend gesund. Die beliebte Lehrerin (hüstel, hüstel) war genau so vertreten wie die um die Welt reisende strahlende Modedesignerin, der erfolgreiche Unternehmer oder die ihr Leben wuppende Powerfrau. Dementsprechend haben alle erzählt, dass ihr Umfeld höchst überrascht, wenn nicht sogar ungläubig oder sogar entsetzt auf die Nachricht reagiert habe, dass man Depressionen hat.

Deshalb ist es mir heute ein Anliegen, mal nicht über das Schul- oder Elternleben zu berichten, sondern – völlig unwissenschaftlich und absolut subjektiv – über eine Krankheit zu schreiben, die fast jeden treffen kann.

Depressionen bekommen nicht “nur mental schwache Menschen” oder Leute nach traumatischen Ereignissen.

Depressionen sind nicht auf ein bestimmtes Alter, Geschlecht, einen sozialen Status, einen bestimmten Charakter oder Berufsgruppen beschränkt. Grundsätzlich “deprimieren einen” verdrängte Erlebnisse oder Stimmungen aus der Kindheit, die einen ein Leben lang begleiten und im Erwachsenenalter “hochkommen” können. Das können schlimme Traumata sein, oder auch “nur” die ständige Abwesenheit von Liebe oder die ständige Anwesenheit hoher Anforderungen. Die Gründe hierfür sind endlos. Das Kind, das immer nur 1en und 2en mit nach Hause bringen durfte, kann später Depressionen bekommen, weil es meint, nur geliebt zu werden, wenn es ständig Höchstleistungen bringt. Kann, muss aber nicht. Das Kind, das immer still und brav sein musste und nie mal über die Stränge schlagen durfte, kann später Depressionen bekommen, weil es auch als Erwachsene(r) seine eigenen Bedürfnisse ständig unterdrückt.

Oft melden sich diese “Verstimmungen” gerade dann, wenn äußerlich alles perfekt scheint: Familienplanung und Nestbau sind abgeschlossen, Freunde, Job, alles läuft, also hat das Unterbewusstsein Zeit, mal so richtig aus dem Vollen zu schöpfen und Salsa zu tanzen. Plötzlich fühlt man sich dauernd leer oder erschlagen, emotionslos oder wie abgeschnitten vom Leben und versteht selbst nicht, weshalb. Hola Depression.

Depressionen sind in der Regel unsichtbar.

Anscheinend häufig reagieren die Menschen um einen herum eher erschrocken und entsetzt, wenn man ihnen dann doch irgendwann erzählt, man habe Depressionen. “Was, ausgerechnet du?” “Damit hätte ich niemals gerechnet! Doch nicht du!” Gerade weil Depression keine Krankheit ist, die man selbst als erster erkennt, versucht man sich, wenn man scheinbar grundlos traurig oder dauernd erschöpft ist, das nicht anmerken zu lassen. Man will ja nicht undankbar für sein gutes Leben erscheinen. Man wird ein Meister der Tarnung, des Strahlens. Man wirkt nach außen immer fröhlich, erfolgreich, glücklich. Nicht, weil man ein Lügner oder Hochstapler ist, der die anderen täuschen will, sondern aus Selbstschutz. Damit niemand nachfragt, wie es einem wirklich geht, damit man nicht zugeben muss, dass man, statt dankbar für sein tolles Leben zu sein, am liebsten im Bett bleiben würde und niemanden sehen will.

Depressionen sind keine “schwierige Phase”, aus der man mit ein paar Wochen Urlaub wieder herauskommt.

Depressionen entwickeln sich schleichend über Jahrzehnte. Sie fußen manchmal auf Glaubenssätzen aus der Kindheit wie “ich bin nicht gut genug”, “ich schaffe das nicht” oder “ich bin nur liebenswert, wenn ich Leistung zeige”. Schaffbare, harmlose Aufgaben wirken unlösbar, direkt nach dem Aufstehen ist man schon wieder erledigt, weil man gar nicht weiß, wie man den Tag überstehen soll. Das hat mit der üblichen Erschöpfung nach einer anstrengenden Arbeitsphase, nach Krankheit oder längerem Schlafmangel nichts zu tun. “Ein bisschen frische Luft” oder “gesünder ernähren” ist sicher immer ratsam, hilft aber nicht bei echten Depressionen. Meist hilft nur eine Therapie, in der man sein Inneres versucht kennen zu lernen und versteht, weshalb man sich so fühlt, wie man sich fühlt. Erst dann kann man an seinen Glaubenssätzen und seinem Verhalten arbeiten und irgendwann wieder ein normales und sogar glückliches Leben führen. Das kann Monate, je nach Schweregrad der Depression auch Jahre dauern. Wenn es ohne Medikamente geht, um so besser, doch manchmal braucht man sogar die, um den Alltag zu überstehen.

Eine glückliche Familie und gute Freunde ersetzen bei einer Depression nicht den therapeutischen Beistand.

Reden ist einer der Grundbausteine einer Therapie. Glücklich ist, wer das auch mit seinen Lieblingsmenschen tun kann. Und doch ersetzt auch die beste Schwester oder der verständnisvollste Kumpel nicht den / die Therapeute/in. Erstens, weil nur diese über Hintergrundwissen und Techniken verfügen, einem aus dem Dunkel herauszuhelfen. Zweitens, weil sie emotional nicht beteiligt sind. Lieblingsmenschen verlieren vielleicht die Geduld, wenn sie merken, dass es nicht voran geht. Oder sie fühlen sich sogar mitschuldig daran, dass es einem schlecht geht. Sie meinen es gut und glauben zu wissen, was das Beste für einen ist, aber schließlich leben auch sie in ihrer eigenen Welt und sind vielleicht nicht immer objektiv. Wenn die beste Freundin mit einem zusammenarbeitet, hat sie natürlich besonderes Interesse daran, dass man in seinem Job wieder glücklich wird, während ein Therapeut einem auch andere Alternativen aufzeigen kann. Die Mutter, die den Schwiegersohn bzw. die Schwiegertochter liebt, hat ein besonderes Interesse daran, dass die Ehe läuft, während der Therapeut vielleicht den Finger in die Wunde legt und einem sachlich zu der Erkenntnis verhilft, dass man ohne den / die Partner / in besser dran sein könnte.

Niemand ist daran schuld, dass ich Depressionen habe.

Schuld ist eines der destruktivsten Gefühle überhaupt. Schuld bringt niemandem etwas. Auch in der Therapie geht es niemals darum, einen Schuldigen zu finden, sondern neue Wege zu eröffnen. War die Kindheit schwierig, weil die Eltern zu streng waren, soll die Therapie nicht dazu führen, dass man sich endlich mal traut, seinen Eltern gehörig die Meinung zu geigen. Nein, man soll verstehen, was nicht optimal gelaufen ist, um für sein weiteres Leben unabhängigere Entscheidungen treffen zu können. Wenn man bisher glaubte, immer Glanzleistungen zeigen zu müssen, weil Papa das ständig von einem verlangt hat, kann man mit Hilfe einer Therapie eines Tages vielleicht entscheiden, mal etwas nur mittelmäßig zu tun, weil es einem gerade gar nicht so wichtig ist. Wenn man als Kind ständig von MitschülerInnen gemobbt wurde, ist das Ergebnis einer Therapie nicht, dass man jetzt alle zusammentrommelt und einen nach dem anderen umbringt, sondern dass man unterscheiden lernt, was früher war und was heute ist. Dass man heute nicht mehr das kleine Kind ist, das ständig gepiesackt wird und auch als Erwachsener hinter jedem Wort eines anderen eine Attacke vermutet.

Es ist auch niemand schuld daran, wenn er nichts von einer Depression bemerkt hat. Depressive sind wie gesagt ein Meister der Schauspielerei und möchten gar nicht unbedingt über ihren armseligen Zustand reden. Sie wollen ja fröhlich sein, sich ablenken und andere nicht auch noch belasten. Damit also niemand nachfragt, zeigt man lieber gleich sein “Alles prima” – Gesicht, um keine unangenehmen Fragen beantworten zu müssen.

Wie kann man Depressiven helfen?

Jeder Mensch ist anders. Depressionen haben tausende Gesichter. Von relativ leichten andauernden Stimmungstiefs bis hin zu selbstmörderischen Gedanken breitet sich ein weites Feld aus. Deshalb kann und will ich hier nur für mich sprechen. Von meinen Erfahrungen. Ich hatte bzw. habe leichte Depressionen, brauche zum Glück keine Medikamente, meine Ehe steht nicht auf dem Spiel, und auch sonst ist das alles irgendwie handelbar. Mir hat die Auszeit sehr gut getan, aber ich werde auch einiges ändern müssen. An mir, aber auch an den Umständen.

Vor allem werde ich mehr mit meinen Herzensmenschen reden. Dass mein Zustand bisher nie Thema war, liegt nicht daran, dass es niemanden interessiert hat oder ich auf völliges Unverständnis gestoßen wäre. Ich wollte nicht darüber reden, sondern den Moment genießen. Der Depressive hat seinen Kopf voller schwarzer und grauer Wollknäuel, die sich verknotet haben, und aus denen er sich erst einmal nicht befreien kann. Es braucht viel Zeit, bis wieder Platz für Licht, Wärme und Klarheit herrscht. Bis dahin betäubt er sich gern – mit shoppen, mit essen, mit lustigen Gesprächen. Herzensmenschen wie Partner, Familie und Freunde, die unermüdlich an diesen Knoten herumfriemeln und nicht aufgeben, wenn sich einer mal nicht sofort lösen lassen will, sind dabei für den Depressiven eine Chance. Zuhören. Raum geben. Und einen ansonsten völlig normal behandeln. Sätze wie “das wird schon”, “jetzt reiß dich mal zusammen” oder “stell dich nicht so an, das Leben ist kein Wunschkonzert” sind da weniger hilfreich, habe ich persönlich (im Gegensatz zu einigen meiner MitpatientInnen) aber zum Glück auch noch nie zu hören bekommen.

Was nehme ich aus der Therapie mit?

Ich hab tatsächlich einen Sack voller neuer Mantras dabei wie “antworte ehrlich auf die Frage, wie es dir geht” oder “ich kann und muss es nicht jedem recht machen” 😉

Das Wesentliche ist aber, mehr zu achten:

  • auf meine Bedürfnisse, weil ich es schließlich auch verdiene
  • auf meine Mitmenschen, ob sie nur oberflächlich glänzen oder wirklich innerlich leuchten
  • auf mein Kind, ob es wohl halbwegs traumafrei durch die Kindheit stiefelt – ohne überhöhte Erwartungen der Erwachsenen, ohne Missachtung seiner Bedürfnisse, ohne ständige gedankliche Abwesenheit der Eltern

Bleibt gesund und achtet auf euch

Es waren einmal…

…sieben Rabenmütter, die genug von ihren Kindern hatten. Sie wollten etwas erleben, das nichts mit Muttersein zu tun hatte und machten sich auf in die Stadt, um tanzen und feiern zu gehen. Ihre sieben Zwerge brachten sie zu Marie, einer Tagesmutter, die mit ihrem Mann Chen in einem Haus am Waldrand wohnte.

Das Waldhaus schmiegte sich kuschelig in moosbewachsene Hügel ein, und die Kinder verlebten eine glückliche Zeit. Marie strickte ihnen schöne Kleidchen, Hemdchen und Hosen. Voller Stolz zeigte sie ihrem Mann die Kunstwerke: “Schau, sie sind alle schneeweiß, Chen, und rosenrot, deine Lieblingsfarben.” Doch die Kinder waren nicht zufrieden, die Wolle piekste und kratzte, da Marie allerlei rauhes Material verwendet hatte. Die Zeiten waren hart, und Kaschmirwolle teuer.

Die sieben Rabenmütter verlebten eine gute Zeit. Doch sehr bald merkten sie, dass sie ohne die sieben Zwerge nicht leben konnten. Sie kehrten nach Hause zurück, stellten die zertanzten Schuhe in die Regale und liefen zum Waldhaus zurück, um ihre Kinder wieder abzuholen. Doch Marie wehrte sich vehement, da sie die Kleinen selbst liebgewonnen hatte.

Pech, Marie“, fauchte die erste Mutter. “Wir haben gute Anwälte. Du hast kein Recht, uns die Kinder zu nehmen.”

Die jüngste von ihn, die kluge Gretel, machte den Vorschlag: “Ich hab vom Fischer und seiner Frau Fisch für das ganze Jahr bekommen. Wenn du uns ohne Murren unsere Kinder wiedergibst, sollst du jede Woche Fisch bekommen.”

Marie zögerte. Sie liebte Fisch. Aber sie liebte auch die Kinder und war immer noch böse, dass die sieben Rabenmütter sie einfach so abgegeben hatten. Doch das wollten die Frauen nicht auf sich sitzen lassen. “Weißt du eigentlich, wie das ist, wenn man jahrelang rund um die Uhr für die Zwerge da ist? Es ist nicht alles Gold, Marie, was glänzt, natürlich sind Kinder was Wunderschönes, aber manchmal braucht man eben auch eine Pause. Die haben wir uns genommen. Wir haben sie ja schließlich nicht im Wald ausgesetzt, sondern bei dir gut untergebracht, oder etwa nicht?”

Auch die Kinder wollten wieder zu ihren Müttern zurück. Natürlich hatten sie auch Marie sehr liebgewonnen, doch der süße Brei und der Rapunzelsalat schmeckten nach drei Tagen nicht mehr. Sie wollten wieder die Lieder ihrer Mamas hören, ihre Schnittchen essen und von ihnen zu Bett gebracht werden. Außerdem sahen sie, wie gut der Ausflug ihren Mamas getan hatte, sie waren fröhlicher, ausgeglichener und glücklicher als vorher.

Da musste Marie einsehen, dass sie den sieben Müttern Unrecht getan hatte. Und sie ließ Hänsel und Gretel, den Frieder und das Katherlieschen, Rotkäppchen, Jorinde und Joringel ziehen.

Seitdem wurde Marie jeden Sommer von den Sieben besucht. Sie spielten, lachten, und zeigten Marie, wie man auch andere Sachen zubereitet als Brei oder Rapunzelsalat. Dafür bastelte sie mit ihnen kleine Ritterburgen, Prinzessinnenschlösser und Geschenke für die Mütter.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann kleben sie noch heute…

“Ich möchte mich nicht belehren lassen.”

Wenn ich mal wieder auf der Suche nach einen guten Thriller bin und diverse Rezensionen lese, fällt mir immer häufiger auf, dass es anscheinend überall als Qualitätsmerkmal gilt, wenn es im Roman ohne “erhobenen Zeigefinger” zugeht.

Ich möchte mich nicht belehren lassen.

steht in einigen Kritiken. Weshalb ist das eigentlich für viele so ein Problem? Was ist so schlimm daran, etwas zu lernen?

Wir lernen alle gern und lassen uns online durch zahllose Tutorials informieren, wie der perfekte Lidstrich gezogen wird, oder wie man ein Regal aufbaut. Kinder fragen uns Löcher in den Bauch, alles und jedes interessiert sie, alles und jedes wollen sie können. Aber auch und gerade bei den Kindern sieht man, dass Lehre nicht gleich Lehre ist.

Kinder wollen nicht nur wissen, sie wollen auch verstehen.

Warum?

ist eine sehr beliebte Frage unter 2-10-Jährigen, bevor irgendwann die pubertäre Ignoranz einsetzt.

Auch uns Erwachsenen geht es um Verständnis und darum, nicht blind irgendwelche Lehrmeinungen von anderen zu übernehmen.

Einer meiner Lieblings-Thrillerautoren, Sebastian Fitzek, hat mal sinngemäß auf die Frage, wann man den Kritik annehmen solle, gesagt, man solle sich Folgendes überlegen: Meint es die andere Person gut mit mir, will sie mich herausfordern, fördern, besser machen? Dann kann ich eventuell von ihr lernen, sollte die Kritik annehmen. Glaube ich jedoch, mein Gegenüber will sich nur wichtig und mich fertig machen, kann ich die Kritik getrost vergessen.

Lernen von anderen kann inspirieren, beflügeln, uns weiterbringen. Von wem wir lernen wollen, bestimmt unser Bauchgefühl – leider können wir dem nicht immer nachgeben und uns unsere Lehrmeister aussuchen. Wir alle wissen aus Schule, Ausbildung und Studium, wie leicht uns das Lernen fällt, wenn wir unseren LehrerInnen vertrauen, und wie mühsam das Lernen fällt, wenn wir sie nicht respektieren können.

Genau so, wie wir jede gesunde Neugier eines Kindes mit den Worten “Das ist eben so” oder “weil ich es sage” abwürgen können, verkümmert der Lernwille bei uns Erwachsenen, wenn man uns etwas “überstülpen”, “aufdrängen” will, was wir nicht verstehen.

Wir brauchen vielleicht keine Autoritäten, aber wir brauchen Vorbilder.

Und wenn ein schriftstellerisches Vorbild mal den moralischen Zeigefinger hebt, sei ihm das verziehen.

Was ist eigentlich Schwäche?

“fehlende körperliche Funktionsfähigkeit, mangelnde Fähigkeit zu wirken, seine Funktion auszuüben.“

Das ist die Definition aus dem Wörterbuch.

Unsere Gesellschaft hat ein Problem mit Schwächen. Das beginnt schon in der Schule, in der es weniger darum zu gehen scheint, Stärken zu entwickeln, als vielmehr Schwächen auszumerzen. Auch in der Wahrnehmung von Noten schlägt sich das nieder: Während in meiner Kindheit die 3 noch das Übliche war, eine 2 als gut und eine 1 als besonders herausragende Leistung galt, scheinen heute für viele Eltern und Schüler nur noch 1en und 2en in Frage zu kommen, alles andere ist indiskutabel. Statt sich zu freuen, dass jemand in seinen starken Fächern besonders gute Noten hat und die ein oder andere 4 zu akzeptieren, läuft für viele etwas falsch, wenn nicht alle Noten gut oder sehr gut sind.

Auch körperliche Schwächen sind nur teilweise gesellschaftlich akzeptiert: Beinbruch beim Skilaufen, Grippe, verstauchter Knöchel kann jeder nachvollziehen, aber allgemeine Unsportlichkeit zieht oft die Schadenfreude der Mitschüler auf sich, psychische Krankheiten sind vielen noch suspekter. Migräne, Depressionen, Panikattacken – da simuliert doch jemand und sucht Entschuldigungen, um nicht funktionieren zu müssen.

Aus Angst vor gesellschaftlicher Missbilligung werden “Fehlfunktionen” gern unterdrückt und verschwiegen. Wer redet schon gern offen darüber, dass er Nachhilfe braucht, weil er mit dem Fach, oder eine Therapie, weil er mit dem Leben nicht mehr zurechtkommt?

Aber ist es nicht viel mutiger, seinen Problemen ins Gesicht zu sehen, sie in Angriff zu nehmen und sich Hilfe zu suchen?
Hilfe suchen ist in unserer Gesellschaft so eine Sache. Die Devise „Ich schaff das allein“ scheint einer unserer modernen Slogans zu sein.

Aber wozu?

Der Mensch ist gar nicht dazu gedacht, allein zu sein oder alles allein zu schaffen. Das weiß jeder, der schon einmal in einem gut funktionierenden Team gearbeitet hat, in das jeder seine Stärken einbringen kann, während die Schwächen von anderen ausgeglichen werden. Wenn bei uns eine Geburtstagsfeier ansteht, kocht mein Mann das Essen, ich kümmere mich um das Einpacken der Geschenke und die Deko. Es wäre wirklich niemandem geholfen, wenn er hilflos knickendes Papier zusammenkleben und ich das Essen verhunzen würde. So macht jeder das, was er am besten kann, und alle sind glücklich. Er bekommt Lob für seine Pasta, ich für mein kreatives Händchen.

Ich fänds sehr schön, wenn auch Schule zu einem solchen Team wachsen könnte, in dem Eltern, Lehrer und Schüler sich gegenseitig unterstützen. In dem Misserfolge zum Geschäft dazugehören und nicht gleich Panik auslösen nach dem Motto “mein Kind hat eine 5, wir werden alle unter der Brücke enden.” In dem nicht gelacht wird, weil einer halt länger zum Lesen braucht.

Ganz ehrlich: Welche Note auf einem Zeugnis kommentieren wir als Erstes: Die gute oder die schlechte? “Mensch, toll die 1 in Kunst!” Nö. Wir sagen: “Die Vier in Erdkunde muss weg.”

Vielleicht starten wir mal nach dem Mittagessen nicht direkt mit den Hausaufgaben, sondern sagen wie Pippi Langstrumpf:

Hier sitzen wir, du und ich, und habens schön.

korrigieren

Die Note unter einer Arbeit sagt erstmal nichts über die Qualität des stattgefunden Unterrichts oder den Charakter der Unterrichteten aus, sondern gibt Auskunft über den Wissensstand des Schülers bzw. der Schülerin. Natürlich ist es immer gut, bei schlechten Noten zu reflektieren, wie es dazu kam, und diesbezügliche Misserfolge können sowohl an schülerischer Faulheit oder IgnoranzIMG_8176 als auch an pädagogischer und / oder fachlicher Inkompetenz des Lehrers liegen. Doch der Moment der Korrektur gilt einzig und allein der Überprüfung von Wissen.

Ein “mangelhaft” unter einer Arbeit bedeutet nicht “ich bin dumm” oder “ich kann nichts”, sondern “zum jetzigen Zeitpunkt ist mein Wissen bezüglich des besprochenen Themenbereichs mangelhaft”. Wichtig ist, was man aus dieser Information macht. Resignation ist sicher ebenso wenig nützlich wie die Drohung mit dem Anwalt. Wenn ich die Schuld an meiner schlechten Note auf den Lehrer oder das komplizierte Thema schiebe, nehme ich mir jede Chance, mich zu verbessern nach dem Motto “Bringt ja eh alles nichts.” Ähnlich ist es mit der juristischen Drohung. Wenn ich davon ausgehe, dass eine Note einklagbar ist, lege ich die Verantwortung für meine Entwicklung in die Hände eines Anwalts statt in mein eigenes Hirn. Ich lerne nichts aus meinen Fehlern.

Natürlich gibt es auch schulische Gründe, einen Anwalt einzuschalten, doch das ist ein gesondertes Thema.

In der Korrektur ist es daher wichtig, sowohl die Talente und Erfolge herauszustellen, als auch unmissverständlich darzulegen, wo die individuellen Schwächen liegen. Demzufolge ist die (schlechte) Arbeit nicht das Ende einer erfolglosen Unterrichtsreihe und sollte verbrannt oder zumindest möglichst schnell verdrängt werden, sondern sie ist der Beginn meines restlichen Weges bis zum Abschluss. Sie ist eine Chance, die ich bekomme, es beim nächsten Mal besser zu machen. Deshalb sollte man sich die korrigierte Arbeit tatsächlich aufmerksam durchlesen, um aus seinen Fehlern zu lernen.

Eine Note be- und verurteilt mich nicht als Mensch. Sie zeigt mir lediglich, wo ich zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem bestimmten Fach stehe. Ob sie mich anspornt oder enttäuscht, ob sie mich resignieren lässt oder mir Grund gibt, mich mehr anzustrengen, entscheide ich ganz allein.

„Kann der Autor das nicht einfach wörtlich so gemeint haben?“

Kann der Autor das nicht einfach wörtlich so gemeint haben? Muss man in jedes Wort ganze Welten hinein interpretieren?

Nein, muss man natürlich nicht. Ob du in einer Gedichtanalyse den Paarreim als Symbol einer liebevollen Vereinigung interpretierst oder nur als eine von wenigen Möglichkeiten der Reimbildung siehst, liegt an dem Sinnzusammenhang des Gedichts und deinem Verständnis dafür.

Interpretationen sollen dich nicht verwirren, sondern einen für dich logischen Sinn ergeben, der zu den Fakten (Entstehungszeit des Gedichts, Autor/in usw.) passt.

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